Broschüre: Gespräch mit drei Anarchist:innen über die August-Revolte in Indonesien

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 „Die Revolte folgte nicht den üblichen Mustern – sie war spontan, horizontal und informell. Sie sah nicht aus wie ein typischer „organisierter Protest“, der oft nur von den Oppositionsparteien inszeniertes politisches Theater ist. Dieses mal waren die Leute müde von all dem. Es gab Student:innen, Delivery-Fahrer:innen und viele Teile der Gesellschaft, die sich auf Arten selbst organsisierten, die für die Autoritäten total unberechenbar waren. Der Staat war komplett überfordert. Was wir sahen war Anarchie in Aktion – nicht im traditionellen, ideologischen Sinne, der oft rigide und überholt wirkt, sondern viel lebendiger und dynamischer.

Im August und September 2025 kam es nach der Ermordung eines Motorradtaxi-Fahrers während Protesten gegen Korruption der Regierung und Polizeibrutalität in Jakarta in Indonesien zu einem großenAufstand, der das Regime von Präsident Prabowo, einem ehemaligen Militäroffizier, erschütterte. In der Folge machte die herrschende Elite „Anarchisten“ für die Unruhen verantwortlich und leitete eine Welle von Massenverhaftungen ein, die sich gegen Tausende junger Menschen in den großen Städten richtete, denen sie die Teilnahme an den Protesten vorwarf.

Im ganzen Land wurden junge Menschen von der Anti-Terror-Einheit Densus 88 entführt und durch Folter zu falschen Geständnissen gezwungen. Das Regime nahm junge Menschen auf der Straße, Motorradtaxifahrer:innen, IT-Fachkräfte, Aktivist:innen, Punks, Journalist:innen, Musiker:innen und viele andere ins Visier und beschuldigte sie, schwere „Verbrechen“ begangen zu haben.

Die meisten von ihnen wurden monatelang ohne ordentliches Gerichtsverfahren festgehalten. Der Zugang zu Rechtsbeistand war eingeschränkt. Viele Fälle wurden unter geringer öffentlicher Aufmerksamkeit verhandelt, während die Angeklagten und ihre Familien gezwungen waren, überwältigende wirtschaftliche, psychologische und soziale Belastungen zu ertragen.

Bis heute müssen einige von ihnen weiterhin lange und zermürbende Gerichtsverfahren durchstehen. Deshalb ist Solidarität mehr als nur ein Schlagwort. Sie ist eine echte und dringende Notwendigkeit. Gegenseitige materielle und moralische Unterstützung ist eine der wenigen Möglichkeiten, um sicherzustellen, dass diejenigen, denen Verfolgung droht, nicht allein kämpfen müssen.

Das Informelle Solidaritätsnetzwerk Palang Hitam sammelt Spenden für anarchistische Gefangene, um die Anwaltskosten für die Inhaftierten zu decken.

palanghitam@riseup.net

palanghitamanarkis.noblogs.org

 

 

 

Im vergangenen August kam es in ganz Indonesien zu einem großen Aufstand. Er begann mit Protesten gegen Steuererhöhungen und gegen Politiker, die sich selbst saftige Gehaltserhöhungen genehmigten. Als die Polizei den ersten Menschen tötete, ging es am 28. August richtig drunter und drüber – Polizeistationen und das Parlamentsgebäude wurden niedergebrannt, und die Häuser einiger Politiker wurden geplündert. Könnt ihr uns erzählen, welche Umstände tatsächlich zu diesem Aufstand Ende letzten Jahres geführt haben?

A: Wie jeder Aufstand entstand auch der vom letzten August aus einer Menge Frust, der sich schon seit Ewigkeiten angestaut hatte. Es begann damit, dass während Jokowis zweiter Amtszeit bereits jede Menge Korruption aufgedeckt wurde. Als dann Prabowo Präsident wurde, wurden die Politiker noch dreister – sie verspotteten im Grunde jeden mit der Einstellung: „Wenn wir das tun, was wollt ihr denn dagegen tun?“ Hinzu kam der tiefe Hass auf die Polizei, die institutionell extrem korrupt ist, sowie unzählige ungeklärte Fälle wie die Katastrophe im Kanjuruhan-Stadion, bei der vor einigen Jahren über hundert Fußballfans ums Leben kamen.

In den letzten Jahren gab es vor allem auf TikTok (das bei Menschen aus der Arbeiter:innenklasse und der unteren Mittelschicht sehr beliebt ist) weitaus mehr Beiträge voller Hass gegen die Polizei als zuvor. Der letzte Funke? Die Regierung beschloss mitten in all dieser Wut, die Gehälter der Abgeordneten des DPR (des indonesischen Parlaments) zu erhöhen. Dann wurde während der Proteste ein Delivery-Fahrer von einem taktischen Polizeifahrzeug überfahren und getötet. Bumm – das perfekte Rezept für Chaos.

 

B: Solche Demonstrationen sind hier gar nichts so besonderes, sogar wenn es vorkommt, dass Menschen dabei umkommen. Tatsächlich bekräftigen solche Geschehnisse oft das irreführende Narrativ, dass gewaltvolle Proteste sinnlos und kontraproduktiv sind – eine Sichtweise, welche Social Media-Influencer oft wiederholen. Obwohl viele von ihnen anfänglich ihre Unterstützung ausgedrückt haben, waren sie ironischerweise schnell dabei die Revolte zu verdammen, als diesebegann ihren Komfort und ihre bürgerlichen Sensibilitäten zu stören. Was bei der Revolte auffiel war die Spontaneität, die sich über verschiedene Gruppen erstreckte und Unterteilungen von Race, Kultur und Religion überwand. Das Thema wurde vertikaler Natur – etwas, was normalerweise nicht passiert. Unabhängig davon welche Verschwörungstheorien von uninformierten Leuten verbreitet werden, ist es glasklar, dass der Moment die politische Infrastruktur des Staates offen gelegt hat und gezeigt hat, wie verletzlich die Machtstrukturen wirklich sind. Armut bleibt das zentrale, unbestreitbare Thema, besonders für die jüngere Generation, die einen zunehmend kosmopolitischen Ausblick hat, der jedoch von einer tiefen Frustration und einer zunehmend trostlos wirkenden Zukunft gekennzeichnet ist. Zudem können sich diese Realitäten mit der Zunahme von Informationstechnologien schnell verbreiten und bleiben nicht mehr versteckt. Alte Ideologien haben im Grunde ihre Relevanz verloren – nicht nur Leninismus, sondern auch der klassische Anarchismus, der zutiefst eurozentrisch ist. 

C: Die wesentlichen Auslöser der Proteste im späten August waren Armut und der zunehmende Prozess der Verarmung. Die Wut kam von den Plänen die Gehälter und Zulagen den Parlamentarier zu erhöhen und das inmitten von einem öffentlichen Aufschrei über Steuererhöhungen. Zu Beginn beschränkten sich die Proteste auf die Sozialen Medien, aber ein Video von den Gesetzgebern, die während einer Sitzung im Parlament tanzen, während ein Abgeordneter ein Statement veröffentlichte, in welchem er die Protestierenden als die „dümmsten Menschen der Welt“ beschrieb, löste die Massendemonstrationen am 25. August 2025 aus.

In der Nacht vom 28. August wurde Affan Kurniawan, ein Delivery-Fahrer getötet, nachdem er von einem Polizeiauto überfahren wurde. Das brachte die Wut der Leute zum Überkochen. Über eine lange Zeit hatte sich die Unzufriedenheit mit der Regierung und der Polizei wegen der idiotischen Politik und wegen Statements, die schnell in den Sozialen Medien viral gingen, aufgestaut. Der Tod von Affan löste einen Emotionsausbruch der Leute aus und war der Funken für die Vorstellung, dass die Macht zerstört werden könnte. Die Krawalle brachen dann vom 29. August bis zum 1. September aus, in einem Erguss der Wut in Form von Gewaltakten und Plünderungen.

 

Wie hat sich der Aufstand konkret abgespielt und entwickelt? Wie haben sich die Menschen organisiert? Und wie hast du ihn persönlich erlebt?

C: Der Aufstand hat sich seit dem 29.August schnell ausgebreitet und mehrere Städte außerhalb Jakartas erreicht – auch in Gegenden, die zuvor nicht für eine starke Widerstandstradition bekannt waren. Das Ausmaß und die Intensität hatten einen Dominoeffekt in vielen anderen Regionen.

Die Fähigkeit Molotov-Cocktails zu bauen ist jetzt nicht mehr auf bestimmte Gruppen beschränkt. Zur selben Zeit wuchs der anarchistische Diskurs – besonders die individualistische/ egoistische Variante – in einer Reihe von Städten an und hat dazu beigetragen eine aufständische Atmosphäre zu kreieren. Der Tod von Affan diente als wesentlicher Katalysator, aber was besonders hervor stach war die massenhafte weit verbreitete Antwort, die ohne zentralisierte Koordination zu Tage kam. 

A: Einiges davon habe ich bereits angesprochen. Ich war selbst nicht auf der Straße, habe aber von Leuten gehört, die mittendrin waren. Die Leute haben sich nicht wirklich strukturiert organisiert – es war noch zu früh und das Ganze ging zu schnell. Die meisten haben einfach den nächsten Ort abgesprochen, den es in Brand zu setzen galt, während eine Gruppe abenteuerlustiger Leute von einem brennenden Ort zum nächsten sprang. TikTok hat auch sehr geholfen, da die Leute kurze Clips der Ausschreitungen in Echtzeit live gestreamt haben.

B: Ehrlich gesagt weiß niemand genau wie das alles anfing. Aber was sich für eine lange Zeit aufbaute, war die Ermüdung mit der alltäglichen Politik. Das Gefühl, dass die Politiker nur den Reichen dienen, ist in allen Schichten der Gesellschaft weit verbreitet und Korruption hat ein fast absurdes Level erreicht. Wenn man extreme Steuererhöhungen beobachtet, während die Regierungsbeamten mit ihren enormen Einkommen öffentlich angeben, kreiert das ein Pulverfass. Und all das verbreitet sich sehr schnell mittels der Sozialen Medien.

In Bezug auf die Organisierung ist es schwierig genau zu bestimmen, wie es alles geschah. Jedenfalls ist klar, dass die Sozialen Medien eine riesige Rolle spielten. Die Bewegung folgte nicht den üblichen Mustern – sie war spontan, horizontal und informell. Sie sah nicht aus wie ein typischer „organisierter Protest“, der oft nur von den Oppositionsparteien inszeniertes politisches Theater ist. Dieses mal waren die Leute müde von all dem. Es gab Student:innen, Delivery-Fahrer:innen und viele Teile der Gesellschaft, die sich auf Arten selbst organsisierten, die für die Autoritäten total unberechenbar waren. Der Staat war komplett überfordert. Was wir sahen war Anarchie in Aktion – nicht im traditionellen, ideologischen Sinne, der oft rigide und überholt wirkt, sondern viel lebendiger und dynamischer.

Ich glorifiziere Technologie natürlich nicht. Sie ist ein zweischneidiges Schwert. Aber man muss etwas wichtiges über sie lernen. Wenn man auf die Geschichte schaut, waren Massenerhebungen immer mit den dominanten Technologien ihrer Zeit verbunden. Ohne die Druckerpresse wäre etwas wie Paris 1871 nicht passiert. Das selbe gilt für Paris 1968 und die globalen Studentenbewegungen der 1960er Jahre – diese wurden durch die Konzentrationen junger Leute in Universitäten ermöglicht, was geschah, da der Kapitalismus einen Bedarf an gut ausgebildeten Arbeiter:innen hatte. Aber das ist auch, wo der Widerspruch liegt. Universitäten bringen junge Leute zusammen und setzen sie echten Themen aus, die ihre Leben berühren. Gleichzeitig trainieren sie Menschen auf fragmentierte Arten zu denken – Themen voneinander zu trennen, sich zu spezialisieren und letztlich die falschen Versprechen von Prestige, Erfolg in der Karriere und bürgerliche Werte zu verinnerlichen. Diese Spannung gibt es schon seit einer langen Zeit.

Sogar Ereignisse wie der August 2025 wurden schnell durch die Benutzung von Technologie eingegrenzt, was sowohl die Macht als auch die Begrenzungen von Technologie zeigt.

Persönlich war ich von allem überrascht, was passiert ist. Ich habe einen Mix aus Emotionen gespürt – ein Teil von mir fühlte sich so, als würde sich endlich etwas verschieben. Sich mit Freund:innen aus der Schule und Leuten aus verschiedenen Regionen zu koordinieren war wirklich begeisternd. Es gab ein tatsächliches Gefühl von geteilter Energie. In einem Land, das so komplex ist wie dieses Archipel, fühlte sich das, was geschehen ist, wie eine Katharsis an. Und ehrlicherweise, sogar als ich von der Anti-Terror-Einheit befragt wurde – mit ihrem beinahe „CIA-Style“ ähnlichen Ansatz, konnte ich nicht anders als zu lachen. Es war offensichtlich, dass sie nicht wirklich verstanden, was im August passiert war. Das ist der unverhohlene Beweis, dass wir die soziale Beziehung dieser techno-industriellen Zivilisation wirklich zerstören können.

 

C: Die Polizei fokussierte sich auf sechs Instagram Accounts und beschuldigte diese die Krawalle zu finanzieren. Ich bin ein:e Administaror:in von einem dieser Accounts. Die Accounts waren zuvor aktiv darin einer radikalen Kritik von sozialer Entfremdung eine Stimme zu geben und riefen zur totalen Rebellion gegen Autorität auf. Ich selbst bin kein:e Indivividualist:in oder Egoist:in, sondern unterstütze aufständische Taktiken. Das sind sinnvolle Taktiken. Ich denke, dass alle Anarchist:innen, unabhängig von ihrer ideologischen Variation, aufständische Taktiken adoptieren sollten. Sie sind ein effektive Weise, um einen Sprung aus dem psychologischen Gefängnis oder dem Gefängnis der Angst zu machen, welches von der humanistischen Moral des Bürgertums geschaffen wurde. Sie sind ein Weg, um die Imagination und das Verlangen zu nähren. Und weil die meisten Anarchist:innen dazu tendieren solche Taktiken zu stigmatisieren, konnten sie nichts anderes tun als passive Beobachter:innen zu sein, als die August-Krawalle sich ereigneten. Um ehrlich zu sein sind die meisten Anarchist:innen hier Feiglinge.

Ich will damit nicht andeuten, dass die August-Krawalle ein Ergebnis war, was der Kontrolle einer spezifischen Gruppe entsprang, denn die Dynamiken vor Ort deuten darauf hin, dass der Ausbruch der Gewalt viel eher eine Akkumulation der Wut der Leute war, welche ihr Momentum gefunden hatte.

 

Wir hatten den Eindruck, dass Anarchist*innen von Anfang an mitten in den Aufstand eingestiegen sind und ziemlich aktiv waren. Welche Rolle haben Anarchist*innen tatsächlich gespielt? Welche Initiativen oder Schwerpunkte hatten sie? 

A: Einige Anarchist*innen waren mit Propaganda in den sozialen Medien beschäftigt, aber sie haben die Unruhen nicht direkt provoziert. Ehrlich gesagt haben die Anarchist*innen das also nicht angezettelt – sie sind einfach in den Sog geraten. Das war ein wirklich spontaner Massenaufstand. 

Der Anarchismus selbst ist in Indonesien noch ziemlich neu. Es gibt einige anarcho-syndikalistische Gruppen, die es schon eine Weile gibt, aber ich weiß nicht wirklich, inwieweit sie beteiligt waren. Die eher aufständischen Anarchist*innen haben sich jedoch den Straßenaktionen angeschlossen. Es ist noch zu früh, um von konkreten anarchistischen Fokus beim Aufstand im August zu sprechen.

C: Ich habe ein Problem mit der Annahme, die eurer Frage voraus geht, dass viele Anarchist:innen in Revolten aktiv sind. Tatsächlich sind viele von ihnen eigentlich diejenigen, welche die Feuer löschen. Es stimmt, dass viele Anarchist:innen aktiv das politische Bewusstsein von Leuten erhöht haben. Sie initiieren Diskussionen, sie bilden Studienzirkel, richten Gewerkschaften, Kollektive oder subkulturelle Gemeinschaften ein, sie nehmen an Demonstrationen teil und so weiter. Aber politisches Bewusstsein alleine ist nicht genug, um eine Revolte auszulösen. Die ganzen Aktivitäten, die ich genannt habe, sind oft nichts weiter als eine Wiederholung von dem, was Anarchist:innen zuvor gemacht haben.

B: Nun gut, auf einer kleineren Ebene gibt es auf jeden Fall aufständische anarchistische Elemente – Leute, die versuchen die Widersprüche durch direkte Konfrontationen zu schärfen. Es geht nicht darum andere Tendenzen zu verwerfen, aber viele von diesen neigen dazu Spanien 1936 zu romantisieren und sie hören nicht auf zu beteuern, dass sie „gewaltbereit“ sind, aber nur, wenn die Gewalt ordentlich organisiert ist. Viel davon endet darin leeres Gerede zu sein. Ich meine, wenn sie ihren Worten wirklich folgen würden, würde ich das respektieren. Aber tatsächlich bleiben diese Zirkel oft in zwischenmenschlichen Streits stecken. Sie behaupten auf der Seite der Arbeiter:innen zu stehen, handeln aber tatsächlich eher wie kirchliche Missionare und gleichzeitig stecken sie tief in der Cancel-Culture.

Ehrlich gesagt ähneln viele dieser sogenannten Anarchist:innen heutzutage christlichen Puritanern aus dem 19. Jahrhundert. Sie geben sich extra Mühe, um sich von den spontanen Akten gegen Autoritäten zu distanzieren, als ob sie Angst hätten, dass das vielleicht ihr Bild des Anarchismus beschädigen könnte. Für mich ist das eine frustrierende und lächerliche Ideologie, die mir nicht nützlich erscheint. Was ironisch ist, ist dass wenn anarchistische Gefangene beginnen eine breitere öffentliche Sympathie zu bekommen, die selben Gruppen plötzlich beginnen sich einzubringen.

Auf jeden Fall lächerlich. Die Wahrheit ist, dass diejenigen, die sich als „organisierte Anarchist:innen“ präsentieren, oft Schwierigkeiten haben sich mit den Leuten auf der Straße zu connecten. Und trotzdem wird Anarchismus heute von vielen angenommen und übernommen – genau wegen seiner Flexibilität, seiner Informalität und seiner Ablehnung konventioneller Politik.

Auf die selbe Art und Weise müssen wir uns über diese überholten Ideologien hinweg bewegen – und über ihre Sesseltheoretiker, die nicht viel machen als ihre sogenannten libertären sozialistischen Texte nachzusagen. Und ich erinnere mich – einen Tag bevor ich verhaftet wurde, waren es die selben anarchistischen Zirkel, die beschäftigt damit waren, den aufständischen Elemente die Schuld an den Plünderungen der ShoppingMalls und den Verwüstungen zu geben. Aber tatsächlich waren diejenigen, die umkamen, Journalist:innen und Protestierende, die schlicht und einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Ich habe Beileid für sie.

 

Inwieweit stand dieser Aufstand in Verbindung mit den Aufständen der Generation Z in Nepal, Marokko, Madagaskar und anderen Orten? Waren sich die Menschen hier dessen bewusst und hat das für zusätzliche Motivation gesorgt?

 

A: Dafür müssen wir den sozialen Medien danken. Viele Angehörige der Generation Z in Nepal gaben ganz offen zu, dass sie sich vom indonesischen Aufstand im August inspirieren ließen. Aber meiner Meinung nach sind sie sogar noch einen Schritt weiter gegangen als wir hier. In Indonesien verpuffte der Aufstand ziemlich schnell, weil die Regierung klug vorging – sie schürte eine Stimmung gegen die Randalierer:innen, indem sie sich an Influencer:innen aus der Mittelschicht wandte, die Angst vor Chaos hatten. Das funktionierte wirklich gut und überzeugte die meisten Demonstrant:innen, sich zu beruhigen und zu moderateren Forderungen überzugehen, wie zum Beispiel studentischen Forderungen (die ich für ziemlich albern hielt und die zu nichts führten). Das hat die Dynamik im Grunde genommen zunichte gemacht.

C: Viele der Revolten, die als Gen Z-Aufstände in verschiedenen Ländern bekannt wurden, ereigneten sich nach den Krawallen im August in Indonesien. Also gab es nicht viel zusätzliche Motivation für die Indonesier:innen. Aber dank den Nachrichten über die Gen Z-Revolten haben einige Demokratie-Aktivist:innen, die ich kenne, sich für die Idee begeistert, Anarchismus zu erkunden. Das ist alles, was ich weiß.

 

Wie schaffte es der Staat die Revolte zu unterdrücken? Wie endete die Revolte?

C: Die allgemeine Untätigkeit der Bewegung als Antwort auf die Demonstrationen und Krawalle trugen zu der Unterdrückung der August-Revolte bei. Man sollte bemerken, dass diese Krawalle mit den Demonstrationen am 25. August von gewöhnlichen Leuten, wie Arbeitslosen, der Delivery-Taxi-Gemeinschaft, Schüler:innen und Leuten, die nicht irgendeiner bestimmten Bewegungsorganisation angehören, begannen. Generell wurden diese Gruppen unterschätzt und als „politisch ahnungslos“ betrachtet. Die meisten ihrer Protestplakate waren schlecht designed. Und aus genau diesem Grund verspotteten die Mittelklasseaktivist:innen die Demonstrationen und nannten sie „Geheimdienstoperation“. Deswegen konstruierten die Aktivist:innen von Beginn an ein Narrativ, welches die Bewegung in Fraktionen spaltete und sie anfällig für Kämpfe zwischen sich selbst und gegenseitiges Misstrauen machte.

Als die Spannungen eskalierten, besonders nach dem Tod von Affan, wurde die Wut der gewöhnlichen Leute von den Mittelklasse-Aktivist:innen unterdrückt, indem sie riefen „Zerstört kein öffentliches Eigentum“, „Seid keine Anarchisten“, „Lasst euch nicht provozieren“. Die sozialen Anarchist:innen waren damit beschäftigt in den Sozialen Medien klarzustellen, dass es beim „Anarchismus nicht immer um Gewalt geht“, da sie so versuchten für den Anarchismus zu werben und öffentliche Sympathie zu gewinnen. Solche Propaganda mag vielleicht angemessen sein, aber nur unter den richtigen Umständen. Wenn Krawalle ausbrechen, erzeugt solche Propaganda nur öffentliche Verwirrung über Anarchist:innen und fördert eine Situation, wo Krawallmacher:innen einfach zu identifizieren sind und dementsprechend verurteilt werden, da sie auf den Sozialen Medien gepostet haben, wie wunderschön die Krawalle sind. Und genau dazu kam es.

Es sind genau Situationen wie diese, die erklären warum es keinen bedeutsamen Widerstand gab, als wohlhabende Aktivist:innen am 1. September mit einer Reihe an sinnentleerten Forderungen, die als „17+8“ bekannt wurden, ankamen. Und von dem Moment an, war das Feuer komplett gelöscht. Es ist also klar, dass die erste Sache, die die Revolte erlöschte, der Humanismus der Aktivist:innen und Anarchist:innen war, welchen es an analytischen Überblick mangelte. Sie scheiterten dabei die „wilden“ und gewalttätigen Krawallmacher:innen als potentielle Verbündete zu sehen. Konsequenterweise scheiterten sie darin die August-Revolte zu bekräftigen und in ein „Freudenfest des Lebens“ innerhalb eines leblosen Spektakels der Gesellschaft auszuweiten.

Sobald sich die Wut legte, begann die Polizei Verhaftungen vorzunehmen, Falschinformationen zu verbreiten und Überwachung durchzuführen. Viele Anarchist:innen halfen tatsächlich auch dabei die Falschinformation zu verbreiten. Das Ergebnis war vorhersehbar: Die Individualist:innen/ Egoist:innen wurden die Sündenböcke. Manche wurden von sozialen Anarchist:innen, die sie nicht einmal kannten, beschuldigt Snitches zu sein. Also beutete die Polizei natürlich die eigene Dummheit der Anarchist:innen aus.

B: Ich habe darüber bereits gesprochen, aber ich werde noch etwas hinzufügen – denn es ist schwer die Ironie zu ignorieren. Einige Personen in den Sozialen Medien – und sogar manche Leute, die sich Anarchist:innen nennen – waren schnell darin diejenigen zu verurteilen, die sich an den Plünderungen beteiligten. Nicht nur darin sie zu verurteilen, sondern auch der Polizei zu helfen indem sie auf bestimmte Individuen deuteten und Fotos online teilten, als würden sie Polizeiarbeit machen. 

Also beginnt man sich zu fragen, was ist der Unterschied zwischen ihnen und dem System, welches sie behaupten abzulehnen? Es ist komisch, wie manche „Anarchist:innen“ plötzlich sehr unterstützend für die Polizei und Gefängnisse werden, wenn mit einem mal die Dinge plötzlich ungemütlich werden. Es gibt auch diesen Drang die ganze Zeit moralisch zu urteilen. Es scheint, dass manche Leute mehr Interesse darin haben Aufmerksamkeit zu erregen als zu verstehen, was gerade passiert. Zu snitchen wird so zu einer Möglichkeit fein aus der Sache raus zu kommen. Und diese Art der sozialen Kontrolle ist sehr real. Man sieht sie besonders bei Leuten, deren Komfort gestört wurde. Mittelklasse Menschen, die wütend sind, weil sie nicht mehr in die ShoppingMall gehen können. „Radikale“ Künstler:innen, die sich plötzlich schwer tun, da ihre Fördertöpfe verschwinden und es keine Ausstellungen oder Reisen nach Europa gibt. Es zeigt sich, was ihnen wirklich wichtig ist.

Letzten Endes geht es nicht wirklich um Ideologie. Leute aus jeder Klasse können eine bürgerliche Einstellung haben und sie werden panisch, wenn ihr täglicher Komfort bedroht wird – wenn der Lebensstil und das Selbstbild auf das sie sich verlassen, vielleicht verschwinden werden. Also hören Aufstände nicht nur auf, weil die Macht zu stark ist. Oft hören sie auf, weil die Leute Angst haben ihren Komfort auf Kosten der Millionen von Menschen zu verlieren, die oft kein ein Dach über dem Kopf haben und kaum etwas zu essen, um ihren Magen zu stopfen.

 

Wie sprechen Anarchist*innen über ihre Erfahrungen im Aufstand und wie reflektieren sie diese? Siehst du irgendwelche Fehler oder verpasste Chancen? Hat sich die Diskussion unter Anarchist*innen seitdem verändert?

A: Da ziemlich viele aufständische Anarchist*innen verhaftet wurden und sich immer noch mit rechtlichen Angelegenheiten herumschlagen, gab es bisher nicht wirklich viel Reflexion – oder zumindest habe ich davon nichts mitbekommen. Ich versuche gerade selbst, mir ein Bild davon zu machen, aber die Informationen sind noch ziemlich unausgereift und chaotisch.

B: Ich bin nicht Teil der sogenannten anarchistischen Bewegung hier und ich will es auch nicht. Von dem, was ich weiß, gibt es nicht viel. Hauptsächlich gibt es eine kleine Anzahl an Leuten, welche sich an dieser Diskussion beteiligen – manche nennen sich Anarchist:innen, Egoist:innen oder Nihilist:innen. Zur selben zeit scheinen andere in der sogenannten Bewegung darauf fokussiert zu sein ihr eigenes Bild für internationale Organisationen aufzubauen, damit sie mehr Mitglieder werden können, anstatt sich wirklich lokal zu organisieren. Ich sage nicht, dass alle so sind. Es gibt auch Leute, die vor Ort aktiv sind und sich in wirkliche Organisierung involvieren, aber sie sind nicht davon besessen sich selbst als Anarchist:innen zu labeln. Um es kurz zufassen, so weit ich es weiß, gab es keine ernsthafte Diskussion über die Augustrevolte.

C: Es hat sich nicht viel verändert. Alles ist mehr oder weniger wieder so, wie es zuvor war. Die meisten Anarchist:innen werden von andauernder Paranoia geplagt. Noch im späten Januar 2026 diskutieren Leute den Fall einer Snitch bei den „Chaos-Star“ Gefangenen, anstatt über die Krawalle vom August zu reflektieren. Es hat sich also nicht viel verändert, außer dass Anarchismus populärer geworden ist. Nun werden das A im Kreis und der „Chaos-Stern“ überall auf T-Shirts gedruckt und man sieht sie überall.

 

Wie kam es dazu, dass Anarchist*innen als Staatsfeind Nummer eins abgestempelt wurden? Wie sah die Repression nach dem Aufstand aus?

A: Das hat sich schon seit einiger Zeit schleichend aufgebaut. Soweit ich das beurteilen kann, wurde die Erzählung „Anarchisten sind der Feind“ nach dem 1. Mai 2018 in Yogyakarta richtig laut. Einige anarchistische Demonstrant:innen sprühten das Graffiti „Kill the Sultan“ an die Wand, was eine massive Gegenreaktion auslöste – es wurde ernsthaft nach den Verantwortlichen gefahndet. Dann kam es am 1. Mai 2019 in Bandung zu einer großen Demonstration, bei der viele junge Menschen ganz in Schwarz gekleidet waren, schwarz-rote Fahnen mit dem eingekreisten A schwenkten und etwa 600 von ihnen festgenommen wurden. Es gab keine wirklichen Ausschreitungen, nur etwas Vandalismus, aber damals erklärte der Chef der indonesischen Polizei zum ersten Mal öffentlich, es gebe einen neuen Feind namens „Anarchosyndikalisten“. Danach begann der Staat, die Vorstellung zu verbreiten, dass Anarchist:innen (und nicht mehr nur die alte kommunistische Bedrohung) nun der Staatsfeind Nummer eins seien. 

B: Ich denke seitdem Leninismus und seine Varianten gestorben sind – wie Lenins präservierter Körper – ist Anarchismus die einzige wirkliche Opposition zu den sozialen Beziehungen von Staat und Kapitalismus geworden. Nach dem Aufstand sind viele von uns natürlich auf dem Radar der Autoritäten.

C: Ich denke auch, dass ist die logische Konsequenz. Anarchist:innen lehnen die Legitimität des Staates ab und der Staat wird offensichtlicherweise darauf antworten. Das erste, was sie tun, ist ein Bild des Anarchismus zu konstruieren, als eine Gefahr für die „Öffentliche Ordnung“ und gleichzeitig einen nützlichen „ideologischen Feind“ aus ihm zu machen, um Kontrolle, Sicherheit und das Andauern des Autoritarismus zu rechtfertigen. Der zweite Schritt sind Massenverhaftungen auf der Basis von absurden Anschuldigungen, die ausgeweitet und verdunkelt werden. Das wird gewöhnlich von Inflitration und der Produktion von öffentlichen Narrativen um Anarchismus zu delegitimieren begleitet. Der Zweck dieser Art von repressiver Imagination ist es die sozialen Möglichkeiten, die von jeder Revolte aufgemacht werden – wie die Orte der Solidarität, alternative Lebenswege und kollektiver Mut, zu schließen. Mit anderen Worten versucht die Repression nach Revolten ein Gefühl von Angst wieder herzustellen. Während gleichzeitig der Horizont politischer Vorstellungskraft versperrt wird, so dass das, was geschehen ist, nicht länger als möglich verstanden wird.

 

Wie sieht die Situation jetzt aus? Vor welchen Herausforderungen steht ihr? Hat sich seit dem Aufstand wirklich etwas geändert?

A: Eines ist klar: Die Polizei hat ein spezielles Langzeitprogramm (als Teil ihres Zehnjahresplans) aufgelegt, um gegen Gruppen vorzugehen, die sie als Bedrohung für Sicherheit und Ordnung ansehen. Sie hat keine Namen genannt, aber es ist offensichtlich, dass Anarchist*innen auf dieser Liste stehen.

Seit dem Aufstand hat sich eigentlich nicht viel geändert. Das Leben ist wieder zur Normalität zurückgekehrt, die Regierung macht weiter wie bisher. Der einzige Unterschied ist, dass viele Menschen – vor allem aus der Mittelschicht und darüber – deutlich pessimistischer sind, was das Vertrauen in die Regierung angeht. Das sieht man überall in den sozialen Medien.

B: Es hat sich nicht viel verändert, außer dass die weit verbreitete Wut auf die Polizei und die Regierung noch in der ganzen Gesellschaft präsent ist. Andere Ausbrüche passieren bestimmt in der nahen Zukunft. Die Herausforderung wird natürlich das zweischneidige Schwert der Technologie sein. 

C: Die Revolte vom letzten August offenbarte viele Sachen, die unter „normalen“ Umständen versteckt geblieben wären. Sie offenbarte die Widersprüche zwischen den Behauptungen und der Realität des Systems, sie zeigte die Grenzen der kollektiven Geduld, die überschritten wurden, legte das wahre Gesicht der Macht und dessen Mechanismen der Herrschaft bloß und zudem wurde das latente Potential für kollektives Handeln in der Gesellschaft sichtbar. Gleichzeitig bewies die Revolte, dass die anscheinend stabile Ordnung eigentlich fragil und abhängig von Zustimmung ist und dass die Bedeutung eines Ereignisses immer von verschiedenen miteinander wettstreitende Narrative umkämpft wird. Aber wichtiger: sie offenbarte die Tatsache, dass die linke Bewegung und der Großteil der Anarchist:innen eine Pseudo-Opposition sind.

 

Auch wenn es in Indonesien eine ganze Reihe von Anarchist*innen gibt und viele Texte über den Aufstand übersetzt wurden, fühlen wir uns den Kämpfen hier manchmal doch etwas fern. Was braucht der anarchistische Internationalismus eurer Meinung nach gerade jetzt, um Solidarität, Diskussionen und echte Verbindungen aufrechtzuerhalten?

A: Ich denke, die eigentliche Arbeit muss hier in Indonesien beginnen – wie Anarchist:innen mit dieser Situation umgehen, aus dem August-Aufstand lernen und herausfinden, wie es weitergehen soll. Ohne das wird alles, was Menschen außerhalb Indonesiens tun (egal wie groß die Solidarität auch sein mag), keinen großen Unterschied machen. Es liegt nicht an euch im Ausland. Wir müssen zuerst unsere eigenen Probleme lösen, bevor wir Hilfe von außen erwarten können. 

C: Es bedarf der Übersetzung von relevanten Texten. Nicht nur vergangene anarchistische Theorie und Praxis, sondern auch das Einfügen von lokalen Erfahrungen in den globalen Diskurs – egal ob es um Arten der Organisierung, der Konfrontation mit der staatlichen Repression oder Antworten auf Apathie oder Fragmentierung an jedem Ort geht. Ich denke, viele Anarchist:innen hier machen das seit den frühen 2000ern. Aber jetzt ist es rar geworden. Ich weiß nicht genau warum.

Außerdem müssen direkte Beziehungen auch kultiviert werden. Viele Verbindungen heutzutage sind Einbahnstraßen: Lesen, Schauen und Folgen. Wir brauchen Korrespondenz oder vielleicht sogar Besuche. Der Punkt ist es einen Internationalismus zu schaffen, der nicht nur durch soziale Medien und Algorithmen vermittelt wird. Ich denke, es ist wichtig, fähig zu sein gegenseitig die spezifischen Bedingungen des jeweiligen Kontexts zu verstehen, um oberflächlichen Universalismus und eine überromantisierte Ethik der Solidarität im Bezug auf Kämpfe an anderen Orten zu vermeiden.

 

Möchtest du noch etwas hinzufügen?

A: Kurz gesagt: Wir müssen zugeben, dass die sozialen Medien bei diesem August-Aufstand eine riesige Rolle gespielt haben. Von der Verbreitung von Hass gegen die Polizei über die Aufdeckung der Korruption durch Amtsträger, das Teilen von Informationen über die nächsten Orte der Ausschreitungen, Ziele für Brandstiftung und Plünderungen sowie die Inspiration von Menschen in anderen Ländern wie Nepal bis hin dazu, wie der Aufstand schließlich beruhigt wurde und das Leben wieder zur Normalität zurückkehrte – alles drehte sich um die sozialen Medien. Vielen Dank für die bisherige Aufmerksamkeit und Solidarität aus Europa.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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