Rechte Sanitätsdienste auf unseren Demonstrationen? Wenn rechte Strukturen Zugang zu unseren Bewegungen erhalten – eine antifaschistische Warnung vor JD Medical Service, Einsatzsquad und MedFire
Rechte Sanitätsdienste auf unseren Demonstrationen?
Wenn rechte Strukturen Zugang zu unseren Bewegungen erhalten – eine antifaschistische Warnung vor JD Medical Service, Einsatzsquad und MedFire
Rechte Strukturen haben auf unseren Demonstrationen nichts verloren. Auch nicht in Sanitätskleidung.
Was auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Sanitätsdienst aussieht, wirft bei genauerer Betrachtung erhebliche politische und sicherheitsrelevante Fragen auf. In den vergangenen Monaten sind mehrere medizinische Dienstleister auf Demonstrationen in Berlin und bundesweit in Erscheinung getreten, deren politische Verbindungen und bisherige Einsätze Anlass zu deutlicher Kritik geben.
Es geht um JD Medical Service, einsatzquad Bildung & Sanität sowie Medical & Fire Protection Berlin (MedFire).
Wir beobachten mit Sorge, dass Organisationen, die rechte Demonstrationen sanitätsdienstlich absichern und deren politische Verbindungen zumindest teilweise in rechte Zusammenhänge reichen, zunehmend auch im Umfeld anderer politischer Bewegungen auftreten.
Das ist kein nebensächliches Problem. Es geht um Vertrauen, Sicherheit, Datenschutz und letztlich auch um den Schutz unserer politischen Strukturen vor Repression und rechter Einflussnahme.
Die Akteure
JD Medical Service – Jason Deicken
JD Medical Service ist ein Berliner Einzelunternehmen unter der Leitung von Jason Deicken.
Deicken steht aufgrund seiner Verbindung zur sogenannten Patriotischen Bewegung in der Kritik. Nach unseren Informationen ist er dort Mitglied beziehungsweise in einer maßgeblichen Funktion aktiv. Die entsprechenden Zusammenhänge und das dazu vorliegende Bildmaterial sollten im Rahmen dieser Veröffentlichung nachvollziehbar dokumentiert werden.
einsatzquad Bildung & Sanität – Christin Hartmann
Einsatzsquad ist als Anbieter medizinischer Dienstleistungen unter anderem durch die Beteiligung an der Absicherung politisch rechter beziehungsweise entsprechend umstrittener Demonstrationen aufgefallen. Die Zusammenarbeit mit JD Medical Service wirft zusätzliche Fragen nach der politischen Verantwortung und den eigenen Maßstäben auf.
Medical & Fire Protection Berlin (MedFire) – Valentino Dario Hopic
Auch MedFire trat gemeinsam mit den vorgenannten Anbietern bei der Absicherung einer entsprechenden Demonstration in Erscheinung.
03. Oktober 2026: Rechte Demonstration, medizinische Absicherung und ein Netzwerk aus Dienstleistern
Ein konkreter Anlass für unsere Recherche war die Demonstration „Projekt M1llion“ am 03.10.2026 in Berlin.
Die sanitätsdienstliche Absicherung erfolgte nach unseren Informationen federführend durch Einsatzsquad und JD Medical Service, gemeinsam mit MedFire.
Auch die Initiative „Retter gegen Rechts“ berichtete über diesen Zusammenhang.
Quelle: https://www.instagram.com/p/DebfaqkDn6l/
Dass sich medizinische Dienstleister an der Absicherung solcher Veranstaltungen beteiligen, ist zunächst eine geschäftliche Entscheidung. Politisch ist sie dennoch nicht bedeutungslos.
Wer sich bewusst dafür entscheidet, rechte Veranstaltungen abzusichern, muss sich auch an dieser Entscheidung messen lassen.
Die anschließende Behauptung, man sei lediglich ein unpolitischer Dienstleister, überzeugt uns nicht.
Unpolitisch zu sein bedeutet nicht, sich jeder Verantwortung entziehen zu können.
31. Oktober 2026: Dieselben Strukturen, die nächste Demonstration
Nur wenige Wochen später traten Einsatzsquad und JD Medical Service erneut gemeinsam auf. Diesmal sicherten sie die Demonstration „GenZ regelt!“ am 31.10.2026 ab.
Offenbar soll die politische Einordnung der eigenen Tätigkeit weiterhin keine Rolle spielen.
Besonders bemerkenswert ist allerdings der Umgang mit der Kritik an den vorherigen Einsätzen.
Nachdem die Beteiligung an der Demonstration vom 03. Oktober thematisiert und kritische Fragen gestellt worden waren, verschwanden nach unserer Beobachtung innerhalb kürzester Zeit mehrere Beiträge aus den sozialen Medien. Kritische Kommentare wurden entfernt, Personen blockiert und schließlich waren auch die Website von JD Medical Service sowie der betreffende Instagram-Beitrag nicht mehr abrufbar.
Statt sich einer öffentlichen Auseinandersetzung zu stellen, wurden damit wesentliche Möglichkeiten zur Überprüfung und Diskussion eingeschränkt.
Wer Transparenz behauptet, sollte Kritik nicht mit dem Löschen von Beiträgen beantworten.
Rechte Ideologie wird nicht durch eine Sanitätsjacke neutralisiert
Besonders problematisch ist die Verbindung von Jason Deicken zur Patriotischen Bewegung.
Wir halten es für notwendig, diese Verbindung öffentlich zu thematisieren. Denn eine Sanitätsjacke ist kein politischer Freifahrtschein. Sie macht aus rechten Akteuren keine neutralen Personen und beseitigt auch nicht die politischen Zusammenhänge, in denen sie sich bewegen.
Medizinische Hilfe muss allen Menschen zugänglich sein. Das ist für uns selbstverständlich. Daraus folgt aber keineswegs, dass Veranstalter*innen verpflichtet wären, mit jedem beliebigen Anbieter zusammenzuarbeiten.
Niemand hat einen Anspruch darauf, auf linken oder antifaschistischen Demonstrationen als beauftragter Sanitätsdienst aufzutreten.
Es ist ein erheblicher Unterschied, ob Menschen unabhängig von ihrer politischen Einstellung medizinisch versorgt werden oder ob eine Organisation als Dienstleister Zugang zu internen Abläufen, Veranstaltungsstrukturen und möglicherweise sensiblen Informationen erhält.
Gerade auf Demonstrationen, bei denen Teilnehmer*innen mit Repression, Überwachung und Angriffen von rechts rechnen müssen, ist Vertrauen eine grundlegende Voraussetzung.
Personalbeschaffung über WhatsApp – Hauptsache, jemand trägt die Sanitätsjacke?
Ein weiterer Aspekt, der nicht unerwähnt bleiben darf, ist die Personalbeschaffung über WhatsApp-Gruppen wie die „Blaulichtpersonalbörse“ oder die „Sanitätsdienstbörse“.
Über solche Gruppen können kurzfristig Sanitäter*innen und weiteres medizinisches Personal für Veranstaltungen und Einsätze gesucht werden.
Was zunächst wie eine gewöhnliche Möglichkeit der Personalvermittlung erscheint, wirft im Zusammenhang mit den genannten Anbietern eine grundlegende Frage auf: Welche Personen werden hier eigentlich angeworben, und welche politischen und menschlichen Standards spielen bei der Auswahl eine Rolle?
Wenn Personal hauptsächlich nach Verfügbarkeit, Qualifikation und kurzfristiger Einsatzbereitschaft gesucht wird, besteht die Gefahr, dass politische Haltung, Zuverlässigkeit im Umgang mit Betroffenen und eine solidarische Grundhaltung vollständig in den Hintergrund treten.
Im Zweifel werden damit auch Personen für Einsätze gewonnen, die keinerlei solidarisches Verhältnis zu den politischen Bewegungen und Menschen haben, deren Demonstrationen sie absichern sollen – oder deren politische Einstellungen den Grundwerten dieser Veranstaltungen entgegenstehen.
Wir behaupten ausdrücklich nicht, dass jede Person, die über solche Gruppen vermittelt wird, eine rechte Gesinnung hat. Entscheidend ist vielmehr die fehlende Transparenz darüber, wer eingesetzt wird, wer diese Personen auswählt und welche Verantwortung die beauftragten Organisationen für ihr Personal übernehmen.
Wer auf unseren Demonstrationen medizinisch tätig wird, übernimmt Verantwortung. Diese Verantwortung endet nicht mit dem Anlegen einer Sanitätsjacke.
Veranstalter*innen müssen deshalb auch bei der Personalbeschaffung genauer hinsehen. Eine medizinische Qualifikation allein ist keine ausreichende Grundlage für Vertrauen.
Repressionsgefahr und rechte Informationssammlung: Ein unterschätztes Sicherheitsrisiko
Besonders schwer wiegt für uns die Frage, welche Informationen externe Sanitätsdienste im Rahmen ihrer Tätigkeit erhalten können.
Sanitätsdienste bewegen sich auf Demonstrationen häufig in unmittelbarer Nähe zu Teilnehmer*innen, Versammlungsstrukturen und organisatorischen Abläufen. Sie können dabei Einblicke in sensible Situationen erhalten, die Außenstehenden normalerweise nicht zugänglich sind.
Dazu gehören unter anderem:
- Identitäten und persönliche Angaben verletzter oder hilfsbedürftiger Personen.
- Informationen über Verletzungen, gesundheitliche Probleme und andere sensible Umstände.
- Anwesenheit und Verhalten einzelner Personen bei Demonstrationen.
- Interne Kommunikations- und Organisationsabläufe.
- Informationen über Treffpunkte, Bewegungen und Strukturen innerhalb politischer Zusammenhänge.
- Beobachtungen zu Konflikten, Polizeimaßnahmen und dem Verhalten einzelner Demonstrationsteilnehmer*innen.
Diese Informationen können besonders sensibel sein. Für Menschen, die sich in linken, antifaschistischen oder anderen oppositionellen Zusammenhängen bewegen, kann bereits die ungewollte Offenlegung ihrer Identität erhebliche Folgen haben.
Dabei geht es nicht nur um die Polizei und staatliche Repression. Auch rechte Akteure können ein Interesse daran haben, Informationen über politische Gegner*innen, deren Strukturen und deren Aktivitäten zu sammeln.
Wir müssen deshalb die Gefahr ernst nehmen, dass rechte Informationssammler versuchen könnten, über vermeintlich neutrale Dienstleistungsstrukturen Zugang zu unseren Veranstaltungen und sensiblen Informationen zu erhalten.
Wir behaupten nicht, dass die genannten Anbieter nachweislich Informationen an rechte Netzwerke oder staatliche Stellen weitergeben. Dafür müssten konkrete Belege vorliegen. Das Risiko eines solchen Informationsabflusses ist jedoch ein ernstzunehmender Grund, bei der Auswahl medizinischer Dienstleister besonders sorgfältig zu sein.
Eine Sanitätsjacke darf nicht zum Vertrauensvorschuss werden, der jede Überprüfung überflüssig macht.
Hinzu kommt: Medizinisches Personal kann im Rahmen seiner Tätigkeit Informationen erhalten, die unter Datenschutz- und gegebenenfalls Schweigepflichtregelungen fallen. Veranstalterinnen müssen deshalb auch klären, wie Patientinnendaten geschützt, dokumentiert, gespeichert und weitergegeben werden.
Gerade auf Demonstrationen mit erhöhtem Repressionsrisiko ist es unverantwortlich, diese Fragen auszublenden.
Keine Vereinnahmung unserer Strukturen!
Zusätzliche Fragen wirft das Verhalten von Einsatzsquad im Zusammenhang mit der Demonstration am Rosenthaler Platz am 31.10.2026 auf. Nach unseren Informationen distanzierte sich der Dienst im Namen der Veranstalter*innen von dieser Demonstration.
Wer hat diesen Auftrag erteilt? Auf welcher Grundlage wurde hier im Namen der Veranstalter*innen gesprochen? Und warum tritt ein externer Sanitätsdienst überhaupt als politischer Sprecher einer Veranstaltung auf?
Wir finden: Das geht zu weit.
Sanitätsdienste sind für die medizinische Versorgung zuständig. Sie sind keine politischen Sprachrohre und haben sich nicht eigenmächtig die Befugnis anzumaßen, für Veranstalter*innen zu sprechen.
Unsere Forderungen
Wir fordern alle linken, antifaschistischen, gewerkschaftlichen und emanzipatorischen Bündnisse, Initiativen und Veranstalter*innen auf:
- Keine Zusammenarbeit ohne politische Prüfung: Informiert euch über die politischen Verbindungen, bisherigen Einsätze und Kooperationen beauftragter Sanitätsdienste.
- Transparenz bei der Personalbeschaffung: Lasst euch erklären, wer eingesetzt wird, wie Personal ausgewählt wird und wer die Verantwortung für die eingesetzten Personen trägt.
- Schutz sensibler Informationen: Klärt verbindlich, wie Patient*innendaten und veranstaltungsbezogene Informationen geschützt werden.
- Keine Normalisierung rechter Strukturen: Hinterfragt Anbieter, die rechte Demonstrationen absichern und gleichzeitig als vermeintlich neutrale Partner auf linken Veranstaltungen auftreten.
- Solidarische Alternativen stärken: Bevorzugt unabhängige, solidarische und antifaschistische Sanitätsstrukturen, die eure politischen und organisatorischen Grundsätze teilen.
Wir brauchen keine Dienstleister, die rechte Demonstrationen absichern und anschließend auf unseren Veranstaltungen als vermeintlich neutrale Partner auftreten.
Wir brauchen keine Organisationen, die sich hinter dem Etikett der politischen Neutralität verstecken, sobald ihre eigenen politischen Verbindungen thematisiert werden.
Und wir brauchen ganz sicher keine Strukturen, die kritische Nachfragen mit Löschungen und Blockierungen beantworten.
Es gibt solidarische Sanitätsdienste. Es gibt linke Demosanitäter*innen. Es gibt gewachsene Strukturen, die sich mit den politischen Kämpfen und den Menschen auf unseren Demonstrationen solidarisch zeigen.
Unterstützt diese Strukturen, statt rechten Akteuren Raum und Infrastruktur zu überlassen.
Rechte Strukturen raus aus unseren Bewegungen!
Wir rufen dazu auf, diese Informationen zu verbreiten, Veranstalter*innen zu informieren und die Zusammenarbeit mit den genannten Organisationen kritisch zu prüfen.
Unsere Demonstrationen sind keine Plattform für die Normalisierung rechter Akteure. Unsere solidarischen Strukturen sind keine Geschäftsgelegenheit für Menschen, die rechte Politik unterstützen.
Keine rechte Infrastruktur in unseren Bewegungen. Keine Normalisierung durch Sanitätskleidung. Keine Preisgabe unserer sensiblen Informationen.
Solidarität statt rechter Vereinnahmung!
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