Unsere Antwort auf die Razzien: Öffnung statt Abgrenzung

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***English below*** Wir stehen solidarisch mit der anarchistischen Bibliothek Kalabal!k, dem Späti L5, dem Infoladen und Hausprojekt Scherer 8, der Erwerbsloseninitiative BASTA und allen Betroffenen in den Privatwohnungen, die am 24. März von den zerstörungswütigen Razzien der Polizei getroffen wurden. Wir wollen in diesem Text einige Gedanken darüber teilen, wie wir die aktuellen Ereignisse einordnen.

Die Razzien sind ein Angriff auf unsere Bewegung. Sie stellen aber zugleich einen Angriff auf die Gesellschaft an sich dar. Wir befinden uns in einer globalen Phase von faschistischen Systemumschwüngen. Staaten und Gesellschaften werden zunehmend militarisiert und wir sehen eine Rückkehr zu konservativen Weltansichten. Außerdem beobachten wir eine Zunahme der Repression gegenüber allen gesellschaftlichen Kräften, die für die Befreiung von kapitalistischer, rassistischer und patriarchaler Unterdrückung kämpfen. (1) Neben den neuesten Razzien sehen wir das an den Kontokündigungen der Roten Hilfe, der Inhaftierung vom Agean Boat Reporter Tommy Olsen, der Kriminalisierung der palästina-solidarischen Bewegung, aber auch an den massiven Sozialkürzungen in Bildung, Kultur und im sozialen Bereich. Das sind keine Einzelfälle. Es sind groß angelegte Angriffe auf die demokratischen Kräfte in der Gesellschaft. Indem er seine Erzählung von scheinbarer Sicherheit an die Öffentlichkeit verkauft, legitimiert der Staat sein „hartes Durchgreifen" und Repressionen gegen angebliche Feinde dieser Sicherheit. So treibt er die  Entwicklung hin zum Autoritarismus weiter voran.

 Vor dem Hintergrund dieser Gedanken wollen wir uns fragen: Wie sollen wir auf die Razzien reagieren?  Wir denken, dass unsere Antwort – wie immer schon - eine weitere Öffnung der Bewegung sein muss. In Berlin beobachten wir in den letzten Jahren einige mutmachende Tendenzen. Hausprojekte und Gruppen wie die Stadtteillkomitees öffnen sich für ihre Nachbarschaften, versuchen sich mehr im Kiez zu verankern und wählen Vernetzung statt Isolation. Organizing-Ansätze wie Haustürgespräche werden mehr und mehr angewandt, von ganz verschiedenen Teilen der politischen Linken. Erst im letzten Jahr hat es zwei Protestcamps gegen den Krieg gegen Migration am Oranienplatz gegeben. Diese wurden zwar von organisierten Gruppen und Einzelpersonen initiiert, aber maßgeblich von solidarischen Nachbar*innen getragen, die beim Kochen, mit Lebensmittelspenden oder Schlafplatzangeboten unterstützt haben. Als die Temperatur diesen Winter unter minus zehn Grad fiel, öffneten Hausprojekte wie die Rigaer 94 für einige Nächte ihre Räume und boten Notschlafplätze an. Auch jetzt nach den Razzien dürfen wir nicht dem Impuls nachgeben uns als Reaktion auf die zunehmende Repression in unsere Szeneräume zurückzuziehen, in den sicheren Kreis unserer Genoss*innen. Auch sollten unsere Antwort keine Black-Block-Demos sein. Sie mögen zwar kämpferisch sein, sind aber weder zugänglich noch klar in ihrer Botschaft und folgen daher eher einer abgrenzenden als einer emanzipatorischen Logik.  Wir sehen eine Alternative im Konzept der Sozialen Selbstverteidigung, das wir von der Community of Squatted Prosfygika in Athen gelernt haben. Es basiert darauf, ein möglichst starkes Kollektiv und stabile genossenschaftliche Beziehungen aufzubauen, um der Vereinzelung und fehlenden Solidarität etwas entgegenzusetzen, die uns von allen Seiten bedroht. Das bedeutet, grundlegende menschliche Bedürfnisse nicht allein, sondern gemeinsam zu erfüllen. In Prosfygika wurden so zum Beispiel ein selbstorganisierter Kindergarten, eine Bäckerei und eine Apotheke eröffnet. Diese Angebote füllen ganz automatisch Lücken gesellschaftlicher Bedürfnisse, welche die kapitalistische Moderne (1) bewusst schafft, um uns durch Prekarisierung besser kontrollieren und ausbeuten zu können. Es ist dann nur noch ein kleiner Schritt, diese Strukturen für das ganze Viertel zu öffnen. Die Folge davon aber ist: Wenn der Staat angreift, hat die Community die Nachbarschaft im Rücken. Und wenn der Staat Menschen aus der Nachbarschaft angreift, sie räumen oder abschieben will, können wir uns gemeinsam mit der Community dagegen stellen. Lasst uns diesem Beispiel folgen und Angebote schaffen, die über unsere eigenen Kreise hinausreichen. Lasst uns bei jeder möglichen Gelegenheit ins Gespräch gehen und in jedem fremden Gesicht eine*n mögliche*n Verbündete*n vermuten. Lasst uns Demos organisieren, die durch ihren Ausdruck die Werte sichtbar machen, für die wir stehen, und an deren Rand wir Flyer verteilen. Die Polizeigewerkschaft und die rechten Parteien und Medien schwingen Reden, mit denen sie eine Trennung zwischen linken Bewegungen und der Gesellschaft heraufbeschwören wollen. Doch real wird diese nur, wenn wir nicht dagegenarbeiten. Für uns steht fest: Wir sind die Gesellschaft, für die wir kämpfen, und wir lassen uns nicht isolieren!   (1)  Wir verstehen all diese Angriffe auf die Gesellschaft im Kontext des 3. Weltkriegs, in dem wir uns laut Abdullah Öcalan schon seit den Achtzigern befinden. Der Begriff beschreibt zum einen die globale Eskalation von Machtkämpfen zwischen kapitalistischen Akteur*innen. Zum anderen analysiert er aber auch den Kampf zwischen den Kräfte der kapitalistischen Moderne und jenen der demokratischen Moderne. Die Kräfte der demokratischen Moderne sind kurz gesagt alle, die für die Befreiung von kapitalistischer, rassistischer und patriarchaler Unterdrückung kämpfen. Sie stehen somit auf der Seite der Gesellschaft und des Lebens an sich. Eines Lebens in Würde. Sie sind es, die sich auf der ganzen Welt zunehmenden Attacken durch immer autoritärere Staatsapparate ausgesetzt sehen. Progressive Bewegungen und marginalisierte Communities stehen zwar an der vordersten Front dieses Krieges. Doch es muss allen klar sein, dass jede autoritäre Maßnahme im nächsten Schritt auf die ganze Gesellschaft ausgeweitet wird.  borderless collective ***English*** Our response to the raids: opening up instead of closing off We stand in solidarity with the anarchist library Kalabal!k, the Späti L5, the Infoladen and house project Scherer 8, the unemployment initiative BASTA, and all those affected in the private homes that were targeted by the destructive police raids on March 24. We want to share some thoughts on how we understand the current events. The raids are an attack on our movement, but also an attack on society as a whole. We are living in a phase of global system shifts towards fascism. States and societies are becoming increasingly militarized, and we see a return to conservative worldviews. We observe an increase in repression against all social forces that fight for liberation from capitalist, racist, and patriarchal oppression. In addition to the recent raids, we see this in the closure of the bank accounts of Rote Hilfe, the arrest of the Agean Boat Reporter Tommy Olsen, the criminalization of the pro-palestine movement, and the massive cuts in education, the cultural and social sector. These are not isolated cases; they are large-scale attacks on democratic forces in society. By presenting a narrative of public security, the state legitimizes its "crackdown" and repressive measures against alleged threats to that security. In this way, it further drives the trend towards authoritarianism. With this in mind, we want to ask ourselves: How should we respond to the raids? We think that our response - as it has always been - must be to further open up the movement. In Berlin, we have observed some encouraging trends in recent years. House projects and groups like the neighborhood committees are opening up, trying to anchor themselves more in their neighborhoods, and choosing connection over isolation. Organizing approaches like door-to-door conversations are being used more and more by various parts of the political left. Just last year, there were two protest camps against the war on migration at Oranienplatz, which were initiated by organized groups and individuals but largely supported by neighbours in solidarity who helped with cooking, food donations, or offering sleeping places. When temperatures dropped below minus ten degrees this winter, house projects like Rigaer 94 opened their spaces for a few nights and offered emergency sleeping places. Even now, after the raids, we must not give in to the impulse to retreat into our scene spaces as a reaction to increasing repression, into the safe circle of our comrades. Our response should also not be black block demos. Despite having a more confrontational character, they are neither accessible nor clear in their message and therefore follow a logic of exclusion and isolation rather than emancipation and liberation. We see an alternative in the concept of social self-defense, which we learned from the Community of Squatted Prosfygika in Athens. It is based on building a strong collective and stable comradeship relationships to counter the isolation and lack of solidarity that threatens us from all sides. This means meeting basic human needs not on our own, but together. In Prosfygika, for example, a self-organized kindergarten, a bakery, and a pharmacy were opened. These offers automatically fill gaps in social needs that the capitalist modernity (1) deliberately creates in order to control and exploit us better through precarization. It is then only a small step to open these structures to the whole neighborhood. The consequence of this is: when the state exerts its power, the community has the neighborhood's support. And when the state targets people in the neighborhood, for example with evictions or deportations, we can stand up against it with our community. Let's follow this example and create structures that reach beyond our own circles. Let's engage in conversation at every opportunity and see a potential ally in every unfamiliar face. Let's organize demos that, through their expression, make the values we stand for visible and distribute leaflets on their sidelines. The police union and right-wing parties and media make statements with the aim of provoking a division between leftist movements and society. But this only becomes real if we don't work against it. For us, it is clear: we are the society we are fighting for, and we won't be isolated! (1) We understand all these attacks on society in the context of the third world war, in which we have been living since the 1980s, according to Abdullah Öcalan. The term describes on the one hand the global escalation of power struggles between capitalist actors. On the other hand, it analyses the struggle between the forces of capitalist modernity and those of democratic modernity. The forces of democratic modernity are, in short, all those who fight for liberation from capitalist, racist, and patriarchal oppression. They stand on the side of society and life itself, a life in dignity. They are the ones who are facing increasing attacks from authoritarian state apparatuses all over the world. Progressive movements and marginalized communities are at the forefront of this war, but it must be clear to everyone that any authoritarian measure will eventually be extended to the whole society. borderless collective   

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