"Merz leck Eier" oder die schrecklich witzge Homophobie der Linken
Die Parole „Merz leck Eier“ wirkt auf den ersten Blick wie eine vulgäre Beleidigung gegen Friedrich Merz. Tatsächlich reproduziert sie jedoch ein homo- und queerfeindliches Sprachmuster.
Die Parole „Merz leck Eier“ wirkt auf den ersten Blick wie eine vulgäre Beleidigung gegen Friedrich Merz. Tatsächlich reproduziert sie jedoch ein homo- und queerfeindliches Sprachmuster. Denn die Beleidigung funktioniert darüber, jemandem symbolisch eine sexuelle Handlung mit einem Mann zuzuschreiben und genau daraus ihre Erniedrigung abzuleiten.
Historisch wurden schwule Männer und queere Menschen immer wieder über sexualisierte Beschimpfungen entmenschlicht. Wer einem politischen Gegner „leck Eier“ zuruft, greift auf ein Bild zurück, das Männlichkeit abwertet, sobald sie mit Unterordnung, Passivität oder gleichgeschlechtlicher Sexualität verbunden wird. Die Pointe der Beleidigung besteht darin, dass es angeblich beschämend sei, sich in einer homosexuell konnotierten Rolle wiederzufinden. Im schlimmsten Fall, wie bei Merz anzunehmen, ohne Konsens.
In dieser Logik unterscheidet sich die Parole kaum von Beschimpfungen wie „Schwanzlutscher“ oder „Arschficker“. Auch dort wird Homosexualität oder eine vermeintlich „passive“ sexuelle Rolle benutzt, um Menschen herabzusetzen. Die konkrete Wortwahl mag variieren, aber die gesellschaftliche Funktion bleibt ähnlich: Queere Sexualität wird als Mittel der Demütigung instrumentalisiert.
Auffällig ist dabei, dass solche Slogans häufig entweder aus einem bestimmten „Lifestyle-Linken“-Milieu oder aus roten Mackergruppen kommen, die zwar radikale Rhetorik pflegen, aber kaum Probleme damit haben, homophobe und patriarchale Muster aus Teilen der kommunistischen Tradition weiterzutragen. Gerade in manchen autoritären oder männlich dominierten linken Zusammenhängen galt Queerfeindlichkeit lange als nebensächliches Problem oder wurde sogar offen reproduziert, solange sie sich gegen den „richtigen Gegner“ richtete.
Problematisch ist außerdem, wie unkritisch solche Parolen anschließend von Bürgi-Mitläufern wie verschiedenen Solid-Gruppen übernommen und nachgeplappert werden. Viele skandieren sie, ohne sich Gedanken darüber zu machen, welche Bilder von Männlichkeit, Sexualität und Erniedrigung damit transportiert werden. Dadurch normalisieren sich homo- und queerfeindliche Sprachmuster erneut — diesmal unter einem vermeintlich progressiven oder linken Label.
Diese Muster finden sich seit Jahren auch in Teilen der Rapkultur — in letzter Zeit vorallem zu hören bei linken und sich als feministisch selbst vermarkteteten Rappern wie Disrarstar als auch bei Rapperinnen wie Visa Vi. Gerade im Battle- oder Straßenrap werden sexuelle Dominanzbilder genutzt, um Macht und Stärke auszudrücken, während die zugeschriebene „passive“ Rolle abgewertet wird. Dass solche Bilder kulturell normalisiert wurden, macht sie nicht harmlos, sondern zeigt vielmehr, wie tief Homo- und Queerfeindlichkeit sowie sexualisierte Gewalt in alltäglicher Sprache verankert ist.
Aus einer linken und emanzipatorischen Perspektive reicht es deshalb nicht, nur auf die politische Botschaft eines Slogans zu schauen. Entscheidend ist auch, welche gesellschaftlichen Bilder und Machtverhältnisse dabei reproduziert werden. Kritik an Friedrich Merz ist selbstverständlich legitim und notwendig. Problematisch wird sie dort, wo sie sich derselben diskriminierenden Sprachmuster bedient, gegen die linke Politik eigentlich kämpfen sollte.
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