[B] Auswertungs- & Diskussionstext: Liberationsweeks 2022 - Gedenken an die Befreiung unter schwierigen Vorzeichen

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Vom 6. April bis 8. Mai 2022 organisierten wir mit weiteren Gruppen die jährlichen Liberationweeks im Gedenken an die Befreiung Nord-Ost Berlins vom Faschismus. Wie jedes Jahr haben wir dabei einen inhaltlichen Schwerpunkt gelegt, dieses Jahr war es der antifaschistische Widerstand in Spanien. Durch den Angriffskrieg der Russischen Föderation auf die Ukraine hat sich jedoch hier die innen- und außenpolitische Debatte stark verändert und verschärft. Dies hat uns dazu veranlasst einen längeren Auswertungstext zu verfassen, indem wir den Kampf um das antifaschistische Gedenken einbetten und in diesem Kontext diskutieren wollen. Weiterhin dokumentieren wir an dieser Stelle Fotos, Videos und Redebeiträge von den Aktionen.

Auswertungs- & Diskussionstext:

Als wir zum Anfang des Jahres die Liberationweeks geplant haben, rechneten wir noch nicht mit der realen Umsetzung eines Angriffskrieges der Russischen Föderation auf die Ukraine. Wie fast jedes Jahr wollten wir einen inhaltlichen Schwerpunkt setzen. Wir verstehen uns als internationalistische Gruppe, was für uns auch heißt, uns global mit der Erinnerungspolitik und Kultur auseinanderzusetzen und diese auch hier sichtbarer zu machen. Dieses Jahr sollte es einerseits die Fortsetzung der Gedenk-Kampagne "Frauen im Widerstand" geben, andererseits wollten wir an den antifaschistischen Widerstand während des Spanischen Bürgerkriegs erinnern. Das Projekt F*ANTIFA/36-39, ein Kartenspiel mit Verweis auf Biographien von Frauen im Widerstand gegen den spanischen Faschismus, war ebenfalls gerade angelaufen und stellte somit eine ideale Schnittmenge dar. Warum wir letztendlich an dem Thema festhielten, werden wir später noch besprechen.

Durch den Angriffskrieg der Russischen Föderation änderte sich die Situation. Während es zunächst schien, als würde sich eine breite, wenn auch teilweise nicht unproblematische, Friedensbewegung entwickeln, schlug dies schnell um in einen Bellizismus, der auf der vollen Bandbreite bespielt wurde. Antimilitaristische Kundgebungen und Demonstrationen waren breiten medialen Attacken ausgesetzt und auch die innerlinke Debatte verlief äußerst kontrovers. Mit dieser Entwicklung gingen auch Angriffe auf Sowjetische Ehrenmäler einher. Eine "neue Erinnerungskultur" müsse her und mit dieser auch die Geschichte neu betrachtet oder ehrlicher ausgedrückt: endlich umgeschrieben werden. Im Zuge dessen wurden nicht nur in konservativen oder reaktionären Kreisen Forderungen laut, die Sowjetunion und das faschistische Deutschland auf einer Ebene zu betrachten - mindestens aber die Sowjetunion und das heutige Russland. So wurden zum 8. Mai Stimmen von den Ampelparteien und Linksliberalen laut, die Rolle und die unermesslichen Opfer der Sowjetunion und der Roten Armee, die den größten Anteil am Kampf gegen die Nazis hatte, an diesem Tag außen vor zu lassen.

Den Auftakt zu den Liberationweeks stellte die Film-Reihe ¡No pasaran! dar, die in der BAIZ im Prenzlauer Berg stattfand. Diese sollte einen kleinen Einblick über einige Themen des Spanischen Bürgerkriegs geben. Bei der Komplexität des Themas, insbesondere auch bezüglich innerlinker Konflikte, konnte natürlich nur ein Ausschnitt beleuchtet werden und eine Fortsetzung ist perspektivisch sinnvoll. Die Filme waren gut besucht und teilweise auch von kontroversen Debatten begleitet. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu betonen, dass wir in Spanien nicht von einer Befreiung sprechen können, die sogenannte Transición stellte eine Kontinuität des faschistischen Spanien dar. Nach dem friedlichen Tod von Francisco Franco wurde ein Übergang von oben durch den König eingeleitet: "Von der Diktatur zur Demokratie". Eine echte Aufarbeitung blieb jedoch aus und dank einer Generalamnestie wurden keinerlei Verbrechen aufgearbeitet. Ein Zustand, der zum größten Teil bis heute andauert.
2022 jährt ich der Mord an Carlos Palominos in Madrid zum 15. Mal. Das damalige Medien-Kollektiv Left Report (heute LeftSide.Media) veröffentlichte dazu Ende 2020 die Dokumentation "Contrahistoria - Geschichte von Unten". Bedingt durch die Corona-Pandemie wurde der Film aber bisher leider kaum gezeigt. Am Freitag, 22.04.2022 zeigte wir den Film Open-Air auf dem Hof der Bunten Kuh in Weißensee. Im Vorfeld gab es eine Einordnung des Films durch einen der Filmemacher*innen, im Anschluss erfolgte eine Diskussion mit einem Antifa-Aktivisten aus Madrid. Der Film ist kostenlos im Web unter www.leftreport.org/contrahistoria/ verfügbar.

Einen Tag später gedachten wir zusammen mit den Kämpfern und Freunden der Spanischen Republik an der Kreuzung Berliner Allee/Rennbahnstraße in Weißensee dem Interbrigadisten Walter Runge. In einem Redebeitrag wurde auf seine Rolle im antifaschistischen Widerstand eingegangen. Im Anschluss wurde in der Bunten Kuh das Kartenspiel F*ANTIFA/36-39 präsentiert. Dieses Projekt hat den Anspruch, Frauen im antifaschistischen Widerstand während des Spanischen Bürgerkriegs sichtbar zu machen und ihnen Namen und Gesichter in der Öffentlichkeit und der Erinnerung zu geben. Das Spiel kann bei den Genoss*innen von Fire & Flames bestellt werden oder bei den kommenden Veranstaltungen erworben werden. Wie wichtig diese Erinnerungsarbeit, insbesondere in Spanien ist, zeigen die jüngsten Entwicklungen. In den autonomen Gemeinschaften Kastilien und León besteht erstmals eine Koalitionsregierung von der konservativen Partido Popular (PP) mit der faschistischen Partei Vox. Diese gefährdet die sowieso schon sehr schwere Arbeit der Aufarbeitung der Verbrechen der Franquisten während des Krieges und hat auch sonts ein äußerst reaktionares und antifeministisches Programm. Doch der Kampf um Erinnerung findet nicht nur in Spanien, sondern auch ganz konkret hier in Berlin statt. Die Spanische Allee in Zehlendorf erhielt ihren Namen 1939 zu Ehren der Legion Condor, diese Lufteinheit der deutschen Wehrmacht legte am 26. April 1937 die baskische Kleinstadt Gernika in Schutt & Asche. Dieser Tag jährt sich dieses Jahr zum 85. Mal. Die Spanische Botschaft in Berlin steht noch immer auf dem Grundstück, das Franco von der NSDAP geschenkt bekam. Auch hier gibt es Initiativen, die sich für eine Umbenennung einsetzen, jedoch wurde dies bisher durch die lokale BVV aktiv verhindert.

Der Kampf um Erinnerung sollte in diesem Jahr, wie bereits eingangs dargestellt, durch den Krieg des russischen Staates gegen die Ukraine neue Höhepunkte erfahren, welche uns nun länger begleiten werden und welche wir auch aktiv führen müssen. Ende März forderte die Pankower CDU den Abriss und die Einschmelzung des Ernst Thälmann Denkmals im Prenzlauer Berg. Als Begrünung musste auch hier der Krieg in der Ukraine herhalten. Unterstützung erhielt die CDU dabei zumindest verbal auch von den Pankower Grünen. Was konkret der Antifaschist und Kriegsgegner Ernst Thälmann mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine zu tun hat, weiß die CDU wahrscheinlich nur selber. Das Mahnmal stammt von dem ukrainischen Bildhauer Lew Jefimowitsch Kerbel , welcher aus einer jüdischen Familie kommt. Die Angriffe auf das Denkmal sind nicht neu, so gab es bereits in der Vergangenheit Vorstöße, es abzureißen. Ernst Thälmann ist eine Person,die in einigen Aspekten druchaus kritisiert werden kann, insbesondere was seine Rolle bei der Stalinisierung der KPD angeht. Er wurde allerdings von den Nazis elf Jahre eingesperrt und letztendlich wahrscheinlich sogar auf direkten Befehl Hitlers ermordet. In dieser Zeit haben es die Faschisten nicht geschafft, ihn zu brechen. So ein Mensch verdient einfach Anerkennung und ein würdiges Gedenken. Zudem sind die erwähnten Angriffe auf Thälmann als allgemein antikommunistisch zu bewerten und nicht im Sinne einer differenzierten innerlinken Debatte. Dieser Vorstoß der CDU ist somit nichts weiter als ein Ausnutzen der Situation und einfach nur perfide und geschichtsrevisionistisch. Am 16.04.2022 organisierte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschist*innen (VVN-BdA) Prenzlauer Berg zu seinem 136. Geburtstag ein kleines Gedenken, welches es dann dank der aktuellen Debatte bis in die rbb Abendschau geschafft hat. Der Antrag in der BVV musste aus Zeitmangel auf Anfang Mai verlegt werden. Am 4. Mai 2022 veranstalteten wir zusammen mit der VVN-BdA eine Kundgebung vor der BVV Pankow, um gegen den Antrag zu demonstrieren. Kurzfristig organisierten die Jungliberalen eine dezidierte Gegenkundgebung. Bis auf ein paar Schilder und selbstgerechtes Grinsen kam jedoch von der Handvoll Rich Kids nichts. Am Ende wurde der Antrag mit großer Mehrheit abgelehnt. Was bleibt ist eine Posse, die wohl leider noch nicht ihr Ende gefunden hat.

Den Höhepunkt der Liberationweeks stellen die Gedenken an die Befreiung Nord-Ost Berlins am 22. April in Weißensee und das Gedenken an den 8. Mai in Pankow-Buch dar. Am antifaschistischen Mahnmal am Weißen See versammelten sich knapp 50 Menschen. Organisiert wurde die Veranstaltung von der VVN-BdA Weißensee-Hohenschönhausen. Es wurden Redebeiträge, welche gegen den Krieg mahnen, gehalten und Blumen am Mahnmal abgelegt. Weiterhin wurde mit einer kleinen Kundgebung am 26. April an die Antifaschistin Else Jahn erinnert und bereits im März an Anna Ebermann.

Das Gedenken in Pankow-Buch sollte politisch stärker aufgeladen sein. Pankow-Buch ist ein Stadtteil mit einer langen braunen Geschichte, in diesem Zusammenhang möchten wir auf unsere Berichte der Vorjahre verweisen. Bis vor wenigen Jahren hatte hier die NPD/JN Pankow ihren Schwerpunkt. Immer wieder kam es zu Störungen des Gedenkens und Schmierereien gegen das Sowjetische Ehrenmal. Dank kontinuierlicher antifaschistischer Arbeit waren die letzten Jahre jedoch störungsfrei und konnten würdig durchgeführt werden (in Buch keine Selbstverständlichkeit). Jedoch war in den letzten Wochen zu beobachten, dass der sogenannte "3. Weg" in Buch wieder stärker durch Propaganda aufgefallen ist. Auch im Vorfeld einer Anti-Querdenken-Demo in Karow wurden Schnipsel der militanten Kleinstpartei abgeworfen. Zuletzt waren die Hauptakteure der NPD/JN Pankow Christian Schmidt und Fabian Knopp am 1. Mai bei Angriffen in Sachsen durch den sogenannten "3. Weg" aufgefallen. Es blieb also abzuwarten, ob es erneut zu Störungen oder versuchten Angriffen kommen kann. Daher musste auch hier im Vorfeld wieder ein Schutzkonzept erarbeitet werden. Letztendlich kam es jedoch zu keinerlei Störungen.

Eine weitere Gefahr, welche sich am 8. Mai einstellte, waren auch eventuelle Instrumentalisierungsversuche durch Kräfte, die den russischen Angriffskrieg zu rechtfertigen oder gar absurderweise in eine Linie mit der Befreiung vom Faschismus stellen wollen. Auf der anderen Seite stand die Gefahr bellizistischer NATO-Propaganda,die das Gedenken im Sinne der Behauptung eines "neuen Faschismus" in Russland instrumentalisiert. Beidem sollte auf der Kundgebung, welche sich als dezidierte Friedenkundgebung verstanden hat, keinen Raum gegeben werden. Dies konnte auch so umgesetzt werden. Es gab mehrere musikalische & kulturelle Beiträge u.a. von Lebenslaute und Redebeiträge von DIE LINKE., der VVN-BdA Pankow, von Weißenseer Antifaschist*innen und der [NEA]. Die Polizei war, für Bucher Verhältnisse, mit einem Großaufgebot vor Ort, hielt sich aber, im Gegensatz zum Treptower Park oder der Schönholzer Heide, im Hintergrund.

Für eine starke & antimilitaristische Friedensbewegung

Kurz vor dem 8. & 9. Mai hat die Berliner Polizei, neben Militäruniformen und dem Buchstaben "Z" (dieser wird in Russland gerade als nationalistisches und militaristisches Symbol zur Unterstützung des Krieges gegen die Ukraine genutzt), auch Sowjetfahnen verboten. Diese Respektlosigkeit gegenüber den vielen Toten der Roten Armee aus allen Teilen der damaligen Sowjetunion ist ein geschichtsrevisionistischer und nationalistischer Skandal. Die Berliner Polizei hat dieses Verbot auch, wie im Treptower Park, umgesetzt.

Die Debatte geht jedoch noch weiter, auch was den Faschismus-Begriff angeht. Hatten die Antideutschen schon versucht mit dem Konzept des "Islam-Faschismus" den Begriff zu entkernen, hat Querdenken mit ihrem "Konzern-Faschismus" den Vogel abgeschossen. Aktuell herrscht, wenn mensch der Debatte glauben mag, in Russland bereits der neue Faschismus, der "Russenhitler" ist zurück. Es muss hierbei ausdrücklich gesagt werden, dass es in Russland ein großes Problem mit Neonazis gibt, die vielen Morde an Linken in den letzten Jahren machen dies auch mehr als deutlich. Auch Putin nutzt organisierte Neonazis zur Durchsetzung seiner innenpolitischen Ziele, ohne dass das russische Regime als solches als faschistisch (was kein Synonym für schlecht ist, sondern spezifische Merkmale verlangt) bezeichnet werden kann. Derselbe Putin gibt gleichzeitig vor, die Ukraine entnazifizieren zu wollen, was in diesem Zusammenhang eindeutig ein Vorwand zur Rechtfertigung des Krieges ist. Wobei auch hier klar benannt werden muss, dass faschistische Kräfte einen nicht unerheblichen Einfluss auf den sogenannten "Euro-Maidan" hatten. Auch gibt es sehr wohl faschistische Kräfte in der Armee, wie das bekannte Asow-Bataillon, das vornehmlich seit 2014 in die Ostukraine geschickt wurde, um dort Massaker anzurichten. Das Massaker von Odessa und auch andere Gräueltaten, welche beispielsweise auch schon von Amnestie International aufgearbeitet wurden, finden in der aktuellen Debatte keinerlei Beachtung. Die kritiklose Huldigung des ukrainischen Faschistenführers Stepan Bandera, dessen Organisation für Massaker an der polnischen, jüdischen und russischen Bevölkerung während der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht verantwortlich ist, ist Teil der ukrainischen Geschichtskultur geworden. Auch die Situation für Linke hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Unzählige Angriffe blieben ungesühnt. Letztendlich besteht die Ukraine aber nicht nur aus Nazis und wenn Putin ernsthaft etwas gegen Neonazis tun wollen würde, könnte er damit getrost vor der eignen Haustür anfangen.

All diese Verwendungen des Faschismus-Begriffes haben hierzulande jedoch auch eine sehr praktische Funktion für die herrschende Klasse und konservative/reaktionäre Kreise: Er wird inhaltlich komplett beliebig, wodurch auch einer Relativierung der Verbrechen des deutschen Faschismus und der Wehrmacht Vorschub geleistet wird. Dem gilt es offensiv entgegenzutreten. Die NATO als Front gegen den neuen russischen Faschismus ist nur ein allzu bequemes Bild, auf das gerade in linksliberalen Kreisen mit höchster Aggressivität gesetzt wird. Alle Mittel gegen Russland sind gerade recht, selbst wenn sie von Faschist*innen kommen. So war sich aktuell auch die taz nicht zu schade, Julia Latynina einen extrem geschichtsrevisionistischen Artikel veröffentlichen zu lassen, da diese ja auch Opposition gegen Putin ist. Auf der anderen Seite wird die NATO gerade zur Friedensmacht verklärt. Vergessen sind die Kriegsverbrechen des türkischen Staates gegen die Kurd*innen in der Türkei, in Syrien und im Irak, vergessen ist die Bombardierung des Tanklastzuges durch Oberst Klein in Afghanistan und erst Recht ist der Kosovo jetzt offiziell aus dem deutschen-kollektiven Gedächtnis gestrichen.

Auf der anderen Seite haben wir leider auch Linke, die leider immer noch nicht verstanden haben, dass die Russische Föderation nicht die Sowjetunion ist und Putin getrost als Abrissbirne der letzten sozialistischen Überbleibsel verstanden werden kann. Eine Rechtfertigung des Krieges durch angebliche Sicherheitsinteressen stößt bei uns nur auf fassungsloses Unverständnis. Leider wurden solche Reden, zuletzt beim Berliner Ostermarsch, immer noch gehalten. Es waren Sätze zu hören, die so auch von Lawrow hätten kommen können. Sich auf dieses nationalistische Narrativ aus Russland einzulassen, entbehrt jeglicher antiimperialistischer Analyse.

Was ist also zu tun? Sich diesem Bollwerk aus Bellizismus für den Westen oder Verklärung der Rolle Russlands entgegenzustellen, wird ein Kraftakt und eventuell eine Zäsur für die radikale Linke werden. Eine Möglichkeit ist die Konzentration auf konkrete antimilitaristische Aktionen, wie die Sabotage der Bahnstrecke in Belarus durch Bahnarbeiter*innen oder der Verweigerung der Hafenarbeiter*innen in Genua NATO-Waffen zu verladen, vorgemacht haben. Solidarisieren wir uns mit ALLEN Deserteur*innen und fordern sichere Fluchtwege! Stoppen wir die rassistische Einteilung von "guten" und "schlechten" Geflüchteten! Als radikale Linke dürfen wir uns niemals zum Spielball der Herrschenden machen und uns erst recht nicht vor ihrem Diskurs hertreiben lassen. Verteidigen wir das Gedenken an den antifaschistischen Widerstand gegen die Tilgung oder Vereinnahmung!

In diesem Sinne:
Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!
Die Waffen nieder!
Das Proletariat hat kein Vaterland, für das es sterben soll!

North-East Antifascists [NEA] (Juni 2022)
www.antifa-nordost.org | nea[at]riseup.net

 


 

Redebeitrag vom 8. Mai in Pankow-Buch:

Wir gedenken heute der Befreiung Berlin-Buchs vom deutschen Faschismus. Befreit wurde es von der roten Armee, die Armee der Sowjetunion. Diese hatte im Kampf gegen Nazideutschland die mit Abstand größte Last getragen und die meisten Opfer zu verzeichnen, hinzu kamen noch mehr an zivilen Opfern des deutschen Vernichtungskrieges im Osten. Dafür, dass sie - zusammen mit den Westalliierten - schließlich gesiegt haben, gebührt ihnen ewige Dankbarkeit, insbesondere im Namen jener Opfer des NS-Regimes, die durch ihre Befreiung schließlich doch noch überleben konnten.

Doch die sichtbaren Zeichen dieser Befreiung, die sowjetischen Ehrenmäler, stehen heute, 77 Jahre nach Kriegsende unter Beschuss: So wurden aus der CDU Forderungen laut, die zwei sowjetischen Panzer beim Ehrenmal im Tiergarten zu entfernen. Die CDU-Abgeordnete Stefanie Bung begründete dies folgendermaßen: "Heute steht der Panzer in Tiergarten nicht mehr nur für die Befreiung Deutschlands vom Nazi-Faschismus, sondern für die aggressive, territoriale Grenzen- und Menschenleben missachtende Kriegsführung." Zuvor wurde das Denkmal bereits von Unbekannten durch eine ukrainische Flagge umhüllt. Auch im Ehrenmal Treptower Park gab es Schmierereien. Im Dresden forderte die FDP, ein Denkmal mit der Statue eines Rotarmisten abzureißen, auch mit der Argumentation, die Einheit gleichen Namens habe später an der Niederschlagung des Prager Frühlings und des Aufstands am 17. Juni 1953 mitgewirkt. Nun, zum Gedenken am 8. und 9. Mai ist sogar das Zeigen einer Sowjetflagge, die Flagge der Befreier*innen von Auschwitz, verboten. Dagegen protestieren wir in aller Deutlichkeit!

Dabei ist der Geist hinter diesen Vorstößen aus mehreren Gründen zugleich absurd und gefährlich:
Erstens ist es natürlich völliger Quatsch, die damalige Sowjetunion mit dem heutigen Russland gleichzusetzen. Es handelt sich um zwei politisch und wirtschaftlich sehr unterschiedliche Systeme, die nicht einmal in Bezug auf ihre nationale Kontinuität gleichzusetzen sind: So kämpften in der roten Armee nicht nur Russinnen und Russen, auch wenn diese den Großteil ausmachten, sondern auch Menschen aus allen anderen 14 Teilrepubliken, inklusive der Ukraine. Letzte war zudem Hauptkriegsschauplatz an der Ostfront und hat einen überproportional hohen Anteil an den Opfern des Kriegs.
Auch in der russischen Geschichtspolitik der Gegenwart spielt der positive Bezug auf die Sowjetunion eine untergeordnete Rolle. Zwar gibt es teilweise eine nationalistische Deutung der Ära Stalins als eine Zeit russischer Größe und Machtfülle, während Lenin diskreditiert wird. Putin ist jedoch strikter Antikommunist und will keineswegs die Sowjetunion wieder errichten. Vielmehr ist der zentrale Geschichtsbezug hier das Zarenreich und der russische Imperialismus vor der Gründung der Sowjetunion.

Zweites dienen diese Vorstöße auch der Relativierung der Verbrechen des deutschen Faschismus im Sinne einer Schlussstrichdebatte. Natürlich ist an der Sowjetunion Stalins vieles zu kritisieren. Das ist jedoch unabhängig davon zu betrachten, dass es die Armee dieses Staates war, die einen entscheidenden Anteil hatte, der Barbarei und dem Morden des NS-Regimes ein Ende zu setzen. Wenn nun das Narrativ aufgemacht wird, hier habe einfach nur ein verbrecherisches Land ein anderes besiegt und außerdem sei das heutige Russland ja genauso schlimm, dann wird davon abgelenkt, dass es Deutschland war, das Völkermord mit industrieller Vernichtung und den blutigsten Krieg der Weltgeschichte zu verantworten hatte. Und dass es seine herrschende Klasse war, die den Faschismus gestützt hat und deren wesentlich auf Zwangsarbeit und Raub basierendes Vermögen in der Bundesrepublik weiterhin häufig Grundlage ihres Reichtums blieb. Wenn auf diesem Hintergrund der Unterschied zwischen Tätern und Befreiern verschwimmt, macht es das natürlich leichter, wieder eine deutsche Großmachtpolitik befreit vom historischen Ballast zu betreiben. Das dürfen wir nicht zulassen!

Drittens betrifft der Antikommunismus, der dazu führt, nur noch die Leistung der Westalliierten anzuerkennen, auch das Gedenken an Einzelpersonen aus dem kommunistischen Wiederstand. Das sehen wir an einem anderen CDU-Vorstoß mit gleicher Begründung: Dem Antrag, das Ernst Thälmann - Denkmal an der Greifswalder Straße einzuschmelzen. Die Begründung des Ukraine-Krieges wird hier komplett absurd, was sogar die FDP erkannt hat, die in der Vergangenheit selbst nicht müde wurde, den Abriss des Denkmals zu fordern. Dahinter steht aber auch die Deligitimierung und Unsichtbarmachung des Widerstands von Kommunist*innen und der Unterdrückten selbst. So wird in der Bundesrepublik seit längerem versucht zu propagieren, der hauptsächliche Widerstand gegen den Faschismus sei eine Bande rechtsnationaler preußischer Offiziere gewesen, die im letzten Kriegsjahr noch versuchten die Seite zu wechseln. Da passt ein Thälmann, den 11 Jahre KZ nicht brechen können, natürlich nicht ins Narrativ. Dasselbe gilt etwa für Widerstand leistende Arbeiter*innen und Frauen wie Frida Seidlitz und Else Jahn oder Partisan*innen in den besetzten Ländern, die von Anfang an als Antifaschist*innen gekämpft haben.

Schließlich dient die Umdeutung der Erinnerung auch dazu, dem Militarismus wieder Legitimität zu verleihen. Die Tilgung der Erinnerung daran, von dem der deutsche Imperialismus unter hohen Verlusten einst gestoppt werden musste, macht es leichter, Waffenlieferungen durchzuführen, welche die Gefahr birgt, einen 3. Weltkrieg auszulösen. Sie macht es leichter, ohne großen Widerstand die größte Aufrüstung eines deutschen Militärs seit Ende des 2. Weltkriegs durchzuführen und damit die Bundeswehr auch zu weiteren Militäreinsätzen auf der ganzen Welt zu befähigen. Die deutsche Regierung begnügt sich nicht mehr damit, die EU zu dominieren und seine wirtschaftliche Machtposition einzusetzen, sondern will auch "endlich wieder" militärisch auf der Weltbühne vorne mitspielen - und das begründet mit einem angeblichen moralischen Auftrag. Wir hingegen weisen auch im Jahr 2022 auf den Schwur von Buchenwald hin, in dem steht, was noch heute unser Auftrag als Antifaschist*innen sein muss: "Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel."

In diesem Sinne: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!

 


 

Foto 1: Gedenken: Geburtstag von Ernst Thälmann (16.04.2022 / Prenzlauer Berg)
Foto 2 & 3: Gedenken an die Befreiung Nord-Ost Berlins (22.04.2022 / Weißensee)
Foto 4: Open-Air-Kino: Contrahistoria - Geschichte von Unten (22.04.2022 / Weißensee)
Foto 5: Gedenken an den Interbrigadist Walter Runge (23.04.2022 / Weißensee)
Foto 6: Gedenken an Else Jahn (26.04.2022 / Weißensee)
Foto 7: Aktionen vor der BVV-Pankow gegen den Abriss des Thälmann-Denkmals (04.05.2022 / Prenzlauer Berg)
Foto 8: Antifaschistisches Konzert (07.05.2022 / Weißensee)
Foto 9 & 10: 8. Mai - Gedenken an die Befreiung (08.05.2022 / Pankow)

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