[LE] Der Täter bist du!

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„Eingeschlagene und beschmierte Scheiben sind keine Diskussionsgrundlage. Der Inhalt jedoch keinesfalls funny oder zu ignorieren, weshalb das seit anderthalb Jahren intensiv thematisiert wird“ (Quelle: Instagram: pivo_leipzig).

 

Seit einem Übergriff im Sommer 2018 mussten wir beobachten und mit anhören, dass sich ein Narrativ darüber in der Stadt ausgebreitet hat, der in seiner Einordnung des Geschehenen oftmals jegliche Empathie oder Solidarität mit der Betroffenen vermissen lässt. Dieser Text soll diese Leerstelle ein wenig füllen, der Betroffenen ihre Stimme zurückgeben und Verzerrtes gerade rücken. Es folgt ein kurzer chronologischer Exkurs, der die Lesenden dazu einlädt, die „intensive Thematisierung“ des Täters und seines Umfelds rückzuverfolgen. Bei dem folgenden Inhalt, welchen wir ebenfalls nicht „funny“ finden, handelt es sich nicht um „unverarbeitete Straßeninfos“, sondern um eine Analyse des Prozesses aus Unterstützer*innenperspektive, begonnen im Sommer 2018 bis heute. Dass ein Graffito der Auslöser dafür ist, dass das Thema nach anderthalb Jahren zum öffentlichen Diskurs wird, könnte man als traurig bezeichnen. Dass dieses jedoch dazu führt, dass (nach viel zu langer Zeit) dem Thema Öffentlichkeit geschenkt wird und die Betroffene endlich Support erfährt, zeigt, dass es manchmal eben doch „kartoffelige Witzfiguren“ braucht, um Taten sichtbar zu machen. In den vergangenen anderthalb Jahren haben sich, aufgrund mangelnder Resonanz bis hin zu offener Ablehnung gegenüber dem Thema, sowohl die Betroffene als auch die Unterstützer*innengruppe zurückgezogen. Aber wir wollen nicht mehr schweigen!

 

Der Übergriff ereignete sich im August 2018 auf einer privaten Party. Dort waren circa 20 Freund*innen des Gastgebers anwesend. Die Partygäste waren sich alle bekannt. Einige der Gäste übernachteten auf dem Gartengrundstück. Nachts wurde einer der Gäste einem weiblichen Gast gegenüber sexuell übergriffig, als beide gemeinsam in einem Raum schliefen.

 

Zusammen mit zwei Freund*innen des Opfers erfolgt kurz nach dem Übergriff eine erste Kontaktaufnahme zum Täter, mit Bitte um ein persönliches Treffen. Bei diesem ersten Treffen wird der Täter mit dem Vorfall konfrontiert und versichert seine Unwissenheit darüber. Als Erklärung verweist er auf seine „Krankheit“: er schlafwandele und werde in diesen Situationen übergriffig. Dieses Problem war ihm bereits bekannt und einigen wenigen seiner engen Freund*innen ebenso. Bestärkt soll dieses „Problem“ in Verbindung mit dem Konsum von Alkohol und/oder chemischen Substanzen auftreten. Er versichert, alle Schritte die dem Opfer helfen würden, mitzugehen, er sei zu allem bereit. Die Freund*innen der Betroffenen treffen sich wenige Tage später mit einem Freund des Täters, der die Existenz des Krankheitsbildes bestätigen will. Andere enge Freund*innen wüssten bereits seit Jahren darüber Bescheid. Eine ärztliche Diagnose oder anderweitig unabhängige Bestätigung fehlt bis heute.

 

An dieser Stelle ist, nicht nur aus feministischer Perspektive, die Existenz einer derartigen Krankheit an sich zu hinterfragen. Eine Selbstdiagnose ohne ärztliche und therapeutische Begleitung allein durch den „Leidenden“ erscheint doch lächerlich. Sollte diese Krankheit tatsächlich existieren, macht der „Leidende“ sich selbst zum Täter, indem er sie ignoriert oder gar als Freifahrtsschein gebraucht. Er weiß (und das wusste er auch schon vor dem Übergriff), dass er beim Konsum von Alkohol und anderen Substanzen übergriffig werden kann. Er weiß, dass er eine Gefahr darstellt. Was tut er? Er informiert lediglich sehr wenige über den Zustand. Er sagt, er „trinke Alkohol nur im Bar-Kontext“. Was tut er wirklich? Er macht so weiter wie bisher und installiert überhaupt keine Vorsichts-/Schutzmaßnahmen. COME THE FUCK ON!)

 

Nach Rücksprache mit der Betroffenen formulieren ihre Unterstützer*innen eine Nachricht an den Täter, dass der Wunsch besteht, Freund*innen der Betroffenen, vor allem jene, die an besagtem Abend auf der gleichen Party waren, in Form eines Briefes in den Vorfall einzuweihen. Hierzu äußerte der Täter, dass bei einem Schreiben an die Freund*innen betont werden soll, dass es nie seine Intention gewesen sei, die Tat zu begehen. Er äußert ebenso wiederholt, selbst nichts mehr von Geschehenem zu wissen. Wenig später bittet er dringend darum, sich noch einmal zu treffen, bevor die Freund*innen des Opfers über den Vorfall in Kenntnis gesetzt werden. Er habe sich Rat von diversen Personen aus seinem privaten Umfeld eingeholt und appelliert an die Betroffene, von einem Statement/einer Veröffentlichung abzusehen: „Allesamt haben von einer Art Statement oder Veröffentlichung dringend! abgeraten […]“, da es der Betroffenen schaden könne. Er wolle nur, dass alles getan werde, um ihr zu helfen. Ein Schreiben an die Freund*innen der Betroffenen wird anschließend nie verfasst. Es folgen lediglich einzelne Treffen mit den besagten Freund*innen, welche an dem Abend des Vorfalls die Party besuchten, um von dem Übergriff zu berichten. Auf den Wunsch des Täters wurde Rücksicht genommen. Es folgen weitere Ansprachen des Täters mit dem Appell, den Weg gemeinsam zu bestreiten, um keine Fehler zu begehen. Darüber hinaus bieten sich seine Freund*innen als Mediator*innen an und stellen den Aufarbeitungsprozess nach außen als durchweg positiv dar. Dass immer wieder manipulativ auf die Betroffene Einfluss genommen wurde, spricht jedoch eine andere Sprache. Und während der Fokus darauf gelegt wird, „Lösungen“ im Interesse des Täters zu finden und darüber zu lamentieren, wie ihm das potenziell schaden könnte, wird es für die Betroffene immer schwerer ihrem Alltag nachzugehen. Sie ist diejenige, die Orte meidet und die Straßenseite wechselt, um ihn nicht sehen zu müssen. Sie ist diejenige, die im Supermarkt 10 Minuten schockiert in der Obst- und Gemüseabteilung wartet, bis er in Ruhe einkaufen war. Sie ist diejenige, die den Stadtteil verlässt. Sie ist diejenige, die versucht hat, die Sache nicht größer zu machen und sich dabei selbst vergessen hat.

 

Aus dem „Freund*innenkreis“ der Betroffenen, in dem sie sich bis zum Übergriff aufhielt, kam nicht viel. Eine große Enttäuschung, nach all den antisexistischen Äußerungen und Bekenntnissen zum Thema sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen – festzustellen, dass dieser Theorie keine Praxis folgt, wenn der Täter kein Unbekannter ist. Jede*r kann viel sagen, ohne dabei etwas wirklich in die Realität umzusetzen. Nachdem die Betroffene aus Unsicherheit und Scham lange nicht über Geschehenes sprechen konnte, vertraute sie sich doch einigen wenigen Personen an. Die Reaktionen darauf waren sehr unterschiedlich. Sätze wie „Krass, ihm hätte ich das gar nicht zugetraut“, „Was genau ist denn passiert?“ oder „War es denn wirklich so schlimm?“ musste sie sich anhören. Jedes Opfer reagiert unterschiedlich auf Geschehenes. Es gibt kein typisches Opferverhalten, an dem zu erkennen ist, wie sehr die betroffene Person leidet. Da die meisten Opfer geplagt sind von Schuldgefühlen und Scham, wird in den meisten Fällen geschwiegen, sich zurückgezogen oder eben versucht, nach außen "ganz normal" weiterzumachen, sich nichts anmerken zu lassen. Das bedeutet nicht, dass man dem Opfer das Erlebte ansehen muss. In diesem Fall hat die Betroffene sogar versucht, ihr nahes Umfeld einzubeziehen und sich ihnen anzuvertrauen mit dem, was vorgefallen ist. Dieser Schritt hat die Betroffene viel Mut gekostet. Es hat eine Weile gedauert, um darüber überhaupt reden zu können. Die Reaktionen sind erschreckend. Nach so einer Erfahrung ein zweites Mal verletzt zu werden, nämlich von dem Umfeld, hat mit Solidarität, hat mit Freund*innenschaft nichts zu tun. Das schlimmste Verhalten gegenüber einer Person, die etwas Traumatisches erfahren hat, ist, nichts zu tun. Ebenso schlimm ist es für Betroffene, ihnen keinen Glauben zu schenken und ihr das Erlebte abzusprechen oder dies zu verharmlosen.

 

Bis Februar 2019 bestand ständiger aber unregelmäßiger Kontakt zwischen Täter und Freund*innen des Opfers, wobei dieser mehrfach dazu aufgefordert werden musste, Updates zu schicken über seine "Fortschritte" (Behandlung, Therapie, Austausch mit Freund*innen, Transparenz...) Auch veranstaltete er nach wie vor Parties in diversen Clubs in Leipzig und zeigte sich nach einer Weile auch wieder sehr präsent auf Social Media Plattformen. Trotz entsprechender Vereinbarungen fragt er an, ob es möglich sei, eine Veranstaltung am damaligen Arbeitsplatz des Opfers ausrichten zu können. Die diplomatische Auseinandersetzung zwischen Freund*innen der Betroffenen und Täter hätte zu keinem Zeitpunkt stattfinden müssen und brachte die Unterstützer*innen an ihre psychischen Grenzen. Täterarbeit sollte keinesfalls Aufgabe des Freund*innenkreises des Opfers sein. Deshalb bitten die Betroffene und ihre Freund*innen im März 2019 darum, keine weiteren Updates mehr zu bekommen. Jetzt haben wir April 2020. Was ist seit dem passiert? Sag du es uns! Der Betroffenen und den Unterstützer*innen ging es niemals darum, die Bar des Täters in die Auseinandersetzung einzubeziehen oder ökonomischen Schaden für ihn anzustreben. Allerdings wurde die finanzielle Situation des Täters und seiner Freund*innen als Argument seinerseits herangezogen, um die Betroffene unter Druck zu setzen von öffentlicher Auseinandersetzung und Einschränkungen für den Täter abzusehen. Es ging uns nie um die Kneipe, sondern um dein Verhalten. Du hast und hattest 100%igen Einfluss auf den Verlauf dieses Prozesses.

 

Dieser Text soll den Sachverhalt, wie eingangs beschrieben, nicht nur transparent machen, sondern ebenso andere Betroffene von sexualisierter Gewalt ermutigen, nicht länger zu schweigen. Das Erlebte der Betroffenen zeigt jedoch, dass der Prozess der Verarbeitung nicht allein zu bewältigen ist und an jedem Punkt Unterstützung und Solidarität benötigt. Dabei meint Solidarität und Unterstützung die PROAKTIVE Auseinandersetzung des Täters und seines Umfeldes. Nicht WIR sind es, die DIR Angebote machen! Es ist KEINE adäquate Täterarbeit, die Betroffene immer wieder zu überreden, von hart erarbeiteten Vereinbarungen abzurücken.

 

Wenn du unter Einfluss von Alkohol und Substanzen zur Gefahr wirst, dann kümmer dich darum, dass das nie wieder passiert!

 

Alles andere macht dich zum Täter!

 

Der Täter bist du!

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Ergänzungen

Starker Text. Danke für die Mühe, die Kraft. 

der Diskurs rund um das Pivo steht sinnbildlich für die Entwicklung der "Connewitzer Szene". Vermeintlich störende Konzepte werden erst unter Hipster/Gentrifizierungsvorwürfen angergriffen und dann unter dem Vorwand eines sexuellen Übergriffs einer einzelnen Person auf eine politische Bühne gehoben. Statt sich aktiv mit herrschenden Klassenverhältnissen und Gentrifizierungstreibern zu beschäftigen, findet die politische Agitation ausschließlich im kleinstmöglichen Raum statt. Nicht zuletzt dass repressive Maßnahmen wie die jüngste HD zunehmend unbeantwortet bleiben und sich in Szenspaltereien aufgerieben wird, verdeutlicht das Dilemma um das eigene politische Handeln.

Hast du den Text überhaupt gelesen? Ist das eigentlich dein scheiß Ernst? Einen Typen der sexuell übergriffig geworden ist als 'vermeintlich störendes Konzept' darzustellen ist Tätzerschutz at its best. Und dass du nach den Übergriff nach den Schilderungen immer noch als 'Vorwand' abtust' ist einfach nur traurig und lächerlich. Statt sich aktiv mit herrschenden Klassenverhältnissen und Gentrifizierungstreibern zu beschäftigen wäre eine Lösung den Täter zu benennen, Betroffene zu supporten oder im besten Fall einfach mal deine Fresse zu halten. 

Vielen Dank für den Text!

Eine kleine Ergänzung zu folgender Textstelle: "An dieser Stelle ist, nicht nur aus feministischer Perspektive, die Existenz einer derartigen Krankheit an sich zu hinterfragen. Eine Selbstdiagnose ohne ärztliche und therapeutische Begleitung allein durch den „Leidenden“ erscheint doch lächerlich. Sollte diese Krankheit tatsächlich existieren,... ."

Die Krankheit, von der der Täter spricht, heißt Sexomnia bzw. Sex Sleep und ist im DSM-5 aufgeführt (https://en.wikipedia.org/wiki/Sleep_sex). Es ist eher schwer, die Diagnose empirisch zu belegen, da die Erkrankung nur unregelmäßig auftritt (häufiger nach Schlafentzug, Substanzkonsum, Stress...) und die Person so lange in einem Schlaflabor schlafen müsste, bis sie nachts wieder aktiv wird. Schon für eine Nacht muss man mitunter ein Jahr auf einen Termin warten. Andere Diagnosen würden darauf hinauslaufen, dass er einer Ärztin oder Therapeutin sagt, dass er das macht, die dann Kriterien abgehaken und ihm die Diagnose stellen, was an seine Glaubwürdigkeit letztlich nicht erhöht. 

Dies soll den Täter in keinster Weise entschulden. Wenn er weiß, dass er diese Krankheit hat, liegt es selbstverständlich in seiner Verantwortung dafür zu sorgen, dass er nicht übergriffig ist.  

 

"An dieser Stelle ist, nicht nur aus feministischer Perspektive, die Existenz einer derartigen Krankheit an sich zu hinterfragen." ist einfach nur Panne. Feministische Perspektive heißt nicht, Wissenschaft und Aufklärung über Bord zu werfen und die Errungenschaften von Jahrhunderten von Kämpfen zu negieren. Das ist eklig!

 

Gab es mal Hinweise an die Person, wer und wie "Täterarbeit"* besser geleistet werden kann? Falls diese nicht gut gelungen ist, hat man ihn** mal über die mutmaßliche Unfähigkeit seines Unterstützerkreises aufgeklärt? Der Zeitraum und beteiligte Personenkreis scheint ja relativ groß zu sein?

 

Gab es eine Aussage, was "wirklich passiert" ist (d.h. Tathergang des sexuellen Übergriffes) und eine Arbeit an, also auch Objektivierung, der Tat? Unabhängig wie sich die Betroffenene Person zu Recht fühlt wird irgendwann ein Abrücken von DefMa Prinzipien und ein Bearbeiten des Sachverhalts einfach nötig. Ein Umgehen des damit verbundenen Schmerzes für die Betroffene ist gerade in linken, also vermeintlich emanzipatorischen, Kreisen grob fahrlässig.

 

Leider lässt der Text nur Fragen dahingehend offen und unter diesem "Der Täter bist du" Slogan konnte man unlängst schon mal einen völlig mit feministischen und emanzipatorischen Prinzipien brechenden, weil die Frau entmündigenden, Text*** in Leipzig lesen. 

 

Ich hoffe, die Betroffenen wird in ihrem Unterstützkreis ein Leben nach dem Vorfall ermöglicht. Weil alles andere Quatsch ist. Wenn der Täter ein unreflektiertes Arschloch ist, hilft es nicht, wenn jetzt alle anderen auch unreflektierte Arschlöcher sind.

 

* Natürlich ist der Täter niemals nur Täter sondern auch ein, wie wir* alle, von den Verhältnissen zugerichteter Mensch

** Ich gehe jetzt von einem Cis-Mann aus

*** Ich kenne nur den Plakattext, der der Arbeit an der vermutlichen Tat nicht hilft

Danke für  den Text und die Kraft, das öffentlich zu machen. Solidarische Grüße!