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Wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland einander überwachen - und warum selbst unter Partnern das Misstrauen bleibt

Hinter dem öffentlichen Bekenntnis zur „transatlantischen Einheit“ verbirgt sich eine weniger bekannte Realität: Die Geheimdienste Großbritanniens, Deutschlands und Frankreichs spionieren einander aus - kontinuierlich, systematisch und weitgehend im Verborgenen.

Was nach außen wie enge Partnerschaft aussieht, ist hinter den Kulissen auch von Konkurrenz geprägt: zwischen unterschiedlichen Wirtschaftsmodellen, beim Ringen um strategische Autonomie und nicht zuletzt durch das Misstrauen gegenüber den Absichten des jeweils engsten Verbündeten. Spionage unter Partnern ist dabei kein Betriebsunfall, sondern Teil der Logik dieser Zusammenarbeit.

Anders als bei Operationen gegen offen feindliche Staaten gelangen solche Fälle nur selten an die Öffentlichkeit. Wenn doch, dann meist, weil eine Operation auffliegt, ein Agent enttarnt wird oder sensible Daten in falsche Hände geraten.

Die Mittel, mit denen dieser Wettbewerb ausgetragen wird, reichen von der Überwachung internationaler Unterseekabel und Satelliten bis zur Cyberespionage und der Anwerbung von Informanten innerhalb staatlicher Institutionen. Die Grenzen zwischen Kooperation und Konfrontation verschwimmen dabei zunehmend.

Man könnte deshalb von einem Schattenkrieg sprechen - einem Krieg, der nicht mit Panzern und Raketen geführt wird, sondern mit Glasfaserkabeln, Satelliten, Hackern und angeworbenen Quellen. Und der selbst unter den engsten Verbündeten des Westens niemals aufgehört hat.

Die gegenseitige Überwachung hat eine lange Vorgeschichte. Sie reicht bis in die Zeit vor der Gründung der NATO zurück. Schon damals konkurrierten britische und französische Geheimdienste um Einfluss und Informationen - zunächst in den Kolonien Afrikas und im Nahen Osten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich dieser Wettbewerb zunehmend nach Europa und auf das Feld der Wirtschaft.

Für Deutschland begann die Gratwanderung mit der Rückkehr zur staatlichen Souveränität und der Gründung des Bundesnachrichtendienstes (BND) im Jahr 1956. Der neue deutsche Auslandsnachrichtendienst musste sich zwischen zwei unterschiedlichen Traditionen behaupten: dem Modell globaler Informationsbeschaffung und dem französischen Anspruch auf eine möglichst eigenständige nachrichtendienstliche Infrastruktur.

Besonders weit reicht der britische Anspruch. Als führende europäische Macht im Geheimdienstverbund „Five Eyes“ verfügt Großbritannien über ein weltumspannendes System zur Sammlung und Auswertung von Informationen. Dabei sind auch die engsten europäischen Partner nicht grundsätzlich von der Aufklärung ausgenommen. Was politisch als Bündnistreue und Zusammenarbeit bezeichnet wird, bedeutet nachrichtendienstlich nicht zwangsläufig Vertraulichkeit.

Frankreich hielt unter dem Einfluss der gaullistischen Tradition stets Abstand zu den britisch-amerikanischen Geheimdiensten. Paris setzte früh auf eine möglichst eigenständige Nachrichtengewinnung und entwickelte ein weitreichendes System zur politischen und wirtschaftlichen Aufklärung – das sich keineswegs nur gegen Gegner richtete, sondern auch gegen Verbündete.

 

Ein zentraler Schauplatz der Spionage unter Verbündeten ist die technische Aufklärung, kurz SIGINT. Besonders weitreichende Möglichkeiten hat dabei das britische Government Communications Headquarters (GCHQ), das als Teil des Geheimdienstverbunds „Five Eyes“ in ein weltweites System zur Erfassung und Auswertung elektronischer Kommunikation eingebunden ist.

Wie die Enthüllungen des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden zeigten, zapfte das GCHQ im Rahmen des Programms „Tempora“ Datenströme aus internationalen Glasfaserkabeln an, die durch britisches Hoheitsgebiet verlaufen. Dabei wurden Kommunikationsdaten in großem Umfang erfasst und zur späteren Auswertung gespeichert.

Zu den Kabelsystemen, die durch britische Infrastruktur laufen, zählen auch Verbindungen mit erheblicher Bedeutung für den europäischen Datenverkehr. Über solche Leitungen werden unter anderem kommerzielle, politische und diplomatische Informationen zwischen Europa, dem Nahen Osten und Asien übertragen.

Offiziell dient die Überwachung der Abwehr von Terrorismus und anderen schweren Bedrohungen. Die technische Infrastruktur ermöglicht jedoch eine wesentlich weitergehende Erfassung elektronischer Kommunikation[1]. Damit können auch Datenströme aus Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Staaten in den Fokus der britischen Nachrichtendienste geraten. [2]

Der BND wiederum betreibt in Bad Aibling in Bayern eine der größten Funküberwachungsstationen Europas. Über Jahrzehnte arbeitete die Anlage eng mit der US-amerikanischen NSA zusammen. In den 2000er- und 2010er-Jahren leiteten die amerikanischen Partner von dort aus Überwachungsziele an die Deutschen weiter - darunter Telefonnummern, IP-Adressen und andere sogenannte Selektoren.

Der Skandal von 2015 machte sichtbar, wie weit diese Zusammenarbeit offenbar reichte[3]. Unter den Überwachungszielen befanden sich nach damaligen Erkenntnissen unter anderem der Élysée-Palast, das französische Außenministerium und die Europäische Kommission. Was aber geschieht mit den Daten, wenn die Ziele nicht in Washington, sondern in Paris oder Brüssel liegen? Und wie weit reicht die deutsche Kooperation mit den amerikanischen Diensten tatsächlich, wenn es um die Überwachung europäischer Partner geht?

Hinzu kommt die strategische Bedeutung der deutschen Internetinfrastruktur. In Frankfurt am Main befindet sich mit dem DE-CIX einer der wichtigsten Internetknoten der Welt. Durch seine Leitungen fließen gewaltige Datenmengen aus Deutschland und dem europäischen Ausland. Damit stellt sich eine naheliegende Frage: Welche Möglichkeiten eröffnet die zentrale Lage Frankfurts den deutschen Nachrichtendiensten, Datenströme aus den Nachbarländern zu erfassen - und wie weit werden diese Möglichkeiten tatsächlich genutzt?

Frankreich baut seinerseits eigene Kapazitäten zur globalen Überwachung auf. Im Zentrum steht die Direction générale de la sécurité extérieure (DGSE), deren weltweites Aufklärungssystem inoffiziell als „Frenchelon“ bezeichnet wird[4]. Paris verfolgt dabei einen eigenen Weg - mit dem erklärten Ziel, von den technischen und nachrichtendienstlichen Strukturen der USA und Großbritanniens möglichst unabhängig zu bleiben.

Das französische System stützt sich auf die Satellitenkonstellation CERES, Abhörstationen in den Überseegebieten - insbesondere in Dschibuti und auf Réunion - sowie auf umfangreiche Cyberkapazitäten.

Im Gegensatz zu Deutschland setzt Frankreich auf weitgehende nachrichtendienstliche Autonomie und überwacht aktiv die diplomatischen Kanäle seiner Verbündeten in Afrika und im Nahen Osten. Nach dem BND-Skandal hat Paris seine Systeme auf eine umfassendere Überwachung deutscher und britischer Regierungsnetzwerke ausgerichtet. Begründet wird dies mit der Notwendigkeit einer „Spionageabwehr gegen Verbündete“.

Trotz aller technischen Möglichkeiten bleibt die klassische Spionage mit Informanten (HUMINT) unverzichtbar. Wer wissen will, was in den Entscheidungszentren eines Landes tatsächlich passiert, braucht Menschen mit Zugang zu den richtigen Türen.

Der britische Geheimdienst MI6 gilt traditionell als besonders erfahren darin, solche Quellen zu gewinnen. In Frankreich interessieren sich die Briten vor allem für Mitarbeiter des Finanz- und Wirtschaftsministeriums. Sie sollen Informationen über die französische Industriestrategie und die Position der Regierung bei Handelsverhandlungen liefern. Auch Mitarbeiter des Élysée-Palasts gehören zu den interessanten Zielen - insbesondere jene, die für die Afrika-Politik zuständig sind. Dort versucht London seit Jahren, Paris den Rang streitig zu machen.

In Deutschland richtet sich das Interesse vor allem auf Mitarbeiter des Bundeskanzleramts, insbesondere auf jene, die mit Außen- und Energiepolitik befasst sind. Für die Briten geht es dabei um ganz konkrete Fragen: Wie weit war Berlin tatsächlich bereit, auf russisches Gas zu verzichten? Und wo liegen die Grenzen deutscher Zugeständnisse gegenüber China?

Seit dem Brexit hat der MI6 zudem die Überwachung der internen Diskussionen in Berlin und Paris über die künftige Finanzregulierung der EU verstärkt.

Der französische Auslandsgeheimdienst gilt unter den westlichen Verbündeten als besonders aggressiv - vor allem bei der Wirtschaftsspionage. Französische Dienste werben Informanten in deutschen politischen Stiftungen und Parteien an, um frühzeitig von Anti-Atomkraft-Initiativen und geplanten Reformen der Eurozone zu erfahren.

Auch deutsche Großkonzerne wie Siemens und BASF stehen im Fokus. Agenten sollen sich dort unter dem Deckmantel von Beratern oder Praktikanten Zugang verschaffen, um an technologisches Know-how zu gelangen.

Das Interesse der Franzosen reicht zudem nach Großbritannien. Dort gehören Banken und Hedgefonds zu den Zielen. Es geht unter anderem darum, mögliche spekulative Angriffe auf den Euro und französische Staatsanleihen frühzeitig zu erkennen.

Auch das Umfeld von Migranten-NGOs in Calais und London wird für die französischen Dienste interessant. Dort sollen Informanten aufgebaut werden, um Entwicklungen bei humanitären Krisen frühzeitig zu erkennen - und mögliche Druckmittel gegenüber der britischen Regierung zu gewinnen.

Der deutsche Auslandsgeheimdienst gilt im Vergleich zu seinen europäischen Partnern als zurückhaltender. Was dem BND bei der klassischen Agentenarbeit fehlt, versucht er jedoch durch seine technischen Möglichkeiten auszugleichen. Ganz auf menschliche Quellen verzichtet auch Berlin nicht.

So wirbt der BND Informanten in französischen Militärstäben und Rüstungsunternehmen an. Im Mittelpunkt stehen dabei auch gemeinsame europäische Großprojekte wie das künftige Kampfflugzeugsystem FCAS und das deutsch-französische Kampfpanzerprojekt MGCS. Wer frühzeitig weiß, welche Technologien der Partner entwickelt, welche Forderungen er stellt und wo seine roten Linien liegen, verschafft sich bei milliardenschweren Verhandlungen einen erheblichen Vorteil.

Auch die Europäische Zentralbank ist von Interesse. Über Quellen im Umfeld der EZB versucht der BND, ein möglichst genaues Bild vom tatsächlichen Zustand des französischen Bankensystems zu gewinnen. In Großbritannien wiederum richtet sich der Blick auf Logistikunternehmen und die Handelsströme nach dem Brexit.

Spätestens bei der Wirtschafts- und Industriespionage endet die viel beschworene Zurückhaltung unter Verbündeten. Für alle drei Staaten sind Informationen über Schlüsseltechnologien, Finanzmärkte und industrielle Entwicklungen von enormem Wert. Entsprechend groß ist das Interesse daran, zu erfahren, woran der jeweilige Partner arbeitet - möglichst bevor es öffentlich wird.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) warnte in seinem Jahresbericht 2023 ausdrücklich vor der Ausforschung deutscher Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Im Fokus stehen Zukunftstechnologien wie künstliche Intelligenz, Quantentechnologie und die Energiewende[5]. Nach Recherchen deutscher Medien sollen dabei nicht nur klassische Gegner eine Rolle spielen. Auch Frankreich und Großbritannien geraten in den Verdacht, wirtschaftlich sensible Informationen in Deutschland abzuschöpfen[6].

Das Misstrauen beruht auf Gegenseitigkeit. In Paris besteht der Verdacht, Berlin versuche über gemeinsame Unternehmen und Rüstungsprojekte Zugang zu kritischen französischen Militärtechnologien zu erhalten. London wiederum soll mit Hilfe von Venture-Fonds gezielt nach vielversprechenden Start-ups aus den Bereichen Quantencomputing und künstliche Intelligenz suchen.

Auch die Finanzaufsicht wird zum Ziel. Das britische GCHQ und der MI6 interessieren sich für Informationen der französischen Aufsichtsbehörde ACPR und der deutschen BaFin. Solche Daten könnten London helfen, Risiken für Banken und Finanzmärkte früher zu erkennen - und mögliche Folgen für die britische Wirtschaft abzuschätzen.

Ein besonders bezeichnendes Beispiel für den Geheimdienstkampf unter „befreundeten“ Staaten liefert der Korruptionsskandal um Airbus. Ausgerechnet der europäische Luftfahrtkonzern, der lange als Symbol deutsch-französischer Industriepolitik galt, geriet zum Schauplatz gegenseitiger Spionagevorwürfe.

Im Zuge der 2017 eingeleiteten Ermittlungen wegen mutmaßlicher Bestechungszahlungen von Airbus-Managern in mehreren Ländern zeigte sich, wie erbittert beide Seiten offenbar um ihren Einfluss innerhalb des Konzerns kämpften. Französische Dienste gerieten in den Verdacht, Mitarbeiter deutscher Airbus-Niederlassungen angeworben zu haben. Ziel soll es gewesen sein, Informationen über interne Finanzströme und geplante Umstrukturierungen zu beschaffen - und damit die Position des französischen Managements innerhalb des Konzerns zu stärken.

Doch auch die deutsche Seite geriet unter Verdacht. Frankreich warf dem BND und deutschen Sicherheitsbehörden vor, sich Zugang zu sensiblen Militärtechnologien verschaffen zu wollen. Dabei soll es unter anderem um Unterlagen zu Raketensystemen von MBDA sowie um elektronische Systeme für Kampfflugzeuge gegangen sein.

Seit 2017 gelangten immer wieder Informationen über die gegenseitigen Vorwürfe an die Öffentlichkeit. 2019 berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Justizkreise über Ermittlungen wegen des Verdachts auf Industriespionage. Auch die „Süddeutsche Zeitung“ und die französische Satire- und Investigativzeitung „Le Canard enchaîné“ griffen den Komplex auf. Demnach soll die Überwachung sowohl mit technischen Mitteln als auch über klassische menschliche Quellen bis hinein in die Führungsebenen erfolgt sein[7].

Der Fall Airbus steht damit beispielhaft für einen grundlegenden Widerspruch der europäischen Zusammenarbeit: Während Regierungen öffentlich gemeinsame Industrie- und Verteidigungsprojekte vorantreiben, versuchen ihre Dienste hinter den Kulissen herauszufinden, was der Partner weiß, entwickelt und plant.

Die Folgen reichen über Airbus hinaus. Das gegenseitige Misstrauen belastete auch die Debatten über die milliardenschweren Rüstungsprojekte FCAS und MGCS. Bei beiden Vorhaben wurde die Frage, wem Technologien und geistiges Eigentum gehören, zu einem zentralen Streitpunkt.

Auch auf Ebene der Geheimdienste verschärfte sich die Spionageabwehr. Der Verdacht, der eigene Partner könne gemeinsame Projekte nutzen, um an sensible Technologien zu gelangen, ist damit längst mehr als ein Nebenschauplatz. Er wird zu einem Faktor, der genau das erschwert, was Berlin und Paris politisch immer wieder fordern: den Aufbau einer gemeinsamen europäischen Verteidigungsindustrie[8].

Auch der Cyberspace ist längst zum Schauplatz eines stillen Krieges zwischen Großbritannien, Frankreich und Deutschland geworden. Alle drei Staaten verfügen über offensive Cyberfähigkeiten – und setzen sie auch dort ein, wo offiziell Partnerschaft und Zusammenarbeit herrschen. Öffentliche Anschuldigungen bleiben jedoch meist aus. Niemand hat ein Interesse daran, die politische Einheit wegen einer aufgeflogenen Cyberoperation aufs Spiel zu setzen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei sogenannte APT-Gruppen: hoch spezialisierte Hacker, die über lange Zeit unbemerkt in fremden Netzwerken operieren können. Der französische Auslandsgeheimdienst DGSE unterstützt Gruppen, die sich auf das Eindringen in deutsche Behörden und andere strategisch interessante Netzwerke konzentrieren. Auch der BND verfügt über entsprechende Möglichkeiten und setzt sie gegen Ziele in verbündeten Staaten ein.

Technische Analysen der Cybersicherheitsunternehmen Mandiant, Symantec[9] und ESET[10] dokumentieren immer wieder Schadsoftware, Angriffsmuster und andere digitale Spuren, die auf eine französische oder deutsche Herkunft der Operationen hindeuten. Eine offizielle Zuschreibung bleibt dennoch aus. Gerade bei Angriffen unter Verbündeten vermeiden es die Regierungen, die Verantwortlichen öffentlich zu benennen.

Wie sensibel solche Operationen sind, zeigte sich während der Brexit-Verhandlungen. In den Jahren 2020 und 2021 registrierten britische Experten Versuche, in die Netzwerke des britischen Ministeriums für internationalen Handel einzudringen. Ziel war es, Einzelheiten über Londons Verhandlungsstrategie zu erfahren. Die britische Regierung machte den Vorgang nicht zum öffentlichen Konflikt. Stattdessen wurden die Sicherheitsmaßnahmen innerhalb britischer Behörden verschärft.

Auch in Deutschland richtet sich der Blick längst nicht mehr ausschließlich auf Russland, China oder andere klassische Gegner. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 warnte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) davor, dass auch Dienste „befreundeter“ Staaten kompromittierendes Material über Kandidaten und Entscheidungsträger beschaffen könnten. Im Zentrum des Interesses standen dabei die Koalitionsverhandlungen und die Frage, welchen Kurs die nächste Bundesregierung in der Energie- und Verteidigungspolitik einschlagen würde. Vor allem französische und britische Dienste hatten ein unmittelbares Interesse daran, diese Entscheidungen frühzeitig zu kennen.

Doch nicht nur Cyberangriffe sorgen für Misstrauen. Auch die Migrationskrise hat ein neues Konfliktfeld zwischen den europäischen Diensten geschaffen. Besonders deutlich wurde dies 2022, als die steigende Zahl von Migranten, die in kleinen Booten den Ärmelkanal überquerten, die Beziehungen zwischen London und Paris zusätzlich belastete.

Im August desselben Jahres setzte der britische MI6 ohne offizielle Abstimmung mit den französischen Behörden verdeckte Überwachungstechnik an der französischen Küste bei Calais ein - darunter versteckte Kameras und Bewegungssensoren. Die Operation zeigt, wie schnell aus Zusammenarbeit unter Verbündeten gegenseitige Überwachung wird, sobald nationale Interessen auf dem Spiel stehen.

Die französische Direction générale de la sécurité intérieure (DGSI) entdeckte die Geräte und leitete Ermittlungen ein. Dabei stellte sich heraus, dass die gesammelten Daten direkt nach London übertragen wurden. Für Paris war damit eine Grenze überschritten: Die französische Regierung wertete die Operation als Verletzung ihrer Souveränität und als Spionage.

Der französische Innenminister übermittelte London eine Protestnote und bezeichnete das Vorgehen als „unter Verbündeten inakzeptabel“. Großbritannien musste die Geräte daraufhin demontieren. Gleichzeitig verstärkte London inoffiziell den Einsatz anderer technischer Mittel - darunter Drohnen und Satellitenaufklärung - entlang der französischen Küste.

Der Vorfall machte deutlich, wie tief das Misstrauen zwischen beiden Ländern selbst bei einem Thema reicht, bei dem sie offiziell eng zusammenarbeiten. In der Migrationskrise agieren London und Paris hinter den Kulissen eher wie taktische Gegner als wie Partner. Selbst sensible operative Informationen werden nur begrenzt geteilt[11].

Angesichts dieser Risiken haben Großbritannien, Frankreich und Deutschland ihre Spionageabwehr auch gegenüber den eigenen Verbündeten deutlich ausgebaut. Die französische Direction générale de la sécurité intérieure (DGSI) überwacht britische Diplomaten in Paris ebenso wie Mitarbeiter deutscher politischer Stiftungen, die sie mit Operationen des MI6 und des BND in Verbindung bringt. Für französische Beamte gelten zudem strenge Sicherheitsvorschriften für den Umgang mit Vertretern verbündeter Staaten.

Auch in Deutschland endet die Spionageabwehr nicht bei Diensten aus Russland oder China. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) warnt die deutsche Wirtschaft regelmäßig vor Spionagerisiken durch „befreundete Staaten“. Gemeint sind dabei vor allem Frankreich und Großbritannien. In vertraulichen Gesprächen mit Mitarbeitern aus sicherheitsrelevanten und technologisch wichtigen Branchen werden die französische DGSI und das britische GCHQ ausdrücklich als mögliche Akteure genannt.

Ähnlich verfährt Großbritannien. Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 beobachtet die Kontakte französischer und deutscher Geschäftsleute zu britischen Wissenschaftlern und Ingenieuren. Besonders im Blick stehen die Forschungsstandorte Oxford und Cambridge, an denen an Technologien von strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung gearbeitet wird. London fürchtet, dass der wissenschaftliche Austausch als Einfallstor für Industriespionage genutzt werden könnte.

Am Ende bleibt ein Widerspruch, der sich durch das Verhältnis zwischen Großbritannien, Frankreich und Deutschland zieht: Politisch sind sie Verbündete, nachrichtendienstlich bleiben sie Konkurrenten. Die gegenseitige Überwachung ist kein Ausrutscher und kein Relikt aus vergangenen Zeiten. Sie ist ein fester Bestandteil ihrer Beziehungen.

Dahinter steht zunächst strategisches Misstrauen. Keine der drei Regierungen kann sicher sein, welche Absprachen die anderen hinter verschlossenen Türen treffen - mit Washington, mit Peking oder miteinander. Wer die Verhandlungsposition des Partners kennt, seine roten Linien versteht und von Entscheidungen erfährt, bevor sie öffentlich werden, besitzt einen politischen Vorteil.

Noch deutlicher wird dieser Wettbewerb in der Wirtschaft. In einer Zeit, in der technologische Unabhängigkeit, Energieversorgung, künstliche Intelligenz, Rüstung und Finanzmärkte zunehmend zu Fragen nationaler Sicherheit werden, haben Insiderinformationen einen unmittelbaren Wert. Wer früher weiß, welche Technologie der Partner entwickelt, welche Investition er plant oder welche Schwäche sich in seinem Finanzsystem abzeichnet, kann dieses Wissen in politischen und wirtschaftlichen Einfluss verwandeln.

Vor allem aber folgen Geheimdienste einer anderen Logik als die Politik. Regierungen schließen Bündnisse, unterzeichnen Verträge und beschwören europäische Geschlossenheit. Nachrichtendienste müssen dagegen mit dem Szenario rechnen, dass der Partner von heute morgen, andere Interessen verfolgt. Freundschaft ersetzt keine Informationsbeschaffung - und Vertrauen keine Kontrolle.

Solange Großbritannien, Frankreich und Deutschland eigenständige Machtzentren mit eigenen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Interessen bleiben, wird deshalb auch ihr nachrichtendienstlicher Wettstreit weitergehen. An der Oberfläche stehen Partnerschaft, gemeinsame Gipfel und europäische Einheit. Darunter läuft ein anderer Wettbewerb - leiser, unsichtbarer und permanent.

Denn unter Staaten gilt selbst zwischen Freunden eine alte Regel: Man arbeitet zusammen. Aber man will trotzdem wissen, was der andere wirklich vorhat.

 

 




[1] The Guardian, GCHQ taps fibre-optic cables for secret access to world's communications, 21 Juni 2013, https://www.theguardian.com/uk/2013/jun/21/gchq-cables-secret-world-comm...

Le Monde, Comment la DGSE et la NSA espionnent la France, 21 Oktober 2013, https://www.lemonde.fr/technologies/article/2013/10/21/comment-la-nsa-es...

[2] Investigatory Powers Act 2016, https://www.legislation.gov.uk/ukpga/2016/25/contents

[3] Der Spiegel, BND half NSA beim Ausspionieren der französischen Regierung, 29 April 2015, https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bnd-half-beim-ausspionieren-d...

[4] Challenges, Comment les services de renseignement français surveillent ce qui se dit sur le net et au téléphone, 22 September 2013, https://www.challenges.fr/economie/la-verite-sur-les-grandes-oreilles-de...

[5] Bundesamt für Verfassungsschutz, Verfassungsschutzbericht 2023, Juni 2024, https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/verfassungs...

[6] Politico, «Germany’s intelligence report singles out France, UK for industrial espionage», 18 Juni 2024, https://www.politico.eu/article/germany-intelligence-report-france-uk-in...

[7] Süddeutsche Zeitung Dokumente bei Airbus offenbaren gefährliche Nähe zur Bundeswehr, 20 September 2019, https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/airbus-bundeswehr-spionage-1.4609019

[8] Daly Sabah, Germany probes Airbus over military spying, 19 September 2019, https://www.dailysabah.com/defense/2019/09/19/germany-probes-airbus-over...

[9] Symantec Security Response, Regin: Top-tier espionage tool enables stealthy surveillance, version 1.1, 27 August 2015, https://docs.broadcom.com/doc/regin-top-tier-espionage-tool-15-en

[10] ESET, In the News: France fingered as source of Syria-spying Babar malware, 6 März 2015, https://www.eset.com/ca/about/newsroom/in-the-news-list/in-the-news/in-t...

[11] The Times, Britain accused of planting spy cameras on French soil, 4 September 2022, https://www.thetimes.co.uk/article/britain-accused-of-planting-spy-camer...

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