Erwiderung: Callout der Person, die den Bremer Verrat jahrelang gedeckt hat
Erwiderung: Callout der Person, die den Bremer Verrat jahrelang gedeckt hat
Wir haben mit Interesse den Outcall einer Person gelesen, die jahrelang den Verrat durch DÎlan in Bremen gedeckt hat (https://de.indymedia.org/node/705187). Wir können die Ausmaße und Betroffenheiten nur schwer einschätzen und emotional nachfühlen. Deshalb möchten wir die Entscheidung für den Callout auch nicht als richtig oder falsch bewerten. Wir möchten uns aber an der gewünschten Debatte darüber beteiligen, wie mit Verrat und Mitwisser*innenschaft umgegangen werden soll.
Viele politische Gründe für den Outcall
Wir sind uns bewusst, dass es viele Gründe für den Outcall gibt. Der massive Vertrauensbruch lässt sich nur schwer in Worte fassen. Es ist super krass, als Mitwisser*in jahrelang auf Plena zu sitzen und zu wissen oder jedenfalls in Kauf zu nehmen, dass eine enge (ehemalige) Bezugsperson die Infos dann an den VS weitergibt. Unsere Strukturen leben von Vertrauen. Deshalb ist der Verrat abscheulich und schrecklich. Je enger eins davon betroffen ist, desto schlimmer muss es sich anfühlen. Wir sind voller Mitgefühl.
Außerdem ist es gut, dass mehr Informationen breiter bekannt werden. Die Fragen nach dem "Wie" des Verrats und dem "Wie" der Aufdeckung haben uns und sicherlich viele andere Genoss*innen umgetrieben. Beide Faktoren sind wichtig, um die Situation und das eigene Risiko abzuschätzen und für den Umgang mit ähnlichen Situationen in der Zukunft.
Doch die beiden Hauptanliegen des Outcalls (Informieren und eine Debatte anstoßen) hätten auch anders erreicht werden können.
Politische Gründe gegen den Outcall
Obwohl wir also gute Gründe für einen öffentlichen Outcall sehen, wollen wir kritische Erwägungen in die Debatte einbringen.
Die erste Begründung für den öffentlichen Outcall ist, dass interne Informationsweitergabe begrenzt ist. Das stimmt, zumindest in Teilen. Inwiefern die Informationen über M tatsächlich nicht bei allen angekommen sind, die sie konkret angeht, können wir nicht beurteilen. Wir hatten den Eindruck, dass es sich im Laufe der Zeit doch gut gestreut hat. Und solche Vorgänge brauchen eben Zeit. Wir verstehen aber auch, dass Zeit (und Geduld ) in solchen Situationen oft (vermeintlich) fehlen.
Der zweite Grund für den öffentlichen Outcall ist die öffentliche Debatte über Mitwisser*innenschaft, die wir wichtig finden und an der wir sehr interessiert sind. Diese Debatte hätte aber auch ohne Nennung des Namens funktioniert. So wären intern alle informiert gewesen, ohne den zusätzlichen Druck und die Gefahren, die mit einem namentlichen öffentlichen Outcall zusammenhängen.
Ein dritter und vielleicht entscheidender Grund für den Outcall war, dass die Informationshoheit bei M gelassen wurde und das schlecht funktioniert hat. Daher haben sich die Genoss*innen gedrängt gefühlt, es selbst zu machen. Auch wir halten die erste Entscheidung, M diese Aufgabe und Verantwortung zu überlassen, für falsch. Dazu unten mehr. Wir denken aber, dass sich daraus die vermeintlich logische Konsequenz ergeben hat, ein öffentliches Outing zu verfassen, viel über den politischen und organisatorischen Umgang im konkreten Fall sagt. Demgegenüber treiben uns verschiedene Sorgen um, von denen uns wichtig ist, dass auch sie öffentlich geäußert werden.
- Wir finden wichtig, den Unterschied zwischen DÎlan und M zu betonen. Sie war (soweit wir wissen) nicht selbst Spitzel, auch wenn sich ihr Verrat genauso verheerend anfühlen kann. Wir wissen eben nicht, ob sie bereits mit Behörden geredet hat und sollten vieles daran setzen, es auch für die Zukunft zu verhindern. Das sollte eine Leitschnur im Umgang sein.
- Ein Outing kann enormen negativen Druck auf schon destablisierte Personen bewirken und sie verletzlich machen für staatliche Aktionen. Natürlich können wir uns darauf zurückziehen zu sagen, nicht zu quatschen ist eine politische Selbstverständlichkeit (was es ist!). Als Bewegung werden wir jedoch vor allem dadurch stärker, die Drucksituationen anzuerkennen, in denen sich Personen befinden und sie gerade in diesen Situationen für ihre Entscheidungen zu stärken und nicht zu schwächen. Diese Überlegungen wurden während wir noch über diesen Text diskutiert haben breits von der Realität überholt: M wurde vom Bremer Staatsschutz angequatscht - und hat dies der zuständigen Antirep-Struktur gemeldet (https://de.indymedia.org/node/708240).
- In der Psychologie gibt es das "Sunk Cost"-Gefühl. Je weiter eins in eine Richtung fortgeschritten ist oder je mehr schon investiert wurde, desto schwieriger wird ein Umlenken. Das lässt sich auf diese und wahrscheinlich viele Situationen der Mitwisser*innenschaft übertragen. Ja, M hat sich immer wieder dafür entschieden, zu schweigen und das ihr entgegen gebrachte Vertrauen auszunutzen. Es wurde aberr auch immer schwieriger, etwas zu sagen. Daher ist ihr, auch wenn sie als Mitwisserin selbst Verrat an den Strukturen begangen hat, anzurechnen, dass sie schließlich doch etwas gesagt hat. Das muss schwierig gewesen sein, zumal mit dem Wissen um solche möglichen Konsequenzen wie den Outcall. Das klingt vielleicht wie eine Schutzbehauptung für M, ist jedoch auch Teil der politischen Realität und sollten wir als solche anerkennen. Auch dazu gleich nochmal mehr.
Aus unserer Sicht ist es in solchen Situationen daher besonders wichtig, die jeweiligen Personen gut zu betreuen. Das scheint diesmal an verschiedenen Stellen nicht gelungen zu sein. Dabei geht es uns nochnicht einmal um eine "zweite Chance" oder "weitere Vertrauensvorschüsse", wie im Callout beschrieben. Sondern um Schadensbegrenzung. Wir wollen also auch an dieser Stelle darum werben: alles zu seiner Zeit.
Erst einmal wäre es also an den Politstrukturen (Strukturen!), die Person zu betreuen, den Fall aufzubereiten und einer weiteren Destabilisierung vorzubeugen. Dabei geht es nicht darum, Verantwortung neu zuzuweisen - wie es im Callout heißt: "was sie wem sagt, ist die Entscheidung von M." Aber dennoch müssen wir das in unsere eigene Analyse der Situation und der Handlungsoptionen miteinbeziehen, gerade wenn wir dem Urteilsvermögen von Personen nicht trauen.
Welches Signal sendet das
Die vorstehenden Erwägungen laufen vor allem auf eine Frage hinaus: Was ist die Moral der Geschichte, gerade mit Blick auf "6." vom Callout? Dort heißt es, wir müssten "ein Klima schaffen, das nicht durch Sanktionen und Angst bestimmt ist." Es sollen andere Mitwisser*innen ermutigt werden, von ihnen bekanntem Verrat zu erzählen.
Der Callout scheint uns aber genau das Gegenteil davon zu bewirken. Wenn man, selbst wenn man sich entscheidet zu sprechen und einen der größten Verräter der vergangenen Zeit aufdeckt, schließlich selbst öffentlich geoutet wird, welches Signal wird damit gesendet? Wenn der Einzelperson alle Verantwortung (die sie auch hat) zugewiesen wird, aber das Strukturversagen rund um die Aufarbeitung nicht berücksichtigt, sondern auch ihr übergeholfen wird? Der Callout schafft tatsächlich ein Klima von Sanktionen und Angst und gibt eben keinen wohlwollenden, konstruktiven oder solidarischen Umgangston an.
Das halten wir jedoch für das aller entscheidenste in der jetzigen Situation. Insofern stimmen wir mit dem Outcall komplett überein: Mitwisser*innen sollten nicht nur abgeschreckt werden, sondern wir müssen Strukturen schaffen, in denen wir das Vertrauen gerade dadurch steigern, dass einander berichtet wird. Dabei halten wir den Outcall für kontraproduktiv. Wir wollen uns daher bemühen, einige kleine Vorschläge zu machen.
Standards beim Umgang mit Repression und Verrat
Was könnten also mögliche Standards und Schritte in einem solchen Fall sein? Der Erfahrungsschatz ist diesbezüglich beschränkt. Wir können aber auf unsere allgemeinen Standards zu Repression zurückgreifen und aus den vielen gescheiterten Verfahren mit Tätern patriarchaler Gewalt in unseren Strukturen lernen.
1. Mitwisser*innenschaft ist Verrat.
2. Wenn Personen ihr Schweigen brechen, finden wir das erstmal gut.
3. Schadensbegrenzung ist unsere Leitschnur: Wie oben beschrieben denken wir, dass zunächst (!) Schadensbegrenzung im Vordergrund stehen sollte. Dabei geht es nie nur um den konkreten Fall, sondern alles hat Signalwirkung in die ein oder andere Richtung. Auch wenn es uns nicht gefällt, müssen wir dabei die Verantwortung und Verantwortungslosigkeit der jeweiligen Person einpreisen und sie gegebenenfalls eng betreuen.
4. Interne Information: Die im Outcall beschriebene interne Information finden auch wir zwingend. Schnell und umfassend zu informieren, ermöglicht die eigene und kollektive Gefahreneinschätzung und einen Umgang damit. Sie ist auch für sich ein Baustein von Vertrauensbildung.
Bemängeln lässt sich in dieser Hinsicht, dass wichtige Informationen im Outing von der IL Bremen fehlten.
Gleichzeitig brauchen solche Kommunikationsprozesse Zeit. Wir wollen den Strukturen zugestehen, selbst zu sichten, um überhaupt abschätzen zu können, welche Informationen relevant sind und wie sie kommuniziert werden können.
Damit hierbei aber auch keine Zeit unnötig verloren geht und durch Selbstbeschäftigung Fehleinschätzungen erfolgen, werben wir dafür, sich Unterstützung von einer Buddy-Gruppe (oder so ähnlich) zu holen, die eine*n in dem Prozess von früh an unterstützt und auch solidarisch kontrolliert. Das kennen wir ja von der Arbeit mit Tätern. Und vor allem kennen wir das auch aus der Unterstützung von Betroffenen! Die jeweiligen vom Verrat unmittelbar betroffenen Politgruppen sollten nicht allein für die Bearbeitung zuständig sein.
5. Interne und externe Kommunikation muss verschieden sein: Was wir am Outcall gut finden, ist, dass er zwischen dem internen und öffentlichen Outcall differenziert. M wird nicht mit vollem Namen und weiteren Merkmalen benannt. So wird gezeigt, dass ein Unterschied gesehen wird und auch die möglichen Bedrohungen durch den Outcall abgemildert. Das finden wir politisch richtig.
6. Wer informiert wen: Ein großes Problem scheint uns zu sein, dass M ein Mandat gegeben wurde, selbst für Aufklärung zu sorgen. Ebenso wie die Genoss*innen, die den Outcall verfasst haben, halten wir dies für ein riesiges Problem. Transparenz kann nie durch die in Frage stehende Person allein hergestellt werden, sondern muss mindestens eng betreut werden. Dass man den jeweiligen Personen nicht trauen kann, richtig zu informieren, ist eine Erfahrung aus allen Fällen patriarchaler Gewalt. Es wird immer verschleiert und weiter gelogen. Die Person muss also eng begleitet werden: kein Treffen alleine, immer mindestens zwei Zeug*innen dabei.
7. Umgang als Strukturaufgabe: Es zeigt sich also, dass der Umgang in solchen Fällen eine komplexe und große Strukturaufgabe ist. Wenn das nicht klappt, liegt es auch an unseren Strukturen. Hieran müssen wir arbeiten.
Wir hoffen, die Debatte durch die Erwägungen ergänzen zu können. Insbesondere wollen wir gerne weg von einer bloßen Bewertung des konkreten Falls kommen und wissen, wie wir in Zukunft mit solchen Situationen umgehen können. Insofern freuen wir uns über weiteres Handlungstipps und was gegenseitige Erwartungen sind.
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