Anarchistische Beteiligung an den Kämpfen der Bäuer*innen in Berlin am 15.01.2024 Sie wollten uns begraben, doch sie wussten nicht, dass wir die Saat sind (+eng)

Am Montag den 15.01.2024 sind wir als Antikapitalist*innen und Antiautoritäre dem Aufruf der Bäuer*innen zu Blockaden und Protesten in Berlin gefolgt. Wir haben die Bäuer*innen und Landarbeiter*innen an einem Punkt ihrer Route durch Friedrichshain willkommen geheißen. Mit Transparenten, Slogans, Feuerwerk und Flyern haben wir unsere Solidarität zum Beginn der Demo ausgedrückt.

Auf unseren Transparenten war zu lesen: Berlin heißt die rebellischen Bäuerinnen willkommen und Solidarität mit den Landarbeiter*innen, daneben das Anarchie-Symbol und das Antifazeichen.

Als Migrant*innen, Arbeiter*innen, Arbeitslose und Anarchist*innen sehen wir im Kampf der Bäuer*innen Tendenzen, die Teil auch unseres Kampfes gegen Herrschaft und Ausbeutung sind und weigern uns, ihn reaktionären Kräften zu überlassen. Klar stimmen wir nicht den Positionen aller Bäuer*innen zu, die sich an diesem Protest beteiligt haben und stehen ihnen auch kritisch gegenüber. Dennoch  finden wir ebenfalls sich mit unserem eigenen Befreiungskampf überschneidende Elemente. Als Teil dieser antagonistischen Bewegung wollen wir diesen Kampf mit anderen verbinden, um gemeinsam Momente zu schaffen, in denen kämpferisches gedeiht. Wir wollen zusammenkommen und uns gegenseitig unterstützen, um unsere Kämpfe auszuweiten und zu verbinden.

Die Aktion bestand aus zwei Teilen. Nach dem 15.1. haben wir diskutiert, die Aktion ausgewertet und unsere Emotionen diesbezüglich ausgetauscht. Wir haben versucht, diese Diskussion zusammenzufassen.

Frankfurter Allee – Begrüßung der Bäuer*innen am Morgen des Protestes

Der Plan der ersten Aktion war das Willkommenheißen der Bäuer*innen und Landarbeiter*innen. Da die meisten Reaktionen der Farmer und anderen Arbeiter*innen als positiv empfunden wurden, empfanden wir diese Aktion ebenfalls erfolgreich. Einige von ihnen waren augenscheinlich überrascht, in der Stadt von Leuten mit offensichtlich antifaschistischen und antiautoritären Positionen begrüßt zu werden. Es gab Lächeln, Winken, unterstützendes Hupen und viele machten Bilder von der Begrüßung. Die wenigen Mittelfinger und ein paar mal Kopfschütteln waren eher amüsant und brachten uns zum lachen – ihnen war klar, dass unsere Solidarität anderen Positionen galt.

Brandenburger Tor – Protestbericht

Bei der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor gab es bei uns Gefühle zwischen Freude und Unsicherheit. Der Grund hinter diesen Gefühlen wurde in der Auswertung klar. Die morgendliche Aktion wurde in unserem eigenen Rahmen mit eigenen Grenzen geplant, was es für uns einfacher machte, am Protest unter mehr oder weniger „eigenen Bedingungen“ teilzunehmen.

Ziel unseres Besuchs der Kundgebung am Brandenburger Tor war, einen ungefilterten Eindruck von dieser zu bekommen.

Am Brandenburger Tor wurde uns deutlich, dass wir nicht an jene Art des Protests und der Positionen gewöhnt sind. Der Versuch, an solch einer diversen und widerspruchsvollen sozialen Bewegung anzuknüpfen wird dadurch zu einer Herausforderung. Einigen von unserer Koordinierung kam es so vor, als ob dies aufgrund des gesamten Protest-Set-Ups definitiv nicht „unser Ort“ war. Regierungspolitiker*innen waren sichtbar anwesend.

Der Eindruck der Nazipräsenz war unter uns unterschiedlich. Obwohl wir Flyer und Symbole von eindeutigen Nazis mitbekommen haben, sehen wir keine rechte Hegemonie. Im Gegensatz zu dem von den Medien erzeugten Bild waren die Protestierenden keine Meute voller Nazis sondern zeigten im Gegenteil keine klaren Einflüsse politischer Programme. Die raren sichtbaren Schilder sprachen die Sprache einer tiefen Frustration darüber, wie diejenigen, die das Essen für alle produzieren, von der Politik und auch der Gesellschaft behandelt werden. Diese Frustration sieht sehr authentisch aus und muss ernst genommen werden.

Während unseres Aufenthalts haben wir viel zivile Polizei, darunter PMS, beobachtet. Gegen die mehreren Festnahmen, welche wir mitbekommen haben, wurde von den Demo Teilnehmenden lautstark protestiert.

Gleichzeitig wurde die widerliche Rede von Christian Lindner von einer Masse von Demonstrant*innen ausgebuht.

In unserer Auswertung zur Kundgebung sind wir zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen, wie wir Teil einer offen anarchistischen Präsenz hätten sein und die Grenzen unserer sogenannten Blase überwinden hätten können, um mit den rebellischen Farmern und ihren Unterstützer*innen zusammen zu kommen. Die Aktion auf der Frankfurter Allee empfanden wir als eine gelungene Idee, um für unsere Beteiligung an diesem Kampf einen Anfang zu schaffen.

Einige weitere Gedanken zu den Kämpfen der Landwirt*innen

Die Mobilisierungen der Landarbeiter*innen begann als eine Reaktion auf die Wegnahme von Steuervergünstigungen und Förderungen für landwirtschaftliche Maschinen und Diesel, welche die jüngste Eskalation der Regierung Jahre nach dem Beginn der bäuerlichen Kämpfe darstellt. Dennoch reichten die Inhalte vieler am Protest Beteiligter weit über die Kritik dieser Politik hinaus. Zwischen den ausgebeuteten und kämpfenden Bäuer*innen befinden sich verschiedene Akteure von Neoliberalen bis Rechtsextremen, die die Kämpfe permanent instrumentalisieren. Durch eine Anti-Regierungs-Politik versuchen sie ihre autoritäre und ausbeuterische Agenda durchzusetzen. Um ihrer Präsenz, wie auch der aller politischen Parteien zu begegnen, fanden wir es nötig, uns während der Demo koordiniert auf der Straße mit unseren Ideen und Inhalten zu zeigen.

Auch wollen wir betonen, dass es viele weitere Kämpfe gegen das System der Kontrolle und Ausbeutung gibt. Unter diesem System leiden die Bäuer*innen genauso wie der Rest der Erde.

Mit Forderungen an den Staat werden wir nicht die Ziele unseres Kampfes erreichen. Stattdessen dienen die Forderungen nur wie immer der Agrarindustrie und dem Kapital. Wir haben uns entschieden, an der Seite der rebellischen Landarbeiter*innen, die das Funktionieren der kapitalistischen Maschine unterbrochen haben, zu stehen. Wir sehen es als Notwendigkeit, die kapitalistische Metropole und ihre Strukturen zu sabotieren. Die Aktionen und Positionen einiger der Bäuer*innen sind Teil eines weiteren kollektiven Kampfes, welcher sich nicht nur gegen die Kürzungen richtet, sondern auch einen Schritt zum Ende der Ausbeutung darstellt.

Schon oft haben wir erlebt, dass der Staat mit seiner Regierung vorgegeben hat, teilweise auf die Forderungen der Bäuer*innen einzugehen und die Kürzungen zurückzunehmen. Damit wirft er nur Krümel für wenige hin, in der Hoffnung die Proteste zu unterdrücken und regulieren zu können. Früher oder später versuchen sie dann striktere Kürzungen und Maßnahmen vorzunehmen, um neue Möglichkeiten für mehr Ausbeutung zu eröffnen.

Jedes scheinbare Zurückweichen des Staates ist nur eine Strategie, die Bewegung zu befrieden und sie in eine Neustrukturierung des Agrar-Industriellen Komplexes einzubinden.  Die Arbeitszeiten werden so nicht reduziert, die miserablen Bedingungen werden nicht verbessert, die Selbstmordraten werden nicht Null erreichen. Falls wir es jedoch schaffen, den Staat und die kapitalistische Maschine zu stürzen, dann, und nur dann können wir über Möglichkeiten eines tatsächlichen Wandels unserer Leben in hierarchiefreier Selbstorganisation reden.  In diesen Mobilisierungen ist es wichtig, unsere Opposition gegen Grünen Kapitalismus, Ausbeutung und Privatisierung von Land durch die Agrarindustrie in die Praxis umzusetzen. Bei dieser handelt es sich um eine weitere Industrie, welche selbst den letzten Fleck Erde an sich reißt, um ihn für die Reichen auszubeuten. Grüner Kapitalismus und die sogenannte ökologische Nachhaltigkeit sind nur Illusionen zum greenwashing kapitalistischer Ausbeutung.

Wir finden es wichtig, gegen die kapitalistischen Mechanismen aufzustehen, die ganze Landschaften aufkaufen. Ebenfalls finden wir es wichtig, Wege der Nahrungsmittelproduktion zu finden, die selbstorganisiert und nicht ausbeuterisch sind.

Das Land denen, die es brauchen.

Einige Anarchist*innen in Solidarität mit den Landarbeiter*innen

*wir nutzen das Wort Bäuer*innen und Landarbeiter*innen ohne Unterscheidung

(english)

Anarchist participation in the farmers* struggles in Berlin 15.01.2024; They Tried to Bury Us, They Didn’t Know We Were Seeds!

As anti-capitalists and anti-authoritarians we joined the call from farmers for blockades and protest on Monday 15.01.2024 in Berlin. We welcomed the farmers in the city at a point on a demo route through Friedrichshain. With banners, slogans, fireworks, and flyers, we expressed our solidarity in the early stage of the demo. Our banners said: Berlin heißt die rebellischen Bäuerinnen willkommen [Berlin welcomes the rebellious farmers] and Solidarität mit den Landarbeiter*innen [Solidarity with the agricultural workers] with anarchist and antifascist symbols.

As migrants, workers, unemployed, and anarchists we see tendencies within the farmers‘ struggle that are part of our fight against domination and exploitation and refuse to leave them to be co-opted by reactionary elements. We want to make it clear that we don‘t agree with the positions of all the farmers who participated in these protests and we stand critically with many of them. But we find many elements of this struggle that correspond to our own struggles for liberation. As part of this antagonistic movement, we want to link this struggle to others and to create moments where potentially combative elements of the struggle could thrive. We want to come together, to support and empower each other in order to broaden and connect our struggles.

The action was divided into two parts. After this day we discussed and evaluated the action as well as sharing our feelings towards it. We tried to summarize this discussion.

Frankfurter Allee – Welcoming farmers in the morning of the protest.

The plan of the first action was to welcome the rebellious farmers and agricultural workers, and it was found successful in our evaluation round afterwards. As most of the reactions from the farmers and other workers were largely perceived as positive. Some were apparently surprised to be greeted enthusiastically in the city by people with visible antifascist and anti-authoritarian positions. They smiled, waved back, honked their horns in support, and took pictures of the greeting. The few middle fingers and head shakes were rather amusing and made us laugh - some of us found that at least our message was clear that we do not stand in solidarity with those.

Brandenburger Tor - Protest report.

At the manifestation in front of the Brandenburg Tor, our feelings varied between excitement and insecurity. The reason behind these feelings became clearer when it was discussed in our evaluation round. It must be expressed that the morning action was planned within our frame and boundaries, that made it easier for us to join  the protest more or less under ‘’our terms’’. The aim of our visit of the manifestation on the other hand was to get an unfiltered impression.

At the Branderburger Tor protest, it became clear that we are not used to this way of protesting which is challenging to make an attempt to join social movements that are so diverse and full of contradictions. For some individuals from this coordination it felt that it is definitely not ‘’our space’’ due to the whole protest setup. There was a presence of government politicians that were clearly visible. However, the perception of the far-right presence varied among us. Although we witnessed flyers or symbols of obvious nazis, we don't see a right hegemony. Rather than being a crowd full of nazis, as the media tried to portray it, the protesters didn't show a clear influence by the political programms. The relatively few visible sign were communicating a deep frustration about how the ones who produce and have to produce the food for everybody are treated by politics and also society. For us this frustration looks very real and has to be taken into serious consideration.

During our stay, we observed many civil cops (PMS included) and several arrests, which participants loudly protested against. At the same time, large numbers of demonstrators booed the repugnant speech by Christian Lindner.

In our evaluation round concerning the manifestation, we did not come to a clear conclusion on how we could have been part of an openly anarchist presence while also overcoming the so-called bubble hurdles in order to connect with the rebellious farmers and their supporters. Therefore, we found the first action in Frankfurter Allee as a confident way to make the beginning of our participation in this struggle.

Some more thoughts on the farmers' struggles.

The mobilisations of the agricultural workers began as a reaction against cutting tax breaks and cutting subsidies for agricultural vehicles and diesel. It is the most recent escalation by the government years after the beginning of the farmers struggles. However, the messages of many in the protests went well beyond simply criticising these policies. Between the exploited and struggling farmers, there are various actors from neo-liberals to far right are continuously instrumentalising struggles. Through anti government politics they try to push their authoritarian exploitative agenda. To counter the presence of the far rights and all political parties, we found it necessary to coordinate and show our presence in the streets during the demo with our ideas and content. We also want to emphasize that there are many fights against the system of control and exploitation, from which farmers as well as the rest of the earth suffer.

By making demands from the state we will not reach the goals of our struggles. Instead those demands will just serve the agricultural industry and capital as usual. We decided to stand in solidarity with the rebellious agricultural workers who have been disrupting the functioning of the capitalist machine. We see the necessity of sabotaging the capitalistic metropolis and its structures. The actions and positions of some of the farmers are part of a broader collective fight, not only against the subsidy cuts, but also for another step towards an end to exploitation.

We have seen time and time again that if the state and whichever government decide to pretend that it will fulfill the farmers demands and cancels the subsidy cuts, as a temporary measure it will toss a few crumbs which not everyone will get, but sooner or later it will bring back stricter cuts and measures as part of an attempt to open up new fields for more exploitation. Any apparent backtracking by the state is just a strategy to pacify the movement and to assimilate it into a restructuring of the agro-industrial complex. The working hours won‘t be reduced – the precarious conditions will not get better – the percentages of suicides won‘t reach zero. However, if we manage to overthrow the state and capitalist machine, only then we can speak about possibilities for an actual change of our lives through non-hierarchical self-organisation.

In these mobilisations it is important to put into practice our opposition to green capitalism and exploitation and privatisation of land by the agricultural industry. This is yet another industry that seeks to extract and exploit every last piece of the earth for the sake of the rich. Green capitalism and so-called ecological sustainability are not only illusions used to green wash capitalist exploitation, but they are also only affordable for the rich.

We find it important to stand against the capitalist mechanisms that grab land and to find ways to grow food that are self-organised and not exploitative.

Land belongs to those who need it

Some anarchists in solidarity with land workers

*we use the term farmers equivalent to land workers

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