la casa, new casa, no casa

Regionen: 

Diskussionsbeitrag zum Vorfall im la casa in Berlin und dem andauernden Szenestreit.

Was manche nun als Sieg über ihre linken Widersacher*innen feiern, macht klar, wie ideenlos unsere linke Bewegung ist. Sogenannte Antiimperialisten und Antideutsche hauen sich in Hellersdorf auf die Schnauze. Soweit erst mal traurig, aber auch eine logische Konsequenz, denn miteinander reden, das wäre ja kuscheln mit den „Zios“ bzw. den „Antisemit*innen“. Dabei zeigt sich wie so oft – auf beide Seiten ist kein Verlass.

Selbstkritik ist out.
Die Stellungnahmen beider Seiten sind sich klar – gewalttätig, das waren die Anderen! Dabei ist natürlich klar, dass es autoritäres Gehabe ist, jemanden mit Sturmhaube aus einem Projekt räumen zu wollen. Wie ernst zu nehmen nun die „Besetzung“ der Räume mit so wenigen Personen gewesen ist oder diese eher als symbolischer Akt zu verstehen war, das sei mal dahingestellt. Eine „kritisch-solidarische“ Linke könnte das eine als autoritär kritisieren, ohne das andere propagandistisch aufbauschen zu müssen. Nur gibt es diese Form der kritisch-solidarischen Bezugnahme im Großteil der organisierten radikalen Linken nicht. Der andere Fußballclub lässt also schnell verlauten: Das ganze sei bitterer Ernst! Man wolle sich den Raum klauen und überhaupt sei das ein Angriff auf die gesamte pro-palästinensische Szene – man muss sich jetzt gegen die bösen Antideutschen verteidigen! Und so wirds dann auch gemacht. Mit Baseballschläger, Latten mit eingeschlagenen Nägeln, Pfefferspray, darunter klärt man linken Szenestreits nicht mehr. Und wo das Statement der „Antideutschen“ keine Selbstkritik über ihr autoritäres Vorhaben gefunden hat, so findet sich im Statement der Anderen kein Wort zur eigenen Reaktion. Da wird rumgeheult, die bösen Antideutschen haben gefilmt! Aber was darauf zu sehen ist, auf dem Video, darüber wird nicht gesprochen. Macker mit Latten, die schon mal die Unterarme warm schwingen, richtig Freude an der Eskalation und der Gewissheit, einen größeren Teil der derzeitigen berliner linken Strukturen hinter sich zu wissen. Aus der Position der Stärke, eine kritische Situation so zu eskalieren, da kennt man keine Zweifel. Soviel Selbstermächtigung, das finden Linke nur gegen andere Linke. Zumindest der IL, als zumindest manchmal (früher) versuchter Vermittler*in verschiedener Positionen, hätte man etwas mehr zutrauen können, aber auch hier findet sich kein Wort zur Gewalt des (mittlerweile wohl) eigenen Lagers.
Alle nutzen jetzt ihre Medien, ihre Szenekapazitäten und so ist jeweils der*die Andere die Gefahr von Außen oder jeweils die „eigentlichen“ Bewohnenden des Projekts, nur die Anderen haben Gewalt angewendet, man selbst natürlich nur sich verteidigt. Gegen das Unvereinbare, da ist jedes Mittel recht. Dabei ist klar, dass es Antideutsche gibt, die darunter leiden nicht mehr die Deutungshoheit in ‚ihren‘ Räumen zu haben und es ist auch klar, dass es „Antizios“ gibt, denen es auch nur darum geht.

Meinungshoheit – schalalalala
In der logischen Konsequenz wird dann nach dem Sieg des Teams Palästina, erst mal eine Veranstaltung über „die Antideutschen“ gemacht. Die linke Selbstbezogenheit erfindet die Karikatur des anderen und damit sagt das gewählte Bild der Veranstaltung – ein Vorgartenzwerg – mehr über die Veranstaltenden aus, als über „die Antideutschen“. Man muss eben ein Bild vom Feind in den eigenen Reihen zeichnen. Für die einen sind es die ewigen linken Antisemit*innen für die anderen die „Zionisten“. Wo zuvor kritisiert wurde, dass Veranstaltungen gegen Islamismus in Nazikiez Hellersdorf unangebracht seien, wird es bald Palästina-Veranstaltungen geben. Wo jetzt der Vorwurf des Antisemitismus als autoritärer Kampfbegriff diskutiert werden soll, will man vom Kampfbegriff wer und was alles „antideutsch“ und damit nicht-links sei, nichts hören. Man wird sich schon zurechtlegen, warum das eine schlecht und das andere gut ist.
Es geht eben nicht um Bildung und Austausch über Szenegrenzen hinaus, sondern um Meinungshoheit. Und ja, das war auch schon der Flex vieler antideutscher Gruppen. Aber macht ruhig die gleichen Fehler schon wieder. Anerkennung solltet ihr dafür nicht bekommen. Und dass das la casa nun zu einem neuen, offenen Ort für pluralistische Meinung wird, das glaubt ihr euch doch selbst nicht. Es geht weiterhin um das Herstellen eines Milieukonsens, um soziale Disziplinierung. Ihr macht das für Euch, nicht für Andere – Helden seid ihr sicher nicht. Es wird wie immer nur die Szene ausgewechselt, aus Raider wird jetzt Twix, Selbstbezogenheit und linke Mackerei in altem Karamell.

Gewalt ist nicht out.
Szenefußball, wenn man auf keine besseren Ideen kommt. Dabei sollte klar sein, dass wir uns mal etwas in Bewegungspflege üben sollten und tatsächlich mal kritisch solidarisch miteinander umgehen lernen müssen, statt immer nur Recht haben zu wollen. Beide Seiten könnten dabei theoretisch auch voneinander lernen, denn es gibt ja die jeweils spiegelbildlichen Leerstellen. Das heißt dann auch nicht „anything goes“, sondern die Bereitschaft von Allen etwas lernen zu wollen und Unterschiedlichkeit auszuhalten, das eigene antisemitische, rassistische, sexistische Verhalten zu reflektieren. Es fühlt sich so redundant an, diese Zeilen zu schreiben, scheitert unsere linke Szene doch dauerhaft an den eigenen Ansprüchen.
Es gibt eine Ignoranz gegenüber dem Leiden der palästinensischen Zivilbevölkerung, es gibt israelbezogenen Antisemitismus, es gibt bedingungslosen (beidseitigen) Befreiungsnationalismus, es gibt selektive Solidarität, es gibt Verharmlosung des Islamismus, es gibt positive wie negative Doppelstandards bei der Bewertung des israelischen Staatsprojekts, es gibt Wahn und Fanatismus. Vor allem gab es auch schon vor diesem Vorfall gewaltvolles Verhalten innerhalb der linken Szene. Menschen, die aus ihren WGs und Wohnprojekten geschmissen wurden oder plötzlich nicht mehr kamen, hektisch auszogen. Die ihr Kollektiv aufgaben, ihre liebgewonnenen linken Orte nun meiden. Das Graffiti „Zionazis töten“ in der Prinzenstrasse, die Markierung „zionistischer“ Orte mit Davidstern oder später rotem Dreieck, der antisemitische Rauswurf jüdischer Personen aus dem k-fetisch, der Brandanschlag auf die Scharni, die Angriffe gegen das about blank. Der anderen Seite keine Beachtung wert. Und die Verrohung und Vereindeutlichung, die die Gewalt vorbereitet. „Antideutschen sind keine Linken“, „Zionisten sind Faschisten“ oder „Antisemiten“ und „Pallywood“. Und damit einhergehend die Verengung der Begriffe, wenn es für einen politisch bequem ist, hinter jeden Standard linker Auseinandersetzung zurückfallend. Gewalt ist nur noch wenn jemand zuschlägt, patriarchales Verhalten ist okay, wenn es im Sinne „richtiger Gesinnung“ angewendet wird, Antisemitismus ist nur noch ein rechter Kampfbegriff. Wenn Diskussion über strukturelle Ebenen von Diskriminierung auf Wortklaubereien, bis zur Unkenntlichkeit, reduziert werden, dann gilt das Recht des Stärkeren. Was sich hier im linksradikalen Szenestreit wiederfindet, ist letztlich der Vernichtungswunsch des Anderen, die Begierde nach Macht und Eindeutigkeit. Der Faschismus lauert eben doch in jedem von uns. Und das anzuerkennen, heißt auch, dass es nicht ausreicht bedingungslos eine der beiden Seite zu unterstützen, um auf der jeweils „richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen – das bleibt eine regressive Befreiungserzählung.

Schade.
Und das alles gehört gerade zur linken Bewegung, ob wir wollen oder nicht. Und es wird nicht helfen nun einseitig die Inquisition anzusetzen und jetzt den „(Anti-)Zio“ auszutreiben. Deeskaliert euch mal. Überlegt, wie szeneübergreifende Bewegungspflege aussehen könnte, wie wir zu einem kritisch-solidarischen linken Umfeld kommen, wo nicht linke Egos zentriert werden, sondern tatsächlich Austausch und voneinander Lernen und gleichzeitig Diskriminierung nicht klein geredet wird und hinter ‚Left-Unity‘ zurücktreten soll. Wir sind doch mit einer Vision angetreten, die eben Verbesserung des Alltags heißt, Emanzipation, eine Welt, in die viele Welten passen, gegen Mackerbanden und patriarchale Gewalt, gegen jede Autorität, jeden Antisemitismus, jeden Rassismus, irgendwie auch für Freude am Leben vielleicht. Um das zu bewahren, macht man teils lieber einen großen Bogen um linke Szene in Berlin.
Und bei alldem fallen die Personen unter den Tisch, die durch den Szenestreit aus der linken Szene gedrängt wurden. Diejenigen die tatsächlich vor Antisemitismus und Rassismus aus der linken Heimat geflohen sind, die sie nie wirklich hatten. Diejenigen, die zwischen allen Stühlen sitzen, die um menschliche Zwischenpositionen ringen, die Einsamkeit wählen, bevor sie sich vom jeweiligen Szenekonsens verschlingen lassen. Schlagt euch weiter die Köpfe ein mit eurem Nahost-Fetisch, aber seid euch dabei im Klaren, wer, wie viel dafür bezahlen muss. Euch geht es ja anscheinend noch zu gut. Für andere heißt es weiterhin: no casa

webadresse: 
Lizenz des Artikels und aller eingebetteten Medien: 
Creative Commons by-sa: Weitergabe unter gleichen Bedingungen