Oberstleutnant Bohnert und die „Social Media Division“ versuchen Adbusting-Kollektive mit „Follower-Power“ zu canceln

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Offiziell gibt sich die Bundeswehr gegenüber Adbustings, die das Militär kritisieren, cool: Es handle „sich um eine Kunstaktion, welche man offensichtlich dem Formenkreis der Satire zuordnen kann“, sagt die Presseabteilung des Kriegsministeriums über gefälschte Bundeswehrplakate aus dem Mai 2021. Die Werbeabteilung sagt: „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst.“ Doch hinter den Kulissen brodelt es. Nachdem die Adbusting-Kampagne „Tag ohne Bundeswehr“ den offiziellen „Tag der Bundeswehr“ in den Schatten stellte, mobilisiert Oberstleutnant Marcel Bohnert, bis vor kurzen im Pressestab des Kriegsministeriums zuständig für Social Media, auf Instagram seine Follower. Das Ziel: Die Sperrung von Accounts, die Adbustings zeigen, die das Militär kritisieren. Doch das geht selbst einigen Soldat*innen zu weit: Sie kritisieren dies auf Twitter als Angriff auf die Meinungsfreiheit und fordern, dass die Military Community sich endlich mit dem Naziproblem der Truppe auseinander setzen müsse.

Adbustings zum Tag ohne Bundeswehr
Zum diesjährigen nur online stattfindenden Tag der Bundeswehr mobilisierte die Kampagne tob21.noblogs.org zu Aktionen. Sie rief dazu auf, einen Tag ohne Bundeswehr mit Adbusting-Aktionen zu feiern. Der Aufruf war ein großer Erfolg: Während die Bundeswehr drinnen für nur ca. 6000 Hardcore-Fans Panzervideos und Jagdbomber streamte, kaperten draußen im öffentlichen Raum in 14 Städten Adbusting-Kollektive unerlaubt Werbevitrinen und hingen eigene Poster hinein. Die unerlaubt angebrachten Plakate verwendeten den Polygon-Flecktarn-Hintergrund der Bundeswehr, kombinierten diesen jedoch mit Sprüchen wie „Nicht jeder Soldat ist ein Nazi. Aber verdammt viele Nazis sind Soldat*innen“, „Jeder Tote ist ein kleiner Schritt zum Weltfrieden“ oder „Munition und Menschenleben: Ein bisschen Schwund ist immer.“

Aktivist*innen stellen Bundeswehr in den Schatten
Auch medial stahl der „Tag ohne Bundeswehr“ dem „Tag der Bundeswehr“ klar die Show. Zeitungen berichteten, von Passant*innen hochgeladene Bilder der Adbustings sammelten tausende Likes, die beteiligten Kollektive feierten Reichweitenrekorde. Die Bilder schwappten auch in die Military-Community. Hier zeigte sich deutlich eine demoralisierende Wirkung.

Eine Soldat*in zieht sogar Umfragen herbei und diskutiert den Gehalt dieser, um mit einem ironischen Spruch sich der Zustimmung der Bevölkerung zu vergewissern. Eine andere Nutzer*in widerspricht jedoch, was die Aussagekraft der Befragung anginge.

Auf Twitter schreibt eine Soldat*in: „Der Moment, wo man als Soldat vor so einer Wand steht und sich fragt, für was und wen man diesen Job eigentlich macht!“

Sogar Zuspruch findet sich unter den Soldat*innen: „Als Soldat bin ich Antifaschist. Ich fühle mich hier nicht angesprochen, weil Nazis in der Bw nicht meine Kamerad:innen sind (so wie Ihre bestimmt auch nicht). Ich bin froh um den Druck von außen, weil von alleine wird nichts gegen die Demokratiefeinde in unseren Reihen getan.“

Oberstleutnant Marcel Bohnert bläst zum Gegenangriff
Die Adbusting-Aktionen in Berlin, Potsdam, Dresden, Erlangen, Stuttgart, Frankfurt, Bonn, Hannover und Hamburg und die zersetzende Wirkung dieser "Störpropaganda gegen die Bundeswehr" (das LKA Berlin ermittelt) kann die selbsternannte Military Community natürlich nicht so stehen lassen. Mit einer Woche Verspätung bläst daher nun Oberstleutnant Marcel Bohnert zum Gegenangriff.

Bohnert war bis 2020 im Pressestab des Kriegsministeriums für Social Media zuständig. Er wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als er eine Demo gegen den Internet-Kongress Re:publica organisierte, weil ihm dort kein roter Teppich ausgerollt wurde. 2020 wurde er gefeuert. Er hatte Veranstaltungen bei Rechtsextremen besucht, und Postings von Angehörigen der „Identitären Bewegung“ geliket. Seine Ausrede: Er habe gar nicht gemerkt, dass es sich um Nazis gehandelt habe.

Kult in der Szene
In der Adbusting-Szene hat der Oberstleutnant Kultstatus wegen seines Instagram-Accounts. Dort sammelt Bohnert Adbustings, die die Bundeswehr kritisieren. Faszination und Ärger halten sich bei ihm die Waage. So postet er jedes Mal ein trotziges „wir kämpfen auch dafür, dass das du gegen uns sein kannst“ darunter. 2018 fälschte er sogar Adbusting-Bilder aus München für eine Werbekampagne, wie das Team eines Marketing-Blogs hier aufzeigt.

Harte Kämpfer statt Bürger*innen in Uniform
Na klar fragten sich Adbuster*innen auch, was so einer denkt. Fündig wurden sie bei Bohnerts Agitation gegen die „Innere Führung“. Das Konzept der Inneren Führung besagt grob verkürzt, dass Soldat‘*innen in erster Linie „Bürger*innen in Uniform“ und keine faschistischen Killermaschinen sein sollten (wie viel dieses Selbstbild mit der Realität zu tun hat, mag angesichts der wöchentlichen Einzelfälle jede*r selbst beurteilen). Bohnert fordert in Publikationen und Vorträgen ganz offen, die „Staatsbürger*in in Uniform“ durch einen heroischen Kämpfer zu ersetzen. Dies entspreche viel mehr dem realen Arbeitsalltag der Soldat*innen z.B. in Afghanistan. Das mag zwar stimmen, das Soldat*innen vor allem zum widerspruchslos Töten und Morden da sind, doch statt einfach das Leitbild an die Realität in der Bundeswehr anzupassen, sollte diese Erkenntnis doch viel eher ein Argument für den Stopp der neuen Kolonialkriege und die Abschaffung der Bundeswehr sein.

Die militärische Meute pöbelt
Auf seinem Instagram-Account mobilisiert der Oberstleutnant seine Truppen gegen die Aktivisti-Gruppen psi.adbusting und systemsprenger:innen.
Unter anderem „Sportkamerad1“ springt um bei: „Kommentare frei in 3,2,1, Action! Kommentiert und meldet seinen Account bis er gelöscht wird!“.

So kommen die betroffenen Beiträge mittlerweile auf über Hundert Kommentierungen. Die Soldat*innen und Militarist*innen blenden allesamt die inhaltliche Kritik der Poster aus und zeigen ideologischen Helden- und Totenkult: „Ihr sprecht von Empathie und zeigt Null Respekt vor den Gefallenen Soldaten. Ja, Empathie ist was EUCH fehlt“ und „Finde es auch bisschen respektlos von dir gegenüber denen, die ihr Leben gegeben haben, unter anderem auch dafür, dass du deine Meinung offen äußern kannst.“ Bei Widerworten und Gegenargumenten pöbelt die Meute: „Dann wandert doch aus #wirkämpfenauchdafürdassdugegenunsseinkannst“ und „Habt nichts verstanden“. Die meisten Posting beschränken sich jedoch auf das stumpfe wiederholen des Hashtags #WirGegenExtremismus.

Die Überraschung: Soldat*innen für die Meinungsfreiheit
Doch es gibt auch Soldat*innen, die diesen platten Umgang mit der Kritik am in den letzten Monaten zu offensichtlich gewordenen Nazi-Problem kritisieren. Gut auf den Punkt bringt es die Nutzer*in @wimipolis, die an der Bundeswehr-Uni in München arbeitet: „Linke: machen Ad-Busting, unter anderem mit "Nicht alle Soldaten sind Nazis. Aber verdammt viele Nazis sind Soldaten." Übliche Verdächtige: regen sich auf, "Generalverdacht", "Propaganda", "Verleumdung". Panzergrenadiere in Rukla: HOLD MY FUCKING NAZI-BEER!“

Die Nutzer*in @Fabana84 schreibt: „Derzeit auf Insta:
1. #SocialMediaDivison-Größen hetzen ihre Follower auf Accounts die die jüngsten #Adbusting-Ergebnisse teilen
2. die wackeren #SocialMedia-Recken sehen argumentativ kein Land
3. man ruft dazu auf missliebige Accounts zu reporten. #CancelCulture?“

https://twitter.com/Fabana84/status/1405902857354760195

Der Bootsmann @KFPaschen pflichtet ihm bei: „Kompletter geistig-moralischer Meltdown, entgültig entlarvend.“

Der Korvettenkapitän Mathias Reinfeld (@EinfeldMr) fügt der Unterhaltung eine distanzierende Bemerkung hinzu: „Ich weiß schon warum ich bei Insta nur den Account besitze und nicht auch noch reingucke.“

Kritik auch an Bohnert
Auch Bohnert selber wird von anderen aus der military community kritisiert. Die ehemalige Fallschirmjäger*in @Patrick_J_Bln, die viele Nazis in der Bundeswehr meldete und deshalb entlassen wurde, sagt: „(…) das ist ein signifikanter Angriff auf die #Meinungsfreiheit.“

Er kritisiert außerdem: „Zum Thema Litauen war von OTL i.G. #Bohnert bzgl. seines alten Bataillons und der Kampagne #WirGegenExtremismus (#WeAgainstExtremism) nur Schweigen zu vernehmen. Aber beim Ad-Busting trumpft man wieder auf“ und „Auch andere Mitglieder der #SocialMediaDivision und der Kampagne #WirGegenExtremismus (#WeAgainstExtremism) haben scheinbar ein problematisches Verhältnis zur #Meinungsfreiheit.“

„Dieser Bohnert hat kostenlose Werbung für uns gemacht“
Die Adbuster*innen geben sich derweil wenig beeindruckt. „Unser Insta-Account-Team ist gut mit denen beschäftigt“ sagt eine Sprecher*in der Systemsprenger:innen aus Bonn: „Wir haben einige Beiträge löschen, Nutzer einschränken oder auch blockieren müssen.“ Auch bei psi.adbusting aus Essen macht sich Bohnerts Aufruf bemerkbar: „Unser Post war kurzfristig blockiert, weil ihn jemand gemeldet hatte, konnten wir aber rückgängig machen“ sagt eine Sprecher*in der Gruppe psi.adbusting. „Dieser Bohnert hat kostenlose Werbung für uns  gemacht. Ehrlich gesagt find ich es großartig was da in den Kommentaren passiert, super für die Reichweite. Bei mittlerweile über 1000 Likes für nen  Account mit nicht mal 1200 Followern können die in den Kommentaren schimpfen wie sie wollen, das Ding ist gelaufen.“

Mehr Infos:

Der Tag ohne Bundeswehr: Übersicht über die teilnehmenden Städte
https://tob21.noblogs.org/post/2021/06/14/bundesweit-protest-zum-tag-ohn...

Wie gehen Werbevitrinen auf?
http://maqui.blogsport.eu/2019/01/03/wie-oeffnet-man-werbevitrinen/

Die rechtliche Lage:
https://tob21.noblogs.org/rechtliches/

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