Offener Brief zur Situation auf der PLⒶTTE vom 8.4.26
LEWO-LEGO-Steine gegen selbstbestimmtes Leben!
Hallo Herr Bürgermeister Rosenthal, liebe Freund*innen alternativen Lebens!
Zur Kenntnisname an die Verantwortlichen mit dem roten Stuhl und der LEWO AG.
Seit einem Jahr versuchen wir selbstbestimmtes Leben in LKW und Bauwägen zu verwirklichen, indem wir ungenutzte Brachflächen zu lebhaften Orten gestalten. Zuerst bewohnten wir mit einigen Mitstreiter*innen ein jahrzehntelang brachliegendes Stück Land hinter dem verfallenen Praktiker-Baumarkt in Rückmarsdorf, auf dem inzwischen ein junges Birkenwäldchen herangewachsen ist. XXXLutz behauptet dort ein weiteres Möbelhaus errichten zu wollen, da es davon in Leipzig wohl noch nicht genug gibt. Ob das zu unseren Lebzeiten realisiert wird, bezweifeln wir. Wir erwirkten jedoch, dass die Fläche von der Stadt als Wald anerkannt wird und verschafften den dort lebenden Lebewesen eine Atempause: Wenn die angekündigten Rodungsarbeiten durchgeführt werden, muss eine Ausgleichsfläche geschaffen werden und vielleicht hat dann jemand die Belange von Zauneidechsen und Co im Blick.
Dennoch: die Repression dort - in Gestalt von Konzernangestellten, Gerichtsvollziehern und anderen Verfechter*innen der Eigentumsordnung - war real. Da wir dort keine Zukunft mehr sahen, versuchten wir einen zweiten Anlauf auf einer Betonbrache vor dem Westbahnhof. Dort sind wir nun seit ca. sechs Wochen. Wir nahmen an, dass die Fläche der Stadt gehört, was jedoch (noch) nicht der Fall ist. Seitdem wir dort sind, werden wir von Securitys bewacht, die von der LEWO AG bezahlt werden. Wir erdulden, dass unser Wohnort mehrfach täglich fotografiert wird und zuletzt — zum Glück nachdem die letzten auf dem alten Platz verbliebenden Gemeinschaftsräume versetzt waren — wurde die Fläche mit tonnenschweren Betonsteinen umzingelt.
Offensichtlich soll mit den Klötzen verhindert werden, dass wir das Gelände befahren. Das ist einerseits ärgerlich, weil wir jetzt Schubkarre und Fahrradanhänger bemühen müssen, um Brennholz und Getränke zu bewegen. Anderseits auch gefährlich, weil uns nun Feuerwehr und Rettungsdienst im Notfall nicht mehr direkt erreichen können.
Falls die LEWO Angst hat, dass wir immer mehr werden, hätten sie vielleicht mal mit uns reden sollen. Die kapitalistische Verwertungslogik braucht grenzenloses Wachstum, wir aber nicht. Wir haben nun all unsere notwendigen Wägen vor Ort und unser Kollektiv ist toll so wie es ist. Wir werden den von uns genutzten Platz nicht vergrößern!
Darüber hinaus: Wenn da Steine sind, werden wir niemals weiterziehen können! Und auch die Securitys können abziehen. Wir sorgen selbst für unsere Sicherheit. Und wenn nicht, dann erfüllt wenigstens deren Grundbedürfnisse: es ist krass, dass wir 'ne Feuertonne zur Verfügung stellen mussten, weil wir den Anblick bibbernder schlechtbezahlter Menschen in frostigen Nächten nicht ertragen können. Valentin, check mal die Rechte deiner Angestellten!
Wo wir gleich beim letzten Punkt wären: da wir die Pläne von Bürger*inneninitiative und Stadt respektieren, brauchen wir mittelfristig eine Ausgleichfläche. Hat vielleicht jemand einen Vorschlag? Leipziger Westen wäre toll wegen der Kids, min. 1-2 Jahre Planungssicherheit und genug Platz für unser Kollektiv und die Gemeinschaftsräume. An der Ausfertigung dieses Briefes an die Stadt sind ein paar Grundstücke angefügt, die für uns in Frage kämen und womöglich in städtischem Besitz sind.
Achja und noch ein paar Worte zur Situation in der Schomburgkstraße: Seit unserem Auszug wird das Gelände dort von Security-Schlägertruppen bewacht. Zuerst wurden die verbliebenen Bewohner*innen schickaniert und bedrängt, bis sie sich genötigt gefühlt haben noch vor dem Ende der ausgehandelten Räumungsfrist zusammenzupacken. Und der neuste Shit der XXXLutz-Secus: handgreiflich-werden, wenn wir unsere Habseligen von dort bergen wollen. Unser Anspruch war das (ehemals vermüllte) Gelände in einem besseren Zustand als vorher zu übergeben - das zu realisieren scheint zur Zeit unmöglich. Übrigens wird dort seit kurzem ein Zaun errichtet. Selbst das bürgerliche Recht sieht vor, dass Wald von allen betreten werden darf.
Aggressiv auftretende Secus, die Konzerninteressen ohne Rücksicht auf körperliche Grenzen durchsetzen. Mit der Begründung, dass sei ihre Aufgabe. Auch die Secus der LEWO AG versuchen jetzt diese konfrontative Strategie. Erst vor ein paar Tagen traten die Secus gegenüber den Bewohner*innen der PLⒶTTE massiv bedrohlich, unprofessionell und grenzüberschreitend auf. Darüber hinaus zeigt sich die Unprofessionalität auch in regelmäßigem nächtlichen Rumbrüllen von hässlichen sexistischen Beschimpfungen und Drohungen.
Scheinbar sind wir in den Augen der LEWO Kriminelle, die eingesperrt, bewacht und eingeschüchtert werden müssen. Unser Verbrechen: wir wollen ein schönes, möglichst freies Leben zusammen mit unseren Hunden und Kindern führen — zusammen mit den Menschen hier im Kiez und gegen Vereinzelung hinter Betonmauern!
Zusammenfassend: Wir wollen zwischennutzen was brach liegt — wenn es hier nicht sein soll, dann anderswo. Das ist nicht radikal, sondern gesunder Menschenverstand. Dafür brauchen wir eine andere Fläche und die Steine müssen weg.
Und last but not least wollen wir uns wieder einmal bei unseren Freund*innen bedanken. Wir wünschen uns noch viele wundervolle Momente mit euch. Entweder hier oder anderswo. Vielleicht kann unser Kampf nach Wohnraum auch Inspiration für andere sein...
Love & Rage von der PLⒶTTE
Creative Commons by-sa: Weitergabe unter gleichen Bedingungen
