Antifa means: Free Palestine - What da Fuck?

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Der Text formuliert eine anarchistische Kritik an der Teilnahme von Anarchist*innen an einer pro-palästinensischen Demonstration in Leipzig. Er argumentiert, dass diese Teilnahme einen Bruch mit zentralen anarchistischen Prinzipien darstellt, insbesondere mit Schutzraumdenken, Herrschaftskritik ohne Lagerlogik und solidarischer Praxis ohne Feindbildprojektion. Ausgehend von der historischen Erfahrung jüdischer Verfolgung wird der jüdische Staat Israel als notwendiger Schutzraum anerkannt, ohne ihn von Kritik auszunehmen. Der Text unterscheidet zwischen verschiedenen Strömungen des Zionismus und betont, dass die Anerkennung des jüdischen Schutzraums eine Voraussetzung ernsthafter Solidarität ist. Gleichzeitig kritisiert er autoritäre, nationalistische und antisemitische Strukturen innerhalb der palästinensischen Gesellschaft sowie bewaffnete Organisationen, die Herrschaft ausüben und Emanzipation verhindern. Solidarität mit Palästinensern wird als Unterstützung ihrer Befreiung von eigenen Herrschaftsstrukturen verstanden, nicht als unkritische Parteinahme. Der Text weist die selektive Fixierung auf Israel im antiimperialistischen Milieu zurück und beschreibt sie als Ausdruck von Projektion und Untertanendenken. Abschließend wird betont, dass Anarchismus ohne Schutzräume, ohne Antisemitismuskritik und ohne Distanz zu autoritären Ideologien seinen eigenen Anspruch verliert.

Ich kritisiere die Teilnahme von Anarchistinnen an dieser Demonstration, weil sie für mich einen fundamentalen Bruch mit anarchistischem Denken darstellt. Nicht, weil ich staatliche Gewalt verteidige, sondern weil hier zentrale anarchistische Prinzipien preisgegeben werden: Schutzraumdenken, Herrschaftskritik ohne Lagerlogik und Solidarität ohne Feindbildprojektion.

Anarchismus heißt nicht, jede bestehende Schutzstruktur reflexhaft abzulehnen. Anarchismus fragt zuerst, wer konkret wovor geschützt werden muss. Anarchistische Praxis existiert nie im luftleeren Raum. Sie war immer Schutzraum, gegen Verfolgung, gegen Pogrome, gegen Vernichtung. Ohne Schutzraumlogik bleibt vom Anarchismus nichts übrig außer Zynismus.

Deshalb halte ich es für unerträglich, wenn ausgerechnet Anarchistinnen den jüdischen Schutzraum nicht anerkennen können. Nicht, weil dieser Schutzraum über Kritik stünde, sondern weil er aus realer, historischer Bedrohung entstanden ist. Wer diesen Schutzraum delegitimiert, verlässt den Boden anarchistischer Solidarität. Solidarität heißt nicht moralische Reinheit, sondern das Ernstnehmen realer Gefährdungen, auch dann, wenn sie unbequem sind.

Als Anarchist muss ich zudem anerkennen, dass Zionismus nicht gleich Zionismus ist. Zionismus ist kein monolithischer Block, sondern eine historisch gewachsene, widersprüchliche Bewegung mit vielen Strömungen. Er ist Teil der Realität des jüdischen Schutzraums Israel. Das muss ich nicht feiern, aber ich muss es akzeptieren. Wer den Schutzraum will, muss mit dieser Realität leben können. Das ist kein Idealismus, das ist Pragmatismus. Und Pragmatismus ist kein Verrat an anarchistischem Denken, sondern Voraussetzung antifaschistischer Solidarität.

Israel ist ein pluraler Raum. Dort leben Juden, Muslime, Christen, Drusen, Beduinen nebeneinander. Nicht konfliktfrei, nicht ohne Probleme, aber ohne systematische Entrechtung aufgrund von Religion oder Herkunft. Genau das unterscheidet Israel fundamental von autoritären, nationalistischen und religiös dominierten Gesellschaftsstrukturen in der Region. Diese Realität auszublenden ist keine Kritik, sondern Verdrängung.

Gleichzeitig gehört zur Ehrlichkeit, antisemitische Tendenzen innerhalb der palästinensischen Gesellschaft klar zu benennen. Ebenso müssen Hamas, PFLP, Fatah, Islamischer dschihad, Hisbollah und vergleichbare Organisationen unmissverständlich kritisiert werden: für Antizionismus, Antisemitismus, religiösen Fanatismus, autoritäre Herrschaft und Gewalt gegen die eigene Bevölkerung. Diese Strukturen haben mit Befreiung nichts zu tun. Sie sind Herrschaftsprojekte.

Der einzelne Palästinenser jedoch ist nicht identisch mit diesen Organisationen. Solidarität mit Palästinensern bedeutet nicht, ihre Führungsstrukturen zu romantisieren, sondern sie von diesen Strukturen zu befreien. Das heißt: Zugang zu Bildung, zu Emanzipation, zu Frauenrechten, zu Selbstorganisation. Wer ernsthaft von Befreiung spricht, muss palästinensischen Nationalismus genauso radikal kritisieren wie jeden anderen Nationalismus.

Auch die israelische Regierung gehört kritisiert. Netanyahu muss dafür kritisiert werden, einen Krieg bewusst verlängert zu haben, um innenpolitisch an der Macht zu bleiben und sich strafrechtlicher Verantwortung zu entziehen. Israels Recht auf Selbstverteidigung nach dem 7. Oktober steht nicht im Widerspruch zur Kritik an seiner Regierung. Wer das nicht gleichzeitig denken kann, denkt autoritär.

Was ich jedoch entschieden zurückweise, ist die Fixierung auf Israel als moralischen Hauptfeind. Das ohrenbetäubende Schweigen vieler antiimperialistischer und selbsternannt anarchistischer Strömungen zu Konflikten im Sudan, in der Westsahara, im Jemen oder im Tschad entlarvt diese Debatte als selektiv. Es geht nicht um Leid, es geht um Projektion. Das ist keine Solidarität, das ist Feindbildpflege.

Ein Anarchist braucht keine antiimperialistische Blocklogik. Anarchismus entzieht sich Machtlagern. Wer sich trotzdem an stalinistische, autoritäre oder antiimperialistische Kriegsrhetorik klammert, reproduziert Untertanendenken mit umgekehrtem Vorzeichen. Das ist keine Befreiung, das ist Anpassung.

Für mich ist klar: Eine kritische Solidarität mit Palästinensern und eine kritische Solidarität mit Israel ist nur möglich, wenn Israel als jüdischer Schutzraum anerkannt wird und palästinensischer Nationalismus radikal kritisiert wird. Wer das eine will, muss das andere mitdenken. Alles andere ist intellektuelle Unredlichkeit.

Wer den jüdischen Schutzraum delegitimiert und gleichzeitig palästinensische Herrschaftsstrukturen ausblendet oder entschuldigt, betreibt keine Solidarität, sondern Projektion. Das instrumentalisiert palästinensisches Leid und spricht Palästinensern ihre eigene Mündigkeit ab. Das ist übergriffig und zutiefst antiemanzipatorisch.

Anarchismus ohne Schutzräume ist kein Anarchismus. Anarchismus ohne Kritik an Antisemitismus ist kein Anarchismus. Anarchismus, der sich autoritären Ideologien unterordnet, ist keiner mehr.

Oder, um es mit den Worten des Anarchokommunisten Gustav Landauer zu sagen: „Antisemit, das geht nicht unter Menschen.“ Genau deshalb empfinde ich diese Demonstration nicht als Ausdruck anarchistischer Haltung, sondern als ihr Gegenteil.

Eine Zumutung und einen Verrat an anarchistischen Werten.

Ein Anarchist aus Überzeugung

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