Komplexität als Ressource: Ein Beitrag zur Bündnistheorie

Komplexität als Ressource: Ein Beitrag zur Bündnistheorie

Es erscheint naheliegend, dass ein Bündnis zur Palästina-Solidarität nicht ausschließlich die Situation in Palästina thematisiert. Zwar bildet diese den Anlass und Schwerpunkt des Bündnisses, doch wäre es verkürzt, die zugrundeliegenden Strukturen von Herrschaft, Gewalt, Entrechtung und Ungleichheit isoliert zu betrachten.

Folgerichtig sollten daher auch andere internationale antiimperialistische Kämpfe berücksichtigt werden. Wo Menschen unter Besatzung, Vertreibung, ökonomischer Abhängigkeit oder militärischer Gewalt leiden, bestehen zumindest strukturelle Berührungspunkte. Ein Bündnis, das sich für Befreiung einsetzt, gewinnt an analytischer Tiefe, wenn es diese Zusammenhänge sichtbar macht.

Ebenso wäre zu prüfen, inwiefern die Frage des Veganismus stärker integriert werden kann. Schließlich richtet sich Veganismus gegen die systematische Ignoranz gegenüber den Interessen anderer Lebewesen sowie gegen deren Ausbeutung, Vertreibung, Einkerkerung und Diskriminierung. Auch wenn die konkreten historischen und politischen Konstellationen selbstverständlich unterschiedlich sind, scheint die grundsätzliche Ablehnung unnötiger Herrschaftsausübung ein verbindendes Motiv darzustellen.

Darüber hinaus wäre eine stärkere Berücksichtigung von Antiageismus wünschenswert. Altersbezogene Diskriminierung bleibt häufig unsichtbar, obwohl sie zahlreiche gesellschaftliche Bereiche durchzieht. Wer Machtverhältnisse analysiert, sollte sich fragen, weshalb manche Stimmen als relevanter gelten als andere und weshalb Menschen abhängig von ihrem Geburtsjahr unterschiedlich ernst genommen werden.

In einem weiteren Schritt wäre die Einbindung von Kämpfen gegen Transfeindlichkeit und Sexismus sinnvoll. Auch hier geht es um gesellschaftliche Ausschlüsse, um die Regulierung von Körpern und um die Verteilung von Teilhabe und Anerkennung. Die genaue Ausgestaltung entsprechender Arbeitsgruppen müsste selbstverständlich noch diskutiert werden.

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Bündnisentwicklung. Häufig wird angenommen, dass die Aufnahme zusätzlicher Themen die Einigung erschwert. Diese Auffassung beruht jedoch auf einer eher statischen Vorstellung politischer Zusammenarbeit. Tatsächlich liegt die Vermutung nahe, dass eine Ausweitung des thematischen Spektrums die Einigungsgrundlage entsprechend verbreitert.

Wenn sich zehn Menschen auf ein Thema einigen können, spricht wenig dagegen, dass sich dieselben zehn Menschen auf zwölf Themen noch besser einigen können. Mit jedem weiteren Themenfeld entsteht schließlich eine zusätzliche Möglichkeit, Übereinstimmung herzustellen. Es wäre daher zu erwarten, dass die Aufnahme weiterer Schwerpunkte die Konsensbildung schrittweise vereinfacht.

Konsequenterweise könnte das Bündnis außerdem Arbeitsgruppen zu Barrierefreiheit, Mieter*innenrechten, Arbeitskämpfen, Klimagerechtigkeit, Datenschutz, Kinderrechten und der Situation von Stadttauben einrichten. Jede zusätzliche Arbeitsgruppe würde das gemeinsame Fundament weiter verbreitern und damit die organisatorische Geschlossenheit stärken.

Langfristig dürfte auf diese Weise ein Bündnis entstehen, das alle relevanten gesellschaftlichen Fragen gleichzeitig behandelt. Die Wahrscheinlichkeit von Meinungsverschiedenheiten würde dabei naturgemäß sinken, da immer mehr Themen vorhanden wären, auf die sich die Diskussion verteilen kann. Wo früher über eine Sache Uneinigkeit bestand, könnten künftig fünfzehn weitere hinzukommen, auf die sich diese Uneinigkeit verteilen lässt.

Der ursprüngliche Schwerpunkt Palästina bliebe selbstverständlich erhalten. Er würde lediglich durch alle anderen Themen ergänzt werden. Das Bündnis könnte dadurch erheblich wachsen, da erfahrungsgemäß jede zusätzliche politische Forderung den Kreis derjenigen vergrößert, die sich darauf einigen können.

In der Organisationsforschung ist dieses Prinzip als umgekehrte Komplexitätsreduktion bislang erstaunlich wenig untersucht. Dabei spricht die praktische Erfahrung dafür, dass Gruppen umso handlungsfähiger werden, je mehr Anliegen, Arbeitsgruppen, Positionspapiere und theoretische Bezugspunkte sie gleichzeitig koordinieren. Während kleinere Bündnisse häufig an Detailfragen scheitern, eröffnet eine ausreichend große Zahl von Themen die Möglichkeit, sich dauerhaft mit der Priorisierung dieser Themen zu beschäftigen.

Im Idealfall würde das Bündnis schließlich eine Größe erreichen, bei der jede denkbare politische Position durch mindestens eine andere politische Position ergänzt wird. Auf diese Weise könnten Widersprüche nicht beseitigt, aber gleichmäßig verteilt werden. Die daraus resultierende Ausgewogenheit wäre vermutlich ein bedeutender Faktor für weiteres Wachstum.

Zumindest gibt es bislang keine belastbaren Hinweise darauf, dass ein Bündnis durch die Aufnahme immer weiterer Themen jemals kleiner geworden wäre.

 

Yallah
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