Hanau-Gedenken: Über solidarische Bündnisse und ressentimentgeladene "Antifas"
„Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert“
Anlässlich des sechsten Jahrestags des rassistischen Attentats von Hanau haben auch in Hannover Menschen am 19.02. zusammengefunden, um den zehn Opfern zu gedenken. Am Halim-Dener-Platz im Stadtteil Linden fanden sich ca. 200 solidarische TeilnehmerInnen ein, um Redebeiträgen zuzuhören und im Anschluss eine antirassistische Demo Richtung Innenstadt zu bilden. Nach einer Schweigeminute fand das zum wiederholten mal einladende Migra-Bündnis in ihrem Beitrag deutliche Worte zum mörderischen Rassismus in Deutschland. Ein Vertreter der liberalen jüdischen Gemeinde ordnete seine eigene familiäre Migrationsgeschichte in die vielschichtigen Erfahrungen von nach Deutschland Migrierten ein. Hier verschränkt sich das Erleben von Rassismus und Antisemitismus in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Der Sprecher von Nav Dem verknüpfte die Morde von Hanau und die Kämpfe der Hinterbliebenen mit den lokalen Anerkennungskämpfen für Halim Dener, der durch die deutsche Polizei starb. Zum Abschluss gab das mitveranstaltende Solidarity Unlimited Bündnis Anregungen, wie nicht von Rassismus und Antisemitismus Betroffene sich solidarisch zeigen können. Der Demozug lief anschließend Richtung Goetheplatz. Von hier konnten die TeilnehmerInnen zur Mahnwache mit Mahnmal bei der Cumberlandschen Bühne.
Die Zusammenarbeit zwischen einem emanzipatorischen Antirassismus und Anti-Antisemitismus hat sich spätestens seit dem antisemitischen Massaker der Hamas verkompliziert. Die Anzahl derer, die konsequent beides gemeinsam denken und bekämpfen, ist kleiner geworden. Hingegen sind sich antiimperialistische Gruppen, Klimaschützerinnen, postkolonialistisch verbrähmte AntirassistInnen mit arabischen Nationalisten und Islamisten im Hass auf Israel einig und ordnen dieser antizionistischen Obsession nicht nur alle anderen politischen Felder unter, sondern die eigene Urteilskraft und die Wahrheit selbst. Auch hier sind sich einige Linke nicht zu schade, an Demos von "Intifada Hannover" teilzunehmen, die den Ruf nach antijüdischem Terror schon im Namen tragen. Erst letzten Samstag wurde bei ihrer Demo in der Nordstadt im Beisein dieser "propalästinensischen Linken" mit dem islamistischen Schlachtruf "Khaybar, Khaybar" zum Massaker an Juden aufgerufen. Der massiver zu Tage tretende Antisemitismus der Hamas-AnhängerInnen, aber auch der gesamtgesellschaftliche und links-antizionistische, wird systematisch relativiert oder geleugnet.
Dabei erzwingt gerade die Ideologie des rechtsextremen Attentäters von Hanau genau dieses Zusammendenken von Antisemitismus und Rassismus. Sein Motiv: Der angebliche "große Austausch"
(https://www.dw.com/de/motiv-der-angebliche-gro%C3%9Fe-austausch/a-52445990).
Vielerorts wird das Gedenken an die Opfer von Hanau trotzdem als Folie für die eigene antizionistische Agenda missbraucht (siehe Quellen).
Das Bündis aus antirassistischen und antisemitismuskritischen Gruppen in Hannover ist deshalb einigen "wütenden Antifas" aus dem autoritären Sumpf ein Dorn im Auge, da das Hanau-Gedenken am Halim-Dener-Platz dem Abdriften einiger Teile der Linken Richtung Erlösungsantizionismus entgegensteht. Der jüngst auf Indymedia erhobene Vorwurf der Instrumentalisierung ist - angesichts der tatsächlichen antizionistischen Hijacking-Versuche bei gleichzeitiger Ausblendung der antisemitischen Ideologie des Täters - offenkundig ein projektiver.
Verbreitet wurde der anonyme Text vom OAT Hannover, das diesen "gefunden" hätte. Zuletzt fand das OAT "zufällig" ein misogynes Banner, das zur Gewalt gegen eine feministische Referentin aufrief (s. letzter Absatz in: Vortrag radikaler Antizionistin an der Uni Hannover aufgelöst | https://de.indymedia.org/node/558313). Die Vermutung drängt sich auf, dass sowohl der Text als auch der frauenfeindliche Gewaltaufruf aus Kreisen des OAT stammt. Während man die am Hanau-Bündnis Beteiligten mit haltlosen Vorwürfen überzieht (Zur Kritik des repetitiven Genozid-Vorwurfs https://kritischebildung.de/beitraege/genozid-vorwurf), fällt den Verantwortlichen des OAT nicht mal mehr auf, dass sie in ihrem Insta-Posting eins der Opfer von Hanau vergessen haben, und zwar Ibrahim Akkuş. Daran lässt sich ablesen, wie ernst ihnen das Gedenken an Hanau wirklich ist. Während man verzweifelt versucht, sich mit offensichtlichen Diffamierungen gegenüber den beteiligten Gruppen eine Deutungshoheit zurückzuerkämpfen, will man widersprüchlicherweise ihrer identitätsstiftenden "antideutschen" Feindbildkonstruktion Bedeutungslosigkeit attestieren. Die OAT-FreundInnen der "Students for Palestine" warnten gar vor einer Demo von "Zionisten". Die narzisstische Kränkung und die Wut, die durch das neue Hanau-Bündnis evoziert werden, springt einem/r aus jeder Zeile entgegen. Da müssen die "wütenden Antifas" sogar zu nachweislich falschen Unterstellungen greifen. Ob die Behauptung, das JuFo würde mit dem VS zusammenarbeiten, nur ein Recherchefehler, wie beim falsch aufgehängten Banner vor der Glocksee, war, oder einfach eine blanke Lüge, können nur die VerfasserInnen beantworten. Der Ex-Bulle und SPD-Politiker, mit dem das JuFo mal gequatscht hatte und dem fälschlicherweise unterstellt wird, ein "Sprecher des Verfassungsschutz" zu sein, ist der MdL Zinke, in Wirklichkeit Sprecher eines parlamentarischen
Kontrollgremiums, das für den Verfassungsschutz zuständig ist. Ein feiner Unterschied
ums Ganze. Da der Text ausschließlich auf dem Argument dieser nichtexistenten Zusammenarbeit des JuFo mit dem VS basiert, fällt dieser hilflose, schrifliche Angriff auf das Bündnis in sich zusammen. Zurückbleiben ein paar sublimierungsunfähige autoritäre Antifas, deren wiederholte peinliche Fehler für Gelächter in der hannoverschen Szene sorgen, und ein Bündis emanzipatorischer Gruppen, die nicht bereit sind, Antisemitismus- und Rassismuskritik gegeneinander auszuspielen.
In Gedenken an die Opfer von Hanau:
- Ferhat Unvar
- Hamza Kurtović
- Said Nesar Hashemi
- Gökhan Gültekin
- Mercedes Kierpacz
- Vili Viorel Păun
- Sedat Gürbüz
- Fatih Saraçoğlu
- Kaloyan Velkov
- Ibrahim Akkuş
Quellen:
Instrumentalisierung des Hanau-Gedenkens: Hört auf jene, die Menschen verloren haben! https://www.tagesspiegel.de/berlin/instrumentalisierung-des-hanau-gedenkens-hort-auf-jene-die-menschen-verloren-haben-11217997.html
Ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen | Jüdische Allgemeine
https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/ein-schlag-ins-gesicht-der-angehoerigen/
Antisemitismus in Hanau-Gedenkbündnissen - eine kritische Rückschau
https://www.jfda.de/post/antisemitismus-in-hanau-gedenkb%C3%BCndnissen-eine-kritische-r%C3%BCckschau
Zwei Jahre nach Hanau: Zwischen Gedenken und Vereinnahmung - Belltower.News
https://www.belltower.news/zwei-jahre-nach-hanau-zwischen-gedenken-und-vereinnahmung-128305/
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