„Spätestens da war für mich Schluss“ - Über Spaltungen, Austritte und Streit der AfD (im Kreisverband Reutlingen)

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Die Geschichte der AfD kann nicht ohne Austritte und Spaltungen erzählt werden. Lagerbildungen und Fraktionierungen sind seit der ersten Stunde Thema und auch heute noch von Bedeutung. Nach der Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg ist das im hiesigen Landesverband, aber auch im Kreisverband Reutlingen, erneut klar geworden. Dieser Text fasst die Ereignisse und Spaltungen aus antifaschistischer Perspektive zusammen. 

Wochenlang proklamierte die AfD in Baden-Württemberg ein zu erwartendes Spitzenergebnis: 20 bis 25 % wollte Markus Frohnmaier erreichen, ein blauer Balken der durch die Decke gehe sei das Ziel. Diese Prophezeiung ist nicht wahr geworden: trotz verdoppelter Prozentpunkte istdie Decke ist ganz geblieben. Das passt leider gar nicht in die Erzählungen des Superwahljahres für die AfD, an dessen Abschluss Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt zum Ministerpräsident gekrönt werden soll.

Das Wahlergebnis: vorprogrammierte Streitigkeiten

An Beliebtheit hat Markus Frohnmaier im Wahlkampf nicht gewonnen, schon allein aus dem Grund nicht, dass er gar nicht auf der Landesliste der baden-württembergischen AfD stand. Nur wenn er zum Ministerpräsident gewählt worden wäre, hätte er sein Amt in Berlin ruhen gelassen. Eine Art „Napoleon-Komplex“ wurde ihm von Parteikolleg:innen unterstellt, dass er einer sei, der alles tue, um mehr Ämter und mehr Macht zu erhalten. Dabei aber gar nicht das Wohl der Partei in den Vordergrund stelle, sondern den eigenen Vorteil. In diesem Kontext muss man auch seine USA-Reise wenige Tage vor der Landtagswahl sehen. Erster Ansprechpartner für die AfD wolle er wohl in Washington werden, weshalb er diese Reise nur für einen (1!) Termin und eine (1!) Konferenz, dem Wahlkampfabschluss der AfD in Rottweil mit Weidel und Chrupalla, schwänzte. Diese erwähnten den Spitzenkandidaten an diesem Abend mit keinem Wort und sagten auch die gemeinsame Wahlnachlese im Nachgang der Wahl kurzfristig ab. Der Groll scheint groß zu sein. Aus dem Bundesvorstand heißt es außerdem, dass wohl vier Prozent mehr drin gewesen wären, hätte sich der Kandidat mit der großen Stirn anders verhalten.

Streitigkeiten sind in der AfD und in ihrem süd-westlichen Landesverband nichts Neues. Gerade der Kampf des Spaniel-Lagers gegen die Frohnmaier/Weidel-Faktion, der mit einem spektakulären Showdown auf dem Sonderparteitag in Rottweil 2024 als Niederlage für erstere endete, bleibt in Erinnerung. Im Saal ging es zu wie beim Stammtisch: Zwischenrufe, Buh-Rufe und Beleidigungen. Das Ergebnis: Die Spaniel-Anhänger wurden aus dem Landesvorstand gewählt und dieser verließ daraufhin die Partei zur Werte Union.

Dieser Machtkampf hängt der Partei immer noch nach und zeigte sich auch jüngst auf dem Gründungskongress der Generation Deutschland in Gießen: Als der von Frohnmaier in den Himmel gelobte Mio Trautner aus Heilbronn sich für einen Posten im Bundesvorstand aufstellte, bewarb sich ebenfalls Julia Gehrckens auf diesen Platz. Gehrckens, teil des rechten Vorfelds und des Frauenverbands „Lukreta“, hat ihre Wurzeln im Kreisverband Stuttgart und im Spaniel Lager und wohnt mittlerweile in Niedersachsen. Sie gewann die Wahl eindeutig und erteilte Trautner und Frohnmaier eine Schlappe – mit dem Ergebnis, dass niemand aus Baden-Württemberg im Bundesvorstand der neuen AfD-Jugend sitzt. 

Beben am Fuße der schwäbischen Alb

Machtkämpfe finden nicht nur auf Bundes- oder Landesebe, sondern werden auch in den lokalen Kreisverbänden ausgetragen. Soauch im Reutlinger AfD-Kreisverband:

Hans-Jörg Schrade, bis vor knapp 2 Jahren noch das Gesicht der Reutlinger AfD, steht heute auf dem Abstellgleis. Schrade war Teil des Spaniel-Lagers und bis zum Landesparteitag in Rottweil Teil des Landesvorstands. Nach seiner Abwahl und der Niederlage Spaniels schossen seine Gegner weiter gegen ihn. So wurde er in der Telegram Gruppe „AfDBW Hintergrund“ in einer Nachricht vom Anti-Spaniel Lager als gescheiterter Politiker und Unternehmer dargestellt und dazu aufgefordert, dass er „in dieser Partei […] nie wieder für ein Mandat kandidieren“ sollte (Nachricht vom 26. September 2024). Zusätzlich machte ihn Markus Frohnmaier bei einem lokalen Stammtisch vor allen Mitgliedern angeblich so zur Schnecke, dass er seitdem nur noch an der Seitenlinie steht. Seinen Sitz im Gemeinderat hat Schrade zwar noch inne, eine wichtige Rolle spielt er im Kreisverband aber nicht mehr. Ob er 2029 trotzdem nochmal zur Wahl kandidiert oder aufgestellt wird, steht in den Sternen, denn: in der Querdenken-Szene genießt er noch Ansehen. Während der Pandemie gab er alles dafür, seine Partei als Querdenken-Partei darzustellen, konnte aber dabei nur sich als Person und nicht die AfD in diese Rolle bringen. Auf der „Gemeinsam für Deutschland“ Demo im April 2025 trat er als Redner auf und forderte Gerechtigkeit, da aufgrund antifaschistischer Blockaden die Route nur durch das Industriegebiet lief, nicht, wie geplant, in die Reutlinger Innenstadt. 

Mit weiterem Blick auf den AfD-Kreisverband Reutlingen wird klar, dass in diesem alles andere als gute Stimmung herrscht. So musste Schrade nicht nur einstecken, sondern teilte auch kräftig aus: Ingo Reetzke, Direktkandidat für die Reutlinger AfD in der Landtagswahl 2021, trat 2022 aus der Partei aus. Gründe nannte er verschiedene, ein großer Punkt waren damals schon Streitigkeiten innerhalb des Kreisverbandes zwischen ihm und dem Lager um Schrade. So hätte das Lager um Schrade absichtlich gemeinsame Veranstaltung boykottiert und jegliche Zusammenarbeit sabotiert. Schrade habe ihm wohl auch am Telefon gedroht ihm „ein Messer in den Rücken [zu]rammen oder sowas“ ([2] Südwest Presse, 18.11.2022). Kein Umfeld in dem der Anwalt, mittlerweile Teil des „Bündnis Deutschland“, aktiv sein wollte. Sein Austritt ging als Beben durch den Kreisverband. Teile des damaligen Vorstandes traten ebenfalls zurück.

Gefahr der Nachbeben?

Die Konflikte bleiben, einen Beweis dafür gab es in den letzten zwei Wochen: Am 09.03.2026 machte Melanie Feja bekannt, dass sie als Sprecherin des AfD-Kreisverbandes Reutlingen zurücktrete und auch die Partei verlasse. Gründe? Interne Streitigkeiten und „feige[...] Verhaltensweisen, ständige[s][...] Getuschel, gezielte[...] Sticheleien und hinterlistige[...]Aktionen aus dem Hintergrund“ ([3] GEA, 09.03.2025), wie sie in einer Mail schreibt. So wurde, nach ihren Angaben, eine Wette in Höhe von 1.500 € gegen sie als amtierenden Vorstand aufgesetzt. 

Damals gewann sie in der Wahl zur Kreissprecherin mit knappen Vorsprung vor Maximilian Gerner, der nun in den neuen Landtag einziehen wird. Ob er mit dahinter steckt, bleibt spekulativ. Noch Anfang des Jahres beklagte sie, am Ende eines Stammtisches des Kreisverbandes, die schlechten Besucherzahlen und animierte zur Werbung dafür. Geholfen hatte dies scheinbar nicht – sie spricht in ihrer Mail vom absichtlichen Boykottieren ihrer Veranstaltungen. Die Reißleine zieht Feja nun nach der Höcke Veranstaltung, als in einer Outing-Aktion ihre Nachbarschaft mit Flyern über ihre rechten Aktivitäten informiert und ihre Hauswand beschmiert wurde. „Spätestens da war endgültig für mich Schluss“ schreibt sie in ihrer Rücktrittsmail.

Scheinbar ist der AfD-Kreisverband Reutlingen seit Jahren tief gespalten. Eine Rolle spielen große persönliche Konflikte, aber auch die strategischen Konflikte auf Bundesebene spielen hier rein. Nach eigener Aussage holte Feja Björn Höcke, Ende Februar, nach Reutlingen. Nicht allen Mitgliedern im Südwesten wird das gefallen haben – denn hier hat dieser nicht den Rückhalt wie in den Ostdeutschen Bundesländern. Der „realpolitische Flügel“, der auf Zusammenarbeit mit der CDU setzt und von einer „rechts-konservativen“ Regierung als Möglichkeit redet, steht dem faschistischen Flügel, die „alles oder nichts“ in Sachen Regierung wollen, gegenüber. Besonders Weidel ist ersterem zuzuordnen, wenn es um diese strategische Frage geht. Und sie hat bekanntlich viel Zustimmung hier im Süd-Westen. Ob daher einige namenhafte Parteigrößen von der großen Veranstaltung fernblieben? Wahrscheinlich.

Festzuhalten bleibt auch: Richtungsstreitigkeiten, Beleidigungen und Spaltungen sind kein Alleinstellungsmerkmal des AfD-Kreisverbands Reutlingen. Diese werden sich, in unterschiedlichen Ausprägungen, in nahezu allen Kreis- und Landes, aber auch im Bundesvorstand finden. Zwar können Antifaschist:innen diese Spaltungen wenig inhaltlich befeuern (wir sitzen ja nicht mit am Stammtisch), mit antifaschistischen Aktionen können aber Vereinzelung und Unsicherheit weiter gestreut werden. Hat man wenig Rückhalt in der Partei und verdächtigt nach antifaschistischen Aktionen evtl. sogar die eigenen Parteikollegen der Sabotage oder Verleumdung, vertieft das die Spaltungslinien innerhalb der AfD und bewegt eher zum Austritt oder zum Gegenschlag.

Und Spaltungslinien gibt es genug – die AfD fungiert momentan immernoch als Sammelbecken für Rechte aller Couleur. Sie unterscheiden sich in den außenpolitischen Inhalten, in strategischen Fragen und Inhalten. Dazu kommen Persönlichkeiten, die ihre persönliche Macht vergrößern wollen und vor Einschüchterungen und Beleidigungen nicht zurückschrecken.

Lasst uns den Keil also noch tiefer treiben – auf allen Ebenen, mit allen Mitteln!

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[1] 

https://antifa-info.net/2024/05/07/stoeraktion-am-afd-infostand/

[2]

https://www.swp.de/lokales/reutlingen/ex-afd-stadtrat-ingo-reetzke-im-in...

 [3]

https://www.gea.de/reutlingen_artikel,-dicke-luftbei-reutlinger-afd-spre...

[4]

https://antifa-info.net/2026/03/03/waehrend-hoecke-veranstaltung-afdleri...

 

 

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