Der "Marsch fürs Leben" in Wien Rechte Netzwerke, Adlige und internationale Organisationen
Jedes Jahr aufs Neue versammeln sich am Wiener Karlsplatz selbsternannte „Lebensschützer“ zum sogenannten "Marsch fürs Leben". Auch wenn der "Marsch fürs Leben" online versucht, sich u.a. mit pinken Luftballons als harmlos darzustellen, und kaum Beachtung in der antifaschisischen Szene findet, so zeigt sich auf den Demos und bei genauerem Hinsehen, dass sie Teil rechter bis rechtsextremer Netzwerke sind. Dieser Artikel versucht die Personen und deren Netzwerk die letztes Jahr am Marsch fürs Leben waren , näher zu betrachten.
Jedes Jahr aufs Neue versammeln sich am Wiener Karlsplatz selbsternannte „Lebensschützer“ zum sogenannten "Marsch fürs Leben". Wer jedoch genauer hinsieht, erkennt schnell, dass es sich nicht bloß um eine harmlose Demonstration handelt, sondern um ein Netzwerk aus christlichen Rechten, Rechtsextremen und Adligen, deren Ziel die Abschaffung von LGBTQIA- und reproduktiven Rechten ist. Dazu bauen sie Strukturen auf, die sich über unscheinbare Jugendbewegungen und parlamentarischer Politik bis hin zum Bildungsbereich und alltäglichen Applikationen wie Perioden-Tracking-Apps
wie die FEMM App oder Dating-Plattformen wie kathtreff.org erstrecken. Es handelt sich dabei um ein top organisiertes und durchfinanziertes Netzwerk.
Auch wenn der "Marsch fürs Leben" online versucht, sich u.a. mit pinken Luftballons als harmlos darzustellen, und kaum Beachtung in der antifaschisischen Szene findet, so zeigt sich auf den Demos und bei genauerem Hinsehen, dass sie Teil rechter bis rechtsextremer Netzwerke sind. Letztes Jahr hielten etwa Caroline Hungerländer (ÖVP) und Hubert Keyl (FPÖ) Reden. Beide stehen für Positionen, die deutlich über den angeblichen Schutz ungeborenen Lebens hinausgehen. Anna Maria Soldo, die Vorsitzende des Marschs fürs Leben, gab erst kürzlich dem rechtsextremen Podcast „Austria first“ ein Interview. Darin umwarb sie offen die FPÖ und propagierte das Bild einer traditionellen Familie. Für queere Menschen, für trans* oder nicht-heteronormative Lebensweisen ist in diesem Weltbild kein Platz.
Hungerländer pflegt seit langem eine transfeindliche Haltung. trans*-Identitäten reduziert sie auf eine angebliche „Trendbewegung“(1) und delegitimiert damit deren Existenzberechtigung. Ein ähnliches Weltbild vertritt auch Hubert Keyl. Der FPÖ-Landtagsabgeordnete aus Niederösterreich ist immer wieder mit rechtsextremen Äußerungen aufgefallen – und wurde dennoch oder vielleicht gerade deshalb als Redner auf der Bühne willkommen geheißen. Über seine Frau Elisabeth ("SS-Lily") pflegt Keyl zudem Kontakte zum mehrfach verurteilten Neonazi Gottfried Küssel.
Ein zentrales Bindeglied im Hintergrund dieser Szene ist die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler - die letztes Jahr am Marsch anwesend war und namentlich begrüßt wurde. Sie leitet die sogenannte Beobachtungsstelle für Intoleranz und Diskriminierung gegen Christen in Europa (OIDAC), betreibt die katholische Datingplattform kathtreff und ist eine der sechs einflussreichsten Netzwerkleiterinnen Europas (EPF Report 2025, S. 82). Kuglers Positionen sind offen homofeindlich. So bezeichnete sie den Fall einer US-amerikanischen Beamtin, die sich weigerte, gleichgeschlechtlichen Paaren eine Heiratsurkunde auszustellen (und der deswegen eine Haftstrafe drohte), als angebliche „Christenverfolgung“ (2) . Mit dem Salzburger Weihbischof Andreas Laun verbindet sie eine enge Freundschaft. Laun zog in der Vergangenheit den Vergleich, dass das "Schweigen" über homosexuelle Beziehungen, mit dem Schweigen über die Untaten der Nazis gleichzusetzen sei (2). Der Bericht von OIDAC dient als "Quelle" für zahlreiche Videos auf TikTok, die eine angebliche Christenverfolgung aufgrund einer "fortschreitenden Islamisierung" imaginieren: In 33 Fällen wurde Brandstiftung in Kirchen benannt. Auf Nachfrage der Tagesschau bei lokalen Behörden war diese jedoch in keinem Fall das Resultat von Christenverfolgung, sondern das Ergebnis von zündlenden Kindern und anderen Missgeschicken (3).
Wer sich fragt, wie sich diese Szene so professionell inszenieren und medial platzieren kann, findet die Antwort in dem Unternehmen Kairos PR. Das Wiener Familienunternehmen, dass von Gudrun und ihrem Ehemann Martin Kugler betrieben wird, leistet gezielte Öffentlichkeitsarbeit für "anti-gender-Projekte". Über diese Struktur werden Projekte und Veranstaltungen geplant, Spenden gesammelt und Vernetzungsmöglichkeiten geboten. Sie unterstützen Start-Ups und machen Lobbying-Arbeit, Fundraising und Pressearbeit (4). Unter den Projekten von Kairos PR fanden sich die katholische Privathochschule ITI (Internationales Theologisches Institut), die sich in der Nähe Wiens, in Trumau, befindet. Sie ist ein päpstliches Institut für das Studium der katholischen Theologie mit besonderer Berücksichtigung der Thematik von Ehe und Familie, gegründet von Papst Johannes Paul II (bürgerlich Karol Józef Wojtyła) .
Am ITI kann man für fünfstellige Beträge z.B. einen "Master of Studies on Marriage and the Family (MMF)" studieren, in dem man unter anderem lernt, warum "Keuschheit" jungen Frauen und Männern hilft, ihren Traum von Liebe zu erfüllen, Männlichkeit und Weiblichkeit anhand von körperlichen und psychologischen Merkmalen erkennen zu können und was die Kirche zu homosexuellen "Tendenzen" zu sagen hat (5).
Martin Kugler ist beim ITI ebenfalls selbst als Lektor angestellt (6). Außerdem ist er Pressevertreter von Opus Dei, einer sektenähnlichen Geheimorganisation, in der manche Mitglieder sich selbst geißeln und einen dornbespickten Bußgürtel tragen.
Dass auch wichtige Vertreter der Kirche die christliche Rechte unterstützen, zeigt sich an der prominenten Unterstützung z.B. durch Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der zum Marsch fürs Leben 2026 in Wien aufruft; sowie an den vielen geistlichen Ehrengästen (2025 waren das z.B. Bischof Klaus Küng, der Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky, Weihbischof Franz Scharl, und der Generalvikar der ukrainisch-katholischen Kirche Yurij Kolasa).
ADF und "ja zum leben"
Eine immense Mengen an Ressourcen und eine gehörige Ladung rückwärtsgewandter und rechts-nationalistischer Gedankenguts verbindend, gehört der Überrest des Europäischen Adels zu den größten Unterstützer*innen der fundamentalistsch-christlichen Anti-Abtreibungsbewegung.
Die Verstrickungen sind vielseitig und oft undurchsichtig. Zu nennen ist jedoch die 1980 von mehreren Aristokarten gegründete Stiftung "Ja zum Leben". Trotz verwaschener Finanzstruktur ist bekannt, dass diese Stiftung größten Teils Anti-Abtreibungs Bewegungen finanziert (4). Dabei werden die Gelder der Nachfahren der Europäischen Adelsgeschlechter dirket in die Hände von Abtreibungsgegner*innen geleitet. Zwei der federführenden Personen aus dem Kreis der Stiftung "Ja zum Leben" sind Marie Elisabeth Hohenberg und ihr Ehemann Dr. Nikolaus Hohenberg, die beide sind im Vorstand der Stiftung "Ja zum leben" sitzen. Elisabeth Hohenberg wurde beim Marsch fürs Leben Wien 2025 als Ehrengästin begrüßt.
Während Mutter und Vater weiter munter adliges Geld unzählige antifeministische Bewegungen, Projekte und Zentren in Europe pumpen, fungiert ihre Tochter Prinzessin Johanna von Hohenberg als Bindeglied der Stiftung zur ADF. Prinzessin Johanna Hohenberg arbeitete im Internationalen Büro der „Alliance Defending Freedom (ADF) International“ in Wien. Johanna Hohenberg und ihr Ehemann Vincenz Waldstein-Wartenberg, ebenfalls aktiv bei der ADF, sind dabei zwei der sichtbarsten Verbindungsglieder zwischen Europas Aristokratie und der Anti-Abtreibungs und queerfeindlichen, fundamentalistischen und christlichen Bewegung. Die ADF wird im EPF Report als "LGBT hate group" bezeichnet. Sie ist eine juristische Interessensvertretung, d.h. sie setzt Interessen von christlichen Rechten (wie Anti-LGBT-Gesetze oder Abtreibungsverbote) auf juristischem Weg durch. Sie waren maßgeblich am Fall des richtungweisenden Urteils Roe vs. Wade beteiligt.
Das internationale Büro der ADF in Wien, das zahlreiche aristokratische Vertreter*innen in seinen Reihen listet, ist der europäische Ableger der in den USA gegründeten, antifeministisch-christlichfundamentalistischen Organisation. Das weitreichende, gut verbundene Netzwerk der ADF in Europa zieht auch in die Politk weite Kreise. So verirrten sich Vinzenz Waldsteins Vater, Carl Graf Waldstein, gemeinsam mit dem österreichischen Thronfolger Karl Habsburg im namen ihrer Ahnen Ende der 1990er im rechts-konservativen Europawahlkampf, geprägt von Heimat, Familie und Antiabtreibungsrhetorik.
Der Marsch fürs Leben und die ADF sind auch personell eng vernetzt: Der Moderator, der neben Anna Saldo durch die Veranstaltung moderierte, Ludwig B., war zuvor bei ADF.
Des weiteren hielt 2025 der Vorsitzende der Jugend für das Leben, Leo Stollberg, eine Rede, in der er erklärte, dass er mit seiner Organisation immer vor den Abtreibungskliniken steht und betet. Bei dieser Praxis der "Gehsteigbelästigung" werden Abtreibende mit Bildern, Sprüchen, Gebeten oder aber Anschreien oder Verfolgen konfrontiert, was eine massive psychische Belastung für Betroffene verursacht. Die "Betenden" sind der Grund, warum immer wieder die Forderungen nach Schutzzonen um Abtreibungskliniken laut werden.
Wer war noch da?
Am Marsch fürs Leben 2025 gab es folgende Rednerinnen und Redner: Ruben Avram (Leiter der rumänischen Pfingstkirche), Caroline Hungerländer (ÖVP), Leo Stollberg (Vorsitz Jugend für das Leben), Hubert Keyl (FPÖ), Petra Plonner (#fairändern) und Maria Czernin (Vorsitz ProLife Europe).
Den Abschluss machte Sebastian Moll, der einen "Charlie Kirk Award" um 1000€ aus eigenen Mitteln ins Leben gerufen hat - Zitat: "Charlie Kirk war ein Mann zum Nachahmen".
Neben Mitgliedern katholischer Studentenverbindungen und Burschenschaftern waren auch Identitäre bei den Demonstrationen anwesend. Es zeigten sich in der Vergangenheit auch immer wieder Mitglieder des Vereins für Tradition, Familie und Privateigentum am Marsch. CitizenGO, eine große spanische Anti-Abtreibungsorganisation, ist ebenfalls jedes Jahr mit großen Bannern dabei.
Am Ende ist der Marsch für die Familie also ein Treffen rechter bis rechtsextremer Akteurinnen und Akteure und ein Ort für reaktionäre Allianzen. Deswegen ist es umso wichtiger sich diesen Netzwerken entschlossen gegenzustellen! Kein Fußbreit den Faschisten! Die Hölle denen die dran glauben!
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Alterta Queerfeminista!
(1) https://www.youtube.com/watch?v=W2Q063fqooE
(3) https://www.youtube.com/shorts/vtB8Tkm8dZA
(4) European Parliament Forum:The Next Wave: How Religious Extremism Is Regaining Power, 2025, S. 105
(5) https://iti.ac.at/fileadmin/user_upload/user_upload/Academic-Life/MMF_Course_Catalog_2023.pdf.
(6) https://iti.ac.at/academics/a-unique-international-faculty
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