[LE] Connewitz, was ist aus dir geworden!?
Versuch einer Einordnung der Geschehnisse rund um den 17. Januar 2026 in Leipzig-Connewitz aus autonomer antifaschistischer Perspektive
Die Ausgangslage schien klar – zumindest wurde sie uns in Connewitz über Wochen so vermittelt: Ein angeblicher Anti-Antifa-Aufmarsch stehe bevor. Entsprechend lief die Mobilisierung an, wie man sie kennt. Zubringer-Demo, mehrere angemeldete Kundgebungen, Demoticker, Ermittlungsausschuss. Alles wie immer. Und doch war dieses „wie immer“ diesmal ein Trugschluss.
Schon allein die Tatsache, dass im Vorfeld gemeinsam mit Parteien wie Grünen, SPD, FDP und anderen Vertreter*innen der Staatsräson mobilisiert wurde, hätte jedem autonomen Antifaschisten zu denken geben müssen. Spätestens dort wurde deutlich, dass hier nicht gegen rechte Strukturen oder staatliche Verhältnisse mobilisiert wurde, sondern ein Protest entstand, der sich bewusst in den bürgerlichen Konsens einbettete – und diesen nicht in Frage stellte.
Denn mobilisiert wurde nicht gegen Nazis, nicht gegen Rechte oder staatliche Repression, sondern gegen migrantische Linke und palästinasolidarische Menschen. Ihnen wurde – pauschal wie selektiv – Antisemitismus, Autoritarismus und eine Nähe zu reaktionären Ideologien vorgeworfen. Anstatt diese Vorwürfe offen, differenziert und solidarisch zu diskutieren, wurde ein Feindbild aufgebaut, das vor allem eines leistete: die Legitimation für eine massive Mobilisierung gegen links.
Kritik an Gruppen wie Handala oder anderen palästinasolidarischen Zusammenhängen mag notwendig sein. Antisemitismus muss benannt und bekämpft werden. Doch genau diese notwendige Auseinandersetzung blieb aus. Auf berechtigte Kritik wurde nicht eingegangen, stattdessen dominierte eine aggressive Erzählung vom drohenden „anti-antifaschistischen Aufmarsch“. Diese Erzählung diente vor allem dazu, eigene Positionen zu immunisieren und jede Gegenrede als gefährlich oder illegitim zu markieren.
Am Tag selbst wurde dann offensichtlich, wie schief diese Mobilisierung war. Was als Abwehr eines vermeintlich gefährlichen Aufmarsches angekündigt worden war, entpuppte sich als weitgehend homogener, weißer Aufzug – ein Kartoffelaufmarsch durch und für Connewitz. Der migrantische Anteil lag gefühlt bei einem halben Prozent. Dafür dominierten Israel- und Ukraine-Fahnen, staatstragende Symbolik und Parolen wie „Nie wieder Gaza“.
Das Feindbild schien im Vorfeld klar benannt – doch stattdessen konnten sich Altherrengruppen wie die AG aus Halle/Saale ungestört in unserem Viertel präsentieren. Spätestens bei ihrem Redebeitrag, der sich offen polizeifreundlich zeigte, hätte es Interventionen geben müssen. Dass dies ausblieb, sagt viel über den politischen Zustand des Viertels an diesem Tag aus.
Besonders bemerkenswert ist dabei die historische Ironie: Genau diese Gruppe beteiligte sich in Connewitz an jenem politischen Muster, das sie Anfang der 2010er Jahre noch selbst kritisierte. In ihrem damaligen Text „Volksgemeinschaft gegen rechts“ wandten sie sich gegen die erfolgreiche, aber politisch entkernte Massenmobilisierung gegen den Nazigroßaufmarsch in Dresden – wo „alles mobilisiert wurde, was Beine hatte“. In Connewitz wurde dieses Prinzip nicht nur reproduziert, sondern aktiv verteidigt.
Zu dieser Truppe gesellte sich unter anderem Never Again Berlin, eine Gruppe, die öffentlich dazu aufruft, keine Solidarität mit der Roten Hilfe zu zeigen. Auch sie konnten sich ungestört mit Transparent in unserem Viertel präsentieren. Dass Organisationen, die offene Angriffe auf antifaschistische Solidarstrukturen fahren, in Connewitz keinen Widerspruch erfahren, markiert einen politischen Dammbruch.
Erschreckend war auch, wie wohl sich an diesem Tag parlamentarische Kräfte fühlten. SPD, Linkspartei, Grüne, FDP – sie alle waren sichtbar präsent, eingebettet in einen Protest, der sich antifaschistisch nannte, aber keinerlei Bedrohung für bestehende Machtverhältnisse darstellte. Währenddessen konnte sich der Gegenprotest problemlos vermummen, ohne Repression fürchten zu müssen – ein Privileg, das sonst konsequent durch Repression bestraft wird.
Banner wie das der „Wessi-Antifas“ von der ehemaligen Antifa Klein Paris machten deutlich, dass man mit den Zuständen in Connewitz offenbar zufrieden ist. Zufrieden mit einer Szene, die migrantische Perspektiven marginalisiert, Solidarität selektiv verteilt und Kritik von links lieber diffamiert, statt sich ihr zu stellen.
Bleibt die bittere Frage: Was ist aus Connewitz geworden? Aus einem Stadtteil, der einmal für radikale und solidarische Politik stand?
Der 17. Januar 2026 war kein Tag antifaschistischer Stärke. Er war ein Symptom einer tiefen Spaltung, die nicht von außen kommt, sondern hausgemacht ist. Wer migrantische Linke bekämpft, statt gemeinsam gegen Rassismus, Antisemitismus, Imperialismus und staatliche Gewalt zu kämpfen, trägt nicht zur Befreiung bei – sondern zur weiteren Entpolitisierung antifaschistischer Praxis.
Creative Commons by-sa: Weitergabe unter gleichen Bedingungen
Ergänzungen
Richtigstellung
Dieser tendenziöse "Bericht" trotzt nur so vor Unterstellungen und einseitigen Behauptungen, die der Faktenlage ziemlich widersprechen.
Fakt ist: am 17.01. rief eine antisemitische Querfront von Handala (gepampert von BSW und einer sächsischen Landesbeamtin) bis Migrantifa (schade, was sich unter vermeintlicher Palästinasolidarität so alles zusammenfassen lässt) unter dem Deckmantel eines angeblichen Antikolonialismus und mit fadenscheinigen Behauptungen zu einer Demonstration gegen linke Läden und eine Linken-Politikerin in Leipzig Connewitz auf. Behauptet wurden angebliche gewalttätige Übergriffe auf "pro-palästinenschische" Personen/Gruppen, obwohl nachweislich vom Gegenteil (gewalttätige Übergriffe von sog. pro-palästinensischen" Gruppen auf nicht ihrer Linie entsprechende Linke, gerne auch Verunglimpfungen als "Zio-Nazis" oder andere Feindmarkierungen). (1)
Fakt ist auch: Die Anmelderin der "pro-palästinensichen" Demo, Katja Janssen, arbeitet fürs Leipziger BSW, das im Stadtrat von Leipzig gerne mal mit der AfD abstimmt und inhaltlich etliche Positionen teilt, v.a. anti-linke (2). Die Versammlungsleiterin Anne Lewerenz ist Beamtin der Landesdirektion Sachsen (3).
Ein weiterer Fakt ist, dass die meistgeschwenkte Nationalflagge die palästinensische war, da lässt sich tatsächlich von Fahnenmeer reden. Vereinzelt gab es Israelfahnen im Gegenprotest, Ukrainefahnen kaum. (4)
Unter (4) lassen sich auch andere Irrungen und Wirrungen der "pro-palästinenschischen" Seite ansehen. Weitere Kritikpunkte unter (5).
Der linksautonome Gegenprotest war btw nicht in Zusammenarbeit mit SPD oder gar FDP auf die Beine gestellt worden, von der FDP war die bekannte Einzelkämpferin Preisler vor Ort - aber nicht in der linksautonomen Gegenveranstaltung, sondern allein den Antisemiten-Aufmarsch begleitend. Insgesamt gab es acht Gegenproteste, auch von Parteien wie den Grünen und der SPD.
Dafür im Handala-Lager Flaggen von strammen K-Gruppen bis MLPD. In der Demo, nicht als eigene VAs.
Ganz widerlich ist die Behauptung, es wäre gegen migrantische Gruppen mobilisiert worden. Das ist komplett an den Haaren herbeigezogen, bestenfalls wird die Kategorie "Herkunft" instrumentalisiert. Dafür spricht auch der nur schlecht als Satire verpackte "Beitrag" zu "Freies Connewitz", inkl. Transpi in Frakturschrift auf der Handala-Demo. Das disquailifziert für jeden weiteren Diskurs.
Schade, dabei wäre gerade jetzt eine starke Linke, die sich klar gegen Rassismus, Antisemitismus und da sErstarken autoritärer und faschistischer Kräfte weltweit stellt, nötiger denn je!
(1) https://www.linxxnet.de/2026/01/06/stellungnahme-des-linxxnet-zur-mobili...
(2) https://kreuzer-leipzig.de/2026/01/16/leipzig-bsw-stadtrat-handala-verfa...
(3) https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/landesdirektion-beamtin-versammlu...
(4) https://www.youtube.com/watch?v=wo9aN4a6D9E
(5) Mastodon: @whose_nose@dresden.network/115932639840976127
Antiautoritäre Autonome Antifas
Wer tatsächlich die Behauptungen und Unterstellungen von Handala, Lotta & Konsorten glaubt, mit denen diese - ausgerechnet fast taggenau 10 Jahre nach einem brutalen Fascho-Angriff auf Connewitz - gegen einen linken Stadtteil mobilisiert haben, möge sich durchlesen, was der Flüchtlingsrat Sachsen und die VVN/BdA Sachsen dazu zu sagen haben. In der Logik der K-Gruppen sind das aber bestimmt diese "Ultradeutschen", wagen sie es doch, deren Hetze zu widersprechen.
Wieso eine Gruppe, die sich "Autonome Antifas" nennt, hier im Text diese hetzerischen Behauptungen und Verleumdungen teilweise reproduzieren, ist nicht nachvollziehbar. Sie entbehren jeglicher Grundlage.
Daher hier nun diese gegenteiligen Darstellungen.
Stellungnahme VVN zum 10. Jahrestag des Faschoangriffs auf Connewitz, weiter unten der Bezug zum Aufmarsch der vermeintlich palästinasolidarischen Szene: https://sachsen.vvn-bda.de/
Gespräch mit dem sächsischen Flüchtlingsrat, Artikel in der Leipziger Zeitung: https://www.l-iz.de/leben/gesellschaft/2026/01/handala-connewitz-sicher-...
Weitere Hintergründe: https://www.l-iz.de/leben/gesellschaft/2026/01/eskalation-connewitz-anti...
Rede von Juliane Nagel, eine der Protagonist*innen der Connewitzer Linken, gegen die sich die Handala-Lotta-Demo explizit richtete (einfach zum selbst ein Bild machen): Widersprüche aushalten – für Frieden, Würde und doppelte Solidarität
Als Fazit bleibt nur eins: Wir lassen uns nicht spalten, solidarisch stehen wir zusammen! Antifaschismus und Antirassismus Hand in Hand!