A-Barrio: Auswertungsstext der Berliner Versammlung

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*** Nach der englischen nun die deutsche Version von https://de.indymedia.org/node/555874 ***

Im Kontext des antimilitaristischen Rheinmetall Entwaffnen (RME) Aktionscamp in Köln 2025 kam in Berlin eine offene Versammlung zusammen, um ein Anarchistisches Barrio im Camp zu organisieren. Nach dem Camp diskutierten Menschen aus der Berliner Versammlung, die sich am A-Barrio beteiligt hatten, ihre Perspektiven und Erfahrungen des Camps in Evaluierungstreffen. Der folgende Text soll diese Diskussionen zusammenfassen, aber auch dazu beitragen, sie zu vertiefen.

 

Interne Dynamiken: Stärken und Schwächen des A-Barrios während des Camps

Generell war die Erfahrung für die Beteiligten unserer Berliner Versammlung positiv. Initiiert wurde das Barrio mit dem Ziel, eine Anarchistische und Autonome Präsenz einem Camp hinzuzufügen, welches sich im Großen und Ganzen aus traditionellen linken Gruppen und hierarchischen kommunistischen Organisationen zusammensetzt. Ziel war, die Möglichkeit anarchistischer Selbstorganisation sowie der Vernetzung aufzuzeigen. Sowohl als Prinzip als auch als Mittel gegen die fehlende Koordinierung mit Gruppen anderer Städte, wurde das A-A-Barrio als offener Rahmen verstanden, in dem die Teilnehmer*innen Initiative ergreifen, Aktivitäten und Aktionen vorschlagen und sich autonom am Leben des A-Barrio beteiligen.

Dieser offene Rahmen der Selbstorganisation war die Stärke dieses Vorschlags, welcher das A-Barrio im Camp repräsentierte, stand er doch im Vergleich zu der oft hierarchischen und starr strukturierten Organisation anderer Gruppen. Das A-Barrio zeigte, dass Selbstorganisation möglich ist in einem offenen Rahmen und unter Leuten, die sich zum ersten Mal treffen.

Für Manche hätte es mit mehr formellen Strukturen besser funktioniert, andere meinten hingegen, dass bestimmte Arten von Strukturen Defizite verdecken würden. Beispielsweise könnte ein Putzplan verschleiern, dass manche Teilnehmer*innen keine Verantwortung für die Sauberkeit des Ortes übernehmen und im weiteren verhindern, dass die Ursachen dafür nicht angegangen und adressiert werden. Insgesamt gab es das Gefühl, dass mehr Vorbereitung erforderlich gewesen wäre, die Kommunikation über die zu erfüllenden Aufgaben verbessert werden könnte und wir Wege finden sollten, diese Verantwortlichkeiten gleichmäßig zu verteilen, ohne in die Falle zu tappen, strickte Rollen zuzuweisen.

Die Aktivitäten und Aktionen im Camp – ob vom A-Barrio organisiert oder nicht – wurden im Allgemeinen als positiv bewertet. Allerdings wurde die Zugänglichkeit des Raumes und zu den verschiedenen Aktionen als recht deutschzentriert kritisiert. Die Kritik reichte von der Behauptung, das A-Barrio sei zu weiß und nicht einladend für Genoss*innen, die keine weißen Deutschen sind (auch im Camp insgesamt ein größeres Problem), bis hin zu einer unzureichend klaren Positionierung vom A-Barrio zu bestimmten Themen bereits im Vorfeld des Camps, beispielsweise Palästina, was auf das Fehlen öffentlicher Texte im Vorfeld zurückzuführen war. Hoffentlich wurde dies durch die Präsenz und Teilnahme des A-Barrios an Aktionen während des Camps addressiert Darüber hinaus brachten einige von anderen Gruppen geplante Aktionen letztendlich Genoss*innen ohne deutsche oder europäische Dokumente in Gefahr, da bei der Planung wahrscheinlich nur an deutsche Teilnehmende gedacht wurde und diese dann ohne ausreichende Erklärungen oder Warnungen vor Repressionen durchgeführt wurden.

Insgesamt gab es im Camp Interesse an anarchistischen Perspektiven, wie sich beispielsweise an Besuchen am Infostand und den vielen damit einhergehenden Gespräche zeigte. Allerdings war unsere Präsenz nicht ohne Missverständnisse und manchmal auch Antagonismen. Ein Aspekt davon wurde als Misskommunikation seitens des A-Barrio darüber identifiziert, was Autonomie im Camp bedeutet und wie sie sich von der rigideren Organisation des restlichen RME-Camps unterscheidet. Dies zeigte sich bereits in den ersten Tagen beim Aufbau, als die Organisator*innen des Camps nicht wussten, wie sie auf diese eher Graswurzel- und offene Organisation des anarchistischen Barrio reagieren sollten. Dies setzte sich während der gesamten Camp-Tage sowie bei Aktionen fort, indem vom A-Barrio erwartet wurde, Entscheidungen ohne vorherige Zustimmung durch unsere tägliche Versammlung zu treffen. Aber auch während der Demos, bei denen die Organisator*innen von den Teilnehmer*innen erwarteten, dass sie einfach den Anweisungen der Polizei folgten, wodurch dann das Anarchist Barrio und das Revolutionäre Barrio als die beiden „militanteren Blöcke” isoliert wurden. 

Aus diesen genannten Gründen halten wir es für wichtig, unsere Erfahrungen als anarchistisches und autonomes Barrio detaillierter zu teilen.

Aufbau des A-Barrio

Einige Tage vor dem offiziellen Beginn des Camps kamen bereits ein paar Menschen nach Köln, um das A-Barrio aufzubauen und den Aufbau und die Verteidigung des Camps zu unterstützen, das zu diesem Zeitpunkt von der Nordrhein-Westfälischen Polizei mit der Unterbindung bedroht wurde. Diese Menschen kamen ohne eine klare Vorstellung davon, wie das Camp strukturiert sein sollte. Daher hatten sie auch keine klare Vorstellung davon, wie und wo das anarchistische Barrio genau aufgebaut werden sollte und wie es in die Gesamtstruktur des von den RME- Organisator*innen entworfenen Camps integriert werden sollte. Das Wort “Barrio” bedeutet Nachbarschaft und könnte so verstanden werden, dass die anarchistischen und autonomen Teilnehmenden des Camps nahe beieinander leben würden. Doch für die Camp-Organisator*innen war das RME-Camp in zwei Hauptbereiche unterteilt: Die erste Hälfte war ein abgegrenzter Schlafbereich mit (hauptsächlich) privaten Zelten, die zweite Hälfte war der „politische” Bereich mit den Pavillons der verschiedenen Strukturen und Gruppen, dem großen Zirkuszelt für die gemeinsamen Versammlungen und Pavillons für verschiedene Veranstaltungen. Für die Organisator*innen von Rheinmetall Entwaffnen war es ganz klar, dass das A-Barrio im zweiten Bereich sein würde. Da diese Idee zuvor nicht mit uns besprochen wurde, konnte sie auch nicht in Frage gestellt werden. Das das andere Barrio (das Revolutionäre Barrio), das bereits Erfahrungen von den früheren Camps hatte, im politischen Bereich sein sollte, verstehen wir, dass die Organisationsgruppe davon ausging, dass wir automatisch dasselbe tun würden. Letztendlich wurde das, was dann den Charakter des A-Barrio ausmachte, stark von diesem Aufbau geprägt. Von da an sah das Barrio aus wie alle anderen Bereiche der anderen Gruppen des Bündnisses, mit ihren Pavillons auf der Seite der Organisatoren.

Unsere exponierte Lage im Camp, auf einer Seite des Eingangs zum Schlafbereich und gegenüber des Revolutionären Barrios, führte dazu, dass man jederzeit entscheiden konnte, das Barrio zu betreten und zu verlassen, anstatt wirklich Teil einer „Nachbarschaft” zu sein. Das hatte einige Vorteile, z. B. kamen viele Leute vorbei und waren an Gesprächen interessiert. Es hatte aber auch Nachteile: Niemand wusste wirklich, wer fest am Barrio teilnahm und wer nur “zu Besuch” war. Es ist möglich, dass selbst nach dem Camp viele Menschen nicht entschieden haben oder nicht wissen, ob sie Teil des A-Barrios gewesen waren oder nicht. Dies führte dazu, dass die Teilnehmer*innen, die Formate und Inhalte der A-Barrio-Versammlungen im Laufe der Tage sehr stark variierten.

Zu Anfang wurde beschlossen, jeden Abend eine feste Versammlung abzuhalten, die zu einem Raum kollektiver Entscheidungen wurde. Am Ende jeder dieser Versammlungen wurde ein*e Koordinator*in (Moderation) für die nächste Versammlung festgelegt. Es wurde auch vereinbart, Materialien und Zelte allen zugänglich zu machen, damit alle, die Veranstaltungen organisieren wollten, dies einfach tun konnten. Zusätzlich wurde eine große Tafel verwendet, um wichtige Punkte zu kommunizieren und eine Veranstaltungsübersicht zu führen, um den Raum zu koordinieren und Teilnehmer*innen des Camps einzuladen, an unseren Aktivitäten teilzunehmen.

Wir hielten es für notwendig, die Entscheidung wie wir unser Veranstaltungsprogramm planen, bei jeder offenen Versammlung während des Camps zu beschließen. Als offene Struktur, die sich hauptsächlich während der Camp-Tage geformt hatte, kamen wir zu dem Entschluss, dass die Entscheidungen, welche Veranstaltungen und Pläne wann stattfinden sollten, in den offenen Versammlungen diskutiert und beschlossen werden sollte. Sie sollten nicht von der Berliner Vorbereitungsversammlung vorentschieden werden. Diese Entscheidung trug dazu bei, allen Teilnehmer*innen des A-Barrio Raum zu lassen und zu schaffen, um unser Programm durch ein horizontales Verfahren kollektiv zu entscheiden und zu gestalten. So konnte dies geschehen, ohne dass eine bestimmte Gruppe für alle entschied.

DIE LINKE im RME Camp

In den ersten Tagen des A-Barrios auf dem Camp wurde bekannt, dass ein Mitglied des Europäischen Parlaments von der Partei DIE LINKE einen Vortrag halten würde, dem offiziell von RME in ihrem großen Zirkuszelt Raum gegeben wurde. Es stellte sich heraus, dass dies ein Engegenkommen einiger Mitglieder des RME-Bündnisses im Austausch für Spenden von der Partei zur Finanzierung des Camps war. Es wurde zum Thema in der Versammlung des A-Barrio und schließlich wurde an einem der Zelte des A-Barrio ein Banner mit der Aufschrift „DIE LINKE ist nicht willkommen“ angebracht. Das führte zu nervösen Reaktionen einiger der Hauptorganisator*innen des Camps, welche forderten, es abzunehmen, und dabei auf einen Verhaltenskodex (“Code Of Conduct”) verwiesen, auf den sich das RME-Bündnis intern geeinigt hatte. Angeblich entsprach das Banner nicht den Paragraphen, welche sich auf ein respektvolles und gewaltfreies Miteinander aller Teilnehmenden des Camps bezogen. Die A-Barrio Versammlung sah sich mit drängenden Anschuldigungen einiger der großen Organisator*innen des Camps konfrontiert, während sie aufgrund der sich in den ersten Tagen des Camps noch entwickelnden Beteiligung nicht für jede in ihrem Kontext geäußerte Meinung voll Verantwortung übernehmen konnte. Das Thema wurde diskutiert: Es herrschte weitgehende Einigkeit darüber, DIE LINKE abzulehnen, z. B. wegen ihrer Verantwortung für Zwangsräumungen, ihrer Zustimmung zu mehr Rüstungsproduktion und ihrer Unterstützung für Israel. Dennoch wurde beschlossen, das Banner zu entfernen, da seit seiner Anbringung viele neue Leute zur A-Barrio-Versammlung hinzugestoßen waren und es noch keine gemeinsame Entscheidung darüber gab, ob Inhalte, wie z. B. Banner, die im Barrio gezeigt werden, vorher diskutiert werden sollten oder ob alle einfach zeigen konnten, was sie wollten. Es wurde jedoch beschlossen, einige Tage später eine Diskussionsveranstaltung über die Beteiligung von Parteien an Graswurzelbewegungen abzuhalten. Während die Absicht hinter dem Banner lediglich darin bestand, politische Opposition gegen die Beteiligung parlamentarischer Parteien zu zeigen, wurde es als große Provokation wahrgenommen, die die Einheit des Camps oder sogar der antimilitaristischen Bewegung bedrohte.

Es sollte erwähnt werden, dass die Interpretation und Symbolik der Provokation recht abstrakt und nicht kollektiv definiert ist. Für manche könnte Provokation als Beleidigung gegenüber Menschen, als Angriff oder als pure Naivität verstanden werden, die als sogenannte „unseriöse Politik” kategorisiert wird. Für andere hingegen ist eine direkte oder bestimmte Provokation eine Einladung zum Dialog. Das Aufhängen eines Banners, das die eigenen politischen Ideen und Grenzen in Bezug auf die Kooperation mit politischen Parteien deutlich macht, ist weder eine Beleidigung noch ein Angriff. Wer sich dadurch angegriffen fühlt, muss individuell, kollektiv und politisch darüber reflektieren. Ein solches Banner ist kein persönlicher Angriff auf irgendjemanden. Diejenigen, die sich durch solch eine Aktion beleidigt fühlen, müssen ihren eigenen Egozentrismus und ihre kleinbürgerlichen Rückstände hinterfragen.

Demonstration am Samstag

Während des gesamten Camps und der Demonstration zeigte sich, dass viele Teilnehmer*innen gar nicht an einer Einheit mit denjenigen interessiert waren, die andere radikale Mittel des Kampfes vorschlugen oder nicht in ein bestimmtes Bild davon passten, wie diese Demonstration aussehen sollte. Obwohl während der Demo Parolen gerufen wurden, die das Recht auf Demonstration „auf unsere Art“ („Wir demonstrieren, wie wir wollen“) bekräftigten, bestanden die Demo-Anmeldung und andere mehrfach darauf, dass die Menschen in unseren Blöcken keine Masken tragen, keine Regenschirme halten oder andere Schutzmaßnahmen ergreifen sollten. Dies wurde als Voraussetzung für den Beginn und später die Fortsetzung der Demonstration gefordert- eine offensichtliche Forderung und Druckausübung seitens der Polizei. Damit wurde klar, dass der A-Barrio-Block ein Grund dafür ist, dass die Demonstration nicht loslaufen sollte. Nach unserem Kenntnisstand hat das Deeskalationsteam diese Forderungen nicht durchgesetzt, sondern nur eingegriffen, um „die Lage zu beruhigen“, als es aufgrund dieser spaltenden Forderungen zu Spannungen kam. Dies offenbarte den Widerspruch, dass auch der Aufruf zur „Einheit“ bei der Demonstration bestimmten Gruppen und Einzelpersonen auferlegt wurde, die ihre Praktiken ändern oder unterdrücken mussten.
Hier wird das Problem der Pseude-Einheit [1] deutlich.

Die Einheit in der Demonstration erforderte die Disziplinierung oder das Zum-Schweigen-Bringen derjenigen, die andere Risiken eingehen oder andere konfrontative Mittel wählen. Wenn Einheit als etwas behandelt wird, das um jeden Preis bewahrt werden muss, werden politische Differenzen nicht geklärt, sondern unterdrückt. Dies führt zu einer fragilen, einheitlichen Koordination, die unter realem Druck (in diesem Fall dem der Straße) kollabiert. Das Resultat war eine ungleiche Verteilung der Verwundbarkeit, wobei die Blöcke des Revolutionären Barrio und des A-Barrio der Polizeirepression ausgesetzt wurden.

Diese Entscheidung der Demo-Organisator*innen spaltete die Demonstration faktisch in zwei Teile und setzte die Blöcke des Revolutionären Barrio und des A-Barrio der Repression aus. Dies wurde schließlich deutlich, als die Polizei die Demo angriff und nur diesen zweiten Teil der Demonstration bis zum Morgen kesselte und immer wieder attackierte.

Wir sehen ein, dass unser Modell der Selbstorganisation und unsere Kommunikation tatsächlich zu Verwirrungen und Spannungen beigetragen haben. Unsere Entscheidung und unser Bekenntnis zu einer nicht-hierarchischen Organisierung, einschließlich des Verzichts auf jegliche Art von Delegierten oder Repräsentant*innen, wurde nicht immer klar kommuniziert und verstanden. Und wir haben auch nicht immer bedacht, wie eine nicht-hierarchische Organisierung in Situationen wie dieser funktionieren könnte. Für manche mag dies unvermittelt, unorganisiert oder sogar absichtlich spaltend gewirkt haben, anstatt als politische Position.

Darüber hinaus müssen wir zugeben, dass unsere Entscheidung, als eigener Block an der Demonstration teilzunehmen, zu spät kommuniziert wurde. Dies führte verständlicherweise zu Frustrationen bei anderen Gruppen und trug zu Missverständnissen über die Position und Koordination unseres Blocks bei der Demonstration bei. Es ist wichtig klarzustellen, dass wir nie Teil des Revolutionären Blocks waren.
Unsere Vereinbarung bestand lediglich darin, unseren Block hinter ihrem aufzustellen, nicht organisatorisch in ihre Struktur integriert zu sein. Wir haben nicht nur unsere Teilnahme zu spät angekündigt, sondern es ist uns auch nicht gelungen, ein gemeinsames, kollektives Verständnis darüber zu entwickeln, was unsere Anwesenheit in der Demonstration praktisch ausdrücken sollte. Dies führte zu unterschiedlichen Erwartungen und Praktiken innerhalb des Blocks selbst. Einige entschieden sich dafür, sich zu vermummen und Schutzmaterialien mitzubringen, andere nicht - dies trug zu einer gewissen Inkonsistenz bei, wie wir gemeinsamen auftraten und handelten. Das Problem war weniger die Diversität oder die Uneinheitlichkeit des Handelns an sich, sondern vielmehr die Tatsache, dass wir nie kollektiv geklärt hatten, ob wir diese Vielfalt oder aber eine besser koordinierte Präsenz wollten. Diese Uneinheitlichkeit wurde nur deshalb zum Problem, weil es sich nicht um eine intentionale und gemeinsame Entscheidung handelte. Sie prägte auch unsere Reaktion, als zu Beginn der Demonstration eine andere Gruppe sich ohne weitere Diskussion vor uns drängte und damit unsere vereinbarte Position hinter dem Revolutionären Block einnahm. Anstatt gemeinsam unseren Platz zu behaupten, rückten wir zurück und zeigten damit eine Unsicherheit, die aus derselben internen Unsicherheit und der kurzfristigen Vorbereitung resultierte. Später erfuhren wir, dass diese andere Gruppe ebenfalls die Vereinbarung mit dem Revolutionären Block getroffen hatte, sich hinter ihnen zu positionieren. Diese kollidierenden Absprachen waren den Gruppen nicht richtig kommuniziert worden.

Zusätzlich muss erwähnt werden, dass wir keine Vorstellung von unserem Mobilisierungspotenzial im Raum Köln hatten, welcher sehr kurze Verbindungslinien zum gesamten Ruhrgebiet hat. Ein Aufruf für den anarchistischen Block wurde kurz vor der Demo veröffentlicht und wir gingen davon aus, dass die Ereignisse im Camp bereits viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt und damit zusätzliches Mobilisierungspotenzial geschaffen hatten. Daher ist für uns die kritische Sicht auf das, was bei der Demo passiert ist, sehr hypothetisch. Zugegebenermaßen hofften wir wie immer auf eine Situation, in der die Dinge außer Kontrolle geraten, aber wir erreichten nicht einmal hundert Personen und hatten daher praktisch wenige Handlungsmöglichkeiten.

[1] Pseudo-Einheit bezieht sich in diesem Zusammenhang auf eine Situation, in der sich eine Bewegung oder ein Bündnis öffentlich als vereint präsentiert, während intern erhebliche politische Meinungsverschiedenheiten, Spannungen oder Konflikte ungelöst bleiben. Diese Form der „Einheit“ wird um des Willens des äußeren Erscheinungsbildes aufrechterhalten, oft um gegenüber Personen außerhalb der Bewegung Stärke zu demonstrieren.

Strukturelle Spannungen innerhalb des Camps

Wir kamen zu dem Schluss, dass einige Spannungen, die während des Camps auftraten oder später in den Evaluierungstreffen analysiert wurden, auf zwei unterschiedliche politische Logiken zurückzuführen waren, welche versuchten, im selben Raum zu koexistieren. Ein großer Teil der organisierten Struktur des Camps folgte der üblichen deutschen linken Struktur: große Organisationsplena, Delegationen, geschlossene Treffen und Aktionen, die in einem spezifischen Rahmen geplant wurden: geschlossene Gruppen, die die Koordination zentralisierten, Zustimmung von „unten“ und das befolgen eines sogenannten „Verhaltenskodexes“. Politische Diskussionen zwischen dem A-Barrio und den Organisator*innen des Camps wurden vermieden, sie verschwanden hinter strukturellen und organisatorischen Fragen oder aufgrund von Zeitmangel. Der Charakter des A-Barrio entstand aus einer antiautoritären Organisierung, bei der kollektive Stärke durch Graswurzel-Methoden und Netzwerke aufgebaut wurde, nicht durch Befehle oder Delegationen. Es war ein Versuch, durch horizontale Initiativen gemeinsam zu handeln, ohne eine Erlaubnis zu benötigen, während sich gleichzeitig um gemeinsame Vereinbarungen und Bedürfnisse gekümmert wurde.

Es sind dies nicht nur zwei unterschiedliche Organisationsformen. Es sind auch unterschiedliche Vorstellungen davon, was totale Befreiung bedeutet und wie wir für eine bessere Welt kämpfen, und das auch innerhalb des antimilitaristischen Kampfes.

Konfrontationen und Lernen

Modelle hierarchischer Organisation glauben, dass Macht aus Einheit, Masse, Klarheit und der Zurschaustellung von Organisiertheit und Strukturiertheit kommt. Die anarchistischen anti-autoritären Modelle, die im Camp versucht wurden hingegen glaubten, dass kollektive Stärke aus individueller und kollektiver Initiative kommt - aus Vielfalt der Taktiken und Handlungen, ohne die Notwendigkeit, auf eine Absegnung durch eine Versammlung oder Koordination zu warten (Autonomie), jedoch immer mit der Öffnung des Raumes für Kritik, Widerspruch und Diskussionen (kollektive Verantwortung).

Viele der Konflikte und Unterschiede waren also kein Unfall. Das A-Barrio scheiterte nicht daran, “sich zu fügen”. Seine Präsenz stellte die Idee infrage, dass Einheit bedeuten müsse, einem einzigen Organisationsmodell zu folgen. Das Misstrauen und die täglichen Spannungen, die daraus resultierten, zeigten wie sehr zentralisierte und sogar dezentralisierte Koordination Autonomie als Bedrohung sehen können. Nicht, weil sie der Bewegung schadet, sondern wahrscheinlich weil sie die Autorität ihrer Arbeitsgruppen, ihre Kontrolle über das, was sie als reibungslosen Ablauf des Camps (angemessener Ausdruck, „gutes Betragen“ zwischen den Teilnehmer*innen) betrachten, infragestellt. Aber sie stört auch eine gewisse Tradition des Aufbaus der Bewegung und bis zu einem gewissen Grad das Fortbestehen ihrer Allianz (etwa durch die Ablehnung der Finanzierung und der Unterstützung durch Parteien).
Gleichzeitig hing ein großer Teil der Campinfrastruktur an autonomen Initiativen; Küche, Sanis, Awareness-Team, der Kaffeestand. Diese Gruppen waren selbstorganisiert und politisch uns irgendwie nahe, auch wenn wir nicht in gemeinsamen Prozessen aktiv waren. Wir können sagen, dass Selbstorganisation wesentlich war, um gegenseitige Hilfe in kritischen Momenten zu ermöglichen, etwa beim stundenlangen Polizeikessel, in dem sich viele Gruppen und Einzelpersonen solidarisch mit den Eingekesselten selbst organisierten. Ihre Rolle zeigt, dass Autonomie nur dort ein Problem war, wo sie bestehende Strukturen oder Erwartungen herausforderte.
Dennoch erkennen wir an, dass es auch für uns wichtig ist, von den verschiedenen Organisations- und Politikformen, die es gab oder die von der Orga des RME-Camps herrührten, zu lernen. Selbstverständlich sehen wir diese Tage nicht ausschließlich als den Antagonismus zwischen Bewegungen des Widerstands, sondern, durch die Schaffung von Raum für Diskussionen um Kritik und Feedback zu erhalten, in diesem Sinne auch als Tage des Austauschs.

Es stimmt, dass die Existenz des A-Barrios weit entfernt von Perfektion war dass Fehler gemacht wurden, die einige Genossinnen und Genossen, die das Camp in den vergangenen Jahren organisierten, verärgert haben könnten. Darum halten wir es für wesentlich, dass auch diese Genossinnen und Genossen ihre Frustrationen im Licht des A-Barrio reflektieren. Wir hoffen, sie können verstehen, dass wenn sie öffentlich dazu aufrufen, zu ihrem Camp zu kommen, sie Teilnehmende nicht in einen strikten Rahmen packen oder sie einzuschränken versuchen sollten.
Es ist für alle “Seiten” auch notwendig, in einer Selbstreflektion zu einem Ergebnis zur Frage zu kommen, ob die Frustration entweder wegen politischer Unterschiede entstand oder weil das Organisationsmodell des A-Barrios strukturell nicht gut zum Rest des Camps passte. Das heißt: ob es die Art war, wie das A-Barrio entschieden hatte, sich zu organisieren und seine Anwesenheit auf dem Camp zu strukturieren, oder ob es Konzequenz einer weiter gefassten politischen Meinungsverschiedenheit bezüglichSelbstorganisation, Beziehungen zu anderen Gruppen, Teilnehmer*innen oder Gästen auf dem Camp, wie die Präsenz von DIE LINKE, war.

Reflektion und Selbstreflektion des A-Barrios

An dieser Stelle bleibt es uns unklar, in welchem Maße diese Spannungen auf Missverständnisse zurückgehen oder ob sie tiefere politische Unterschiede ausdrückten. Wir haben noch keine vollständige Analyse, in Teilen weil wir noch bezüglich der Frage, wie sie diese „Co-Existenz“ im Camp allgemein und auf der Straße wahrgenommen haben, Rückmeldungen, Kritik und Klärungen oder Forsetzungen von Diskussionen von den Camporganisierenden und anderen Gruppen sowie Individuen aus anderen Orten (auch aus dem A-Barrio selbst) erwarten.
Auch wenn wir viele Themen lieber als Missverständnisse einstufen würden, gab es Momente, in denen es eindeutig unsere politischen Differenzen waren, die einige der Konflikte bestimmten. Die Verwirrung war nicht immer Zufall. Eine Pseudo-Geschlossenheit birgt das Risiko, weder kollektive Kraft zu stärken noch zu schaffen, und stattdessen Misstrauen zu vertiefen, eine weitere Kooperation zu schwächen und zukünftige Organisierung zusätzlich zu erschweren.

Diese Reflexion ist kein Versuch, aufgekommene politische Unterschiede zu glätten, sondern Verantwortung zu dafür zu übernehmen, wo klarere Kommunikation und frühere Koordination Verwirrung hätten verringern können. Diese Selbstkritik hebt jedoch nicht unsere Kritik an der Pseudo-Einheit auf. Sie stärkt vielmehr unsere Fähigkeit, politische Unterschiede offen anzusprechen und kollektive Bemühungen fortzuführen, ohne sie auszulöschen.

Die Auswertungen in Berlin kamen zu dem Schluss, dass die Planung von Aktionen früher in der A-Barrio-Versammlung stattfinden sollte und nicht am selben Tag. Zusätzlich sollte es eine bessere Koordination mit der gemeinsamen Campversammlung geben, um die Kommunikation mit den verschiedenen Campgruppen zu verbessern und politische Positionen anzusprechen. Teilnehmer*innen fanden, dass das A-Barrio dennoch an der Hauptversammlung teilnehmen sollte, ohne dass die Teilnehmer*innen als Delegierte auftreten, die Entscheidungen treffen oder im Namen des A-Barrios sprechen würden.

Zum offenen Rahmen und zur Selbstorganisierung

Die Konflikte um die (Selbst-)Organisation eines Ortes des Widerstands wie dem RME-Camp entlarvten die Co-Existenz zweier kaum kompatibler politischer Kulturen im selben Raum. Für die Camporganisierenden bedeutete Koordination und Organisation die Zentralisierung der Entscheidungsfindung in der gemeinsamen Versammlung, Delegation und ein selektiv vereinheitlichter Auftritt. Für die A-Barrio-Teilnehmer*innen, die aktiv an dessen Charakterbildung vor und während des Camps mitgewirkt haben, bedeutete Autonomie und Selbstorganisation das Handeln aus eigener Initiative und Verantwortung, die Schaffung von offenen Prozessen, die Organisation durch horizontale Entscheidungsprozesse, Raum für Improvisation und die Verweigerung dagegen, gesagt zu bekommen, wie der Kampf zu sein und auszusehen habe. Die Feststellung, dass diese Unterschiede nicht nur “Missverständnisse” sind, sondern spezifische Unterschiede bei den Prinzipien und gewissen politischen Ideen, ist wichtig.

Die Spannungen rund um die Organisierung tauchten nicht nur als abstrakte Unterschiede oder “Verwirrungen” auf. Sie wiesen auf grundlegende Fragen und Diskurse über Verantwortung, Hierarchie und Selbstorganisation in Räumen von koordiniertem Widerstand wie dem RME-Camp.

Geschichte und Gegenwart haben in verschiedensten sozio-politischen Umständen gezeigt, dass es möglich ist, ohne auferlegte Rollen oder exklusive zentrale Koordination aktiv kollektive Verantwortung zu übernehmen. Dies basiert widerum auf Teilung von Verantwortung und auf dauernder und offener, auf Transparenz und Ehrlichkeit basierender Kommunikation sowie einer Kultur individueller und kollektiver Initiative, die die politischen Aktivitäten der anderen nicht unterdrückt, sondern Raum schafft, Meinungsverschiedenheiten offen anzusprechen, statt sie durch Vetos oder vorher festgelegte No-Gos zu blockieren. Kämpfe wie der Widerstand gegen das atomare Endlager im Wendland geben uns gute Beispiele für Selbstorganisation, politische Vielfalt und Aktionscamps.

Dennoch besteht das Risiko, dass wenn diese Praktiken ungleich werden, die Last des Unterhalts selbstorganisierter Räume auf wenige fällt, was dann (im Stillen oder offensichtlich) zu Frustration und Hierarchien führt. Die Herausforderung besteht nicht darin, einfach mehr Struktur, mehr Schichtpläne, mehr Delegation oder mehr Hierarchien einzuführen, sondern darin, Formen geteilter Verantwortung aufzubauen, die Autonomie respektieren. Autonomie wächst daraus, dass wir gemeinsam darauf Acht geben, welche Sorge, Unterstützung oder Aktion gebraucht wird und erlaubt ein Funktionieren ohne Platz für informelle Autorität und Kontrolle zu machen. Die konkrete Form dieser Art von Organisierung ist für uns ein Experiment und unsere Auswertungstreffen haben nur Schwächen in der Organisation des A-Barrios identifiziert. Für eine universelle Lösung für Alle sind wir nicht zu haben.

Epilog

Wir bleiben der antimilitaristischen Bewegung in all ihren Formen verpflichtet. Wir reflektieren, sammeln uns und entscheiden gemeinsam, wie wir zu ihr beitragen können. Daher, um eine weitere Koordinierung mit anderen anarchistischen und autonomen Gruppen in verschiedenen Städten und Territorien zu ermöglichen, um sich weiter über das Barrio auszutauschen und die diesjährigen Anstrengungen auszubauen, hat die Berliner Versammlung die Organisierung eines städteübergreifenden Treffens mit anderen anarchistischen und autonomen Gruppen, die am nächsten Rheinmetall Entwaffnen Camp teilnehmen oder sich anderweitig im antimilitaristischen Kampf koordinieren wollen, vom 12. bis 14. Dezember in Berlin vorgeschlagen.

Die Erfahrungen des A-Barrios sind auch wichtige Lektionen für zukünftige Selbstorganisierung. Klarere Kommunikation (intern und im Camp) hat sich als entscheidend herausgestellt, damit ein offener autonomer Raum ohne unnötige Verwirrung funktioniert. Frühere Vorbereitung und kommunizierte Erwartungen würden es erleichtern, in Momenten wo sich Dinge schnell entwickeln, kollektiv zu handeln.
Gleichzeitig hat das Camp das Bedürfnis nach Räumen, in denen Initiative, Horizontalität und kollektive Verantwortung entstehen können können, klar aufgezeigt. Diese Praxis zu stärken und gleichzeitig auf ihre Wirkung im politischen Umfeld zu achten, wird ein wichtiger Teil unserer zukünftigen Bemühungen sein.

Allen gegenüber, die an Aktionen und der Demonstration und an der Demo vom Samstag teilgenommen haben, besonders jenen, die Repressionen ausgesetzt sind (oder noch sein könnten), ist das mindeste was wir in diesem Moment machen können, unsere Solidarität auszudrücken.

Kollektiver Widerstand wird verstummten!
Snitches get stitches.

 

 

 

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Ergänzungen

Mir hat das Camp und das Zusammensein im Barrio auf dem Camp im August 2025 gut gefallen. Es waren überwiegend freundliche Leute da, alle konnten sich offen zu uns setzen. Leider kam so auch ein Spitzel ins Barrio und wir haben ihn erst danach enttarnt und leider nicht bestraft. Außerdem waren auch Menschen dabei, die unhöflich zu anderen Genoss*innen waren. Die Offenheit und Freundlichkeit von vielen von uns fand also ihre Grenzen in dem Verhalten von Einzelnen. Der Aufbau des Camp basierte auf schlechten Erfahrungen in den vergangenen Jahren, wo die dogmatischen Gruppen sehr dominant erschienen sind. Es gab übrigens keinen "Code of Conduct", aber eine Verständigung über gemeinsames Verhalten, das hier nachzulesen ist:
https://rheinmetallentwaffnen.noblogs.org/koeln/gemeinsamer-umgang-auf-d...

Die Kritik, die von anti-palästinensischen Anarchist:innen aus Berlin ausgesprochen wurde, war eine Minderheit in unserem Anarcho-Barrio. Sie stehen nicht repräsentativ für das Barrio, muss auch mal betont werden. Free Palestine! Festzustellen bleibt auch: Als Anarchos waren wir auf dem Camp in diesem Jahr noch eine Minderheit. 

Die Linkspartei war schon lange Teil des RME-Bündnisses. Als 2019 noch in Unterlüß gecampt wurde, war auch das LINKE-Mitglied aus dem Gemeinderat auf Bündnistreffen dabei. Außerdem eine Linke-Abgeordnete und weitere Parteigenoss*innen aus Hamburg. Auch in Kiel 2024 gab es eine Veranstaltung mit Jan Van Akten. Die Linkspartei war schon länger bei Rheinmetall Entwaffnen als die meisten Autonomen und Anarchist*innen. Und deshalb kann ich sie weiter schlecht finden und sie kritisieren.

Uns stand als Anarchist:innen frei, eigenverantwortlich und selbstbestimmt Aktionen durchzuführen. Leider haben wir das zu wenig genutzt und uns zu sehr an Camp-Differenzen abgearbeitet, zum Beispiel der Linkspartei. Wir müssen nun auch feststellen: Die Linke hat sich in Köln solidarisch gezeigt, als das Camp-Verbot von den Bullen ausgesprochen wurde. Der Linkspartei ist es ebenso zu verdanken wie der IL mit ihrer Pressearbeit, dass Druck aufgebaut werden konnte und das Camp schließlich erlaubt wurde. Auch die Beobachter:innen der Linkspartei waren wichtig, um Repression wärend des Camps und der Aktionen zu verhindern bzw. gegen die staatliche Repression vorgehen zu können. Das war mir vorher selbst noch nicht so klar.  

Mein Resümee: Absprachen und Verbindlichkeit sind in einem breiten Bündnis und Camp wichtig und notwendig. Alles andere ist verantwortungslos gegenüber unseren Bündnispartner:innen und anderen Aktivist:innen, die uns wohlgesonnen waren. Wenn wir bei Rheinmetall Entwaffnen überhaupt weitermachen: Dann müssen wir zukünftig verbindlich im Bündnis mitarbeiten und dürfen diese anstrengende Vorbereitungsarbeit nicht den anderen überlassen und uns dann ins gemachte Bett setzen ohne die Bündnisabsprachen zu kennen. Wir müssen unsere Veranstaltungen ins Camp-Programm einbringen statt nur unseren eigenen Stiefel durchzuziehen, das ist nachvollziehbar. Und so können auch alle voneinander lernen.