Kritik an der Roten Jugend Deutschland

Die Rote Jugend Deutschland (RJD) nutzt feministische Rhetorik und formale Schutzstrukturen nicht zur Emanzipation, sondern als Instrumente patriarchaler Disziplinierung. Anstatt Machtmissbrauch und Sexismus politisch aufzuarbeiten, werden betroffene Frauen systematisch pathologisiert, als „zu emotional“ oder „instabil“ delegitimiert und sozial isoliert. Während das grenzverletzende Verhalten männlicher Genossen relativiert und geschützt wird, führt die Benennung von Gewalt für Frauen zu intransparenten Ausschlussverfahren und dem Entzug jeglicher Solidarität – selbst in persönlichen Krisensituationen. Diese Praxis entlarvt den organisationsinternen Feminismus als bloße Fassade, die bestehende Herrschaftsverhältnisse absichert und Kritik durch psychische Gewalt im Keim erstickt.

Ich habe in der Roten Jugend Deutschland eine antifeministische Praxis erlebt, die sich hinter linker Rhetorik und formalen Schutzstrukturen verbirgt. Betroffenenschutz wird hier so ausgelegt, dass patriarchale Machtverhältnisse gestärkt werden, während die feministische Praxis gleichzeitig untergraben wird. Wer offen über Fehler spricht, wird isoliert. In der Roten Jugend Deutschland zeigte sich der Antifeminismus nicht in offenen Angriffen,  sondern in alltäglichen Strukturen, internen Prozessen und im Umgang mit Kritik.

Schon früh, noch bevor ich selbst Konflikte angesprochen hatte, sagte mir ein langjähriger "Genosse", dass Klärungen in dieser Organisation nicht funktionieren würden. Er berichtete mir, dass er selbst eine Grenzüberschreitung durch eine Genossin erlebt habe, diese aber bewusst nicht anspricht, weil Kritik in der Organisation nicht aufgearbeitet wird und man sich ins Fadenkreuz begeben würde. Sein Fazit war klar: Wer Konflikte oder Grenzverletzungen benennt, bringt sich selbst in Gefahr und in unkontrollierbare Prozesse. Diese Aussage war kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer gelebten Organisation Realität, in der Schweigen als Selbstschutz fungiert. Im späteren Prozess saß ich dann auch zwei Personen gegenüber, die beide Übergriffig und Grenzverletzend waren, aber darauf, aus Angst vor genau so einem Aufarbeitungsprozess, nicht angesprochen worden waren.

Kritik an sexistischen oder patriarchalen Dynamiken wurde systematisch entpolitisiert. Statt über Macht, Gewalt und strukturelle Unterdrückung zu sprechen, wurde ich als zu emotional, manipulativ oder übertrieben dargestellt – klassische antifeministische Zuschreibungen, mit denen Frauen seit jeher aus politischen Räumen gedrängt werden. Diese Pathologisierung ersetzte jede inhaltliche Auseinandersetzung und machte aus politischer Kritik ein persönliches Problem zwischen mir und den Genossen, die sich sexistisch äußerten, sich im Datingkontext grenzverletzend verhalten oder Täter schützen. Genau diese Haltung hat auch dazu geführt, dass eine andere Genossin von dem “Genossen” psychische Gewalt erfahren hat, während ich mir anhören durfte, ich wäre “zu emotional”, weil ich ihn als gefährlich einschätze.

Aufarbeitungsprozesse fungieren nicht als Instrument kollektiver Verantwortung, sondern als Mittel der Disziplinierung. Sie waren intransparent, hierarchisch organisiert und dienen der Legitimierung von Ausschluss. Feministische Praxis wurde dabei nicht gelebt, sondern vorgetäuscht. Frauenorgane existierten formal, verlieren ihre Funktion jedoch in dem Moment, in dem patriarchale Gewalt konkret benannt wird. Vertraulichkeit wurde gebrochen, Betroffenenerfahrungen delegitimiert und gegen mich verwendet, um mir aufzuzeigen, dass ich zu emotional reagieren würde, wenn ich Angst vor Genossen habe, die sich Grenzverletzend und unberechenbar verhielten. Situationen, in denen ich sexistische Dynamiken benannt hatte, wurden mir als Respektlosigkeit ausgelegt und meine Erfahrungen als Genossin systematisch delegitimiert. 

Besonders deutlich wurde der antifeministische Doppelstandard im Umgang mit Grenzverletzungen. Männliche Genossen wurden geschützt, ihr Verhalten relativiert oder verteidigt, solange es nicht zu Drohungen oder körperlicher Gewalt kam. Ihr Verhalten wurde entkontextualisiert, individualisiert oder verharmlost. Ich als weibliche Genossinnen hingegen wurde zur Gefahr erklärt. Meine eigene Grenzverletzung wurde maximal skandalisiert, losgelöst von Kontext, Verantwortung und Aufarbeitung, während männliche Täter weiterhin Teil des sozialen Zusammenhangs blieben, sollte ich mich nicht mehr in meiner eigenen Wohnung zeigen, wurde als gefährlich dargestellt und die Angst von Genossinnen die nicht von meiner Gewalt in irgendeiner Weise betroffen waren als absolut legitim eingeordnet. Was bei mir noch völlig übertrieben war, durfte gegen mich verwendet werden. Die Angst wurde dann damit untermauert, ich würde ständig “Trauma dumping” betreiben und wäre "massiv distanzlos". Niemand hatte das jemals bei mir angesprochen, Grenzen für mein angebliches “Trauma Dumping” gesetzt und nicht einmal auf Nachfrage meinerseits ob dies oder jenes zu viel war, wurde jemals eine Grenze gesetzt, geschweige denn Unbehagen oder gar Angst ausgedrückt. Die Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen (worum sich mein Trauma dreht) sollte aber auch kein Tabu sein und andere Erwachsene Genossinnen, müssen ihre eignen Grenzen auch kommunizieren. Der Prozess, den ich selber angestoßen habe, um aufzuarbeiten, was ich falsch gemacht habe, war von Anfang an eine Farce. Schon früh wurde von “Genossen” spekuliert, die "Genossin", die den Prozess leiten wird, will mich ausschließen. Meine Selbstkritik wurde daraufhin nicht nur abgelehnt, weil ich “nicht über die Orga” geschrieben habe, obwohl es explizit um meine Grenzverletzung im privaten Kontext gehen sollte, sondern auch weil sie eine “Kopie meiner Täterarbeit” gewesen sein soll. Dass meine Arbeit in meine Selbstkritik einfließt, ist dabei nicht als folgerichtige Auseinandersetzung mit Gewalt, sondern als “Abspulen” wie von einer “Platte” eingeordnet worden. Feminismus diente hier also nicht dem Schutz Betroffener, sondern der Legitimation von Ausschluss und sozialer Isolation, die sogar so weit ging, dass Freunde von mir für ihre Treffen mit mir während der Aufarbeitung kritisiert wurden, um mich vollständig zu isolieren. Und mir wurde sogar in absoluten Ausnahmesituationen, wie das mein Vater auf der Intensivstation lag, sämtliche Solidarität entzogen.”Die anderen” wären ja nicht meine Freunde. Dabei wurden zusätzlich auch Antifeministische Narrative gegen mich verwendet. So kritisierte die "Genossin", die den Prozess leitete, mein Dating-Leben, weil es ihr nicht passt, dass ich nicht monogam an eine Dating-Person gebunden war. Ich wurde innerhalb des Prozesses also faktisch Slut-Shaming ausgesetzt. 

Als ich Verantwortung übernahm und gleichzeitig Kritik an den Prozessen äußerte, wurde mir endgültig der Status politischer Subjektivität entzogen. Kritik die ich an der Abwertung meiner Arbeit im Betroffenenschutz machte. Unterstützung von Aufarbeitung wurde als „Einmischung“ diffamiert und meine Arbeit für Aufarbeitung an meinem damaligen Arbeitsplatz abgewertet und gegen mich verwendet. Mich gegen die Kritik zu wehren, wurde mir immer wieder untersagt, Nachfragen über Kritik unterbunden und Aussagen von mir verdreht bzw. praktischerweise vergessen, sowie die Kritik teilweise nicht einmal Hand und Fuß hatte. So wurde kritisiert, ich hätte eine Person zum Weinen gebracht, aber worum es ginge, wusste niemand.  Nach meinem Ausschluss wurde über mich verbreitet, ich sei „verrückt geworden“, weil ich meine Kritik am Prozess weiter machte und mich nicht in die Unmündigkeit drängen lies. Diese Pathologisierung ist kein Zufall, sondern antifeministische Strategie: Frauen, die patriarchale Gewalt benennen und sich ihre Trauer, ihre Wut und ihren Wiederstand nicht nehmen lassen, werden nicht als ernstzunehmende Kritikerinnen betrachtet, sondern für irrational erklärt. So wird Kritik entwertet, ohne sich mit ihr auseinandersetzen zu müssen. Das ist keine politische Klärung, sondern soziale Gewalt.

Diese Praxis ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems innerhalb der Roten Jugend. Feministische Rhetorik ersetzt keine feministische Praxis. Mehr Frauen in der Organisation ersetzen keine Auseinandersetzung mit der strukturellen Gewalt die wir erleben, und Frauenräte machen nur einen Sinn, wenn sie auch in der Umsetzung ein sicherer Ort sind.

Solange Organisationen Konflikte durch Ausschluss statt durch kollektive Verantwortung lösen, solange sie männliche Gewalt relativieren und weibliche oder queere Gewalt und Kritik skandalisieren, sind sie keine sicheren Orte. Für Frauen und queere Menschen bedeutet das konkret: Wer Gewalt, Grenzverletzungen oder Machtmissbrauch benennt, riskiert bei einer Übernahme von Verantwortung Isolation statt Aufarbeitung.

Für mich ist eine Aufarbeitung mit der Organisation keine Option. Nicht nur wurden meine bisherigen Versuche der Kritik außerhalb der Öffentlichkeit vollkommen ignoriert. Außerdem habe ich auch durch andere Betroffenenberichte erfahren, dass genau diese Machtstrukturen weiterhin aufrechterhalten werden und die psychische Gewalt gegen Betroffene weiterhin zur Praxis der RJD gehört.

Ich appelliere an alle Genoss*innen: Brecht das Schweigen, hinterfragt die Praxis der Isolation und lasst nicht zu, dass politische Subjektivität durch psychische und soziale Gewaltmersetzt wird!

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