TORK POETTSCHKE NACH 9 JAHREN VERWAHRUNG FREI
Tork Poettschke aka Christopher Doemges - das ist einer, der Gedichte schreibt, CDs produziert, malt, Romane und Reportagen verfasst. Auch wenn er knapp zehn Jahre verwahrt und eingesperrt in der Forensischen für abnorme Straftäter in Dortmund-Aplerbeck weilt. "Da habe ich mir die Finger wund geschrieben", meint Poettschke. Jetzt macht er in Freiheit weiter ...
Als sich vor knapp einem Monat die Türen des Maßregelvollzugs in Dortmund-Aplerbeck hinter ihm schlossen, war es kein großes, kein lautes Ereignis. Kein Empfangskomitee, kein Blitzlicht. Nur ein Mann, Mitte vierzig, mit einer Tasche, ein paar Papieren – und der Freiheit, die sich nach zehn Jahren Verwahrung zugleich leicht und schwer anfühlt. Tork Poettschke, auch bekannt als Christopher Doemges, Künstler, Journalist, Chronist des eigenen Scheiterns wie des gesellschaftlichen Randes, war wieder draußen.
Zehn Jahre. Ein Zeitraum, der aus einem Leben ein Kapitel macht, aus einem Kapitel eine Zäsur. Was als Maßnahme begann, als staatlich verordnete Verwahrung im Namen von Ordnung und Sicherheit, zog sich länger als gerechtfertigt. Der „laue Lenz mit Kaffee und Kippen“, wie es später spöttisch genannt wurde, war in Wahrheit keiner. Es war Stillstand. Alltag unter Aufsicht. Zeit, die sich dehnte, weil Betreuung fehlte, Perspektive ebenso. Der Anlass – ein bisschen Randale, eskaliert aus Frust, Überforderung und fehlender Begleitung – wuchs sich zu einer jahrelangen Schleife aus, aus der es kein eigenes Entkommen gab.
Poettschke war nie nur Insasse. Auch hinter verschlossenen Türen blieb er Beobachter, Schreiber, jemand, der Worte sucht, wenn andere verstummen. Seine Texte – mal scharf, mal lakonisch, oft unbequem – erzählten von Strukturen, die Menschen verwalten, statt sie zu begleiten. Von Systemen, die Fehler konservieren, statt Entwicklung zu ermöglichen. Und immer wieder von der Frage, wie viel Schuld ein Mensch trägt und wie viel ihm zugeschrieben wird.
Jetzt ist er wieder da. Draußen. Die Welt hat sich verändert, während er blieb. Begriffe, Debatten, Technologien – alles schneller, lauter. Er selbst ist nicht mehr ganz jung. Mitte vierzig ist ein Alter, in dem sich Chancen nicht mehr endlos aneinanderreihen. Poettschke weiß das. Freiheit ist kein Freifahrtschein, sondern eine Aufgabe. Er muss aufpassen, sagt er selbst, dass er nicht wieder „einfährt“. Ein falscher Schritt, ein falsches Umfeld, ein Moment der Unachtsamkeit – und die Spirale könnte von vorn beginnen.
Doch da ist auch etwas anderes: ein entschlossener Wille, nach vorne zu schauen. Positiv denken, nicht als Kalenderspruch, sondern als Überlebensstrategie. Schreiben, beobachten, einordnen. Wieder Teil der Gesellschaft sein, ohne sich ihr anzubiedern. Poettschke ist kein Held, kein Märtyrer. Er ist ein Mensch mit Brüchen, mit Verantwortung für das Eigene – und mit dem Recht, nicht auf seine Vergangenheit reduziert zu werden.
Seine Geschichte wirft Fragen auf, die über ihn hinausgehen: Wie gehen wir mit Menschen um, die auffallen, statt sich einzufügen? Wie lange darf Verwahrung dauern, wenn Betreuung fehlt? Und was bedeutet Freiheit wirklich, wenn sie nach Jahren der Kontrolle plötzlich wieder da ist?
Für Tork Poettschke ist Freiheit kein pathetisches Wort. Sie ist leise. Sie beginnt mit kleinen Entscheidungen, mit Struktur, mit Vorsicht. Und vielleicht, irgendwann, mit neuen Texten, die nicht mehr aus der Verwahrung heraus geschrieben werden müssen, sondern aus dem Leben selbst.
Nach vorne schauen – das ist jetzt die Richtung. Alles andere liegt hinter ihm.
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