„Wir sind dann mal weg!“ Warum das Jugendnetzwerk aus der Friedensorganisation DFG-VK desertiert

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Rest In Peace, Friedensgesellschaft DFG-VK? Die ohnehin völlig überalterte Organisation verliert nun auch noch ihr Jugendnetzwerk. Denn das Netzwerk desertiert aus der DFG-VK und gründet sich als „Antimilitaristisches Aktionsnetzwerk (a2n)“ neu. Für die Kritik an Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Putin-Propaganda in der Friedensbewegung erfuhren die jungen Menschen stumpfe Abwehrreaktionen und jede Menge Hass. Nur im Berliner Landesverband hatten junge Menschen strukturell etwas zu sagen. Doch wegen dessen Kritik an Antisemitismus hat der Bundesverband den gesamten Berliner Vorstand rausgeschmissen.  „Damit reicht es uns“, erklären nun Mitglieder des Jugendnetzwerks hier exklusiv im Interview: „Für emanzipatorische Friedensarbeit ist in der DFG-VK kein Platz. Dann machen wir sie halt außerhalb!“

Was macht das Jugendnetzwerk der DFG-VK?

Für frischen Wind in der Friedensbewegung sorgte in den letzten Jahren das Jugendnetzwerk der Friedensorganisation DFG-VK. Mit kreativen und bildstarken Aktionen setzte es Zeichen gegen Krieg und Militarisierung: 

Im Juni 2025 organisierte es anlässlich des „nazinahen Veteranentags“ Protest mit Satire-Plakaten in Bundeswehr-Optik in 15 Städten.

Verkleidet als Tod besuchten die Aktiven den Stand der Bundeswehr auf der Videospielmesse "Gamescom" und gruselten die Besucher*innen vor den Folgen von Krieg und Gewalt.

Mit grünen "Notausgang"-Adbustings forderte das Jugendnetzwerk Asyl für Kriegsdienstverweiger*innen.

Und mit einer Rettungsinsel vor dem Kanzler*innenamt sowie einem Banner auf der Zugspitze forderte das Netzwerk Klimaschutz und Seenotrettung anstelle der Aufrüstung des Militärs.

Gegen den russischen Angriffskrieg

Doch wie der junge Antimilitarist*innen erleben mussten, ist die Friedensbewegung alles andere als progressiv. Mit Graffiti, Leichensäcken und Todkostümen protestierte das Netzwerk daher nicht nur gegen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, sondern auch gegen die putinfreundliche Demonstration der Friedensbewegung am „Tag der deutschen Einheit“.

Antisemitismus bekämpfen: auch in der Friedensbewegung

Mit einer Kundgebung gegen Antisemitismus und Israelhass in der Friedensbewegung kritisierte das Jugendnetzwerk schließlich auch die DFG-VK selbst. Denn der Bundesverband hatte sich an einem Bündnis beteiligt, dass die Ursache für den aktuellen Krieg in Nahost nicht über die Lippen bekommt: den antisemitischen Terror der Hamas am 7. Oktober 2023.

Keine emanzipatorische Friedensarbeit möglich

Schließlich kamen die Aktiven zu dem Schluss, dass in der DFG-VK keine emanzipatorische, jugendliche Friedensarbeit möglich ist. Warum sie jetzt aus der Friedensgesellschaft desertieren, erzählen sieben Aktive in diesem Interview.

Hallo, bitte stellt euch einmal vor. Wer seid ihr und was macht ihr in der DFG-VK oder im Jugendnetzwerk?

Tim (studiert Geschichte): Antimilitaristisch politisiert hat mich ein Brief der Bundeswehr, den ich mit 18 bekommen habe. Einige Zeit später habe ich durch Zufall vom Jugendnetzwerk erfahren. Über etwa 3 Jahre habe ich im Jugendnetzwerk an einigen Aktionen mitgewirkt. Im Bundesverband der DFG-VK war ich kaum aktiv, doch dazu später mehr.

Caro: Ich bin seit ca. zwei Jahren im Jugendnetzwerk bzw. Antimilitaristischen Aktionsnetzwerk aktiv. Im Bundesverband habe ich mich nicht viel eingebracht, weil mich der Beat dort ziemlich abgeschreckt hat. Generell finde ich sehr wichtig, sich kontinuierlich mit Abrüstung und Antimilitarismus zu beschäftigen und mache das auch seit längerem. 

Harry: Ich studiere einen MINT-Studiengang in Berlin und bin über die Antimilitaristische Aktion Berlin ins Jugendnetzwerk der DFG-VK gekommen. Anfangs war ich begeistert, mich mit antimilitaristischen Aktionen bundesweit zu engagieren. Das hat über die AG Jugend auch gut funktioniert. Mein Interesse am Bundesverband ist jedoch nach meinem ersten Finanz-Bundesausschuss rapide verflogen: Dort wurde uns signalisiert, die Arbeit der AG Jugend sei unbedeutend und wir sollten uns künftig auf zwei Online-Treffen im Jahr beschränken. Das hat mir deutlich gezeigt, wie wenig Wert Jugendbeteiligung im Verband hat. 

Max (studiert Informatik in Süddeutschland):  Ich bin vor etwa 4 Jahren in die DFG-VK eingetreten durch Versprechungen von anderen jungen Menschen, dass die DFG-VK im Vergleich zu anderen Friedensorganisationen nicht rechtsoffen und verschwurbelt ist. Es gibt zwar auch z.B. eine Arbeitsgruppe Antifaschismus, in einzelnen Landesverbänden wird aber trotzdem mit rechtsoffenen Personen zusammengearbeitet. Gerade zieht sich das leider auch auf die Bundesebene der DFG-VK hoch. Das Ziel scheint zu sein möglichst viele Menschen auf der Straße zu haben. Aber das People of Color oder andere von Diskriminierung betroffenen sich dann nicht wohl fühlen scheint egal. Ich erinner mich gut an die Kritik einer sudanesischen Aktivistin, die bei einer Veranstaltung der Stiftung der DFG-VK referierte, wie überrascht und geschockt sie sei das im Raum vor allem ältere weiße Menschen sind und kaum jemand junges und keine andere PoC Person. Ich finde wir sollten daran dringend etwas ändern. Denn hier bei uns in Deutschland sind ja auch viele Menschen, die vor Krieg geflohen sind. Kooperationen mit diesen sehe ich aber leider nicht.

Emma: Ich finde die Idee einer Friedensorganisation, die auf die Gefahren von Militär und Bundeswehr aufklärt, super. Mit diesem Gedanken habe ich angefangen, mich im Jugendnetzwerk zu engagieren. Die Realität in der DFG-VK hat mich schockiert, weshalb ich meine Aktivität auf das Jugendnetzwerk beschränkt habe. Dort haben wir einige Aktionen gegen die Bundeswehr und Militarisierung im Allgemeinen gemacht.

Frida (Gewinnerin des Ludwig-Baumann-Preises 2022):

Ich bin über die Antimilitaristische Aktion Berlin und das Jugendnetzwerk auf die DFG-VK aufmerksam geworden. Weil ich die Arbeit dieser Untergruppen gut fand, habe ich eine Weile mitgemacht und dabei auch die Bundesverbandsgremien kennengelernt. Inzwischen bin ich weniger aktiv. Die Debatten in der DFG-VK verfolge ich vor allem digital und bei den Mitgliederversammlungen in meinem Landesverband Berlin. Jetzt da der Bundesverband den Berliner Landesverband rausgeschmissen hat, ziehe ich in Betracht, auszutreten. 

Jetzt verlasst ihr die DFG-VK. Aus welchem Anlass?

Tim: Die Gründe für unsere Auflösung sind vielzählig und haben sich über die Jahre angehäuft. Was uns den Rest gegeben hat, ist der Rauswurf des Berliner Landesvorstands aus der DFG-VK. Der Berliner Landesverband war der einzige, auf dessen Unterstützung wir zählen konnten. Gemeinsam mit ihm haben wir im Februar 2025 zu einer Demonstration gegen Antisemitismus in der Friedensbewegung aufgerufen.

Das hat den Bundesvorstand so sehr gestört, dass sie den Berliner Vorstand einfach rausgeworfen haben. Dieses Vorgehen fasst das Verbandsklima gut zusammen. Wir können unter diesen Umständen keine sinnvolle politische Arbeit mehr leisten.

Caro: Unserer Arbeit wurden große Steine in den Weg gelegt. Wir wollen uns gegen Militarisierung einsetzen ohne dabei Antisemitismus, Rassismus oder Sexismus zu reproduzieren. Leider haben wir es nicht geschafft, sinnvolle Diskussionen innerhalb der DFG-VK darüber zu führen. Statt gemeinsam zu lernen, weniger sexistisch, rassistisch oder antisemitisch zu sein, mussten wir uns sehr lange und viel streiten. Ehrlich gesagt möchte ich meine Energie gerne in fruchtbarere Projekte stecken.

Emma: Ich bin frustriert. Die festgefahrenen Strukturen des Verbandes blockieren jegliche Versuche, die DFG-VK zeitgemäßer zu gestalten und für junge Menschen zugänglicher zu machen. Neue Ideen werden grundsätzlich abgelehnt, junge Menschen diskreditiert. Auch diskriminierende Strukturen gibt es in der DFG-VK: Das fängt bei sexistischen Aussagen und Verhaltensweisen an, geht über offene Transfeindlichkeit bis hin zu gemeinschaftlichem Antisemitismus. Wenn wir diese Diskriminierungen thematisiert haben, wurde das bestenfalls ignoriert und schlimmstenfalls runtergeredet und als unwichtig abgetan. Dass der Bundessprecher*innenkreis nun einen ganzen Landesvorstand wegen politischer Differenzen ausgeschlossen hat, hat mir gezeigt, dass es sich nicht lohnt, in diesen Verband Energie und Zeit zu investieren.

Ihr sprecht von Antisemitismus in der DFG-VK. Habt ihr Beispiele dafür?

Max: Der Höhepunkt im Streit zwischen uns und dem Bundesverband war unsere öffentliche Kritik am Bündnis »Gerechter Frieden«, bei dem auch die DFG-VK mitmacht. Diese Kritik veröffentlichten wir zusammen mit dem Berliner Landesverband.

Wir kritisieren das Bündnis, weil es die Schuld an der Situation in Gaza allein Israel zuschiebt und die Verantwortung der Hamas komplett ausklammert. Israel wird dadurch dämonisiert, was eine seriöse Friedensorganisation eigentlich ablehnen sollte. Doch intern hat unsere Kritik kein Gehör gefunden. Daher haben wir eine detaillierte Stellungnahme veröffentlicht und eine Gegenkundgebung organisiert. Der BundessprecherInnenkreis hat den Vorstandsmitgliedern des Berliner Landesverbands daraufhin verbandsschädigendes Verhalten vorgeworfen und diese aus dem Verein ausgeschlossen.

Das Antisemitismus-Problem in der DFG-VK besteht allerdings schon länger: Als ich frisch eingetreten war, machte die DFG-VK schon Schlagzeilen wegen Antisemitismus. Damals, 2020, hatte der Bayrische Landesverband den einzigen jüdischen Stadtrat von der „Münchner Friedenskonferenz“ ausgeladen, weil ihnen dessen Engagement gegen das BDS-Bündnis nicht passte.

Aus diesem das Ansehen der DFG-VK enorm schädigenden Vorfall hat der Verband keinerlei Konsequenzen gezogen. Nach dem Hamas-Überfalls auf Israel am 7. Oktober 2023 verschärften sich die Probleme. Schon in ihrer allerersten Erklärung dazu schaffte es die Bundesebene der DFG-VK nicht, das Ereignis als das zu bezeichnen, was es war: Antisemitischer Terror. Wie fatal das ist, zeigten die Forderungen des Bundesverbands am Ende seiner Erklärung vom Oktober 2023: Die Bundesregierung solle diplomatischen Druck einseitig auf Israel auszuüben

Über die Jahre wurde es mit der Sensibilität für Antisemitismus nicht besser. Die Erklärungen wurden eher immer noch unausgewogener. Der letzte Bundeskongress im Oktober 2024 verabschiedete dann sogar eine klar antisemitische Erklärung. Darin bezeichnet die DFG-VK den israelischen Pager-Angriff auf die Hisbollah im September 2024 als »Terrorangriff« und behauptet, Israel habe damit gezielt Kinder treffen wollen. Dafür gibt es jedoch keinerlei Belege und das „Kindermörder“-Narrativ ist klar antisemitisch. Ein Mitglied aus München hat das, wie ich finde, sehr treffend kritisiert. Doch zugehört hat ihm leider niemand.

Ihr seht euch außerdem in eurer Autonomie als Jugendgruppe angegriffen. Wieso?

Harry: Ich habe in der DFG-VK oft zu hören bekommen, wie wichtig Jugendarbeit für das Fortbestehen des Verbandes sei. In Anbetracht des fortgeschrittenen Alters und des politischen Klimas innerhalb der DFG-VK wäre ein Generationenwechsel auch nur wünschenswert. Doch die Praxis sah anders aus. Während meiner Zeit im Verband haben „die Alten“ unsere Ideen immer nur belächelt. Ständig mussten wir uns dafür rechtfertigen, bundesweite Vernetzungsarbeit machen zu wollen. Laut der DFG-VK sollte diese sich auf eine möglichst kostengünstige Telegrammgruppe o. Ä. beschränken.

Dabei sind unsere Kampagnen, wie etwa die zum sogenannten Veteranentag ordentlich eingeschlagen und haben alles andere, was der Bundesverband auf die Beine zu stellen versucht hat, übertrumpft. Trotzdem haben wir nicht einmal den Kredit für unsere Aktionen bekommen. Die Presseanfragen zum Veteranentag hat die Bundesspitze ohne Rücksprache mit uns einfach so beantwortet, als hätte sich der Bundesverband die Aktion ausgedacht. 

Emma: Von einer Organisation, die sich öffentlich an antisemitischen Demos beteiligt und mit rechtsoffenen Schwurbeln und  Putinsympathisant*innen kooperiert sollten wir uns klar distanzieren. Doch der Fall des Berliner Landesvorstands zeigt: Der Bundesverband löst politische Differenzen, besonders wenn es um die Kritik an diskriminierenden Strukturen in den Bündnissen geht, mit Rausschmissen. In einem solchen Verein sehe ich keine Zukunft. Da wir auch gegen Antisemitismus sind, wäre es eh nur eine Frage der Zeit, bis wir deswegen in der DFG-VK Probleme kriegen.

Caro: Ein Vorteil der DFG-VK gegenüber anderen Organisationen sollte eigentlich sein, dass sich die föderal organisierten Gruppen nicht gegenseitig reinreden. Doch in den letzten zwei Jahren wurde unsere Arbeit immer wieder sabotiert. Wir wollten ein bundesweites Netzwerk schaffen und haben auch viele unterschiedliche Aktionen organisiert. Wir waren in Garmisch-Partenkirchen, um dort gegen den Tag der Bundeswehr zu protestieren. In Stuttgart haben wir ein Vernetzungstreffen organisiert und in Köln den Tod zum Bundeswehrstand auf der Gamescom geschickt und antimilitaristische Adbusting-Poster in der ganzen Stadt aufgehängt. Zum Schluss haben wir bundesweit in 17 Städten Poster gegen den Veteranentag aufgehängt. Das waren meine Highlights. Doch die Reaktion darauf waren belehrende Mails von Männern, die so tun, als wären wir nicht fähig, uns vernünftig auf unsere Aktionen vorzubereiten.

Es wurde uns vorgeworfen, wir würden Geld verschwenden, wenn wir Zugtickets für Leute bezahlen, die sonst nicht zur Aktion kommen können. Und dass wir uns am besten online Treffen sollten und Echt-Welt-Treffen doch überflüssig seien.

Was ich auch als unangenehm empfinde: Einerseits kritisieren Leute im Verband unsere Aktionen und organisationsweise, doch dann nutzt die Bundes-DFG-VK Bilder von unseren Aktionen.

Wie habt ihr den Umgang im Verband erlebt?

Caro: Ich stehe ein bisschen fassungslos davor. Jedes Mal, wenn meine Leute von einem Treffen mit anderen DFG-VKlern wiederkommen, gibt es einen neuen fast unglaublichen Bericht.

Was ich zum Beispiel erschreckend finde, ist dass ein Mitglied der DFG VK einfach so die Namen und E-Mailadressen an Fremde weiterleitet, nur weil ihm die Meinung dieser Leute nicht passt. Wie unsolidarisch kann man sein?

Oder dass man sich beim Buko anscheinend vom Podium aus als Arschloch beleidigen lassen muss, ohne dass irgendwer dazwischen geht.

Den Umgang mit den Aktionsideen des Netzwerkes finde ich ganz schön erschreckend. Ich dachte in der DFG-VK versammeln sich Menschen, die etwas gegen Militarismus tun wollen. 

Auch Schade finde ich die schweigende Mehrheit zu diesen Problemen. Klar kann es mal sein, dass einzelne Menschen aneinandergeraten. Aber wo sind diejenigen, die dann schlichtend eingreifen? Oder, wenn es auch unbequem ist, Menschen verteidigen? Ich dachte die DFG-VK ist ein pazifistischer Verein, der Konflikte friedlich lösen will? Wo sind denn unsere ganzen friedlichen Konfliktlösungs-Profis gewesen? Es müsste doch gerade in so einer Organisation genug Menschen geben, die sich damit beschäftigen, wie man Konflikte friedlich löst. Wie können wir denn fordern, dass Menschen, deren Leben bedroht ist, ihre Konflikte friedlich lösen sollen, wenn wir es nicht mal unter vergleichbar harmlosen Bedingungen schaffen?

Leider bestätigen sich damit eine Menge Vorurteile, die ich gegenüber so alten Institutionen hatte. Schade! Wo doch friedenspolitische Fragen, Themen, Antworten gerade wieder so sehr gefragt sind.

Tim: Ich muss an dieser Stelle klar sagen, dass ich zwar Mitglied der DFG-VK bin und im Jugendnetzwerk aktiv war, aber mich kaum in die Verbandsarbeit integriert habe. Die Berichte von Vorfällen sowie die Erzählungen vom Umgang mit der Jugendgruppe im Bundesverband haben mich von Beginn an abgeschreckt, mich hier stärker zu engagieren. Ich bewundere und danke allen Leuten, die über Jahre hinweg versuchten, einen besseren Umgang und politische Veränderung zu erwirken. Es darf in einem Verband Spannungen zwischen der Jugend und Älteren Gruppen geben. Doch ein Verband, der ständig auf dem einzigen Landesverband herumhackt, in dem nennenswert viele junge Leute aktiv mitmachen, hat keine Zukunft.

Ich habe oft mit mir gerungen, ob ich mich nicht doch mehr in die bundesweite Verbandsarbeit einbringen sollte. Doch ein Blick in den Mail-Verteiler reichte jedes Mal aus, um mir zu sagen: „Dafür habe ich keine Kraft, das halte ich nicht aus, keinen Bock darauf.“

Wenn ich das als weißer Cis-Mann in einem Kontext mit mehrheitlichen weißen Cis-Männern beschließe, wie muss es dann anders positionierten Menschen gehen, in einem Verband wo beim Bundesausschuss im Jahr 2023 das N-Wort fällt und unwidersprochen bleibt?

Emma: Ich fand es einfach nur erschreckend. Lauter Menschen, die sich dem Frieden verschrieben haben, aber sich bei jeder Gelegenheit anbrüllen, online und in persona beleidigen und diskreditieren. Auf Versammlungen werden insbesondere junge Leute unterbrochen, beleidigt und angeschrien, ohne dass die Tagesleitung oder andere Leute es für nötig halten würden, zu intervenieren. Sämtliche Versuche, diesen Umgangston zu ändern, wurden abgelehnt. Egal wie gut eine Aktionsidee war, wenn sie von den „falschen“— anders ausgedrückt: jungen—Personen kam, stieß sie prinzipiell auf Ablehnung. Mich hat sehr schockiert, dass auf dem Bundeskongress ein Mitglied der Tagesleitung einen Berliner Delegierten als „Arschloch“ beleidigte und das alle so hinnahmen. Ich wollte in eine Friedensgesellschaft eintreten und nicht in einen Kindergarten! Diesen Umgangston innerhalb der DFG-VK finde ich nicht aushaltbar. Das kann sich doch keiner dauerhaft geben, ohne seine mentale Gesundheit zu riskieren.

Harry: Ich erinnere mich noch genau an meine erste Begegnung mit der Bundes-DFG-VK zum Finanz-BA 2023. Fassungslos habe ich dort zum ersten Mal erlebt, wie angeblich erwachsene Menschen rumschreien und andere niederbrüllen, in dem Glauben so die argumentative Oberhand zu gewinnen. Viel zu oft sind Debatten einfach in Schreiduellen geendet. Alle Versuche, ein Awarenesskonzept oder einfach nur eine aktiv eingreifende Tagesleitung einzusetzen und zu ermächtigen, wurden immer wieder konsequent abgeblockt. 

Ihr werft dem Verband Sexismus vor. Habt ihr dafür Beispiele?

Frida: Zu sexistischem Rumgemacker in der DFG-VK kann man echten Facettenreichtum erleben. Mal geht es um so klassisches Machtverhalten, Unterbrechen, Männer reden einfach eh schon mega viel, sprechen von oben herab, und so weiter. Übergriffige Sprüche bei Veranstaltungen können auch mal vorkommen. Als Flinta*, eigentlich selbst als cis Frau, ist man total unterrepräsentiert, was diese ganzen Situationen noch schwerer macht. Aber mit gutem Gewissen kann man auch niemanden motivieren, da mitzumachen, um Verstärkung zu haben. Meinem Eindruck nach findet nur eine Minderheit, dass es wichtig wäre, Sexismus zu reflektieren. Es ist eine sehr kleine Minderheit, die Bereitschaft zeigt, tatsächlich Zeit und Arbeit zu investieren, um etwas zu verändern. Gleichzeitig ist man sich für keine defensive Ausweichstrategie zu schade. Dann wird einem schonmal vorgeworfen, der eigentlich Grund für die Kritik an Sexismus sei eine heimliche Ablehnung gegenüber weißen Männern. O-Ton: „Wenn ich eine Person of colour wäre, hättest du das nicht kritisiert“. Das reiht sich gut ein darin, dass man hinter Diskriminierungskritik einfach eine vermeintlich verbandsschädigende Agenda vermutet.

Emma: Ich habe erfahren, dass es schon reicht, eine weiblich gelesene Person zu sein, um als weniger wichtig zu gelten und nicht ernst genommen zu werden. Auf einem Kongress wischte die Tagesleitung meine satzungskonformen Anträge zur Geschäftsordnung mit einer Handbewegung beiseite. Das sei jetzt nicht so wichtig und hielte nur den Kongress auf, hieß es. 

Tim (Cis-Mann): Lena Sachs hat dazu in der Verbandszeitschrift „ZivilCourage“ von Februar 2017 einen lesenswerten Beitrag verfasst: „Die DFG-VK aus Frauensicht- Kritische Bemerkungen einer jungen Frau in einer von alten Männern dominierten Organisation“. Darin beschreibt Lena die Mitwirkung von Frauen in der DFG-VK. Sie kritisiert das unreflektierte, dominante und raumeinnehmende Redeverhalten von älteren männlichen Mitstreitern. Sie forderte damals eine formelle oder informelle Machtabgabe, um „Platz für Neue und Neues zu machen“. Was daraus geworden ist, sehen wir jetzt.

Ich denke, es braucht hier auch keine penible Auflistung von Beispielen, um Sexismus zu beweisen. Wenn FLINTA-Personen männliches Dominanzverhalten kritisieren, sollte es für mich und alle Cis-Männer heißen: Was kann ich tun, um das zu ändern?

Um genau das zu bewirken, haben wir eine Ausstellung zum Thema Sexismus in der Friedensbewegung gemacht und präsentierten sie auf dem BUKO 2024. Die Ausstellung machte sexistische Vorfälle, auch bei uns im Jugendnetzwerk, sichtbar und bot damit einen Ausgangspunkt zur individuellen sowie kollektiven Außeinandersetzung. Auf dem Bundeskongress selbst gab es null Feedback oder Äußerungen dazu. Wir können nur hoffen, dass die Leute das trotzdem wahrgenommen und im Stillen reflektiert haben.

Caro: Ich habe mich ehrlich gesagt bewusst aus dem Verbandsleben rausgehalten. Deswegen habe ich keine eigenen spezifischen Erfahrungen. Eine Kernaufgabe der DFG-VK war und ist ja die Unterstützung in Deutschland lebender Kriegsdienstverweiger*innen. Das sind ja hauptsächlich Männer. Ich gehe davon aus, dass viele Menschen sich vor allem organisieren, wenn sie selber betroffen sind. Es verwundert mich nicht, dass in so einem Verein mehr Männer* sind. Doch Die DFG VK könnte sich ja auch mal damit beschäftigen, Frauen* vor Vergewaltigung im Krieg zu schützen. Dass Krieg aber nicht nur Auswirkungen auf den männlichen Teil der Bevölkerung haben könnte, geht im männlich dominierten Verband komplett unter.

Henry: Mein Highlight ist „Also ich fühle mich als Mann sexistisch diskriminiert, wenn wir hier ständig über Sexismus und Feminismus reden müssen!“

Wie geht es jetzt weiter?

Tim: Wir desertieren! Unsere friedenspolitische Arbeit möchten wir lieber in konstruktiveren Zusammenhängen als der DFG-VK durchführen. Deshalb haben wir das „Antimilitaristische Aktionsnetzwerk a2n)“ gegründet. Damit haben wir endlich die Möglichkeit emanzipatorische antimilitaristische Politik zu machen, ohne uns mit Friedensschwurbler*innen und sonstigen Unanehmlichkeiten herumplagen zu müssen. Wenn die DFG-VK der jungen Generation nicht zuhören möchte, dann machen wir unsere Arbeit halt alleine.

Als nächste Projekte planen wir die Gründung einer antimilitaristischen Zeitschrift und die Durchführung von Kongressen, um antimilitaristischen Stimmen, die Israel nicht hassen und den russischen Angriffskrieg klar verurteilen, Gehör zu verschaffen.. Ihr werdet von uns auf jeden Fall noch hören. Unseren neuen Blog findet ihr hier: 

https://antimil-aktionsnetzwerk.site36.net

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