200 Menschen demonstrieren gegen illegale Räumung des Hugo Haus in Berlin
Nach der kalten Räumung des besetzten "Hugo Hauses" in der Gürtelstraße protestieren
am Samstag Abend die Bewohnenden und ihre Supporter mit dem Aufruf "Gegen jede
Räumung! Für mehr Hugo-Häuser!" gegen den zunehmenden Druck
durch Immobilienhändler in Berlin. Sie kündigen ihren Widerstand gegen die
fortschreitende Gentrifizierung an. Die Demonstration verlief friedlich.
Was war zuvor geschehen? Nach jahrelangem Leerstand und Verfall des
denkmalgeschützten Hotels in der Gürtelstraße 39 in Berlin hatten junge Punks das Haus
besetzt und langsam wieder in einen bewohnbaren Zustand gebracht. Sie tauften es das
"Hugo Haus", benannt nach einem Hund, der dort einige Zeit lebte. Zuletzt wohnten 12
Menschen dort und hatten oft viele Gäste. Der österreichische Investor „GSI 2
Entwicklungs GmbH“ kaufte kürzlich das Grundstück, um darauf einen Luxuswohnblock zu
errichten. Über Räumungstitel, Bauantrag und Baugenehmigung verfügt er dafür bis heute
nicht. Die Punks sollten dennoch das Gebäude verlassen. Durch kombiniertes Vorgehen
privater Securities, Bauarbeiter und der Polizei wurde die Situation binnen Wochen
eskaliert. Nachdem die Bewohnenden sich schließlich gegen die Dauerprovokation
wehrten, konnte am Donnerstag, den 24.09.26, mittels Durchsuchungsbefehl eine
de-facto-Räumung durchgeführt werden. Die Polizei berichtete darüber einseitig.
Daraufhin wurden die Punks in den Medien sehr negativ dargestellt.
Kurz nach Beginn der Auseinandersetzung am 26.08.2026 haben Unterstützende des
Hugo Hauses eine Dauer-Mahnwache auf der anderen Straßenseite angemeldet. Sie
protestieren bis heute dort gegen die illegale Räumung und geplante Verteuerung und
berichten vom Vorgehen des Eigentümers. Am 26.09.2026 organisierten nun weitere
Supporter einen lauten Protest. 200 Teilnehmende erscheinen zu der Veranstaltung am
Ostkreuz, ca. 30 Polizeikräfte begleiten die Demonstration. Einige der nun obdachlosen
Hausbewohnenden und Engagierte von der Mahnwache sind auch dabei. Auf der
Startkundgebung reagieren sie laut und leidenschaftlich auf die Geschehnisse und setzen
sie in einen breiten gesellschaftlichen Kontext.
"Als ehemaliger Bewohni schmerzt mich die Räumung zutiefst. Ich habe dort etwa ein Jahr
gelebt von den 2 Jahren, die es nun still besetzt war. Habe mit meinen Atzen das Haus
renoviert und eine schöne Zeit verbracht. Für uns war dieser Ort ein Schutzraum vor
Übergriffen, Raub und Anfeindungen, denen wir auf der Straße ausgesetzt waren. Nun
wurde dieses selbstgeschaffene Zuhause gewaltsam geräumt. Ein privater, mutmaßlich
rechter Security-Trupp ging mit Pfefferspray und Brecheisen vor, zerschlug Scheiben und
provozierte gezielt, um ein Polizeieingreifen zu erzwingen." sagt A., ehemals wohnhaft im
Hugo Haus.
"Die Besetzung des Hugo Hauses war kein Verbrechen. Die Besetzung ist eine Notwehraktion gegen ein kaputtes System!
Menschen brauchen ein Zuhause, das ist kein Verbrechen. Aber kein Mensch braucht 100erte Wohnungen,
weil das ist ein Verbrechen!" verkündet C., auch ehemals wohnhaft im Hugo Haus. "An die Politik und die Eigentümer
richten wir eine klare Botschaft: Erwartet nicht, dass wir friedlich zusehen, wie
unsereViertel zerstört werden. Jeder Räumungsbefehl gegen ein besetztes Haus ist ein
Schlag ins Gesicht für alle, die eine bezahlbare Wohnung suchen. Wir fordern das Ende
von Leerstand, das Ende von Zwangsräumungen und eine radikale Vergesellschaftung
von Wohnraum!", so C. weiter.
A., ein weiterer Bewohner, sagt: "Ich war nie richtig irgendwo zuhause. Immer überall und
nirgendwo. Irgendwann bin ich dann ins Hugohaus gekommen. Da hab ich mich dann zum
ersten Mal richtig wohl und zuhause gefühlt. Wir leben in einem verkackten System, in
dem alles immer teurer wird. Menschen haben keinen sicheren Wohnort und nichts zu
fressen. Das alles während ein kleiner Prozentsatz von Menschen immer reicher und fetter
wird. Wir sind in dieses verwahrloste Haus eingezogen und haben es zu einem warmen
Zuhause gemacht. Ein Ort, an dem man zusammenkommt. Ein Ort, wo gemeinsam
gearbeitet, gekocht, gelacht und geweint wird."
Auch Menschen der Mahnwache finden klare Worte.
"Schandflecken sind auf der plötzlich dann doch getragenen Schutzkleidung der
Securities, die mal eben Fenster aushebeln und reinpfeffern und vorher tagelang
Menschen aushungern. Augen auf bei der Berufswahl und viel Spaß mit eurer Asbestose.
Eure Auftraggeber werden euch nicht unterstützen, wenn ihr dann arbeitsunfähig seid.
Auch an die Bauarbeitenden: Hat keinen Spaß gemacht, oder? Ihr könnt so viel aufbauen.
Lasst euch nicht von irgendwelchen Investor*innen vor den Karren spannen." sagt B., eine
Unterstützende, die die Räumung beobachtet hat. Die beauftragte "dBS Investment
GmbH" hatte kurz vor der illegalen Räumung die Hausfassade geöffnet und giftige
Dämmung entfernt. Dabei trugen die Bauarbeiter ungenügende Schutzkleidung.
Auch Musikbeiträge werden bei der Kundgebung aufgeführt. "Wir stören gern!" und "Die
Autonome Maus" von FaulenzA, sowie "Landlords are full of shit!" von Aza finden viel
Beifall. Anschließend läuft die Demo am Hugo Haus vorbei, zieht mit lauten Sprechchören
und einem großen "TAKE BACK BERLIN!"-Banner zum Boxhagener Platz und löst sich
dort auf. Unterwegs wurde eine Seenotfackel gezündet, dauerhaft festgenommen wurde
aber niemand.
Das Hugo Haus bestand seit Herbst 2024 und bot vielen jungen Menschen einen
kreativen Frei- und Schutzraum. Einige ehemals Wohnungslose begannen von dort eine
Ausbildung, begaben sich in Therapie und fanden neue Wohngemeinschaften. Das Hugo
Haus genießt breite Solidarität in der Friedrichshainer Nachbarschaft. Die junge
Besetzung wirkt auch weiterhin als Symbol für die Erneuerung des Berliner Charakters als
Stadt der Freiheit, Kunst und Kultur.
Erreichbar ist die Hausgemeinschaft auf Instagram unter @schandfleckhugo
Updates zum weiteren Verlauf gibt es auf Telegram: t.me/HUGOhausSchandfleck
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