Koka-Frauen: Zwischen Illegalität und Überleben

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Ein kurzer Bericht von Sol Ortega auf Mujer Fariana der FARC, frei übersetzt vom Solidaritätsnetzwerk Kolumbieninfo, über die kriminalisierten Koka-Erntehelfer*innen in Kolumbien, die ein ärmliches aber selbstbewusstes Leben führen. Hier noch einmal unser Hinweis, dass die meisten ein würdiges Leben abseits von Koka wünschen, es die fehlende Präsenz und Infrastruktur des Staates aber nicht zulässt. Auch heute noch, mehr als zwei Jahre nach dem Friedensabkommen zwischen der FARC-EP und der Regierung, wird die in einem zentralen Punkt des Abkommens zugesagte Hilfe zur Substitution von Koka-Pflanzen und integrale Agrarreform vermisst.

Es ist 4:00 Uhr morgens morgens, während viele Stadtbewohner*innen noch schlafen, machen sich die Landarbeiter*innen für den Tag fertig. Wie Doña (Frau) Carmen, die aufsteht, um Frühstück zu machen, das Mittag vorzubereiten, zu packen, ihre Arbeitskleidung und ihre Stiefel anzuziehen und auf die Finca zu gehen, wo die Ernte stattfindet. Auf dem Weg trifft sie die Nachbarn, die mit Laterne in der Hand und in der Morgenkälte plump Hallo sagen: „Guten Morgen, Doña Carmen“. Mehrere Menschen versammeln sich, während sie los ziehen. Bei der Ankunft ist es fast 6:30 Uhr morgens. Dann kniet sich Doña Carmen nieder, zieht einen Busch durch ihre Beine und mit viel Geduld, Haltung und einem schabenden Geräusch reibt sie mit den Fingern gegen die Koka-Büsche, um die Blätter abzuziehen und abzuraspeln.

Um 13:00 Uhr sind alle Raspachines (so heißen die Koka-Erntehelfer*innen) genervt von der Hitze oder dem Regen (im Falle eines Regentages) und wollen vom Pflücken weg und nach Hause gehen. Doña Carmen sagt: „Auch wenn man wünscht zu bleiben, um mehr abzuziehen, kann man es nicht, denn wenn man sieht dass alle gehen, möchte man auch gehen.“ Der Punkt ist, dass jeder das, was er geerntet hat, bis an den Ort bringen muss, an dem der Besitzer der Finca die Koka-Blätter erhält. Manchmal ist dieser Ort nah, aber meistens muss man 40 Minuten weit mit der Ernte laufen. Viele Frauen haben im Durchschnitt 4 Arrobas (1 arroba ist eine Gewichtseinheit zwischen 11 und 12 Kilo), andere erreichen 5 und Männer haben normalerweise 8 oder mehr. Nachdem sie die Blätter gewogen haben, bekommen sie vom Besitzer der Finca die Bezahlung, sie kriegen Wasser und dann geht es für jeden nach Hause.

Nach ihrem Arbeitstag ruht sich Doña Carmen durchschnittlich eineinhalb Stunden aus, danach beginnt sie mit dem Sauber machen, da ihre älteren Kinder Jungen sind und sie auch wie der Papa gearbeitet haben. Aber sie gehen auf den Fußballplatz um Kleinfeld-Fußball zu spielen, während Doña Carmen putzt, die Wäsche wäscht, das Abendessen für alle zubereitet und für den nächsten Tag zum Frühstück und Mittagessen einkaufen geht. Oft laden sie sie ein, zum Kleinfeld-Fußball mit zugehen, aber sie denkt, dass sie, wenn sie einwilligt zu gehen, nicht vor neun Uhr abends zu Hause ankommen wird und dann zu müde ist, um so früh aufzustehen. Stattdessen geht sie sofort nach dem Abendessen und Abwaschen um 20:00 Uhr ins Bett.

In ihrem müden Blick spiegelt Doña Carmen ein anstrengendes und unrentables Arbeitsleben wider, dass sich in ihrem bescheidenen Zuhause, ihren malträtierten Fingern mit Schwielen und einer beinahe grünlichen Farbe von den Blättern zeigt. Sie sagt, dass sie immer noch sehr krank ist, besonders bei „unteren Schmerzen“, wie sie Schmerzen in den Eierstöcken nennt. Sie sagt, dass der Schmerz dadurch entsteht, dass sie in ihrem Menstruationszyklus der Sonne ausgesetzt war. Sie sagt, dass es manchmal sehr sonnig ist, aber plötzlich regnet es und das verursacht schreckliche Rückenschmerzen und Krämpfe am ganzen Körper. Ihre größte Angst ist, dass sie irgendwann Thrombose haben wird. Gegenwärtig wird sie wohl wegen des übermäßigen Kraftaufwandes, der beim Laden und Transport des Koka-Blätter entsteht, wegen eines Leistenbruchs operiert werden.

Das Bildungsniveau von Doña Carmen liegt bei der zweiten Klasse. Mit diesem Bildungsniveau ist es sehr schwierig, in der Stadt Arbeit zu finden, weshalb sie der Ansicht ist, dass ihre einzige Einnahmequelle das Abraspeln der Koka-Blätter ist, solange es die Kräfte und die Gesundheit zulassen. Dazu kommt, dass alle Chemikalien, die auf die Kokapflanze für eine gute Ernte angewendet werden, sich auf ihre Gesundheit auswirken. Sie sagt jedoch: „Zumindest gibt es Arbeit, der Tagelohn ist mindestens 25.000 Pesos pro Tag, während in anderen Gegenden ein Lohn 12.000 Pesos wert ist und das für die selbe Plackerei. In der Gegend, in der Carmen lebt, gibt es eine bemerkenswerte kommerzielle Bewegung, jedoch gibt es viele arme Leute wie sie. Diese Menschen sind das kleinste Glied im Drogenhandel. Es sind diejenigen, die die meiste Anstrengung haben, billige Arbeitskräfte sind, die ihre Gesundheit zwangsläufig verschlechtern und die am wenigsten verdienen.

In den Koka-Anbaugebieten Kolumbiens, wie auch in der Gegend, in der Carmen beheimatet ist, gibt es tief verwurzelten Machismo. Es wird auch beobachtet, dass das Leben in Koka-Anbaugebieten nicht so ist, wie es dargestellt wird, voller Eigentümlichkeit. Im Gegenteil, es gibt viel Elend. Koka-Erntehelfer*innen sind doppelt Opfer. Zum einen wegen der Unterdrückung des engsten Unterdrückers, den Ehemännern und Kindern. Zum zweiten wegen der fehlenden Präsenz des Staates, der sie dazu zwingt, sich in die Kette des Drogenhandels zu begeben. Zudem werden sie auch von der Gesellschaft stigmatisiert, die Koka als Problem sieht und nicht als Folge der Krise, die in Kolumbien herrscht.

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