Irgendwie und irgendwann kommt man an jeden Nazi ran

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Antifaschist*innen aus dem deutschsprachigen Raum haben eine neue Plattform geschaffen, um Nazis und rechte Gewalttäter zu melden: https://nazismelden.org/. Ziel ist aus der Ohnmacht rauszufinden und eine antifaschistische Vernetzung zu schaffen, von der jede Person Teil werden kann. Es gibt keine zentrale Steuerung, keine gemeinsame Sammlung. Die eingesendeten Informationen gehen ausschließlich an Antifaschist*innen vor Ort.

Am vergangenen Wochenende hat sich im nächsten Bundesland gezeigt, was schon seit Jahren absehbar ist: Die AfD hat auf ganzer Linie gesiegt und kann inzwischen maßgeblich die Regierungspolitik mitbestimmen. Aber nicht erst seit jetzt setzen die staatlichen Behörden in ihrer Verfolgung von Aktivist*innen in vorauseilendem Gehorsam die Linie der Faschist*innen um. Staatliche und rechte Gewalt sind seit Jahren unser Alltag und das wollen wir so nicht mehr hinnehmen. Ebenso wie Seenotrettung versucht staatliches Versagen zivilgesellschaftlich abzufangen, ist das der Versuch dieser Plattform: Wenn wir jeden Tag Angst haben vor Naziangriffen und staatlicher Verfolgung, sollen sie das auch. Nicht wissen, wer was über sie weiß. Nicht wissen, wer ihre Adresse hat. Nicht wissen, wer was gegen sie plant. Niemand soll und muss wissen, was tatsächlich passiert. Aber alle sollen wissen: wir sind da, wir waren nie weg und wir lassen uns weder abschrecken noch verbieten.

Die Plattform ist ein Werkzeug für diejenigen, die aus verschiedenen Gründen bislang nicht politisch aktiv sind oder sein können. Jede Person kann Informationen über Nazis und über Angriffe durch Nazis an die antifaschistischen Strukturen vor Ort geben, ohne sich zu zeigen oder selbst in Gefahr zu bringen. Sie kann auch genutzt werden von Menschen, die sicher Informationen in andere Orte übermitteln wollen, um ihre Genossis zu warnen, hilfreiche Hinweise zu geben oder was auch immer ihr aktivistisch aus der Plattform noch rausholen könnt.

Die Platform basiert technisch auf der open source Software globaleaks um die Identitäten von Hinweisgeber*innen und der Antifaschist*innen vor Ort zu schützen. Die Hinweise werden verschlüsselt gespeichert und können nur von den Antifaschist*innen vor Ort gelesen werden. Es wird empfohlen die Plattform über den Tor-Browser zu verwenden. Die Plattform ist auch über die folgende onion-Domain erreichbar:

http://mn6iq5qd6uo4ksouhmtaig6zycxiawv4vy5jbowegehzojz6heqahxad.onion/

Praktisch heißt das:

1. Wenn du von Nazis angegriffen wurdest oder anderweitig Informationen über Faschos hast, die du den Antifaschist*innen in deiner Stadt mitgeben willst, geh über den Tor-Browser auf: nazismelden.org und fülle das Formular aus. Je mehr Infos und Material du gibst, desto besser können die Personen auf der anderen Seite damit arbeiten. Unter Umständen haben sie Rückfragen, die kannst du dann unter der Nummer, die du am Ende bekommst, einsehen. Die Antifaschist*innen vor Ort überprüfen die Hinweise, bringen sie in Zusammenhang mit schon bestehenden Informationen und schauen, ob und was sie damit machen können.

2. Wenn du Aktivist*in bist, kannst du uns und dir helfen, indem du die Plattform verbreitest. Online, offline, überall. Erzähle entmutigten Genossi davon, traurigen Familienmitgliedern, verzweifelten Arbeitskolleg*innen, die nicht wissen, wie sie sich wehren können, damit sie die Plattform nutzen.
Überlege dir sichere Wege, wie du die Sticker im Anhang drucken und verbreiten kannst. Erstelle eigene Sticker, Flyer oder Texte.

3. Wenn es deine Stadt nicht bei nazismelden.org gibt, unterstütze lokale Antifa-Strukturen. Es hat nichts zu bedeuten, dass sie nicht auf der Plattform auftaucht - wir sind noch nicht überall.

Lizenz des Artikels und aller eingebetteten Medien: 
Public Domain (cc0): Weiternutzung ohne Einschränkung. Gemeinfrei im Sinne der Public Domain

Ergänzungen

Wir arbeiten in Bereichen, für die das Portal vorgibt, Informationen weiterzuleiten. Uns und befreundeten Gruppen ist das Portal unbekannt, sodass wir momentan die Nutzung nicht empfehlen können.

Hallo,

Die Plattform sieht spannend aus und eine niedrigschwellige Möglichkeit, Informationen zu teilen, hat sicher Vorteile. Aber uns stellen sich noch einige Fragen.

Vielleicht die schwierigste von allen:
Wieso sollten wir euch mit diesem doch für viele sehr kritischen und vielleicht auch gefährlichen Wissen vertrauen? Das Wissen in der Datenbank hat das Potential, nicht nur die Einreichenden und Auswertenden, sondern am Ende auch Menschen, die basierend auf dem Wissen handeln, zu gefährden. Unserer Meinung nach ist hier mehr als nur eine technisch gute Plattform wichtig, um Vertrauen zu bilden und zu erhalten.

Wir haben im Moment erstmal keine prefekte Idee, wie dieses Vertrauen außer über Vertrauensbrücken oder Bürg*innen etabliert werden kann. Hier sind wir auf jeden Fall für Vorschläge offen.

Des Weiteren stellt sich die Frage, wieso ihr nicht mit etablierten Recherche-Gruppen, welche es ja bundesweit gibt, gesprochen habt. Sie sammeln und kurieren bereits viel Wissen über die rechte Szene und sind häufig Teil lokaler Antifa-Strukturen. Eine Zusammenarbeit hätte dieser neuen Plattform sofort einen Vertrauensvorsprung gegeben. So wirkt es eher etwas auffällig, dass diese Zusammenarbeit nicht gesucht wurde. (Wir haben hier ein bisschen über eigene Netzwerke rumgefragt, dabei aber sicher nicht alle Recherchegruppen erreicht. Falls ihr hier Infos über eine Zusammenarbeit geben könnt, gerne.)

Diese Fragen stellen sich zum grundlegenden Vertrauen in eure neue Plattform.

Logistisch erscheint es uns ebenfalls unklar, wer nun wie Zugriff auf die Daten enthält. Ihr schreibt: „ Die Antifaschist*innen vor Ort überprüfen die Hinweise, bringen sie in Zusammenhang mit schon bestehenden Informationen und schauen, ob und was sie damit machen können." Aber wer sind diese Antifaschist*innen? Wie werden sie ausgewählt, und wie wird sichergestellt, dass brisanten Infos nicht in falsche Hände gelangen?

Ich hoffe, ihr versteht unsere Sorgen. Es ist keine allgemeine Ablehnung, aber wir sehen noch offene Fragen, bevor wir eure Plattform nutzen oder weiterempfehlen können.

Im Zuge der Transparenz würden wir uns über eine öffentliche Antwort freuen. Sonst sind wir aber auch unter co3t6s88t6chkilpfqe5j87a@systemli.org mit dem Key (36CC A476 007F 9849 4F71 D041 FA43 392E E832 214D) zu erreichen. Außerdem wäre es im Zuge der Nachvollziehbarkeit super, wenn ihr auf eurer Website einen eigenen PGP-Key veröffentlicht und eure Antwort damit signiert.

Grüße,
Antifaschist*innen aus dem Rhein-Main Gebiet

P.S.: Angehängt findet ihr eine signierte Version dieser Nachricht, sowie unseren public Key.