Paris: Besetzung des Einkaufszentrums "Italie 2" auf Initiative von Extinction Rebellion.

Regionen: 

"Die Gewalt: ja oder nein?“

Veröffentlicht bei Lundimatin#211 am 8.10.2019, übersetzt von Pipette Relais

Am Samstag, den 5. Oktober 2019, organisierte die Aktivisten- und Umweltbewegung Extinction Rebellion (XR) eine "letzte Besetzung vor dem Ende der Welt". Die im vergangenen Monat angekündigte Aktion, war als Aperitif der "Oktoberrebellion" gedacht, die XR diese Woche auf internationaler Ebene gestartet hat. Dieses Datum entsprach auch dem 47. Samstag nach dem Gelbwesten-Kalender, und einige XR-Mitglieder, begleitet von verschiedenen Kollektiven, sowohl gelben als auch aktivistischen, hatten eine "Verbindung zwischen ökologischen und sozialen Kämpfen" gefordert. Und so überlegten sie, den besetzten Ort in ein "Volkshaus" zu verwandeln.

 

"…Die Erde wird nicht von Leuten bedroht, die die Menschen per se töten wollen, sondern von solchen, die dies riskieren, indem sie ausschließlich technisch [...], wirtschaftlich und kommerziell denken. Wir befinden uns also in einer Situation, die dem entspricht, was aus juristischer Sicht als „Ausnahmezustand“ bezeichnet wird. [....] Eins muss allerdings sehr deutlich gemacht werden: Es ist nicht möglich, mit netten Methoden effektiven Widerstand zu leisten, indem man Polizisten Vergissmeinnicht anbietet, die sie sowieso nicht annehmen können, weil ihre Hände bereits von Knüppeln belegt sind. Es ist ebenso unzureichend, ja absurd, für den nuklearen Frieden zu fasten. Das Fasten hat nur einen Effekt: Man ist hungrig. Für Reagan und die Atomlobby spielt es keine Rolle, wenn wir nicht mehr als ein Schinkensandwich am Tag essen, das sind alles nur „Happenings“. Heute ähneln unsere sogenannten politischen Aktionen auf wirklich beängstigende Weise einigen Ausdrucksformen von Aktionen, die in den 1960er Jahren entstanden sind [...] Mit diesen Aktionen dachten wir seinerzeit, wir könnten die Grenzen der einfachen Theorie überschreiten, aber wir waren in Wirklichkeit nur "Akteure" im theatralischen Sinne. Wir machten Theater aus Angst, tatsächlich zu handeln [...] Theater und Gewaltlosigkeit sind sehr nahe Verwandte.

Günther Anders [1]

 

An diesem Samstag, um 10 Uhr wurde das Ziel der Besetzung in Aktion gebracht, d.h. durch das behutsame Einbrechen der Demonstrant*innen. Ziel war das Einkaufszentrum Italie 2 im 13. Arrondissement von Paris [m].

Bald zwang das Eintreffen der ersten Besetzer*innen viele der Geschäfte in der "Mall", die Rollläden herunter zu lassen, während die Ordnungskräfte im Umkreis des Gebäudes Position bezogen. Erst gegen 21 Uhr versuchten diese eine erste Intervention, die vor allem am Widerstand der Demonstrant*innen scheiterte.

 

++++Tweet mit Video: Die Ordnungskräfte haben versucht, durch den Laden Natur und Entdeckungen nach innen zu gelangen. Die Aktivisten haben sie zurückgedrängt. @v_delmas++++

++++ Nahaufnahmen vom 1. Sturmversuch++++

Um Mitternacht verkündeten einige Gruppen innerhalb der Aktionsinitiative den "vorläufigen Sieg" und regten an, nunmehr einzupacken. Eine Vollversammlung beschloss jedoch, die Besetzung weiter zu führen (das Einkaufszentrum öffnet normalerweise am Sonntag um 11 Uhr seine Türen). Dies hielt einige Mitstreiter*innen allerdings nicht davon ab, nun nach Hause ins Bett zu gehen. Die Räumung fand dann ohne große Widerstände gegen 4 Uhr morgens statt, wobei sich die noch verbliebenen Leute dafür entschieden, die Mall "freiwillig" zu verlassen – allerdings eine Art der Zustimmung bei gleichzeitiger Umzingelung von Schlagstöcken.

Diese Aktion war sicherlich die bisher erfolgreichste der jungen "Klimabewegung" und beendet eine Reihe von Niederlagen, die sie vorher erlitten hatte (wir denken an die Räumung der Sully Brücke oder an die teilweise Auflösung des letzten Klimamarsches durch Tränengaseinsatz). Aus allgemeinerem Blickwinkel des Protestes gegen die makronsche Politik heraus betrachtet, könnte man diese Besetzung auch als einen glücklichen Hauch von frischer Luft empfinden, da viele der Demonstrationen in den letzten Monaten in Paraden von knüppelschwingenden Motorradbullen [2] verwandelt wurden.

So begrüßten viele Teilnehmer*innen die Vielzahl, die "gute Stimmung", die "Begegnungen" und infolge dessen ein gemeinsames Gefühl von wiedererlangter Stärke und warum denn nicht: Gemeinsame Perspektiven.

++++Tweet mit Video: Freude im Inneren! Der erste Sieg, die Polizei zieht sich zurück. Eine kleine Zusammenstellung der Atmosphäre, sicherlich antikapitalistisch. @MTGphotographe++++

++++ Soli-Tweet von Crimethinc zur Aktion: #Crimethinc++++


 

++++ Tweet mit Video: Die Besetzer, elektrisiert durch diesen kleinen Sieg, sind entschlossener denn je, die Stimmung wird immer besser! @LabasOfficiel++++

Allerdings haben die jüngsten Versuche, die Klimabewegung und die heterogene Bewegung im Rahmen der Gelbwesten-Ereignisse, zu "verbinden" oder zu "verdichten", bisher viele Missverständnisse und sogar Reibungen verursacht. Wir erinnern uns: die Ignoranz des Klimamarsches für die gelben Unruhen vom 16. März, die Manöver, die jegliche gemeinsame Aktion auf dem Gipfel von Biarritz verhindert haben, oder in jüngster Zeit die Distanzierungen (in Aktion und in Worten), bezogen auf die "Unerwünschten" bei der letzten Klima-Demonstration am 21. September.

 

In diesem Kontext konnte sich die Besetzung von Italie 2 der Kontroverse nicht entziehen. In den sozialen Netzwerken oder in den E-Mails, die wir an diesem Wochenende erhalten haben, hielten viele Teilnehmer*innen das Verhalten einiger ihrer Mitbesetzer*innen für unerträglich - insbesondere deren Versuche, die Aktion zu "zivilisieren" [3] oder allgemeiner gesagt, das Verhalten der Demonstrant*innen in einem sehr engen Rahmen zu dirigieren... alles unter dem Vorwand der Gewaltlosigkeit.

++++ Tweet: "Haben wir immerhin noch das Recht auf Slogans?" fragt ein verärgerter Mann. "Ja, aber bitte keine Gesänge gegen die Ordnungskräfte. Es ist das System, das toxisch ist und nicht die Individuen", bekommt er zu hören. (@MarionLpz) ++++

Während wir durch die Begeisterung für diese Aktion sensibilisiert wurden, freuen wir uns, nach einer Reihe von langweiligen Wochenenden diesen Kritiken ein Relais anbieten zu können. Daher der folgende Text:


In Paris wurde ein Einkaufszentrum für ein paar Stunden besetzt… ein paar Stunden, ein paar Tags, ein paar Bierchen, ein paar Lieder und spät in der Nacht sind alle wieder gegangen. Und diejenigen, die getaggt hatten, wurden noch beschimpft, weil es sicherlich nicht notwendig gewesen war, das Dekor zu beschädigen, stattdessen sollte einfach für ein paar Stunden blockiert und danach das Einkaufszentrum in funktionstüchtigem Zustand an seinen Eigentümer zurück gegeben werden.

Das wurde nun "letzte Besetzung vor dem Ende der Welt" genannt und geschah einige Monate nach der Verwüstung des 8. Arrondissements - einem der reichsten und prestigeträchtigsten Stadtteile der Hauptstadt [4]. Das Ganze, nachdem Dutzende von Menschen von der Polizei verstümmelt, Tausende verhaftet und Hunderte inhaftiert wurden. Und es geschah, nachdem ein Mensch in der Loire ertrunken war und nach zwei historischen Hitzewellen im letzten Sommer. Nun haben in Paris einige hundert Menschen ein Einkaufszentrum für einige Stunden besetzt, bevor sie es, ohne allzu viel Schaden, an seinen Eigentümer zurückgegeben haben. Die Geschäfte konnten am Montagmorgen ohne großen Aufwand wieder geöffnet werden - mal abgesehen von den besonderen Zumutungen für das unterbezahlte und ausgebeutete Wartungspersonal.

Gleichzeitig greifen junge Menschen in Hongkong den Kapitalismus an und zerstören Banken, eine nach der anderen… kommerziellen Imperien, eine nach der anderen. Gleichzeitig reagieren in Hongkong, wenn ein Mensch von der Polizei verstümmelt wird, Tausende von Menschen spontan mit massiven Blockaden der Infrastruktur, wie beispielsweise des Flughafens. Gleichzeitig demonstrieren in Hongkong, wo ein neues Sicherheitsgesetz die Demonstrant*innen zwingt, mit offenem Gesicht zu demonstrieren, Zehntausende von Menschen mit maskierten Gesichtern, errichten Barrikaden und greifen die Polizei an.

++++ Tweet mit Video: 2 Besetzungen, 2 Stimmungen… Hongkong: Angriff auf das Einkaufszentrum New Town Plaza und die dazugehörige Metrostation gestern Abend aufgrund des Gesetzes gegen das Tragen von Masken. Barrikaden und praktisches Arbeiten. @TerTerEtLiberte++++

In Hongkong wird dies nicht als "letzte Besetzung vor dem Ende der Welt" bezeichnet. Auch nicht als "Eröffnungsfeier der internationalen Rebellion". Es ist einfach, die Weigerung, von einem Staat gefangen genommen zu werden, sich dessen Gesetzen zu unterwerfen und die Verweigerung gegenüber einer Buchhaltungswelt, die das Leben zerstört und uns durch Gewalt und Zwang aufgedrückt wird.

Emmanuel Moreira

 

++++Tweet mit Video: Peinlich: Ein klarer Verstoß gegen die freie Meinungsäußerung… Während einige Aktivist*innen Anti-Cop-Slogans im Einkaufszentrum Italie 2 taggen, beschließen andere, diese zu entfernen… "Dort stand ´Fuck le 17´ [5]- damit sind wir nicht einverstanden, das fördert Gewalt", erklärte Dom, ein Mitglied von Extinction Rebellion. @lundimat1++++

++++ Tweet mit Video: Katapultiert nach Hongkong! Bis zur Grenzenlosigkeit und darüber hinaus! @CerveauxNon ++++

 

++++ Musikvideo von „Block13“: „Fuck le 17“ ++++

 

Fußnoten

[1] deutsch österreichischer Philosoph und Nukleargegner mit jüdischen Wurzeln – siehe auch Wikipedia. Eigene Anmerkung: Bemerkenswerter Weise startet der Artikel nach einer kurzen Einleitung ohne weiteres mit dem Zitat.

[2] Die sog. Voltigeurs sind neben der BAC der Alptraum für Demonstrant*innen. Sie traten zuletzt in großen Schwärmen und gleichzeitig hoch mobil auf. Dabei sitzt auf dem Motorrad hinten meistens ein CRS – Flic mit gezückter Gummigeschoss-Pistole. 1986 wurde der Student Malik Oussekine von einer Einheit der Voltigeure verprügelt und ist später auf einer Polizeistation gestorben, was zunächst verheimlicht wurde. Nach massiven landesweiten Protesten wurden diese Einheiten aufgelöst um im Dezember 2018, nach den ersten heftigen Gelbwestenprotesten, reinstalliert zu werden.

[3] fr: policer meint auch in geordnete Bahnen lenken oder überwachen.

[4] gemeint ist wiederum der 18.3.19 oder aber auch der 1.12.2018

[5] Block 13 sind bekannte Rapper aus dem Pariser Banlieue Beaudottes à Sevran. Der Song „fuck le 17“ richtet sich gegen die auch in Deutschland umstrittene Änderung des EU Urheberrechts.

Bilder: 
webadresse: 
Lizenz des Artikels und aller eingebetteten Medien: 
Creative Commons by-sa: Weitergabe unter gleichen Bedingungen

Ergänzungen

Hier die PDF der Übersetzung

Datei: