[GÖ] Anlässlich des Hoffest der Roten Straße '25: Über zionistische Kreise, das Hoffest und innerlinke Ohmacht
Der folgende Text wurde Ende letzten Jahres nach einem langen kollektiven Schreibprozess fertiggestellt. Dementsprechend wird auf keines der Ereignisse von Jahresbeginn 2026 bis heute eingegangen. Wir bitten darum, dies zu berücksichtigen. Der Schreibprozess hatte ein Statement zum Hoffest der Roten Straße '25 des Hausprojekts in der Roten Straße 3 zum Ausgang. Ihr findet das Statement auf Instagram (https://www.instagram.com/migrantifa_goettingen/p/DNbGtvWsxAJ/). Unseren Text findet ihr hier und angehängt als PDF.
Über zionistische Kreise, das Hoffest und innerlinke Ohmacht
Wir bedauern es, dieses Statement verfassen zu müssen. Wir sind nach wie vor Freund:innen davon, innerlinke Konflikte miteinander und analog zu klären, statt via Instaslides aneinander vorbeizukommunizieren. Wir haben uns nach langem Überlegen doch dafür entschieden, eine Gegendarstellung zu verfassen und Kontext zu liefern. Weil zum einen die Rote 3 ein Statement veröffentlichte, bevor wir uns innerhalb der Roten Straße verständigen konnten und zum anderen das Statement der R3 einiges an Informationen vermissen lässt oder schlicht falsch darstellt. Wir verlinken Texte oder anderweitig Weiterführendes. Dies machen wir, weil wir nicht alles ausführen können, ihr hoffentlich besser nachvollziehen könnt, woraus sich unsere Position speist und weil andere Linke all das, was wir in Göttingen und sonst wo beobachten können, bereits teils kürzer und besser aufgeschrieben haben.
Vorweg:
Auch wir fordern dauerhaften Frieden für die Zivilbevölkerung in Gaza, ein Ende der rechten israelischen Regierung, den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur und eine menschenwürdige Versorgung. Hier gibt es vermutlich in der gesamten Roten Straße keinen Dissens. Dissens gibt es offensichtlich über eine generelle Kritik der Nation und der Bedeutung von Nationalfahnen und Nationalsymbolen, wie der Kufiyah. Der sogenannte Nahostkonflikt kann und sollte nicht totgeschwiegen werden - wird er aber auch nicht, er ist in aller Munde. Zudem wollen wir in diesem Text über unsere Wahrnehmung des Hoffestes und dessen Vorlauf sprechen und im jetzigen Vorgehen der R3 Parallelen ziehen zu ähnlichen innerlinken Vorgängen in Göttingen und der BRD.
Zum Hoffest:
Das Hoffest wird seit Jahrzehnten organisiert und dient dazu, allen Menschen einen Raum zu bieten, miteinander zu feiern, Spenden für antifaschistische Projekte zu sammeln und auch als Rote Straße in der Vorbereitung und bspw. im gemeinsamen Dekorieren zusammenzukommen und sich kennenzulernen. Aus nahezu allen Häusern kommen Einzelpersonen als Hoffestorga zusammen und stemmen, in der Regel etwas unterbesetzt, eine große Party. Es wird gemeinsam über Motto, Deko und Konsens entschieden. Dieses Treffen ist für alle Menschen in der Roten Straße offen – die R3 beteiligt sich traditionell nicht. Dieses Mal sogar mit kompletter Abwesenheit, sodass sie die obligatorische Thekenschicht nicht übernommen haben, wie sie der restlichen Roten Straße im Vorlauf mit einem schwammigen „keine Zeit, niemand da“ ankündigten. Das ist gar kein Problem, aber eben auch keine politisch begründete Neuheit, wie von ihnen dargestellt.
Die Hoffestorga mit Beteiligung aus verschiedensten Häusern einigte sich wie im Jahr davor darauf, dass jegliche Nationalsymbolik (Flaggen, Pins etc.) nicht erwünscht ist, bei Teilnehmenden und Dekoration. Neben der Kufiyah hätte also jedes andere Nationalsymbol ebenfalls keinen Platz gefunden. Diese Entscheidung basiert einerseits auf dem Anspruch, dass eine grundsätzliche Kritik am Nationalismus ein linker Minimalkonsens sein sollte. Andererseits sollte verhindert werden, dass der Nahostkonflikt – eines der größten Konfliktfelder innerhalb der Linken – auf der Tanzfläche ausgetragen wird. Bei einer Veranstaltung mit vielen Gästen muss auch das Thema Sicherheit berücksichtigt werden, um ein friedliches Miteinander zu gewährleisten – alles andere wäre verantwortungslos. Dieser Konsens konnte jederzeit diskutiert werden – in der dafür vorgesehenen, offenen Struktur, dem regelmäßig stattfindenden Plenum der Hoffestorga. Unmittelbar vor dem Hoffest schraubte die 3 an ihren Dachstuhl im Innenhof allerdings eine palästinensische Nationalflagge. Sie wurde danach per Nachricht und im persönlichen Gespräch mit Blick auf den Konsens gebeten, diese abzuhängen. Es folgte ihrerseits keine Kommunikation. Viele Menschen in der Roten Straße verstanden diese Aktion und die Verweigerung von Aushandlung und Gespräch als Provokation. Dementsprechend nahmen einige Menschen die Fahne ab, mit dem Ziel, sie möglichst nicht zu beschädigen und zurückzugeben, sodass die Rote 3 ihre Fahne nach dem Hoffest anderweitig verwenden kann.
Am Einlass wurden Menschen mit Kufiyah darauf hingewiesen, dass sie als Nationalsymbol verstanden wird und deswegen sie diese doch bitte ablegen und einstecken sollen, bevor sie reinkommen. Das führte Teils zu Aufruhr. Was nicht stimmt: Es wurden keine Menschen im Hof mit Kufiyah ausfindig gemacht und herausbefördert. Vielmehr kamen Menschen, die vom Tumult mitbekamen mit ihrer Kufiyah wieder raus und forderten ihre Spende zurück, die sie auch bekamen. Vor der Roten Straße bildete sich daraufhin spontan eine kleine Kundgebung, die nationalistische Parolen anstimmte und Becher auf die Türschicht schmiss.
Kurz nach dem Fest machte sich ein Bewohner der Roten 3 auf, um die Fahne zurückzufordern. Er wurde dabei bedrohlich, übertrat ungefragt die Türschwelle eines anderen Hauses und drohte in mackeriger Manier mit körperlicher Gewalt, sollten sie dieFahne nicht bald zurückbekommen. Dass die Fahne nicht schneller zurückgegeben wurde, lag weniger daran, die R3 ärgern zu wollen, sondern war einfach der Überforderung weniger Leute geschuldet, die durch das Fest genug andere ToDos hatten, bevor sie sich dem Thema Nationalfahne wiederwidmen konnten und wollten. Kurz danach verfasste die Rote 3 einen internen Brief an die restliche Rote Straße, indem sie das Entfernen der Nationalflagge als Angriff auf ihr Haus werteten und alle "Antifaschist*innen" der Roten Straße aufforderten, sich nicht auf die Provokationen "einiger Zionist*innen" einzulassen. Beim monatlichen Treffen aller Häuser der Hausprojekte in der Roten Straße – eine Woche nach dem Hoffest und einem Tag nach dem internen Brief der Roten 3 – drängte besagtes Hausprojekt auf eine Positionierung aller Häuser zum Geschehenen. Ein Treffen zum Austausch fanden wir sinnvoll, bedauerlicherweise verfasste und veröffentlichte die Rote 3 dann aberbereits ein öffentliches Statement, bevor wir miteinander Sprechen und uns möglicherweise Verständigen konnten. So schien es uns, als wolte die Rote 3 gar nicht ernsthaft mit uns kommunizieren, sondern nur nach außen und innen Linke auseinanderbringen mit Dualismen, die es so nicht gibt. Ein Vorgehen, dass wir so überall in der BRD beobachten können, aber auch in Göttingen zunehmend beobachten müssen. Einzelpersonen und Gruppen verfassen fleißig Statements, aber nur in der Absicht Positionierungsdruck auszuüben, das Sag- und Machbare zu verschieben und vorher diskutierte und gefasste Konsense schlicht mit moralischem Druck auszuhebeln.
Zu Nationalflaggen:
Wir glauben, Nationalflaggen sind keine linken Symbole und untauglich zum Ausdrücken von Solidarität. Wir versuchen Nationalstaaten nicht als black boxes zu betrachten, sondern in ihnen nach linken oder anderen emanzipatorischen Bewegungen zu schauen und diese zu unterstützen. Das Konstrukt der Nation schweißt Leute zusammen, die teils gegensätzliche Interessen haben. Solidarität mit den leidenden Menschen zu üben oder auf ihre unerträgliche Lage aufmerksam zu machen ist wichtig und richtig. Eine Nationalflagge tut das unserer Ansicht nach nicht.
Zur Kufiyah:
Die Rote 3 hat in Teilen und unfreiwillig Recht: Die Kufiyah ist kein eindeutiges Symbol. Sie ist praktisches Kleidungsstück mit langer Geschichte. Ihre erste nationalistische und antisemitische Aufladung sowie politische Instrumentalisierung erfuhr sie im arabischen Aufstand 1936-39 auf dem heutigen Israel/Palästina-Gebiet, welcher sich gegen die britische Mandatsmacht sowie die Juden richtete. Laut dem damaligen Führer der arabisch-palästinensischen Nationalbewegung, dem Großmufti von Jerusalem und antisemitischen Nazikollaborateur Mohammed Amin Al-Husseini, hätte dieser Aufstand ohne NS-Gelder nicht stattfinden können. Während des Aufstands wurde die Kufiyah zeitweise unter Strafandrohung zur Bekleidungsvorschrift gemacht –als Symbol gegen die feminine Verweichlichung muslimischer Männer durch westliche Kultur, hinter der in verschwörungsideologischer Manier die Juden vermutet wurden. Al-Husseini war Lehrer und Förderer von Jassir Arafat, dem Mitbegründer der Fatah, unter dem die schwarz-weiße Kufiyah endgültig zum Zeichen der palästinensischen Nationalbewegung wurde. Uns ist bewusst, dass sich die Wenigsten in diese Tradition stellen möchten, sondern die Kufiyah in Solidarität mit den notleidenden Palästinenser:innen tragen. Sie hat aber zweifelsohne diese ambivalente Geschichte und wir halten es dementsprechend vertretbar, den Wunsch zu äußern, sie auf einer Party abzulegen.
Wir möchten zudem widersprechen, dass die Bitte, die Kufiyah vor dem Betreten abzulegen, rassistisch motiviert sei. Dieser Vowurf funktioniert nur, wenn der politische Symbolcharakter allein in ein ethnisches Symbol gewandelt und damit auch eine kulturalistische Homogenisierung und eine imaginierte Gemeinschaft bemüht wird, die wir falsch finden. Die im Statement suggerierte Einigkeit und Eindeutigkeit ist schlicht nicht gegeben, wird aber in autoritärer Manier einfach für unanfechtbar wahr präsentiert und jeglicher ambivalenter und gewaltvoller Geschichte entledigt. Eine Argumentation, die wahlweise panarabische oder nationalistische Ideologie reproduziert.
Zur Kufiyah und zu allen anderen Fragen gibt es auch in einer vermeintlichen Gemeinschaft arabischsprachiger und/oder muslimischer Menschen verschiedene Positionen und Grautöne. Wir können immer wieder beobachten, dass wenn migrantisierte oder rassifizierte Genoss:innen widersprechen oder aus der erzwungenen Homogenisierung ausbrechen, daraufhin als Verräter:innen erniedrigt werden.
Zu „zionistischen Kreisen“ und dem Widerstand gegen sie:
Bedenklich ist das Raunen von "zionistischen Kreisen", wie es durch das Statement klingt. Es ist eine eindimensionale Feindmarkierung, die bestehendes Halbwissen und Ressentiments bedient,welcheseit jeher durch die Linke geistern, um Kritiken nicht hören zu müssen oder ganze Zusammenhänge aus der Linken auszuschließen. Der Zionismus ist keine einheitliche Ideologie, sondern divers und unterschiedliche politische Strömungen beziehen sich auf den Begriff. Dabei wird der sogenannte revisionistische Zionismus in der Argumentation der israelischen Rechten verwendet zur Rechtfertigung des Krieges. Gleichzeitig gibt es aber auch zum Beispiel den sozialistischen Zionismus und in dem Kontext auch die Kibbuz-Bewegung, in der zeitweise eine agrarkommunistische Gesellschaft erprobt wurde, samt kollektivierter Care-Struktur und in der auch noch bis heute – trotz des Mordens in ihnen am 07.10. – auch ein Großteil der israelischen Friedensbewegung lebt. Die eindimensionale Feindmarkierung von Leuten als "Zionisten" ist dementsprechend stark verkürzt und unwissend oder ignorant gegenüber einer Unterschiedlichkeit und Komplexität des Begriffes sowieden Menschen, die dazu Bezug haben. Diese Diffamierung und Markierung innerhalb der Linken als „Zionisten“ ist spätestens seit den antisemitischen Schauprozessen des Stalinismus der 1940er-Jahre keine sachliche Bezeichnung mehr, sondern die verbale Vorbereitung physischer Gewalt.
Was meint dann Zionismus als sachliche Bezeichnung? Hier bedienen wir uns bei einem Statement des offenen Plenums des Leipziger translib, auf das wir später im Text noch einmal verweisen werden. Der Zionismus ist, nicht mehr und nicht weniger, das Eintreten für jüdische Selbstbestimmung, für einen Schutzraum der Juden:Jüdinnen. Einer Minderheit, die über Jahrhunderte in Europa, Nordafrika und Westasien unterdrückt, verfolgt und vertrieben und ermordet wurde. Die geplante und durchgeführte Vernichtung des europäischen Judentums in der Shoah ist der zweifellose Tiefpunkt einer weltweiten Geschichte antisemitischer Gewalt. Spätestens seit der Shoah ist der Zionismus innerjüdisch hegemonial und eine Reaktion auf die – von der Mehrheitsgesellschaft – nicht gestattete Assimilation von Juden:Jüdinnen in bürgerlichen wie realsozialistischen Staaten.
Dass sich so viele Linke momentan dem Befreiungsnationalismus verschreiben, aber ausgerechnet den jüdischen Nationalismus in einem selektiven Antinationalismus, aka Antizionismus, als grundlegendes Übel der Welt fantasieren, ist bedauerlich, aber angesichts der Nichtbehandlung des Antisemitismus in der Linken nicht verwunderlich. Das ließe sichjedochändern und wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Linken, dass der eigene Antisemitismus erkannt und abgelegt werden würde. Antisemitismus ist nicht einfach nur die Feindschaft gegenüber Juden:Jüdinnen. Es ist eine verkürzte und verzerrte Welterklärung, die auch aus dem Nichtverstehen der kapitalistischen Moderne entsteht. Statt sich einer radikalen und generellen Kritik von Staat, Nation, Kapital und Patriarchat, der bestehenden Gesellschaft sowie der Vermachtung in ihr und durch sie, zu widmen, wird in einzelnen Akteur:innen der zu bekämpfende Feind gesucht. Dabei wird sich wiederum erhofft, dass deren Verschwinden mit einem Gutwerden der Welt einhergeht.
Diese Hoffnung muss enttäuscht werden, sie ist blind für strukturelle Zwänge des nationalstaatlich verfassten globalen Kapitalismus. Leute, die auf eben jener Kritik beharren und den antizionistischen Verengungen und Verdrehungen widersprechen, werden als „Antideutsche“ oder „Zionisten“ als Feind:innen markiert, ohne die man als Linke ja schon fast vor der Revolution stünde. Im Antisemitismus wird alles Schlechte, auch in sich oder der eigenen Gesellschaft auf eine äußeres Feindbild projiziert. So ist es auch egal ob sich die Markierten selbst als „Antideutsche“ oder „Zionisten“ verstehen. Menschen werden zu ihnen gemacht, weil die Antisemit:innen ihre Projektionsfläche brauchen, sonst funktioniert ihre Welterklärung nicht. Die Markierten seien „keine Linken“, also ist auch jedes Mittel gegen sie Recht. Auch physische und psychische Gewalt, die in der Geschichte reflektierter Militanz ausschließlich für Neonazis reserviert war. Zusätzlich ist diese innerlinke Gewalt verlockend in Zeiten der absoluten Schwäche der Linken, denn andere Linke sind immerhin Adressat:innen und Ziele, die erreichbar sind und auf Kritik oder Anfeindung reagieren. In einer Welt, in der die Allermeisten sonst gar nichts zu melden haben, ist das eine Simulation von Wirkmächtigkeit.
In Göttingen äußert sich diese Feindmarkierung darin, dass linke Strukturen wie derTheaterkeller oder der AStA attackiert werden dürfen. Das passiert dann, indem ein antizionistischer Zeichensalat hinterlassen wird. In Göttingen fand das seinen Höhepunkt in Sprüchen wie „Zionisten töten!“ *1 oder dem Sprühen des auf der Spitze stehenden roten Dreiecks, welches die Hamas verwendet, um in ihren Propagandavideos feindliche Ziele zu markieren. Auch die Fassade bei uns in der Roten Straße wird seit dem Hoffest regelmäßig mit dem Hamas-Dreieck, anderen Gewaltandrohungen und sonstigen Beleidigungen verschönert. Das passiert überall in der BRD *2, aber jetzt eben auch in Göttingen und die Göttinger Linke schweigt und lässt eine laute Minderheit freidrehen, statt ihre Genoss:innen und Freund:innen mal zu fragen, wie genau mit der Bedrohung von anderen Linken der Bevölkerung in Gaza geholfen ist. Zu eben jenen Schmierereien verweisen wir auf den Text des communistischen Labors translib in Leipzig, die ebenso angemalt wurden. *3
Die Gruppen Students for Palestine (SfP), Zivilgesellschaft für Gerechtigkeit (ZfG) und insbesondere die online Brigaden des Instagram-Kanals Intifada Göttingen ernten unserer Wahrnehmung nach höchstens Kopfschütteln, aber niemand gibt sich die Mühe, mal ernsthaft Kritik zu üben, teilweise werden munter Bündnisse eingegangen. Während SfP und ZfG ihre Weltanschauung durch das Teilen von Karikaturen auf Instagram des antisemitischen Cartoonisten Carlos Latuff (einst 2. Platz beim Holocaust-Karikaturen-Wettbewerb des iranischen Mullah-Regimes) aufblitzen lassen, ist Intifada Göttingen ganz offen mit ihrem politischen Wahn, indem sie Reden der islamistischen Qassam-Brigaden (dem militärischen Arm der Hamas) im Internet teilen. Sie sind die, die andere Linke bedrohen und sich dabei filmen. Eine maximal ineffektive Praxis für die leidenden Menschen hier und weltweit, gepaart mit einem maximalen Repressionrisiko, Respekt.
Als weiteres gutes Beispiel dient die jüngste Demonstration zum 25.11. - Tag gegen geschlechtspezifische Gewalt. Die Organisator:innen, ein breites Bündnis verschiedener Gruppen und Einzelpersonen, machten in Aufruf und Titel der Demonstration bereits unmissverständlich klar: Man kämpft und organisiert sich gegen jede patriarchale Gewalt, ob sie nun in den eigenen vier Wänden geschieht, in linken Räumen oder im Krieg. Trotzdem sah sich eine handvoll Menschen mehrfach genötigt mit einem Megafon die Demo anzuhalten, um das angebliche Schweigen zum Leid in Gaza zu brechen. Die Intervention kam leider nicht aus ohne zahlreiche Falschaussagen undeinseitige Fokussierung auf Israel als Wurzel allen Übels. Einen Verweis auf den größten massenhaften Femizid der jüngsten Geschichte, dem Massaker der Hamas und ihrer Kompliz:innen am 07.10. in Israel, gab es nicht.
Mit dem hoffentlich anhaltenden Waffenstillstand haben wir als Linke die Möglichkeit, unsere Theorie und Praxis zu reflektieren. Als erster Schritt wäre diese Erkenntnis schön: Man ist nicht pro-palästinensisch, nur weil man alle Widersprüche und alles Leid der bestehenden Weltgesellschaft auf den Kampf gegen Israel projiziert. Wir wissen, dass es interne Diskussionen und Kritik gibt innerhalb von uns hier kritisierter Strukturen und darüber hinaus. Das finden wir toll und möchten alle Menschen ermutigen, sich nicht auf die Drangsalierung anderer Linken als Praxis und auf selektive Welterklärungen als falsche Lösung einzulassen. Bisher ist und war öffentliche Reflektion in der sich als pro-palästinensischverstehenden Bewegung kaum zu vernehmen. Wir vermuten, das ist aus drei möglichen Gründen so. Erstens aus der Gefangenheit in einem innerlinken Freund-Feind-Schema und der daraus resultierenden Angst, bloß nicht „dem Feind“ Schwäche zu zeigen oder „Angriffsfläche“ zu liefern. Zweitens können wir uns vorstellen, dass Sozialdynamiken oder (in)formelle Hierarchien eine Selbstkritik von Theorie und Praxis verunmöglichen. Drittens gibt es sicherlich einen Teil, die keinen Fehler bei sich erkennen mögen und dementsprechend auf Eskalation setzen und setzen müssen. Diese Selbstkritik sowie die Beschäftigung mit (Bewegungs-)Geschichte und den realen Verhältnissen im Nahen und Mittleren Osten ist alternativlos für eine linke Position, denn Freiheit für die Menschen in Palästina bedeutet – und keine Forderung weniger – nieder mit der israelischen Rechten, lang lebe die Friedensbewegung in Israel/Palästina, Solidarität mit den palästinensischen Anti-Hamas Aktivist:innen inner- und außerhalb Palästinas und nicht zu vergessen: Hoch lebe die Jin-Jiyan-Azadi-Revolte, nieder mit dem iranischen Mullah-Regime und ihren antisemitischen Terror-Proxys.
Stattdessen wird sich antiisraelisch positioniert und die bereits marginalisierte und von staatlicher Repression betroffene israelische Linke aus (fast) allen weltweiten Verbindungen ausgeschlossen. Sei es in der sozialistischen Falkenbewegung oder soziologischen Verbänden sowie aus der Kultur-, und Fußballszene. Diese Isolation bringt nichts, außer den israelisch-palästinensischen Dialog zum endgültigen Erliegen zu bringen. Wer das tut, will keine Kooperation, nicht mal den Lichtjahre entfernten sozialistischen und binationalen Arbeiter:innen- und Bauernstaat auf dem ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina. Wer diese Spaltung befeuert und sich der Einfachheit hin- und in ihr aufgibt, wünscht sich das Verschwinden eines Staates und damit einhergehenderGeschichte, welche schematische und eindimensionale Welterklärungen verunmöglicht. Im nationalen Wahn stellt sich auch niemand gleichzeitig die Frage, wie es der palästinensischen Linken eigentlich geht, die ja unerlässlich wäre für die Erkämpfung einer besseren Welt. Hier empfehlen wir Interessierten das Buch Die Linke in Palästina von Thomas Schmidinger. Spoiler: der palästinensischen Linken gehts gar nicht gut. Hat nur keine Person mitbekommen, die sich in ihrem „pro-palästinensischen“ Aktivismus nur für das Leid von Palästinenser:innen interessiert, wenn sie ihr als Spielball für einenanti-israelischen Selbstvergewisserungsaktivismus dienlich sind.
Achja: Zu guter Letzt drohte natürlich auch die R3 der gesamten Roten Straße, einschließlich der Hoffest-Orga, das nächste Hoffest aktiv zu verhindern, sollte dieses nicht nach ihren Vorstellungen organisiert werden. Wem genau damit geholfen wird, wenn ein seit Jahren existierendes antifaschistisches Fest sowie wichtige Spendengelder bedroht sind, wird nur die R3 selbst wissen.
Mit solidarischen Grüßen,
Antifaschist:innen verschiedener Häuser des Wohnprojekts in der Roten Straße
Fußnoten und weiterführende Links:
*1
Auch wenn dann in Mails auf einschlägigen Göttinger Mailverteilern versucht wurde zu erklären, dass diese Schmiererei einfach nur eine Aussage sein soll. In der Kombination mit der Übernahme von Symbolik einer islamistischen und vernichtungsantisemitischen Gruppierung wie der Hamas ein ganz schwaches und peinliches Rausreden aus der eigenen Dummheit.
*2
Nur ein paar Beispiele: Aachen, wo die Gruppe diskursiv nach Bedrohung das AZ verließ https://diskursivaachen.noblogs.org/post/2025/07/24/warum-wir-auf-veranstaltungen-im-az-vorerst-verzichten/ Berlin, wo es in der BRD diesbezüglich am dollsten ist. Zu nennen sei nur der Umgang mit dem linken Club und Freiraum ://aboutblank oder der Programmschänke Bajszel. Letztere wurde auch Ziel von Brandanschlägen und zuletzt wurden seine Betreiber:innen mit Bild und Drohung, samt Symbolik der Hamas, mittels Flyern in Neukölln gedoxt. Hamburg, Rote Flora und andere, dort auch Einzelpersonen wie Veronika Kracher, die dort zu Antisemitismus und Gewalt innerhalb der radikalen Linken referierte und dann – bezeichnend – Opfer jener wurde. Hier ein guter Text von ihr zu jener paranoiden Jagd auf „Zionisten“ https://www.belltower.news/kommentar-wenn-anti-israelaktivistinnen-alle-... Ähnliche Dinge passieren in Leipzig, Oldenburg, Flensburg, es sind ehrlicherweise zu viele, um sie noch alle zu erfassen. Und es passieren mittlerweile mindestens wöchentlich ähnliche Fälle, vor allem seit dem Waffenstillstand.
*3
Antizionistische Schmierereien und Drohungen an der translib – Statement des Plenums: https://www.translib.de/material/antizionistische-schmierereien-und-droh...
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