SS Gedenken in Bad Reichenhall

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Die 33. Waffen-Grenadier-Division der SS „Charlemagne“ war keine „normale“ Einheit, sondern Teil der verbrecherischen SS und Ausdruck des europäischen Faschismus – das Gedenken an sie in Bad Reichenhall ist daher nicht „Heimatpflege“, sondern geschichtsrevisionistische Verherrlichung einer Tätertradition. Jede Form ritualisierter Ehrung dieser Division verschiebt die Grenze des Sag- und Machbaren nach rechts und normalisiert neonazistische Ideologie im öffentlichen Raum.

 

 

Die SS-Division „Charlemagne“

 „Charlemagne“ bestand überwiegend aus französischen Kollaborateuren, die sich freiwillig in den Dienst des NS-Regimes stellten und bis zuletzt für ein rassistisches, antisemitisches Vernichtungsprojekt kämpften. Die Einheit ging aus verschiedenen Kollaborationsverbänden (u. a. LVF und französische SS-Freiwilligenverbände) hervor und wurde 1944 zur 33. Waffen-Grenadier-Division der SS „Charlemagne“ zusammengefasst.

Die Division wurde vor allem an der Ostfront eingesetzt, einem Kriegsschauplatz, der von systematischer Gewalt gegen Zivilbevölkerung, Partisanenbekämpfung und Vernichtungskrieg geprägt war. Auch wenn revisionistische Darstellungen gern behaupten, für „Charlemagne“ seien „keine Verbrechen belegt“, blendet diese Argumentation aus, dass die Einheit in ein Gesamtgefüge eingebunden war, dessen Zweck die brutale Unterwerfung und Vernichtung ganzer Bevölkerungen war.

 

Geschichtsrevisionismus und „saubere“ SS

In rechten und militaristischen Kreisen kursiert bis heute das Narrativ einer angeblich „sauberen“ oder „ritterlichen“ Waffen-SS, zu der auch „Charlemagne“ gezählt wird. Texte, die der Division eine „unbefleckte“ Kriegsbilanz zuschreiben, sind Teil einer bewusst betriebenen Entlastungsstrategie, die SS-Angehörige in ehrenvolle „Frontsoldaten“ verwandeln will und damit den Charakter der SS als verbrecherische Organisation relativiert.

 ​Diese Verharmlosung ignoriert, dass die Waffen-SS vom Nürnberger Tribunal als verbrecherische Organisation definiert wurde und in allen Einsatzräumen – auch dort, wo einzelne Einheiten vermeintlich „keine dokumentierten Massaker“ begangen haben sollen – als Kerninstrument des ideologischen Vernichtungskrieges fungierte. Wer diese Struktur ausblendet, präsentiert Täter als Opfer der Geschichte und verhindert eine ehrliche Auseinandersetzung mit Kollaboration, Antisemitismus und rassistischer Gewalt.​

 

 Bad Reichenhall als Pilgerort der Rechten

Seit den 1970er/80er Jahren entwickelte sich Bad Reichenhall zu einem zentralen Ort der rechten Traditionspflege für ehemalige Waffen-SS-Angehörige und Neonazis. Rund um den 8. Mai – den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus – fanden und finden „Gedenkfeiern“ statt, bei denen die SS-Division „Charlemagne“ explizit geehrt und als Opfer oder „europäische Freiwillige gegen den Bolschewismus“ verklärt wird.

Berichte dokumentieren, dass sich dort nicht nur ältere SS-Veteranen, sondern zunehmend international vernetzte Neonazis versammelten; 2006 wurden bei Kontrollen Hakenkreuzfahnen, Sprengmittel, Pistolen und andere Waffenteile sichergestellt. Anstatt das Gedenkkreuz für „Charlemagne“, das zum faschistischen Pilgerort geworden war, zu entfernen, verlegte die Stadt es lediglich vom Parkplatz „Am Kugelbach“ auf den Friedhof St. Zeno – die symbolische Aufwertung vom Randparkplatz in den sakral aufgeladenen Raum des Friedhofs blieb damit bestehen.

 

Verantwortung der Stadt und der Gesellschaft

Dass eine deutsche Kurstadt im Jahr 2025 immer noch mit derartigen Symbolen hantiert, zeigt, wie tief verankert militärische und rechte Traditionslinien in Teilen der lokalen Erinnerungskultur sind. In Bad Reichenhall überlagern sich bis heute Wehrmachtsnostalgie (Debatte um die ehemalige General-Konrad-Kaserne, Landsergemälde und NS-Adler) und die spezifische SS-Traditionspflege rund um „Charlemagne“ – und schaffen ein Klima, in dem revisionistische Deutungen als legitimer Teil „konservativer Erinnerung“ erscheinen.

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