Auswertung der Diskussionsveranstaltung „Antifa heißt reflektieren, diskutieren und streiten“

Mit dem Anliegen, auf eine sinnvolle  Weise auf das bevorstehende Demogeschehen am 17.01.2026 in Connewitz zu reagieren, luden wir am 15.01. abends zu einer offenen Diskussionsveranstaltung ein. Etwa 50 Menschen kamen zur Veranstaltung, diskutierten schließlich miteinander über die Polarisierung in der linken Szene, Positionen zum sogenannten Nahostkonflikt und wahrgenommene Probleme.
Wir dokumentieren diese Veranstaltung hier, um Genoss*innen aus anderen Städten zu verdeutlichen, dass es in Leipzig verschiedene Sichtweisen gibt. Außerdem gibt es eine Menge Menschen, die sich nicht Staats-verherrlichender, militaristischer und antisemitischer Propaganda beugen.

Wir halten hier erst die Einladung fest und schreiben dann eine Auswertung. Danach folgen die von uns eingebrachten Diskussionsregeln, unsere Positionen und Thesen für die Veranstaltung.

EINLADUNG

Antifa heißt reflektieren, diskutieren und streiten

Offenes Diskussionsangebot zum Demogeschehen am 17.01. in Connewitz, dem Umgang mit Kontroversen, sowie der Polarisierung der linken Szene in Leipzig und anderswo.

Do. 15.01. 19-21:30 Uhr

Was? Raum für respektvolle, solidarische, kontroverse Auseinandersetzung und Verständigung. Moderation.
Was nicht? Rumgemackere, Manipulation, Gewaltandrohungen etc.; endgültige Lösungen.

Nein, wir wollen nicht noch einmal im Detail über den sogenannten Nahostkonflikt sprechen. Dazu haben vermutlich die meisten ihre Ansichten. 
Stattdessen möchten wir einen Raum aufmachen, um sich über Widersprüche, Kontroversen, Polarisierung und Umgangsweisen innerhalb der linken Szene auszutauschen. Binäres Lagerdenken, die Moralisierung von Diskursen und pauschale Feindbestimmungen bringen uns nicht weiter. Diese Denkweisen sind Elemente des Autoritarismus. Wir wollen nicht vor allem "beide Seiten" sehen, sondern uns bewusst machen, das die Konstruktion von vermeintlich zwei Gegenpolen selbst problematisch ist.

Wir finden es völlig verständlich und berechtigt, das Menschen das Leid der Palästinenser*innen und das Vorgehen des israelischen Militärs anprangern. Zugleich verurteilen wir den Demoaufruf "Antifa means free Palastine" und verstehen ihn so, wie er gemeint ist: Als Angriff auf bestimmte Teile der linken Szene, die seit Jahren antifaschistische Basisarbeit machen. Dies ist mit einem klaren Führungsanspruch verbunden, der ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt werden soll.
Dagegen wird die Bekämpfung des Antisemitismus zu einem zwiespältigen Anliegen, wenn sie als Staatsdoktrin dient, wie der Antisemitismus selbst Regierungspolitik stützt, in den Ländern, die Israel umgeben.

Deswegen möchten wir besser verstehen, welche Vorstellungen und Sehnsüchte auf die Auseinandersetzung Israel/Palästina projiziert werden. Dass der antiimperialistische "Marsch auf Connewitz" dermaßen polarisiert, geht über den zum Klischee verkommenen Konflikt zwischen "Anti-Ds" und "Anti-Imps" hinaus. Dahinter steht auch ein Konflikt zwischen freiheitlichen und autoritären Ansichten, Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung oder nicht, zwischen ost- und westdeutscher politischer Sozialisierung, sowie zwischen den Generationen Y und Z.

Zu Beginn werden wir unsere Positionen offenlegen und Thesen formulieren. Diese sollen zunächst in kleinen Gruppen diskutiert werden, bevor wir uns in der großen Runde austauschen. Dann fassen wir das Gesagte zusammen. Wer möchte kann sich anschließend noch über Handlungsoptionen am 17.01. austauschen.

Wir erwarten für diese Veranstaltung, dass die Anwesenden sich gegenseitig respektieren, nicht gezielt provozieren, sich zuhören und verstehen wollen. Einen safe space können wir nicht bieten, werden aber darauf hinwirken, das bestimmte rote Linien nicht überschritten werden.

AUSWERTUNG

Zu Beginn verteilten wir „Diskussionsregeln“ (weiter unten im Text aufgeführt), um deutlich zu machen, dass es uns mit der Einladung zu einer respektvollen und solidarischen Auseinandersetzung ernst ist. Daraufhin luden wir zu einer Murmelrunde ein, mit den Fragen: „Warum seid ihr heute hergekommen? Was interessiert euch speziell an dieser Veranstaltung“?

Dann erklärten wir, wie es zur Veranstaltung kam, was unsere Absichten damit sind und stellten eigene Positionen vor. (Finden sich unten.) Wir haben eigene Positionen formuliert und vorgestellt, erstens, weil wir deutlich machen wollten, dass wir selbst nicht neutral sind und dies auch nicht sein wollen. Zweitens ging es uns darum, Menschen aufzufordern, sich zu positionieren und eigene Gedanken zu machen, anstatt aus Überforderung oder Genervtheit das Thema zu verdrängen bzw. sich gar nicht dazu zu äußern. Drittens wollten wir rote Linien markieren, innerhalb derer wir kontrovers streiten können.

Anschließend stellten wir fünf Thesen vor (siehe unten). Unsere Idee war dabei, den Leuten eine Grundlage zu geben, um im folgenden in kleinen Gruppen zu diskutieren. Es sollte einen Zwischenschritt geben, bevor wir in der großen Runde eine potenziell kontroverse Auseinandersetzung haben würden. Dazu wurde kritisch nachgefragt, warum wir „Positionen“ und „Thesen“ ausgegeben hatten. Weiterhin wurde zurecht bei einer Formulierung in der vierten These kritisch nachgefragt. Erst anschließend wurde uns klarer, dass wir mit unserer Formulierung rassistische Zuschreibungen und Denkweisen reproduziert haben. (dazu weiter unten). 
Die Anwesenden besprachen sich in kleinen Gruppen, wobei einige vor die Tür gingen. Einige gingen weg, die meisten kamen aber zurück.

Schließlich diskutierten wir ungefähr 40 Minuten lang in der großen Runde. Tatsächlich achteten und bezogen sich die Sprechenden aufeinander. Es wurden auch verschiedene Sichtweisen und Standpunkte deutlich, wobei die Diskutierenden ihre Beiträge häufig differenziert hielten. Die Anwesenden lehnten die Mobilisierung von „Lotta Antifascista“, „Handala“ und weiteren sie unterstützenden Gruppen nach Connewitz ab. Weiterhin wurde unter anderem angebracht, dass die Zuschreibung „antideutsch“ ebenso wie „zionistisch“ mittlerweile zu sinnentleerten Kampfbegriffen verkommen sei. Umgekehrt wurden z.B. auch antideutsche Propaganda dafür kritisiert, rassistisch zu sein und das Leid palästinensischer Menschen zu relativieren. Zudem habe es in Connewitz gewaltsame Übergriffe gegen Palästina-solidarischen Menschen gegeben. Diese sind zumindest dann zu verurteilen, wenn diese Personen lediglich bestimmte Kleidung (Kufiya) aufweisen.

Mehrere Personen bedankten sich für die Möglichkeit des Formats und äußerten, dass es so etwas öfter bräuchte. Gleichzeitig waren wir als Moderator*innen unzufrieden mit der Durchführung. Erstens nahmen wir zu Beginn der Veranstaltung mit unseren Ausführungen zu viel Raum ein. Dies sorgte möglicherweise für etwas Verwirrung. Wir hatten das so geplant, weil wir keine Ahnung hatten, wer zur Veranstaltung kommen würde und von der Art, wie dieses Thema üblicherweise „debattiert“ wird, gestresst waren. Dies war dann letztendlich in der Umsetzung deutlich entspannter und konstruktiver, als erwartet.

Zweitens wurde uns vorgeworfen, rassistische Denkweisen zu reproduzieren. Dazu möchten wir noch einige Dinge äußern: Wir waren zu wenig sensibel in Bezug auf rassistische Diskriminierungserfahrungen. Kritisiert wurde konkret, dass wir (sowohl im Aufruf, als auch in unseren vorgestellten Thesen) davon geschrieben haben, dass es „migrantischen und herkunftsdeutschen Erfahrungen“ gäbe. Diese würden für einen Konflikt in der linken Szene stehen, der in die verkürzte Auseinandersetzung „AntiD/Antiimp“ hineinwirke. Wir zogen die Unterscheidung anhand der Herkunft, also der Frage, wo Menschen aufgewachsen sind. Unsere Annahme war, dass Menschen in Debatten in der BRD anders sozialisiert werden, als in anderen Ländern. Dies wurde so verstanden, das wir Menschen of Color absprachen, deutsch zu sein; das wir also mit „herkunftsdeutsch“ eigentlich weiß meinten und PoC rassistisch ausschließen und als „migrantisch“ = „fremd“ labeln würden.

Wir bedauern sehr, das wir unsere Gedanken dazu nicht gut formulieren konnten und damit rassistische Einteilungen und Zuschreibungen reproduziert haben, die in unseren Köpfen vorhanden waren. Wir konnten an diesem Punkt das eigentliche Anliegen, die Perspektiven von Menschen mit Migrationshintergrund ernstzunehmen, nicht rüber bringen. Im Gegenteil haben wir aus einer Sicht gesprochen, die von weißer Vorherrschaft geprägt ist. Deswegen müssen wir uns als Moderator*innen individuell mit unseren rassistischen Vorstellungen und dem (auch in der linksradikalen Szene vorhandenen) verinnerlichten Rassismus auseinandersetzen und andere Perspektiven hören.  Auf dieses Problem hatte uns jedoch auch keiner der Menschen hingewiesen, die die Einladung zur Veranstaltung im Vorfeld erhalten hatten. Daher scheint das Problem auch in dem von uns angesprochenen Umfeld vorhanden zu sein.

Sollte es eine weitere Auflage des Diskussionsformates geben, erscheint es uns aufgrund dieser Situation naheliegend, uns das Thema von Rassismus innerhalb der linken Szene vorzunehmen. Dafür sollten dann andere Personen (mit mehr Wissen und Bewusstsein zu dieser Fragestellung) die Moderation übernehmen. Da es wie erwähnt mehrfach die Rückmeldung gab, dass die Einladung und das Format sinnvoll gewesen sind, würden wir uns freuen, wenn andere Personen es aufgreifen.

DISKUSSIONSREGELN

Wir gehen davon aus, dass ihr unsere Einladung gelesen habt und deswegen hier seid, weil ihr an einer respektvollen, solidarischen und konstruktiven Diskussion interessiert seid. Deswegen: 
- keine Beleidigungen oder Drohungen (die Ablehnung einer Position darf selbstverständlich gerne sachlich ausgedrückt werden) 
- keine Unterstellungen und Pauschalaussagen 
- einander ausreden lassen 
- sich kurz fassen und im eigenen Redebeitrag nicht endlos abschweifen und so den anderen Teilnehmer*innen wenig Raum lassen 
- den Beiträgen der Anderen zuhören und sich in den eigenen Aussagen auf Punkte der anderen Teilnehmer*innen beziehen 
- eigene Behauptungen und Positionen begründen

POSITIONEN

a. Das Ausmaß der Gewalt des israelischen Militärs gegen die palästinensische Bevölkerung steht nicht in einem adäquaten Verhältnis zum Ziel der Verteidigung der israelischen Bevölkerung. 

b. Hamas-Kämpfer haben am 07.10.2023 ein Massaker an israelischen Zivilist*innen verübt, Menschen getötet, verschleppt und andere massive Gewalt ausgeübt. Dies ist kein emanzipatorischer "Befreiungsschlag", sondern folgt einer patriarchal-islamistischen Logik. 

c. Der Staat Israel ist ein Vorposten westlich-europäischer Gesellschaftsformen und wird daher verständlicherweise zur Projektionsfläche für eine Konfrontation zwischen geostrategischen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen und Wertevorstellungen. 

d. Antisemitismus war und ist z.T. eine staatstragende Ideologie in Ländern, die Israel umgeben. Dies kann benannt werden, ohne z.B. arabischen Menschen pauschal antisemitische Einstellungen zu unterstellen oder den Antisemitismus in Deutschland z.B. auf arabische Menschen abzuwälzen. 

e. In der gesellschaftlichen Linken der BRD gibt es seit den 1990er eine Lagerbildung in sogenannte "Antideutsche" und "Antiimperialist*innen". Hinter der jüngsten Zuspitzung und Verhärtung dieser Fronten stehen häufig auch andere Themen. Auf Auseinandersetzung Israel/Palästina werden verschiedene Konfliktlinien projizierte. Wir plädieren dafür, diese zu betrachten, um das Thema zielführend zu diskutieren. 

THESEN

1) Die Wahrnehmung von Widersprüchen, Nuancen, Vielschichtigkeit des Israel-Palästina-Konflikt ist notwendig, um eine sinnvolle Diskussion darüber führen zu können. Wir sollten akzeptieren, dass das Thema sehr komplex und unabgeschlossen ist. 

2) Mit Polarisierungen, Projektionen und Moralismus reproduzieren wir häufig genau solche Muster, wir an der an unseren Gegner*innen und den herrschenden Diskursen kritisieren. 

3) Eine anarchistische Haltung besteht darin, verschiedenen Standpunkten mit Respekt zu begegnen, ohne in eine komplette Beliebigkeit zu verfallen. 

4) Inner-linke Konfliktlinien, die die aktuelle Kontroverse um Israel/Palästina so Raum einnehmend und unerbittlich machen sind:
a) "Anti-D/Anti-Imp" (+ Kritische Theorie vs. Postkolonialismus), b) freiheitlich/autoritäre Denkweisen und Politikstile, c) ostdeutsche/westdeutsche politische (linke) Sozialisation, d) Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung oder nicht e) Generation Y / Generation Z. 

5) Die Demonstration "Antifa means free Palastine" als "Marsch auf Connewitz" zielt eigentlich darauf ab, a) einen Führungsanspruch in der linken Szene Leipzigs durchzusetzen, b) die Polarisierung der gesellschaftlichen Linken in der BRD zugunsten einer einseitigen und verkürzten Pro-Palästina-Position zu kippen, c) einen doktrinären Antizionismus zu kanalisieren.

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