Über den „Aussteiger“-Neonazi Michael Zeise

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Was schon länger als ein Gerücht durch die Neonaziszene ging, bekam mit einem Beitrag anlässlich des Tag der deutschen Einheit 2021 mit einem Beitrag über das sog. Aussteigerprogramm „Drudel11“ auch einen offiziellen Anstrich: Michael Zeise, einst führender Neonazi-Kader in Thüringen und speziell in Erfurt, sei ausgestiegen. Folgend wollen wir zu dem Vorgang einige Dinge klarstellen.

In den Beiträgen, welche im Rahmen der Imagekampagne der Bundesregierung in Auftrag gegeben worden sind, fungiert Michael Zeise als ein Vorzeigeaussteiger aus der Neonaziszene. Gestern „Heim ins Reich“, heute Rückkehr in den Schoß des geläuterten und bunten Deutschlands.
Seine Geschichte bis zu seinem Ausstieg wird angerissen. Stress mit den Eltern, der arme Außenseiter, Perspektivlosigkeit als Jugendlicher. Eine Vita die sehr viele teilen, die sich trotzdem nicht dazu entschieden haben über 15 Jahre menschenverachtende Ideologien zu verbreiten. Es folgt der Klassiker: Die Neonaziszene war seine „Ersatzfamilie“.

Was weder in den Beiträgen, noch in seinen Interviews erwähnt wird, ist die Tatsache, dass Michael Zeise über viele Jahre hinweg enge Kontakte zu direkten Kreisen von militanten Neonazis, wie bspw. dem NSU pflegte. Seine Solidarität mit Ralf Wohlleben, mit dem er jahrelang eng zusammenarbeitete, drückte Zeise mehrmals auf Demonstrationen aus. Eine umfassend Recherche zu Michael Zeise, welche von „Kollektiv56 aufdecken“ veröffentlicht worden ist, zeigt nicht nur diese Verbindung in das rechtsterroristische Milieu auf. Zeise war Teil der „Weiße Wölfe Terrorcrew“, pflegte Kontakte zur britischen „National Action“ die aufgrund Planung von Terrorakten verboten und von britischen Behörden zerschlagen worden ist. Michael Zeise reiste zusammen mit Leon Ringl, welchem Verbindungen zur amerikanischen rechtsterroristischen „Atomwaffen Division“ durch antifaschistische Recherchen nachgewiesen wurden, in die Ukraine um dort an einem NS-Black Metal Festival teilzunehmen. Diese Reise unternahm er u.a. mit der Thüringer NS-Black-Metal Band „Absurd“ und Hendrik Möbus. Dies bildet nur die Spitze des Eisbergs. Michael Zeise ist treibende Kraft, Vernetzer und Antreiber gewesen, was rechtsterorristische Vernetzung angeht und war ebenfalls eine treibende Kraft was die Gewalt auf der Straße in Thüringen und darüber hinaus anging.

Als Beispiel sei hier der Angriff auf das AJZ Erfurt im Jahr 2016 zu nennen, an dem sich Michael Zeise ebenfalls beteiligte. Dazu findet sich vom geläuterten Zeise kein Wort, keins von seinem „Drudel11“-Helferlein Sebastian Jende. Dieser Angriff ist nur einer von vielen, die auf das Konto der Gruppe „Kollektiv56“ geht, bei der Zeise einer der führenden Köpfe war. In den wenigen selbstverfassten Texten der Gruppe wurde sowohl der militante Habitus als auch der „Kampf“ auf der Straße propagiert. Nebenher fungierte er als „Anti-Antifa“-Fotograf u.a. in Eisenach. In den folgenden Jahren wurden dort vermehrt Antifaschist:innen gezielt von lokalen Neonazis angegriffen. Als „Mic.Revolt“ findet sich seine Propaganda in Rapform wieder. Dies sind nur einige Aspekte seines Wirkens in der Neonaziszene, für weiteres verweisen wir auf die Recherche von „Kollektiv56 aufdecken“.

Wenn jetzt Zeise also so tun möchte, als sei das seine schwierige Vergangenheit gewesen mit der er nun abgeschlossen hat, dann bleibt zu sagen, dass es für seine Taten und Wirken keinen Schlussstrich gibt. „Das ist ein Teil von mir, aber das ist Vergangenheit.“, sagt Zeise in einem Video-Beitrag. Das, wofür er und sein Wirken in der Neonaziszene verantwortlich ist, ist jedoch keine Vergangenheit, sondern wirkt bis heute nach.

Generell ist es zu begrüßen, wenn Neonazis mit ihrer Ideologie und ihren Kontakten nachhaltig brechen. Allerdings gibt es auch hier, von dem bisher Verlautbartem, erhebliche Zweifel. Für den Beitrag zu „Drudel11“ werden zwei wesentliche Punkte angesprochen, die ihm in seinem Ausstiegswillen bestärkt haben sollen. Einmal der Absturz eines „Szene-Funktionär“, wobei er nicht so enden habe wollen wie dieser, sowie eine Wanderung auf dem Jakobsweg. Dort habe er Menschen unterschiedlicher Herkunft kennengelernt. Was den Sozialarbeiter:innen von „Drudel11“ als ausreichende Veränderung gelten mag, hinterlässt bei uns doch erhebliche Zweifel inwieweit Michael Zeise wirklich nachhaltig ideologisch mit der Szene gebrochen hat. Denn weder das Gefühl des Versagens im eigenen Lebensweg, noch der Kontakt zu Menschen unterschiedlicher Herkunft und das Beteuern antirassistischer Phrasen sprechen für einen ideologischen Bruch. Der Beigeschmack verstärkt sich, wenn im selben Atemzug noch ein Buch angekündigt wird, was von ihm erscheinen soll und der Beitrag gleich noch Promo für sein neues Rap-Projekt ist.
Hinzu kommt, dass bisher nicht bekannt ist, dass Michael Zeise über seine alten Strukturen ausgepackt hat. Das ist eine wesentliche Voraussetzung, neben dem glaubhaften ideologischen Bruch, aus der Neonaziszene ausgestiegen zu sein und sich selbst den Rückweg in die alten Strukturen zu verbauen.

Da dies nicht geschehen ist, ist hier nicht von einem Ausstieg zu sprechen, sondern maximal von einem Rückzug aus der Szene und auch so ist er zu behandeln. Wir raten daher um Achtsamkeit, was den Umgang mit sog. „Aussteigern“ wie Michael Zeise angeht, wobei ein staatliches „Aussteigerprogramm“ wie „Drudel11“, deren Kooperation mit der Polizei ebenfalls kein Geheimnis ist, für uns als Freifahrtschein nicht zählt.

Wer wirklich aussteigen will macht das konsequent, ohne einen Weg zurück.

Abschließend wollen wir einen älteren Artikel aus dem AIB #74 dokumentieren, der sich mit der Problematik genauer auseinandersetzt:

Aussteiger, Rückzieher, Aufhörer, Austreter …
Zum komplizierten Umgang von AntifaschistInnen mit »AussteigerInnen« – Im AussteigerInnen-Business sind vor allem der Verfassungsschutz oder ihm nahe stehende Projekte involviert. Manchmal auch JournalistInnen auf der Jagd nach einer guten Story und hin und wieder antifaschistische Projekte. Der Unterschied zwischen diesen Gruppen liegt darin, ab wann ein »Ausstieg« als glaubwürdig angesehen wird.
Während für den Verfassungschutz und die Presse das primäre Kriterium meist die Loslösung von der Neonazi-Szene ist, bestehen AntifaschistInnen auf eine konsequente ideologische Umorientierung. So nahm das AIB Ende 1997 den »Ausstieg« des ehemaligen FAP-Funktionärs Norbert Weidner aus Bonn zum Anlass, um der Frage nachzugehen, wie AntifaschistInnen mit der wachsenden Zahl von AussteigerInnen umgehen sollten und welche Kriterien hierfür anzusetzen sind. Nach nunmehr zehn Jahren ist Norbert Weidner Pressesprecher der »Deutschen Burschenschaft« und das Thema »AussteigerInnen« immer noch aktuell.
Es gibt viele Gründe für Neonazis ihre Szene zu verlassen: Privater Ärger mit den »Kameraden«, Resignation, eine drohende Verurteilung vor Gericht, ein neuer Lebensabschnitt, andere Interessen, ein(e) neue(r) Lebensgefährte/Lebensgefährtin, Existenzangst, Heirat, eigene Kinder und etliches mehr. Viele verlassen still und unauffällig die politische Bühne und verschwinden ins Privatleben. Andere sprechen öffentlich von einem »Ausstieg«, da sie sich davon Vorteile vor Gericht versprechen oder von AntifaschistInnen ungestört ihren Geschäften und Interessen nachgehen wollen. Von einem »Ausstieg« kann hier kaum gesprochen werden, maximal von einem Austritt, von Rückzug oder einem Aufhören.
Aussteigen ist nicht Aufhören
(Ehemalige) Neonazis haben sich irgendwann als Individuen aufgrund ihrer eigenen, freiwilligen und bewußten Entscheidung dazu entschlossen, eine rassistische, antisemitische und neonazistische Politik zu betreiben. Genau das ist die Legitimationsgrundlage von AntifaschistInnen sie politisch wie auch persönlich dafür »haftbar« zu machen. Selbstverständlich sind Menschen veränderbar – ein »Gütesiegel« durch einen Ausstieg mit dieser Entscheidung konsequent gebrochen zu haben sollte jedoch von AntifaschistInnen nicht leichtfertig vergeben werden. Aus Sicht vieler AntifaschistInnen scheint es eine Art Selbstverständlichkeit zu sein, dass jemand früher oder später mit einer menschenverachtenden Weltsicht brechen will. Doch eben genau dieser nachvollziehbare Bruch muss als das notwendige Kriterium im Vordergrund stehen, um einen Ausstieg zu einem Ausstieg zu machen. Für andere Formen des Rückzuges aus der Neonazi-Szene sind andere Begrifflichkeiten zu verwenden (Abtauchen, Austritt, Rückzug, Aufhören).
Ein Ausstieg muss davon gekennzeichnet sein, dass die betroffene Person von sich aus ihre Ideologie als in allen Punkten falsch, menschenverachtend und nicht mehr länger vertretbar erkennt. Die ideologische Grundeinstellung muss als Hauptproblem angesehen werden, nicht deren Ausdruck, Glaubwürdigkeit oder Aktionsform. Es sollte davon ausgegangen werden, dass AussteigerInnen nicht von heute auf morgen ihre gesamten Überzeugungen über Bord werfen können. Ein Ausstieg bedeutet also, einen langen und schwierigen Prozess einer ideologischen Entwicklung durchzumachen, an dessen Ende nur die Konsequenz bleibt, sich selbstverständlich und konsequent gegen seine ehemaligen »Kameraden« zu stellen. Hierzu zählt auch offen Position gegen die extreme Rechte zu beziehen, eine Auseinandersetzung über begangene Taten zu suchen und Wissen über die Neonazi-Szene antifaschistischen Initiativen zur Verfügung zu stellen.
Erst die kompetente Auswertung solcher Informationen und eine ernsthafte Auseinandersetzung über neonazistische Ideologie bietet für AntifaschistInnen eine Grundlage, auf der eine erste Einschätzung über die Glaubwürdigkeit eines Ausstiegs getroffen werden kann. Je länger die Person in der Neonazi-Szene war und je höher sie in der Hierachie tätig war, um so kritischer sollten die Motive der Person für den Ausstieg geprüft werden. Bei Funktionsträgern sollte noch mehr als bei Mitläufern darauf geachtet werden, daß sie sich im Laufe des Ausstiegs-Prozeßes den Weg zurück zu ihren alten Neoazistrukturen und zurück zu den ehemaligen Weggefährten endgültig und nachweisbar verbauen. Dieses Verbauen muss aus eigenem Interesse und selbst gewollt erfolgen. Nicht immer bedeutet das auch, dass alles was ein Aussteiger berichtet, automatisch der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden muss. Wichtig ist es Mittel und Wege zu finden, mit denen ein Aussteiger seine Ernsthaftigkeit unter Beweis stellen kann. Die Bedingungen wie der Prozess eines Ausstieges in Zusammenarbeit mit AntifaschistInnen zu verlaufen hat kann selbstverständlich nicht der (ehemalige) Neonazi-Kader festlegen.
Nötige Grundsätze
Gerade bei einem »Ausstieg« von Neonazis über die linke Szene müssen bestimmte Grundsätze klar und garantiert sein. Hierzu zählen die Transparenz und Glaubwürdigkeit der Ausstiegsgründe, die Notwendigkeit des Begreifens um der vormals vertretenen Ideologie und die nachvollziehbare Veränderung dieser, sowie das Verbauen des Rückwegs, zum Beispiel durch das Offenlegen neonazistischer Strukturen an antifaschistische Projekte, die in der Lage sind entsprechende Angaben einzuschätzen. Auch für die beteiligten Personen gelten hierbei bestimmte Rahmenbedingungen, welche das Antifaschistische Infoblatt bereits 1997 einforderte: »Die Person(en), die einen Aussteiger direkt betreuen, müssen bereit sein, sich dabei kontrollieren zu lassen; sie sollten sich mit einem größeren Zusammenhang koordinieren und kurzschließen und sich dabei auch zugestehen können, daß über einen persönlichen Kontakt zu dem Aussteiger/der Aussteigerin die notwendige Distanz verloren geht. Das gilt insbesondere, wenn der Kontakt den Charakter einer Freundschaft annimmt. Solange ein Aussteiger/eine Aussteigerin nicht öffentlich und unumkehrbar mit seinen/ihren Nazizusammenhängen und mit der entsprechenden Ideologie gebrochen hat, kann es keine Gründe für persönliche Freundschaften geben (…) Wenn Unsicherheit über den richtigen Umgang mit einem Aussteiger/einer Aussteigerin besteht, ist es in jedem Fall besser, sich an Menschen und Zusammenhänge mit Erfahrungen in diesem Bereich zu wenden, als spontan und unüberlegt draufloszumachen«.1
Keine falsche Eile
Am Ende eines langen Prozesses steht wohlmöglich ein Ausstieg – ein Freifahrtschein, um in antifaschistischen Strukturen mit mischen zu können ist für den Aussteiger damit noch nicht automatisch erreicht. Wenn sich ein Aussteiger von einem Moment zum nächsten als geläuterter Antifaschist präsentiert, ist in jedem Fall Mißtrauen angebracht. Hier sollte in jedem Fall doppellt genau nach der Glaubwürdigkeit des Ausstieges und der offengelegten Legende geschaut werden. Für einen Sinneswandel vom Faschisten zum Antifaschisten ist ein wesentlich längerer Zeitraum und ein erhebliches Maß an Selbstreflektion als Maßstab anzulegen. Bei einer Anfrage nach einer direkten Aufnahme in antifaschistische Zusammenhänge ist allergrößte Sorgfalt geboten. Bedacht werden sollte hierbei auch, daß ein scheinbar einfacherer und problemloser Wechsel in kürzester Zeit von »ganz Rechts« nach »ganz Links« eine fatale Auswirkung auf die politische Glaubwürdigkeit der antifaschistischen Bewegungen haben könnte. Außerdem bieten solche Übertritte natürlich auch den konservativen und rechten Vertretern der Totalitarismustheorie und der sogenannten »Hufeisentheorie«2 neue Argumente.

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