Täterschützer schützen keine CSDs!
Wer Schutz für queere Menschen beansprucht, muss sich auch an feministischen, antirassistischen und antisemitismuskritischen Grundsätzen messen lassen. Täterschützer und autoritäre Kader sind keine Verbündeten im Kampf gegen rechts, sondern Teil des Problems.
Zum diesjährigen Christopher Street Day in Saarbrücken rufen erneut Neonazis der Gruppierung „Kollektiv Saarpfalz“ um den stadtbekannten Jungfascho Nils Wagner zu einer Gegenveranstaltung auf.Als wäre dieser Umstand nicht schon schlimm genug, versuchen sich nun Personen aus dem Umfeld des sogenannten „collectif antifaciste sarrebruck“ (CAS) als Helden und Beschützer der Parade zu inszenieren und damit erneut allen einen Bären aufzubinden.
Unsere Kritik an der Gruppierung ist deutlich und politisch begründet.Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass antifaschistische und linke Strukturen immer wieder auch von staatlichen Repressionen bedroht sind.Gerade deshalb ist uns ein verantwortungsvoller Umgang wichtig.Dieser Text zielt nicht auf persönliche Diffamierungen ab, sondern auf eine inhaltliche Kritik an problematischer Dynamiken, die in einer emanzipatorischen Bewegung nicht unwidersprochen bleiben dürfen.
CAS ist eine 2025 gegründete antifaschistische Gruppierung aus Saarbrücken, die sich offenbar eher zur Aufgabe gemacht hat, bestehenden linken Strukturen im Saarland den „Kampf“ anzusagen, anstatt solidarisch mit ihnen zusammenzuarbeiten. In der Vergangenheit zeigte sich dies immer wieder durch unsolidarische Äußerungen und Handlungen, bis hin zu Einschüchterungsversuchen und körperlicher Gewalt. Besonders problematisch ist dabei ihr politisches Selbstverständnis. Ihr Schwerpunkt liegt auf einem vermeintlichen Antiimperialismus, der sich fast ausschließlich gegen „westliche“ Staaten richtet. Unterdrückung, Nationalismus oder autoritäre Gewalt außerhalb dieses Feindbildes werden dagegen relativiert oder ignoriert.Das führt dazu, dass Antisemitismus, patriarchale Gewalt oder nationalistischer Hass verharmlost werden, solange sie von Akteuren ausgehen, die als „antiwestlich“ wahrgenommen werden.Entsprechend bezeichnet sich CAS als antizionistisch und tritt aggressiv gegenüber vermeintlichen „Antideutschen“ auf.Diese Feindbildpolitik bleibt jedoch nicht bei theoretischen Debatten stehen. Personen aus ihrem Umfeld beschmierten ein Holocaust-Mahnmal für Sinti und Roma mit den Worten „Antideutsche ins Maul boxen“. Zusätzlich wurde dort ein Tag hinterlassen, das eindeutig diesem Umfeld zugeordnet werden konnte.
Dass ausgerechnet ein Mahnmal für Opfer des Nationalsozialismus als Austragungsort innerlinker Feindbilder genutzt wurde, zeigt eine erschreckende politische und historische Enthemmung. Wer Erinnerungsorte von NS-Opfern instrumentalisiert oder schändet, überschreitet eine Grenze, unabhängig davon, mit welcher politischen Symbolik dies begründet wird.Die betreffende Person ist bis heute Teil des „Kollektivs“ und fungiert regelmäßig als Ordner auf Demonstrationen. Konsequenzen gab es nie. Statt einer kritischen Aufarbeitung folgten weitere Radikalisierung und die konsequente Abwehr jeglicher Kritik. Genau diese fehlende Abgrenzung macht deutlich, dass es sich nicht um „Einzelfälle“ handelt, sondern um ein strukturelles Problem innerhalb dieses politischen Umfelds.
Am 8. März 2026, dem internationalen Frauenkampftag, organisierte das seit Jahren bestehende Bündnis „Internationaler Frauenkampftag Saarbrücken“ eine Kundgebung und Demonstration auf dem Max-Ophüls-Platz.Das Bündnis leistete in den vergangenen Jahren wichtige Arbeit für die feministische Bewegung in Saarbrücken, die zuvor kaum noch sichtbar war. Gerade deshalb ist es bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit CAS versuchte, diese Veranstaltung für die eigene politische Agenda zu vereinnahmen.
Organisiert erschienen sie mit rund 50 Personen auf der Kundgebung und positionierten sich geschlossen im hinteren Bereich des Platzes, der durch ihre Präsenz deutlich männlich dominiert wirkte. Ebenso auffällig war ihre starke Fixierung auf den Nahostkonflikt: Viele trugen Kufiyas, Palästinafahnen und verteilten Flyer, die das Bündnis diffamierten. Dies muss als bewusster Versuch verstanden werden, die Demonstration politisch umzudeuten und die inhaltlichen Schwerpunkte der Veranstalterinnen zu verdrängen.Gerade auf einem Frauenkampftag ist ein solches Auftreten problematisch.Feministische Demonstrationen sollen Räume schaffen, in denen Frauen, queere Personen und Betroffene patriarchaler Gewalt sichtbar sprechen können. Wenn organisierte, überwiegend männliche Gruppen lautstark auftreten, andere Themen dominieren und Redebeiträge übertönen, reproduziert das genau jene patriarchalen Dynamiken, gegen die an diesem Tag protestiert wird.
Unterstrichen wurde dies durch lautstarke „Free Palestine“-Rufe während Redebeiträgen, die keinerlei Bezug zum Nahostkonflikt hatten.
Versuche, dies zu unterbinden, heizten die Situation weiter an, während auf der Bühne eine kurdische Genossin über den feministischen Kampf ihres Volkes sprach. Immer wieder wurde ihre Rede durch Sprechchöre übertönt, sodass sie zeitweise nicht mehr verständlich war.Dass ausgerechnet eine kurdische Rednerin gezielt niedergebrüllt wurde, ist politisch keineswegs zufällig. Teile antiimperialistischer Szenen begegnen kurdischen Bewegungen seit Jahren mit Feindseligkeit oder offener Ablehnung, insbesondere wenn diese nicht in das eigene ideologische Weltbild passen. Dadurch werden kurdische Stimmen systematisch marginalisiert, selbst in Räumen, die eigentlich von internationaler Solidarität sprechen.
Als die kurdische Genossin den Mob zur Rede stellen wollte, wurde sie aus den Reihen von CAS wiederholt rassistisch und misogyn beleidigt. Die Situation eskalierte schließlich als ein Mann handgreiflich gegenüber ihr wurde.Damit wurde endgültig deutlich, wie wenig der eigene Anspruch mit dem tatsächlichen Verhalten übereinstimmt.Wer Frauen einschüchtert, migrantische Stimmen niederbrüllt und politische Gegnerinnen körperlich angreift, handelt nicht antifaschistisch oder emanzipatorisch – sondern reproduziert autoritäre und patriarchale Gewaltstrukturen.
Daraufhin wurde der Block endgültig von der Demonstration ausgeschlossen.CAS meldete anschließend eine eigene Spontandemonstration an. Wie durch Zauberhand standen plötzlich Ordnerbinden sowie Lautsprechertechnik inklusive Mikrofon bereit, ein weiterer Hinweis darauf, dass die Eskalation und Abspaltung keineswegs spontan, sondern vorbereitet waren.
Darüber hinaus verhalten sich Personen aus dem CAS und deren Unterstützer:innenumfeld immer wieder übergriffig, vor allem gegenüber nicht männlich und queer gelesenen Personen. So wird queergelesenen Personen, die einem vermeintlich "antideutschen" und "zionistischen" Lager der Szene zugerechnet werden auf offener Straße nachgestellt. Situationen, in denen die Betroffenen selbst die Männer zur Rede stellen, offenbaren einmal mehr das übergriffige und antifeministische Mackerverhalten, dass auch aus dem Umfeld des CAS heraus immer wieder auch gegenüber queeren Menschen gezeigt wird. Eine solche "politische Praxis" steht in inherentem Widerspruch zum performativen Handeln des CAS rund um den kommenden Christopher Street Day.
Der Aufruf der Gruppe zur Demonstration gegen die Faschos am Rande des CSD lässt in seiner Formulierung immer wieder vermuten, dass es CAS weniger um den Schutz queeren Lebens zu gehen scheint als dass man in seinem Lokalpatriotismus gekränkt scheint - kein Wunder, bestehen doch Überschneidungen zwischen dem CAS und der Saarbrücker Fußball-Ultraszene.Die Liebe zum ortsansässigen Fußball-Club fungiert als "Ersatzpatriotismus" und verspricht Gruppenzugehörigkeit - ganz getreu dem Motto: "Wenn ich schon nicht stolz auf mein Land sein darf, dann wohl aber auf meinen FC oder meine Heimatstadt." Angesprochen dadurch fühlen sich häufig junge Männer mit einem Hang zum Krawalltourismus, denen versprochen wird, sich und ihr (politisches) Handeln nicht reflektieren zu müssen.
Es ist wichtig und richtig, Neonazis entschlossen entgegenzutreten und ihnen nicht die Straße zu überlassen. Doch das kann niemals gemeinsam mit einer Gruppierung geschehen, die selbst antifeministisch, rassistisch, antisemitisch und patriarchal auftritt.
Gerade rund um CSDs und antifaschistische Gegenproteste zeigt sich immer wieder ein problematisches Muster: männlich dominierte Gruppen inszenieren sich als „Beschützer“ queerer Veranstaltungen, reproduzieren dabei jedoch genau jene einschüchternden und patriarchalen Dynamiken, vor denen queere Menschen Schutz brauchen.Für viele Frauenund Queers entsteht dadurch kein Gefühl von Sicherheit, sondern von Kontrolle, Machtdemonstration und politischer Vereinnahmung.Wenn aggressive Kaderstrukturen, martialisches Auftreten und autoritäres Verhalten den öffentlichen Raum dominieren, werden queere Kämpfe erneut von lauten Männern überdeckt, die glauben, für andere sprechen und handeln zu können.
Wer Schutz für queere Menschen beansprucht, muss sich auch an feministischen, antirassistischen und antisemitismuskritischen Grundsätzen messen lassen. Täterschützer und autoritäre Kader sind keine Verbündeten im Kampf gegen rechts, sondern Teil des Problems.
Gleichzeitig bedeutet die Ablehnung autoritärer Vereinnahmung nicht, den CSD unkritisch zu betrachten. Auch CSDs stehen seit Jahren in der Kritik, zunehmend entpolitisiert, kommerzialisiert und an staatliche oder unternehmerische Interessen angepasst zu werden. Die Geschichte queerer Kämpfe als Widerstand gegen patriarchale, kapitalistische und staatliche Gewalt droht dabei häufig hinter Standortmarketing, Parteibühnen und Sponsorenlogos zu verschwinden. Gerade deshalb braucht es eine emanzipatorische Kritik am CSD, die seine politischen Wurzeln verteidigt, ohne ihn autoritären Gruppen zu überlassen. Queere Befreiung kann weder durch staatliche Imagepolitik noch durch patriarchale Kaderstrukturen erkämpft werden, sondern nur durch solidarische, selbstorganisierte und antiautoritäre Praxis.
Organisieren wir eine emanzipatorische Praxis, die auf Solidarität, Selbstbestimmung und gemeinsamer Befreiung basiert – gegen Nazis, Patriarchat, Antisemitismus und sonstige Menschenfeindlichkeit.
Autoritäre Macker runter vom CSD - und raus aus linken Strukturen!
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