Eine marxistische Verteidigung des "Aufrufs" - Ein Debattenbeitrag

Verteidigung des "Zeit zu handeln" Aufrufs; Kritik der "ostdeutschen Antifas"; und Versuch, die Debatte auf ein höheres Niveau zu heben

Der folgende Text ist ein Beitrag zur Debatte, die rund um den Aufruf „Zeit zu handeln“ (https://zeitzuhandeln.net/) entstanden ist. Ziel ist es, den ursprünglichen Aufruf aus einer marxistischen Perspektive gegen die fehlerhafte Kritik der „ostdeutschen Antifas“ (https://de.indymedia.org/node/378420) zu verteidigen. Weil es jedoch stimmt, dass der Aufruf an entscheidenden Stellen nur bei Andeutungen stehen bleibt, ist der folgende Text zweigeteilt: Im ersten Teil wird gezeigt, dass die Kritik der „ostdeutschen Antifas“ haltlos ist und auf einem falschen Verständnis beruht. Der zweite Teil besteht aus kurzen Darstellungen zu vier Themen – Klassen; Klassenbewusstsein; aktuelle historische Situation; bröckelnder Herrschaftskonsens - die für die Debatte von Relevanz sind und die Kritik aus dem ersten Teil untermauern. Zum Schluss finden sich ein paar zustimmende Worte zu der Kritik der „ostdeutschen Antifas“ an der radikalen Linken.

 


 

 

Teil 1: Die Fehler der „Ostdeutschen Antifas“


Die AutorInnen versuchen damit zu beginnen, die Position des „Zeit zu handeln“ Aufrufs wiederzugeben, doch dabei kommt es zu einer Reihe schwerer Fehler, die schlussendlich dazu führen, dass die AutorInnen den Aufruf nichtmehr verstehen und meinen, in ihm Widersprüche gefunden zu haben. So schreiben sie:

  • „Die Herrschenden führen einen Klassenkampf nach unten, weil es eine Krise im Kapitalismus gibt.“

Schon hier liegt der erste Fehler: Der Klassenkampf wird nicht wegen der Krise, sondern in der Krise geführt. Die bloße Existenz der Klassen bedeutet, dass es Klassenkampf geben muss, weil die Bourgeoisie nicht friedlich neben dem Proletariat lebt, sondern parasitär von der Arbeit der ArbeiterInnen. In der Krise nimmt der Klassenkampf zwar an Intensität zu, aber er wird niemals wegen der Krise geführt. Der ursprüngliche Aufruf behauptet nicht, was die AutorInnen hier schreiben, es wird lediglich festgestellt, dass die ergriffenen Maßnahmen Teil des „Klassenkampfes von oben“ sind. Diese Ungenauigkeit ist jedoch erst der Anfang:

  • „Um den Klassenkampf nach unten zu vertuschen, bedienen sie [die Herrschenden] sich des Diskurses und betreiben in diesem rassistische Hetze. Um dabei nicht das Gesicht zu verlieren, bedienen sie sich der AfD. So weit, so klassenkämpferisch – ganz schön trickreich von den Herrschenden. […] Wenn wir jetzt einmal so frei sind, die Herrschenden durch die Kapitalisten zu ersetzen, denn wenn es einen Klassenkampf von oben gibt, wer soll es sonst sein, dann könnten wir es auch auf die alte Parole runterbrechen: Hinter dem Faschismus steht das Kapital.“

Die „ostdeutschen Antifas“ begehen hier zwei schwerwiegende Fehler:

  1.  „Die Herrschenden“, ein Begriff, der im gesamten Aufruf nur einmal vorkommt, wird hier ohne Weiteres mit „die Kapitalisten“ gleichgesetzt. Das wechselseitige, bzw. dialektische Verhältnis von politischer und ökonomischer Herrschaft wird einfach plattgebügelt, was bleibt sind „die Kapitalisten“ als einzig Herrschende. Zwar ist die Bourgeoisie, wie unten ausgeführt wird, die herrschende Klasse, aber der Staat als Instrument ihrer Klassenherrschaft ist eben nicht mit ihr als Klasse identisch. Anders als z.B. in den antiken Stadtstaaten bestehen Militär, Verwaltung, Gerichtswesen und selbst viele Regierungen nicht aus Angehörigen der herrschenden Klasse, sondern aus dem Kleinbürgertum. Das bedeutet nicht, dass der bürgerliche Staat nicht der Staat der KapitalistInnen ist, sondern im Gegenteil, dass der Staat umso allgemeiner den Kapitalgesetzen unterworfen ist. Es sind KleinbürgerInnen, die im Dienste der gesamten Klasse der KapitalistInnen ihren Klassenstaat bilden.
  2. Es wird behauptet, die Bourgeoisie würde nach eigener Analyse reaktionäre Positionen bewusst verbreiten, um ihre Position zu stärken (bewusst im unten ausgeführten Sinn, als
    letztendlich klassenbewusst). Nicht nur, dass diese Position dadurch ad absurdum geführt wird, dass der Staat wie gesagt größtenteils nicht aus Bourgeois besteht, als herrschende Klasse ist die Bourgeoisie, wie unten ausgeführt wird, überhaupt nicht bewusstseinsfähig. Trotzdem setzen die AutorInnen sie als bewusst handelndes Subjekt hinter den Rechtsruck.

Der „Zeit zu handeln“ Aufruf vertritt diese Position nicht, dort heißt es lediglich:

  • „Flankiert und verschleiert wird der Klassenkampf von oben durch immer neue rassistische, antifeministische und chauvinistische Debatten.“

Und

  • „Um den Status Quo für die Herrschenden zu erhalten werden großflächig soziale Errungenschaften abgebaut, die Reallöhne gedrückt, Klimaschutzvereinbarungen missachtet, der Polizei immer mehr Möglichkeiten zur Gängelung und Überwachung an die Hand gegeben.“

Dabei handelt es sich um Tatsachenbeschreibungen. An keiner Stelle wurden „die Herrschenden“, bzw. die Bourgeoisie auch nur grammatikalisch als Subjekt gesetzt. Dabei handelt es sich um eine Eigenleistung der „ostdeutschen Antifas“.

Um die marxistische Position nicht falsch zu verstehen: Die Tatsache, dass die Bourgeoisie keine bewusstseinsfähige Klasse ist, bedeutet nicht, dass sie nicht handeln kann. Sie handelt jeden
Tag, aber sie ist nicht fähig, vernünftig zu handeln. Ihr Handeln unterliegt „spontanen“ Bewegungen, die ihre Ursache nicht in der Einsicht in die Wahrheit haben. Will man die Handlungen der herrschenden Klasse verstehen, muss man deshalb ihre objektive Lage analysieren und kann den Grund nicht in ihren geistigen Werken finden.


Mit diesem Wissen entpuppen sich die von den „ostdeutschen Antifas“ festgestellten „unlösbaren Widersprüche“ nur als eine unklare Analyse. So wundern sie sich:

  • „Was heißt hier Wind aus den Segeln nehmen? Schließlich wurde gerade doch noch gesagt, dass das alles Absicht ist? Wer also sollte nun der AfD den Wind aus den Segeln nehmen wollen?“

Ebenso verhält es sich mit dem zweiten „Widerspruch“: Die „ostdeutschen Antifas“ wundern sich, dass die liberalen und sozialdemokratischen Parteien bei ihrem „Kampf gegen rechts“ nichts von den Ursachen des Rechtsrucks wissen wollen, weil sie auch hier fälschlicherweise annehmen, der Rechtsruck und der Aufstieg der AfD sei ein bewusst herbeigeführter Prozess, um vom Klassenkampf abzulenken. Da das Kleinbürgertum ebenfalls keine bewusstseinsfähige Klasse ist, verstehen auch die größtenteils kleinbürgerlichen PolitikerInnen die Grundlagen unserer Gesellschaft nicht. Ihre Klassenlage verhindert es, dass sie selbst einfache Dinge, wie die Tatsache, dass die Gesellschaft in Klassen geteilt ist, nicht erfassen können. Ironischerweise sogar, obwohl die Klassentheorie ursprünglich nicht von SozialistInnen, sondern von bürgerlichen Theoretikern wie Adam Smith und David Ricardo entwickelt wurde.


Die „ostdeutschen Antifas“ haben gezeigt, dass sie die Parole „Hinter dem Faschismus steht das Kapital“ von vorne bis hinten nicht verstehen. Sie drückt aus, dass der Faschismus nur dann zur Herrschaft kommen kann, wenn er mit dem Klasseninteresse der Bourgeoisie übereinstimmt. So konnte der NS in Deutschland nur an die Macht gelangen, weil er 1) den verschiedenen Kapitalfraktionen einen Ausweg aus der Sackgasse der desaströsen Weltwirtschaftskrise bot, indem er militärisch die Märkte eroberte, die dem geschwächten deutschen Kapital durch Zölle versperrt waren, und 2) weil er in der Lage war, die ArbeiterInnenbewegung terroristisch zu unterwerfen und so die Gefahr einer kommunistischen Revolution abzuwehren. Es ist es weder nötig noch möglich, dass die Bourgeoisie den Faschismus bewusst hervorbringt. Die Parole wird dem dadurch gerecht, indem gesagt wird, dass hinter dem Faschismus „das Kapital“ und nicht „die KapitalistInnen“ stehen – ein irrelevanter Unterschied, wenn man versteht, dass KapitalistInnen als personalisiertes Kapital herrschen, doch diese Formulierung macht es bei genauem lesen unmöglich, ein (klassen-)bewusst handelndes Subjekt anzunehmen.


Was von der Kritik der „ostdeutschen Antifas“ übrigbleibt, ist neben ungenauem Lesen ein Missverständnis der marxistischen Gesellschafts- und Faschismusanalyse: Sie gehen davon aus, dass jede Klasse eine bewusste Klasse ist, ohne zu überprüfen, was die Bedingungen dafür sind, dass Klassenbewusstsein entstehen kann. Bei den von ihnen gefundenen Unstimmigkeiten handelt es sich nur um scheinbare Widersprüche, die sie durch ihre Fehler selbst hervorgebracht haben. Wenn man Adornos Positionen vertritt, sollte man eigentlich nicht hinter Lukács Erkenntnisse zurückfallen, sonst ist die eigene Position als halbe Wahrheit schon die ganze Unwahrheit.

 


 

 

Teil 2: Die Marxistische Theorie


Um einige der im ersten Teil nur kurz hervorgebrachten Argumente zu untermauern und um etwas größere Klarheit über die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft zu schaffen, folgt eine kurze Darstellung, was Klassen sind, was Klassenbewusstsein meint, in welcher historischen Situation wir uns befinden und welche Rolle die AfD im bröckelnden Herrschaftskonsens einnimmt.

 


Was sind Klassen?


Klassen werden dadurch bestimmt, in welchem Verhältnis eine Person zur Produktion steht. Eine Klasse ist keine gesellschaftliche Schicht, die sich z.B. durch eigene Subkultur oder eigenen Kleidungsstil auszeichnet. Der „typische“, weiße Mechaniker, der bei VW arbeitet, ist nicht Proletarier, weil er Blaumann trägt und nach der Arbeit in der Kneipe sein Bier trinkt, sondern weil ihm VW nicht gehört und er dort für Lohn arbeiten muss. Historisch gab es viele verschiedene Klassen, SklavInnen und Sklavenbesitzer, Leibeigene und adlige Grundherren, usw., doch im Kapitalismus gibt es nur zwei, bzw. 2,5 relevante Klassen: Das Proletariat, die Klasse der Lohnabhängigen, die „ArbeiterInnenklasse“, und die Bourgeoisie, die Klasse der KapitalistInnen, die von ihrem Besitz leben. Die 2,5. und „halbe Klasse“ ist das Kleinbürgertum, Personen, die zwar über ihre eigenen Produktionsmittel verfügen, die aber nicht allein von der Arbeit anderer leben können und die deshalb selber arbeiten müssen.

Proletariat und Bourgeoisie existieren nicht unberührt nebeneinander, sondern die Bourgeoisie lebt parasitär von der Arbeit des Proletariats. Die herrschende Bourgeoisie beutet marxistisch gesprochen das Proletariat aus. Ausbeutung ist hier nicht ein schlechter Lohn oder schlechte Arbeitsbedingungen, wie Bürgerliche es verstehen, sondern Ausbeutung liegt bereits im Lohnverhältnis selber. Das liegt daran, dass, wenn für Lohn gearbeitet wird, es auch KapitalistInnen geben muss, die diesen Lohn auszahlen, und weil immer mehr erarbeitet wird, als Lohn gezahlt wird (wer das Kapital mehr kostet als einbringt, wird schnell entlassen), leben die KapitalistInnen immer parasitär von denen, die sie anstellen.


Im Unterschied zu allen bisherigen Klassenverhältnissen handelt es sich bei der Herrschaft der Bourgeoisie um keine „persönliche“, sondern eine „abstrakte“ Herrschaft: Während z.B. in der Antike eine Sklavin direkt von ihrem Sklavenbesitzer besessen und beherrscht wurde, werden ProletarierInnen nur durchs Kapital von „ihren“ Bourgeois beherrscht. So kann ein Chef den Angestellten auf der Arbeit sagen, was sie in einem gesetzlichen Rahmen wie zu machen haben, doch nach der Arbeit hört diese direkte Macht auf. Zusätzlich steht es den ArbeiterInnen zu, den Bourgeois zu wechseln und sich dieser einen direkten Macht zu entziehen. Eine antike Sklavin jedoch stand permanent unter der Kontrolle des Herrn und konnte dieser auch nicht durch ein selbst gewählten Herrenwechsel entkommen. Dieser Punkt ist enorm wichtig, denn er bedeutet, dass KapitalistInnen nur als personifiziertes Kapital herrschen können: Bourgeoisie und Proletariat bleiben „Herr und Knecht“, aber die einzelnen KapitalistInnen verliert ihren „freien Willen“ als HerrInnen und unterliegt vollkommen den Gesetzen des Kapitals.

 


Klassenbewusstsein


Obwohl der Marxismus eine materialistische Philosophie ist, spielt das Bewusstsein eine entscheidende Rolle. Bewusstsein meint dabei nicht nur, etwas nicht „unbewusst“, nicht „auf Autopilot“ zu machen, sondern vielmehr die eigene Umwelt verstehen und sich in der Gesellschaft verorten können. In einer Klassengesellschaft heißt das: Sich der eigenen Stellung im Produktionsprozess bewusst zu werden und Klassenbewusstsein entwickeln. Klassenbewusstsein ist also nicht etwa das, was z.B. ein durchschnittlicher Proletarier denkt, und auch nicht das, was alle ProletarierInnen gemeinsam denken. Klassenbewusstsein ist das, was eine Proletarierin denken würde, wenn sie den ganzen Aufbau der Gesellschaft verstehen würde und sich als Proletarierin ihrer eigenen Interessen bewusst wäre.


Damit wird klar, dass Klassenbewusstsein nicht per se mit den Klassen entsteht. Um zum Bewusstsein zu gelangen, sind gewisse Voraussetzungen nötig, denn erst von einer bestimmten Stellung aus kann das Ganze überhaupt erkannt und akzeptiert werden. Somit ist auch nicht jede Klasse bewusstseinsfähig. Ein leibeigener Bauer lebte zu isoliert und von Bildung zu sehr abgeschnitten, als dass er die gesamte Gesellschaft und seine Rolle darin hätte verstehen können – seine Klassenlage versperrte ihm diese Einsicht und machte Klassenbewusstsein unmöglich.


Die Bourgeoisie war vor ihrer Herrschaft bewusstseinsfähig, so z.B. in der französischen Revolution, aber ist es nichtmehr. Das liegt daran, dass ihr Klassenbewusstsein seit dem Beginn ihrer Herrschaft in Konflikt mit ihrem Klasseninteresse getreten ist (was das konkret bedeutet kann hier nicht ausgeführt werden, ist aber u.a. im Essay „Klassenbewusstsein“ in „Geschichte und Klassenbewusstsein“ von Georg Lukács zu lesen). Zwar können einzelne KapitalistInnen sich trotzdem der Lage bewusst und MarxistInnen werden, doch dann nehmen sie den Standpunkt des Proletariats ein, als Klasse aber ist die Bourgeoisie bewusstseinsunfähig. Ein Ausdruck davon ist, dass die KapitalistInnen und bürgerliche Ökonomen ihr eigenes System nichtmehr verstehen, so z.B. Christian Lindner und die FDP, wenn sie dogmatisch an der Schuldenbremse festhalten und dem deutschen Kapital damit massiv schaden. Die Bourgeoisie unterliegt damit für sie „spontanen“ Bewegungen, über die sie nie wieder Kontrolle erlangen kann, sie ist dazu verdammt, bis zu ihrem Sturz in der Bewusstlosigkeit zu taumeln.


Nur das Proletariat ist heute bewusstseinsfähig, und gleichzeitig auch die einzige Klasse, die in der Lage ist, den Kapitalismus zu überwinden. Wenn alle ProletarierInnen klassenbewusst wären, könnte das Proletariat jederzeit die Macht übernehmen und heute schon den Kommunismus einführen. Damit ist der Kampf um das Klassenbewusstsein der entscheidende Kampf, den es zu führen gilt. Heute sind wir davon leider noch weit entfernt, klassenbewusste Positionen sind im Proletariat wenig verbreitet – und das findet seinen Ausdruck auch im Aufstieg der AfD.

 


Aktuelle historische Situation


Die historische Epoche, in der sich der westliche Kapitalismus befindet, lässt sich am treffendsten als Staatsmonopolkapitalismus beschreiben. Der Wettbewerb vieler kleinerer Unternehmen hat sich zu einer vom Staat unterstützten und ergänzten ökonomischen Herrschaft der Monopole entwickelt. Dieser Prozess ist sowohl unumkehrbar, als auch notwendig zur Vorbereitung des Kommunismus.


Auch in seiner aktuellen Epoche gibt es keinen stabilen Kapitalismus, weil der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen immer zu Überproduktionskrisen führen muss. Trotzdem sind lange Phasen des Aufschwungs möglich, von denen es im Westen bisher nur zwei gab - Mitte der 1890er bis 1914, und der „Nachkriegsboom“ von 1945 bis 1973. Das Ausmaß des Nachkriegsbooms ist heute schwer vorstellbar, von 1950 bis 1960 hatte sich das Bruttosozialprodukt verdreifacht (heute sind 2% BIP Wachstum ein gutes Jahr) und von 1950 bis 1970 verdoppelten sich fast alle 10 Jahre das Realeinkommen der Massen*). Spätestens seit der Ölkrise 1973 ist diese Epoche vorbei, der Kapitalismus ist wieder zum gewohnten Modus übergegangen, Krise folgt auf Krise (auf die Gründe dafür kann hier nicht genauer eingegangen werden, aber neben dem abgeschlossenen Wiederaufbau gab es allgemein eine tiefgreifende
Umstrukturierungen der gesamten Ökonomie).


Mittlerweile sind auch die neu entstandenen Märkte in den ehemals sozialistischen Ländern unter den Imperialistischen Ländern aufgeteilt, und mit China gibt es auf der Weltbühne eine aufstrebende Imperialmacht, die das westliche Kapital immer mehr bedroht. Einen guter Ausweg aus alledem ist für den Kapitalismus nicht zu erkennen, ohne eine sozialistische Revolution wird der Kapitalismus so reagieren, wie er in seiner Geschichte immer getan hat: mit einem neuen großen Krieg, der das Problem für das eigene nationale Kapital so lange löst, bis die inneren Widersprüche wieder hervortreten und zur nächsten Katastrophe führen.

[*Dilger, Frevert, Günther-Arndt, Hofacker, Hoffmann, Maneval, Zwölfer u. a.: Kursbuch Geschichte – Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. 2003, S. 381]

 


Bröckelnder Konsens und die AfD


Bekanntlich lässt sich keine Herrschaft ausschließlich auf Gewalt bauen. So müssen im Westen die wenigen Prozent Bourgeois das 85-90% der Gesellschaft umfassende Proletariat durch einen Herrschaftskonsens vom Widerstand abbringen. Der Nachkriegsboom hat die materielle Grundlage dafür geliefert, einen solchen umfassenden Konsens zu schaffen. Wenn die Masse der Lohnabhängigen davon ausgehen kann, dass sich jedes Jahr der eigene Lebensstandard spürbar erhöht, werden diese Massen aus ihrem unmittelbaren Interesse nicht zu revolutionären Positionen kommen, und nur Menschen mit genügend historischer Weitsicht werden zu
RevolutionärInnen.


Mit dem Ende des Wirtschaftsbooms bröckelt dieser erkaufte Konsens jedoch an allen Ecken und Enden. Ohne die materielle Grundlage, die der Kapitalismus nie auf Dauer produzieren kann, können weniger Menschen reformistisch in der Staat und die bürgerliche Zivilgesellschaft eingebunden werden. Am weitesten entwickelt ist dieser Prozess vermutlich in Frankreich, doch auch für Deutschland gibt es Umfragen, in denen die absolute Mehrheit angibt, mit der BRD nichtmehr zufrieden zu sein. In einer solchen Situation ist der Staat gezwungen, den weggebrochenen Konsens durch Repression und Gewalt zu ersetzen – eine Entwicklung, die wir in allen westlichen Staaten beobachten können.


Es gibt keinen Automatismus, der daraus zu revolutionärem Klassenbewusstsein führt, aber diese Situation ist die Grundlage dafür, dass revolutionäre Positionen und Organisierung im Proletariat massenanklang finden können. Wenn diese Gelegenheit von KommunistInnen nicht genutzt wird, findet die Wut über die Zustände ihren Ausdruck in einem verwirrten „Widerstand“ gegen das falsch verstandene „System“, der auch reaktionäre Formen annehmen kann. In Deutschland führt die fehlende Stärke der (revolutionären) ArbeiterInnenbewegung dazu, dass „das System“ rein politisch und nicht primär ökonomisch aufgefasst wird, was es der AfD überhaupt erst ermöglicht, sich als Fundamentalopposition zu vermarkten. Im unbewussten Proletariat erfüllt die AfD damit die Funktion, den Wunsch nach Widerstand in für den Kapitalismus ungefährliche Bahnen zu lenken.


Damit ist das Phänomen AfD noch nicht ausreichend analysiert, das kann hier nicht geleistet werden. Es ist noch anzumerken, dass die AfD, wie jede Partei, immer eine bestimmte Fraktion der Bourgeoisie vertritt, die gegen andere Kapitalfraktionen um ihre Interessen kämpft. Das ist der Grund dafür, dass sich die überwiegende Mehrheit der dominierenden Großkonzerne gegen den Aufstieg der AfD stellt. Prorussische Positionen und ein Rassismus, der so wild um sich
greift, dass ausländische Fachkräfte nichtmehr nach Deutschland kommen wollen, liegen nicht in deren Interesse. Die CDU ist damit eine bessere Alternative, mit Merz gibt es Sozialkürzungen, Steuererleichterungen und Aufrüstung, ohne die „guten“, verwertbaren MigrantInnen zu verschrecken oder die imperialen Interessen in der Ukraine aufzugeben. Das bedeutet nicht, dass diese Kapitalfraktionen und ihre Vertretungen konsequente AntifaschistInnen sind, historisch haben sich die verschiedensten Teile der Bourgeoisie als flexibel in Bezug auf den Faschismus gezeigt, doch es ist eine Tatsache, dass sie aktuell am Erfolg der AfD objektiv kein Interesse haben.

 


 

 

Teil 3: Abschließendes zur Lage der radikalen Linken


Zum Schluss ein paar zustimmende Worte: Die „ostdeutschen Antifas“ haben durchaus Recht, wenn sie schreiben

  • „Praxis, gerade angesichts der eigenen Schwäche, braucht Überlegung, braucht Strategie, braucht eine Basis, auf der sie sich entfalten kann. Gibt es diese nicht, sind die schwindenden Kräfte schnell verbraucht.“

Die „radikale Linke“ besitzt als Ganzes aktuell weder Strategie, noch die notwendige organisatorische Basis. Weite Teile sind nicht einmal theoretisch, geschweige denn praktisch, in der Lage, die Probleme an der Wurzel anzugehen – womit sie die Bezeichnung „radikal“ streng genommen nicht verdienen. Vielmehr geht es, wie die „ostdeutschen Antifas“ treffend festgestellt haben, nur um eine radikalistische Verpackung, der Inhalt wird beliebig, Hauptsache gegen das System, das man nicht versteht.


Der zweite Teil des Debattenbeitrags ist der Versuch, gegen zumindest ein Teil des theoretischen Defizits anzukämpfen. Der beschränkte Rahmen macht es leider notwendig, dass große Teile der marxistischen Theorie unter den Tisch fallen. Deshalb endet dieser Text mit dem Apell, sich den eigenen Blick nicht verengen zu lassen: Die kommunistische Bewegung besitzt einen über 200 Jahre reichen Erfahrungsschatz aus Theorie und praktischen Emanzipationskämpfen, fallen wir nicht hinter die Erkenntnisse unserer GenossInnen zurück, sondern lernen wir von Ihnen und heben wir die kommunistische Theorie und Praxis auf die Höhe unserer Zeit! Nur mit diesem Bewusstsein gelingt es uns, aus der Irrelevanz zu entkommen!

 

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