Das gebrochene Schweigen- und jetzt?
Wie die Berliner Tageszeitung taz berichtet, haben am 14. Juli die sieben vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht angeklagten Antifaschistinnen und Antifaschisten ihr Schweigen gebrochen. Sie haben eingeräumt im Frühjahr 2023 in Budapest gewesen zu sein, wo es dann zu Angriffen auf Neonazis kam. Was bedeuten die Geständnisse für den Grundsatz der Aussageverweigerung?
Ausgangslage: Repression, Abtauchen und U-Haft
Was am Dienstag im Hochsicherheitssaal des OLG Düsseldorf passiert ist, erscheint als Versuch, nach drei Jahren der justiziellen Verfolgung, des Abtauchens und dann der Untersuchungshaft, wieder in die Rolle der aktiv Handelnden zu kommen, so wie schon Anfang 2025, als sich mehrere der Abgetauchten in einer konzertierten Aktion der Polizei stellten.
Nach eineinhalb Jahren in Untersuchungshaft, zudem seit 2023 mit einem Verfahren wegen des Vorwurfs des versuchten Mordes konfrontiert, werden Entscheidungen zwangsläufig immer unter einem Druck getroffen, der von außen schwer zu beurteilen ist. Persönliche Solidarität mit den Antifaschist:innen ist selbstverständlich- auch nach diesem Dienstag.
Trotzalledem: der Grundsatz der Aussageverweigerung!
Und dennoch lässt sich schwerlich übergehen, was die Geständnisse politisch bedeuten. Der Grundsatz, zu schweigen, war bislang ein zentraler Aspekt, der alle Verfahren, ob das in Düsseldorf, jenes in Dresden, München und das von Maja in Budapest, miteinander getragen hat. Ein Band der Solidarität; Ausdruck einer gemeinsamen, verantwortungsvollen Entscheidung, ein gemeinsamer Entschluss, den Justizbehörden und ihrer Repression zu widerstehen. Maja tut das in Ungarn, unter menschenunwürdigen Haftbedingungen einsitzend, bis heute.
Dass dieser Entschluss nicht weiter Bestand hat, so viel Ehrlichkeit muss sein, ist kein belangloser Vorgang. Es verändert die Lage für alle, die weiter schweigen. Auch Auswirkungen auf Majas noch nicht rechtskräftig abgeschlossenes Verfahren in Ungarn sind möglich.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen einer politischen Erklärung und einem Geständnis. Eine politische Erklärung ist ein Akt der Selbstbehauptung. Ein Geständnis dagegen übernimmt, und sei es auch nur in Teilen, die Sprache und die Tatsachenbehauptungen der Anklage. Es stärkt das Narrativ der Justiz, das Verfahren sei ein Ort, an dem am Ende die Wahrheit gefunden werde, obwohl es doch, wie jedes Strafverfahren gegen politische Bewegungen, zuvörderst ein Ort der Abschreckung ist.
Zudem betreffen antifaschistische Prozesse nie nur die Angeklagten selbst. Sie dienen den Ermittlungsbehörden stets auch, um Beziehungen auszuforschen und das für jede Form politischen Kampfes so elementare Vertrauen zu zerstören. Aussageverweigerung war deshalb in der Geschichte linker Bewegungen nie eine individuelle Verteidigungsstrategie. Sie war Ausdruck einer politischen Haltung sowie der Einsicht, dass staatliche Repression darauf abzielt, kollektive Zusammenhänge in einzelne Individuen zu zergliedern, um so die Bewegung insgesamt unterminieren zu können.
Gerade deshalb steht die Entscheidung zu einem Geständnis in einem Spannungsverhältnis zu dem elementaren Grundsatz der Aussageverweigerung, wie ihn die Rote Hilfe seit Jahrzehnten verteidigt. Schweigen markiert eine Grenze! Es sagt dem Staat: bis hierhin reicht eure Macht. Nicht alles, was ihr wissen wollt, werdet ihr von uns erfahren. Dieser Grundsatz schützt weniger die einzelne Person als das Vertrauen zwischen vielen.
Nur ein kurzer Blick in die Geschichte
Das sogenannte Kaindl-Verfahren entstand Anfang der 1990er Jahre vor dem Hintergrund rassistischer Pogrome und einer massiven Welle rechter Gewalt, als vor allem migrantische Antifaschist:innen der Berliner Antifa Gençlik nach dem Tod des Neonazi-Funktionärs Gerhard Kaindl ins Visier der Repressionsbehörden gerieten. Die Ermittlungen und der spätere Prozess trafen nicht nur einzelne Beschuldigte, sondern zielten aus antifaschistischer Sicht auf die Zerschlagung einer selbstorganisierten migrantischen Antifa-Struktur, die sich dem erstarkenden Neonazismus entgegenstellte. Für viele in der antifaschistischen Bewegung wurde das Verfahren deshalb zu einem Symbol dafür, wie staatliche Repression politische Organisierung angreift, aber ebenso weshalb Solidarität sowie konsequente Aussageverweigerung als kollektiver Selbstschutz verstanden werden.
Kurz vor ihrem Tod hat sich Devran, eine der damals Angeklagten, in einem Text zu der Frage von „Aussagen und Einlassung“ geäußert, auch mit expliziter Bezugnahme auf die im Düsseldorfer Verfahren nun angeklagten Antifaschist:innen.
Devran schreibt in ihrem Text „(…) für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Aussagen und Einlassungen. Ich habe diese Entscheidung für mich getroffen, denn wir begehen nicht nur Verrat an unseren Genoss*innen, die schon weg sind oder ähnliches, sondern ich hätte mich selbst als eine Politische Gefangene und in meiner Identität als Politische Gefangene verraten und ich wusste, ich hätte niemals damit leben können.“
Blick auf jene, die schweigen
Maja sitzt in Ungarn unter menschenunwürdigen Haftbedingungen in Untersuchungshaft und macht trotzdem keine Aussage. Hanna, verurteilt in München, ebenfalls ohne ein Geständnis. Lina sowie ein anderer Zeuge im Dresdner „Antifa-Ost“-Verfahren, die beide in Beugehaft sitzen- weil sie schweigen.
Dabei ist Schweigen kein Märytertum. Es ist die Weigerung, mitzuspielen, ohne sich deshalb der eigenen Verletzlichkeit zu verweigern. Sich auf das unbedingte Schweigen verlassen zu können, ist Voraussetzung für politische Aktionen.
Fazit
Drei Szenarien zeichnen sich ab: zum einen könnten die vor dem OLG Dresden angeklagten Antifaschist:innen nachziehen. Dann wäre Düsseldorf lediglich der Auftakt einer Serie, und der Grundsatz der Aussageverweigerung würde sich womöglich aufzulösen beginnen, bevor die Linke ihn neu diskutieren konnte. Zweitens könnte Dresden bewusst am Schweigen festhalten, gerade um sich von Düsseldorf abzugrenzen. Dann entstünde ein sichtbarer Riss zwischen zwei Großprozessen, welche bislang als ein gemeinsamer Komplex galten, auch wenn Anklagepunkte mitunter differieren. Drittens könnten linke Strukturen sich zu dem Grundsatz der Aussageverweigerung ernsthaft bekennen oder müssten beginnen, öffentlich über Bedingungen zu sprechen, unter denen Schweigen noch verlangt werden kann.
Für Maja in Budapest ist die Lage am misslichsten, denn ungarische Ermittler könnten die Düsseldorfer Geständnisse aufgreifen, um Druck auf ihr eigenes, noch offenes Verfahren auszuüben.
Ob und wie die Solidaritätsstrukturen auf die Düsseldorfer Geständnisse reagieren, dürfte ein erster Test dafür sein, ob das Prinzip der Aussageverweigerung nach diesem Dienstag im Juli noch trägt.
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In memoriam:
Im Gedenken an Devran Fatma. Sie hat vergangenes Jahr, noch kurz vor ihrem Tod, über ihren eigenen Erfahrungen der Aussageverweigerung geschrieben. Im Zusammenhang mit dem sogenannten „Kaindl-Verfahren“ saß Devran in den 90ern selbst in Haft.
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Ergänzungen
Aussageverweigerung
HH: 23.Juni: Bericht von der erneuten Zeug:innenvorladung gegen Wolfgang wegen des Untergetauchten Volker Staub
Bereits am 10.Dezember 2025 hatte er eine Vorladung in demselben Polizeirevier in Billstedt. Die Zeugenvorladung wurde forciert über die Generalbundesanwaltschaft (GBA) wegen Volker Staub und „Mord“ und er musste ein Ordnungsgeld von 1000,00€ zahlen!
Begründet wird das durch die Richterin Zeller beim Bundesgerichtshof auch durch seine offensive Öffentlichkeitsarbeit: Berichte auf indymedia oder bei Radio Flora aus Hannover
Zusätzlich bemängelt sie, dass Wolfgang alle Betroffene dazu aufruft, die Aussage zu verweigern!.
Die Fragen an diesem Tag waren fast dieselben wie beim ersten Mal:
Es ging dabei um eine Wohngemeinschaft 1978 in Hamburg, in der Volker und Wolfgang gelebt haben sollen: Wie waren da die persönlichen und politische Verhältnisse untereinander? Wie habe sie sich kennengelernt?
Auch dieses Mal verweigerte Wolfgang im Beisein seines Anwalts die Aussage!
Kundgebung
Die “ Gruppe gegen Vorladung und Beugehaft“ hatte parallel zu eine Kundgebung angemeldet.
Es gab verschiedene Beiträge von Wolfgang, dem Kommunistischen Aufbau , Gruppe Solidarität mit Daniela und den französischsprachigen Sektionen der Roten Hilfe International aus Genf, Toulouse und Brüssel!
Es wurden auch lautstark Parolen gerufen. Diese waren auch in dem Polizeirevier gut zu hören
Einschätzung
Es gab seit 2024 bisher bald 50 Vorladungen im Zusammenhang mit der Festnahme von Daniela Klette und der internationalen Fahndung nach den Genossen Burkhard Garweg und Volker Staub.
Viele Vorgeladene haben sich dazu nur individuell verhalten und teilweise leider auch Aussagen gemacht. Einige haben aber konsequent die Aussage verweigert und das häufig auch politisch öffentlich gemacht
Daniela ist inzwischen zu 13 Jahren Knast wegen Geldbeschaffungsaktionen verurteilt worden.
Wichtig ist aber, dass die Klassenjustiz ihr Aktionen der RAF vorwirft und in diesem Kontext ist das Urteil, sind die Vorladungen und die Besuchsverbote zu begreifen!
Auch wir sind alle zunehmend von Repression, Vorladungen und Knast wegen unserer antifaschistischen, antipatriarchalen, internationalistischen, antimilitaristischen und klassenkämpferischen Aktivitäten gegen das herrschende System betroffen und sollten diesem daher auch gemeinsam entgegentreten.
Vor so einer gemeinsamen Front auch von älteren und jungen Militanten haben die Herrschenden Angst!
Auch blicken die Bullen nicht durch und können sich nicht erklären, warum hier in der BRD und in den reichen Staaten seit über 60 Jahren Widerstand gibt. .
Deshalb:
Anna und Arthur halten das Maul!
Wer Unterdrückung säht, erntet Widerstand.
Nur wer sich bewegt, spürt seine Fesseln !
Freiheit für Daniela Klette und die Ulm5!
Solidarität mit Volker und Burkhard, die seit über 30 Jahren gesucht werden und allen weiteren Untergetauchten!
„Wirklich frei sein können wir erst, wenn alle frei sind.“ (Daniela)
Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen
Materialien:
Schwerpunkt der neuen Ausgabe des Gefangenen Info 459 ist Aussageverweigerung
https://www.gefangenen.info/4336/bericht-von-meiner-zeugenvorladung/
/political-prisoners.net/3-podcasts-der-sendung-wie-viele-sind-hinter-gittern-die-wir-draussen-brauchen-ausgabe-februar-2026/37151/
https://political-prisoners.net/3-podcasts-der-sendung-wie-viele-sind-hi...
https://political-prisoners.net/solidaritaet-mit-daniela-info-nr-51-10-5...
Hamburg: 23 June: Report on the renewed summons for Wolfgang to give evidence in connection with Volker Staub, who has gone into hiding
He had already been summoned to the same police station in Billstedt on 10 December 2025. The witness summons was pushed through by the Federal Public Prosecutor’s Office (GBA) in connection with Volker Staub and “murder”, and he was forced to pay a fine of €1,000.00!
Judge Zeller at the Federal Court of Justice justified this partly on the grounds of his outspoken public advocacy: reports on Indymedia or on Radio Flora in Hanover
In addition, she criticised Wolfgang for calling on all those involved to refuse to give evidence!
The questions on that day were almost the same as the first time:
They concerned a shared flat in Hamburg in 1978, where Volker and Wolfgang are said to have lived: what were the personal and political relations between them like? How did they meet?
Once again, Wolfgang refused to testify in the presence of his lawyer!
Rally
The “Group Against Summonses and Contempt of Court” had registered a rally to take place at the same time.
There were various contributions from Wolfgang, Kommunistischer Aufbau, the Solidarity with Daniela group and the French-speaking sections of Rote Hilfe International from Geneva, Toulouse and Brussels!
Slogans were also chanted loudly. These could be heard clearly even inside the police station
Translated with DeepL.com (free version)
Assessment
Since 2024, there have been nearly 50 summonses in connection with the arrest of Daniela Klette and the international manhunt for comrades Burkhard Garweg and Volker Staub.
Many of those summoned have responded only on an individual basis and, in some cases, have unfortunately also made statements. Some, however, have consistently refused to make a statement and have often made this a matter of public political record.
Daniela has since been sentenced to 13 years in prison for fundraising activities.
It is important to note, however, that the class-based justice system accuses her of RAF activities, and it is in this context that the verdict, the summonses and the visiting bans must be understood!
We, too, are all increasingly affected by repression, summonses and imprisonment because of our anti-fascist, anti-patriarchal, internationalist, anti-militarist and class-struggle activities against the ruling system, and we should therefore stand up to this together.
The ruling class is afraid of such a united front, comprising both older and younger militants!
Nor do the cops get it – they cannot explain why there has been resistance here in the FRG and in the rich countries for over 60 years. .
Therefore:
Anna and Arthur are keeping their mouths shut!
Those who sow oppression reap resistance.
Only those who take action feel their shackles!
Freedom for Daniela Klette and the Ulm5!
Solidarity with Volker and Burkhard, who have been missing for over 30 years, and with all others in hiding!
“We can only be truly free when everyone is free.” (Daniela)
Network for Freedom for All Political Prisoners
Translated with DeepL.com (free version)