Wer nichts wagt, gewinnt? - Jenaer Antifa im Dialog mit der Staatsmacht
An einem kalten und grauen Samstag im Februar parken wir am Stadtrand der mitteldeutschen Studentenstadt. Dem Aufruf der Jenaer Soligruppe folgend reisten wir an, um unsere Wut über das Urteil gegen Maja auf die Straßen zu tragen. Als wir gegen 14 Uhr den Holzmarkt erreichen, machte sich erste Enttäuschung breit. Weit weniger Menschen als erhofft sammelten sich auf dem Platz in der Innenstadt und lauschten bei leichtem Nieselregen den einleitenden Worten der Demoleitung. Deutlich mehr als 1000 Genoss*innen wurden es am Ende nicht, die unter ständiger Bedrängnis durch Züge der Thüringer Bereitschaftspolizei durch Jena demonstrierten. Was vielleicht auch an der szeneübergreifend vergleichsweise schwachen Mobi liegen könnte, ist doch ein Armutszeugnis der antifaschistischen Bewegung angesichts des folgenreichsten Schauprozesses gegen Menschen aus unseren Reihen in der jüngeren Vergangenheit. Doch das sollte nicht die letzte Enttäuschung des Tages bleiben.
Neben einigen schönen, emotionalen und kämpferischen Redebeiträgen war die Auftaktkundgebung geprägt von der Rede von Wolfram Jarosch. Bei aller Empathie für seine verzweifelte Situation und seinen Aktivismus sind die von ihm vertretenen politischen Anschauungen auf einer Antifa-Demo, gelinde gesagt, fehl am Platz. So schallen auf einer Solidaritätsdemo für militante Antifaschist*innen Forderungen nach dem Ende jeder militanten Praxis über den Platz. Und auch für ein Bündnis mit Teilen der CDU wurde geworben. Der Partei, die das Urteil gegen Maja gutheißt, die Auslieferung verteidigt und nebenbei massiv am Rechtsruck in der BRD beteiligt ist.
Auch die anderen Redebeiträge waren von wechselhaften inhaltlichen Ausrichtungen geprägt. So wurde einerseits immer wieder mitreißend auf Maja sowie internationale Kämpfe, wie den Widerstand gegen ICE in den „USA“ oder die Freund*innen in Rojava, welche die Revolution verteidigen, eingegangen. Andererseits ließ der große Fokus auf die fehlende Rechtsstaatlichkeit in Ungarn in anderen Redebeiträgen immer wieder eine kritische Haltung zum deutschen Staat und seinen Behörden vermissen. Unkritisch wurde positiv auf den Rechtsstaat und ein „faires Verfahren“ in Deutschland Bezug genommen. Haben wir die massive Repressionswelle, mit der wir in Deutschland seit Jahren zu kämpfen haben und die (nicht mehr) schleichende Faschisierung der (Justiz-) Behörden bereits verdrängt?
Auf die Aufzählung der Namen von über 10 militanten Antifas in Haft, die sich dazu entschlossen haben ihre Freiheit zu riskieren, um den Faschismus effektiv zu bekämpfen, folgten mehrmals der Aufruf der Moderation, auf der Demo bitte nichts zu wagen, die Polizei nicht zu provozieren. Es könne ja Repressionen und finanziellen Schaden nach sich ziehen. Und das Wichtigste wäre es, wir können entspannt bis zum Ende laufen.
Nach der Auftaktkundgebung folgte die Demo durch die Innenstadt. Bis auf wenige Ausnahmen war es verhältnismäßig leise und die Mehrheit der Teilnehmer*innen zog als träge Masse durch die Straßen. Die Ausnahme bildete ein kleiner aber entschlossener Frontblock an der Spitze der Demonstration. Allerdings fehlten Seitentransparente und auch der Rest der Demo schloss nicht richtig an den Frontblock an, so dass dieser dauerhaft unter starker Bedrängnis der Cops stand. Davon ließen sich die Menschen allerdings nicht einschüchtern: Nach einiger Zeit schlossen mehr Leute vorne auf und trotz der starken Polizeipräsenz wurde immer wieder Pyrotechnik gezündet. Das schien die Demoleitung mehr zu stören als die Polizei, entschloss sie sich doch kurz darauf, eigenständig die Demo zu stoppen. Und das in einem Moment, wo die Polizei gerade versuchte Leute abzufilmen, die ihrer Meinung nach Rauchtöpfe gezündet haben könnten – einem Moment also in dem normalerweise Ketten gebildet und das Tempo der Demo angezogen werden sollte.
Die Polizei freute sich auf jeden Fall sichtlich über die Gelegenheit, den Frontblock in aller Ruhe von allen Seiten und Winkeln abfilmen zu können. Laut der Moderation war dieser Stopp eine Idee der Demoleitung, damit sich „die Gemüter beruhigen“ und im „vernünftigen Dialog“ mit der Polizei vielleicht ein Abzug des Spaliers zu bewirken wäre. So viel zur Wut, die laut Demokonsens auf die Straße getragen werden sollte. Ein Zug an Bereitschaftspolizisten zog sich danach tatsächlich für circa eine Minute zurück, nur um dann anlässlich eines (zeitlich sehr gut abgepassten) Rauchtopfes die Demo weiter zu bedrängen.
Es sollte allerdings nicht die einzige zweifelhafte Entscheidung der Demoleitung an diesem Tag bleiben. Nachdem die Zwischenkundgebung wieder mit mahnenden Worten der Moderation endete, die Polizei doch bitte keinesfalls zu provozieren, provozierten die Bullen und zogen wieder ein enges Spalier um den Frontblock. Zu diesem Zeitpunkt war nicht absehbar, ob ein Angriff der Cops auf die Menschen vorne folgen könnte. In dieser Situation entschloss sich die Demoleitung, den Lautsprecherwagen möglichst weit vorne in der Demo zu platzieren, den Frontblock weiter zu isolieren und es den übrigen Demonstrant*innen schwer zu machen, die Genoss*innen angesichts der Bedrohung durch die Cops beizustehen und einen wehrhaften größeren Block zu formieren.
Als autonome Antifaschist*innen, die aus Wut über das Urteil gegen Maja nach Jena gekommen sind und sich darauf vorbereitet haben, diese auf die Straßen zu tragen, sind wir enttäuscht von diesem unsolidarischen Verhalten der Demoleitung. Wir fragen uns, was jungen Genoss*innen mitgegeben wird, die mit dem Versprechen eines autonomen Charakters auf unsere Demo kommen? Was zeichnen wir mit diesen Inhalten und dieser Praxis für ein Bild der Antifaschistischen Bewegung, die in den kommenden Jahren noch vor ganz anderen Herausforderungen stehen wird? Wo verteidigen wir noch in Theorie und Praxis die autonomen Ideale, für die unsere Gefährt*innen ihre Freiheit geben?
Nur um das auch nochmal hier klarzustellen. Wir sind ebenfalls Repressions-gebeutelt, wir sind auch keine Altautonomen mit jahrzehntelanger Erfahrung und wir kennen das Gefühl aus erster Hand, wenn Angehörige hinter die Mauern verschwinden. Grade deshalb finden wir es so beleidigend gegenüber uns und allen anderen Genoss*innen auf der Welt, wenn sich in den gleichen selbst-erklärt kämpferischen Kontext gestellt wird, obwohl diese Demo jede Form des Kämpfens, der Wut auf die Behörden im Keim zu ersticken versucht hat. Für uns ist Militanz, der Einsatz von Gewalt und das begehen von Verbrechen um den Faschismus zu bekämpfen kein Hobby oder Ausrutscher, den man in breiten Bündnissen verstecken muss, sondern eine Notwendigkeit und Teil unser sozialrevolutionären Einstellung. Die Autonomen sind (schon lange) tot. Was wir behalten sollten ist die kompromisslose Haltung und die Bereitschaft sich zu wehren und nicht die Subkulturen Codes, das Eventhopping oder die inhaltliche Beliebigkeit.
Wir wollen tatsächlich alles radikal umwälzen und nicht nur das Bestehende verteidigen. Für die kommenden Herausforderungen wird ein Demokonsens und Gesetzestreue aus Angst vor Repression nicht reichen, also lasst uns wieder etwas wagen. Alles andere würde bedeuten den antifaschistischen Kampf aufzugeben. Wir müssen wieder eine Bewegung werden die offensiv, miltant und vorallem effektiv handeln kann. Nur wenn wir den Glauben aufgeben an die liberale Hölle die uns umgibt, einsperrt und den Faschismus überhaupt erst hervorbringt, erst dann können wir eine kraftvolle, sozialrevolutionäre Bewegung sein, die dann die bessere Welt erkämpfen kann!
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Ergänzungen
Ihr setzt Autonome mit
Ihr setzt Autonome mit militanten Aktionen gleich. Autonom sein heißt aber erstmal sich gegenseitig und sich selbst zu organisieren,
unabhängig von Parteien, großen Organisationen (und auch kleinen, wenn deren Strategie nicht passt) und Autoritäten.
Das heißt also, wenn ihr denkt, es besser zu können, eine Demo zu organisieren, die ununterbrochen und unprovoziert
von Bullen und Nazis gefilmt und bedrängt wird, dann macht das bitte. Übrigens wurde die Demo schon vor dem Stopp von allen Seiten gleichzeitig gefilmt.
Noch wichtiger ist bei Autonomen aber, dass sie nicht an die individualistischen Fähigkeiten glauben, einfach alles besser zu wissen,
sondern von erfahrenen Personen/ Gruppen lernen. Also bitte sucht euch zum Demo organisieren Leute, die das schon mal gemacht haben.
Autonomie im subkulturellen Sinne heißt, zu versuchen, eine gesellschaftsverändernde Organisationsform zu finden. Das heißt, Autonome halten sich
nicht einfach an Normen und Regeln, die von Organisationen, Autoritäten usw. vorgegeben werden. Das heißt eben auch, dass Autonome nicht verpflichtet sind,
immer, überall oder überhaupt militant zu sein, sondern das autonom selbst entscheiden. Und dabei Bedürfnisse, ein schlechtes Bauchgefühl, die eingeschätzte Belastbarkeit durch Repression etc. berücksichtigen. Nicht nur die von sich selbst, sondern auch von anderen.
Mit der Kritik an einigen Redebeiträgen habt Ihr sicherlich recht.
Wenn Ihr ganz vorne wart, solltet Ihr noch mehr mitbekommen haben, als dass die Demoorga wegen Pyrotechnik die Demo angehalten hätte. Das hatte wahrscheinlich andere Gründe, diese bekannt zugeben, möchten wir aber diesen Leuten selbst überlassen.
"Was zeichnen wir mit diesen Inhalten und dieser Praxis für ein Bild der Antifaschistischen Bewegung, die in den kommenden Jahren noch vor ganz anderen Herausforderungen stehen wird?" Von einer Demo können wir nicht erwarten, dass sie die gesamten Inhalte und die Praxis einer Bewegung abbildet.
"Wo verteidigen wir noch in Theorie und Praxis die autonomen Ideale, für die unsere Gefährt*innen ihre Freiheit geben?" Demos sind nur ein geringer Bestandteil autonomen Handelns. Der Militanzfetisch ist durch die Medien sehr verbreitet worden, oft als Falschdarstellung.
on the frontline
da passt der beitrag "its safer on the frontline"
https://de.indymedia.org/node/704400
mal abgesehen von den
mal abgesehen von den inhaltlichen entgegnungen:
solidemos haben an dem wochenende bundesweit stattgefunden. solange das teleportieren nicht erfunden ist, wird niemand an mehr als einer demo teilnehmen können.
dazu kommen soviele demos in jena zu den verschiedensten repressionsanlässen, aber vor allem natürlich wegen maja. bedenkt das mal in eurer kritik mit ein.
Kritik
Ihr schreibt die wenigen Teilnehmer*innen seien "ein Armutszeugnis der antifaschistischen Bewegung"
Ihr beklagt, dass die Demo wie eine
"träge Masse durch die Straßen" zieht, bemängelt die fehlende
"Wut, die laut Demokonsens auf die Straße getragen werden sollte" und meint das wir "wieder etwas wagen" müssen.
Ganz ehrlich, kommt in der Realität an. Vielleicht war das ja gar kein Armutszeugnis sondern die (späte) Einsicht, dass Demos, besonders unter solchen Bedingungen und in Kombination mit diesem "klassischen autonomen Habitus" wirklich gar nichts positives mehr bewirken?
"Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten".
Wir sind aktuell auf verschiedenen Ebenen nicht in der Lage militante Demos zu organisieren. Und das würde uns, an dem Punkt wo wir gerade gesellschaftlich stehen auch nicht weiterhelfen. Dieses wehleidige, nostalgische beklagen davon, nicht mehr militant genug zu sein nervt nur noch.
Oder was meint ihr mit "etwas wagen"? Ein bisschen Randale gegen die Bullen am Ende der Demo? Was außer weitere Repression hätte das genau gebracht?
Und wie wütend die Leute sind wisst ihr doch gar nicht. Wut kann sich auf verschiedene Arten ausdrücken, (zum Glück) nicht nur durch (militante) Demos. Und sie ist auch nichts per se gutes.
Im Gegenteil: sie kann uns schwächen wenn sie sich nicht in taktisches, strategisches Handeln kanalisiert.
Ich glaube aber euer Militanzfetisch hintert euch (und viele andere) daran, sich ernsthaft gedanken zu machen was das sein könnte. Und er hindert viele daran überhaupt mit autonomen Ideen in Kontakt zu kommen.
Und das Menschen als Masse hinter dem organisierten Frontblock herlaufen, sich auf Order*innen verlassen usw. ist eben ein schon lange existenes Problem von Demos und Eventaktionen.
Wenn es danach ein bisschen Riot geben hätte, wäre das nicht viel besser. Wir brauchen mehr Kreativität, Selbstorganisation und Vermittelbarkeit und sicher auch vieles andere. Die bloße Steiergerung von Militanz wird uns nicht helfen den Karren aus dem Dreck zu ziehen.
Mit 10 gut organisierten Kleingruppen je 20 Leuten hätte man mehr erreichen können, ob nun militant oder nicht.
Zustimmung aber zu eurer Kritik an den Redebeiträgen.