Berlin - Timo Grönke - Ein Ausstieg ist noch keine Aufarbeitung.

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Der Name Timo Groenke ist vielen Antifaschist*innen in Berlin sicher ein Begriff. Mindestens in den Jahren 2024 und 2025 war er ein wichtiger Akteur in jugendlichen Neonazinetzwerken. Heute präsentiert er sich hingegen öffentlich als Neonazi-Aussteiger. Er versuchte zunächst linke Demonstrationen zu besuchen und engagiert sich seit Kurzem bei den Grünen in Marzahn-Hellersdorf. Diese schnelle Abkehr von der Neonaziszene in Kombination mit dem direkten Versuch, in andere Strukturen zu gelangen, wirft für uns Fragen auf. Deshalb möchten wir einige Gedanken zum vermeintlichen Ausstieg von Timo Grönke veröffentlichen.

Eines vorweg: Menschen können sich verändern und wir begrüßen es grundsätzlich, wenn Menschen die Neonaziszene dauerhaft verlassen. Dabei spielt es selbstverständlich eine Rolle, wie alt die Personen waren als sie in die Szene eingestiegen sind, wie lange sie darin waren und welche Aufgaben sie übernommen haben. Es geht uns ausdrücklich NICHT darum zu sagen: „Einmal Nazi, immer Nazi“. Aber ein seriöser Ausstieg bedeutet mehr, als sich von ehemaligen Kameraden zu distanzieren. Ein Ausstieg bedeutet, für einen dauerhaften Bruch mit der Szene zu sorgen, und sich damit auseinanderzusetzen, warum extrem rechte Weltbilder als politisch ansprechend empfunden wurden. Das ist um einiges vielschichtiger als einfach eine neue Geschichte über sich selbst zu erzählen.

Im Fall von Timo Grönke kommt es aus unserer Sicht zu einer erheblichen Verkürzung der eigenen Taten in der Vergangenheit, wodurch er eine tiefergehende Auseinandersetzung mit seiner Schuld umgeht. Aufarbeitung wird stattdessen auf sozialarbeiterische Angebote, wie das zurecht kritisierte "Violence Prevention Network" oder polizeiliche Stellen ausgelagert. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass Grönkes Hauptgrund für die Auseinandersetzung mit seiner Zugehörigkeit in der Neonaziszene vor allem der Druck von außen war. Auf Repression folgt ein "Deradikalisierungsprogramm" und der Austausch mit Repressionsorganen. Aus seinen Erzählungen entsteht der Eindruck, dass er nicht mehr Nazi ist, weil er seinem Hobby als Schiedsrichter aufgrund von antifaschistischem Druck nicht mehr nachgehen konnte und die anderen Neonazis nicht besonders nett zu ihm waren. Zur Rechtfertigung seines jahrelangen Engagements verbreitet Grönke nun öffentlich die bekannte Erzählung vom jungen Mitläufer, der eigentlich nur durch seine Suche nach Anerkennung in die Szene geraten sei. Allerdings lässt dieses Narrativ wesentliche Aspekte seiner damaligen Aktivitäten unerwähnt. Eine ideologische Aufarbeitung und eine umfassende inhaltliche Distanzierung bleiben aus.

Aus den antifaschistschen Veröffentlichungen zu Timo Grönke wird schnell klar, dass er keineswegs nur ein unauffälliger Akteur am Rand war, der nur - wie er behauptet - deswegen ins Visier der Ermittlungsbehörden geriet, weil er lediglich auf Anweisung von Gruppenleiter Julian Milz Feuerwerkskörper in seiner Tasche mitgeführt hätte. Grönke war zu seiner Zeit als jugendlicher Neonazi einer der aktivsten Akteure des Netzwerks um "Deutsche Jugend Voran" in Berlin. Er machte nicht nur still mit, sondern versuchte selbstständig Menschen nach rechts zu politisieren und zu mobilisieren.

Grönke inszenierte sich einige Zeit auf Demonstrationen als eine Art Journalist/Influencer und betätigte sich als Fotograf, dessen Fotos eine extrem rechte Selbstdarstellung bedienten. Daneben betrieb er - wenn auch wenig erfolgreich - ein rechtes Internetprojekt unter dem Namen „DEaktuell“. Dort behauptete er bereits damals, politisch neutral zu sein, verbreitete aber gleichzeitig rechte Inhalte und zeigte unkritisch Personen, wie seinen ehemaligen Kameraden Julian Milz. Seine Darstellungen waren bereits damals durchaus widersprüchlich: Während er die Gewalt von Julian Milz einerseits nach dessen Razzia auf seinem Instagram-Account strategisch kritisierte, unterstützte er andererseits die Öffentlichkeitsarbeit für seine Kameraden mit seinem Internetprojekt. Insgesamt zeichnete sein Auftreten ein durchaus sprunghaftes Bild. So unterstützte Grönke zunächst die Neonazi-Demonstrationen, die Ferhat Sentürk in Berlin organisierte, wetterte aber nur kurz danach gegen diese mit dem Wortlaut "Scheißt auf die Tü****demo".
Timo Grönke war dementsprechend nicht einfach ein Verstärker der Ansichten von DJV und Konsorten. Er verbreitete eigenständig rechte Inhalte. So postete er beispeilsweise Anfang 2025 selbstständig Aufrufe zur Störung eines antifaschistischen Protests am 22. Februar in Berlin-Hohenschönhausen gegen eine AfD-Kundgebung. An diesem Tag nahm Grönke wiederum in blauer Parteikleidung an der Versammlung teil. Seine Verbindungen zur AfD spielen in den bisherigen Auseinandersetzungen jedoch keine Rolle. Insgesamt klangen die Beiträge auf seiner Homepage und seine Postings auf sonstigen Kanälen nicht nach Angst vor der Führungsebene der DJV. Vielmehr erschien es so, dass er selbst danach strebte, eine starke Rolle in der Öffentlichkeit einzunehmen. Schon in seiner Zeit als Neonazi war Timo Grönke ein ausgewiesener politischer Selbstdarsteller. Dabei unterstützte er die Neonaziszene auch auf der Straße. Er war 2024 und 2025 bundesweit vielfach auf Neonazi-Aufmärschen anzutreffen, u.a. in Berlin, Chemnitz und Dresden. Er fiel dabei wiederholt durch extrem aggressives Auftreten auf.

Diese Aggressivität, sein bedrohliches Verhalten gegenüber Journalist*innen und Antifaschist*innen und seine starke Präsenz in der Szene (auf der Straße und auf Social Media) gehören zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit dazu. Auch das wiederholte öffentliche Verwenden von neonazistischen Codes, wie "SS" und die Zahl "88", sind Teil dieses Bildes. All diese Vorkommnisse sind gerade einmal 1-2 Jahre her. Wir bestreiten nicht, dass er heute tatsächlich nichts mehr mit seinen ehemaligen Neonazikameraden zu tun haben möchte. Wir glauben ihm auch, dass er durch seine öffentliche Abkehr von der Neonaziszene mit Bedrohungen und Beleidigungen zu leben hat. Aber wir fragen uns, warum die eigene Vergangenheit in seiner Ausstiegserzählung so selektiv behandelt wird. Zudem ist auffällig, dass er öffentlich nur solche Tatsachen preisgibt, die bereits durch antifaschistische Recherchen belegt sind. Anderes Wissen, das er in seiner Zeit bei "Deutsche Jugend Voran" erlangt haben müsste (wie Treffpunkte, Namen der Unterstützer*innen, konkrete Planungen von Gewalttaten), kommen in seinen Darstellungen nicht vor. Es erscheint fragwürdig, dass ein zentraler Akteur der jungen Neonaziszene nicht mehr über diese weiß als antifaschistische Recherchegruppen. Für einen glaubhaften Bruch mit der Szene würde eine umfassende Darlegung von Wissen gegenüber selbstorganisierten Strukturen (und nicht nur den Cops) dazugehören, um sich wirklich jeden Rückweg zu verbauen und die Ernsthaftigkeit des eigenen Ausstiegsanliegens zu untermauern.  

Stattdessen erleben wir gerade, wie Timo Grönke mit einem inhaltlich dünnen, aber öffentlich stark aufgearbeiteten Ausstieg erneut Aufmerksamkeit einfordert und diese ihm auch unkritisch gewährt wird. Das reicht von zahlreichen Interviews mit unterschiedlichen Medien in der letzten Zeit bis hin zu Einladungen von YouTubern in diverse Formate. So druckt beispielsweise Erik Peter von der Taz Grönkes Wunsch ab, künftig an Prides und anderen Demonstrationen teilnehmen zu dürfen. Hier soll ganz klar Druck auf die Organisator*innen aufgebaut werden; ganz nach dem Motto "Der geläuterte Aussteiger möchte doch niemanden Angst machen!" Insgesamt bestätigt sich für uns das Bild von Timo Grönke als politischem Selbstdarsteller. Warum wird seiner Erzählung, die nicht über antifaschistische Recherchen hinaus geht, öffentlich so viel Raum gegeben? Und warum finden die Perspektiven und Erfahrungen derjenigen, die von der Gewalt der Neonazigruppe betroffen waren, die von Grönke aggressiv bedrängt, mit Gesichtern geoutet und bedroht wurden, kaum Gehör? Es scheint, dass es Timo Grönke bei seinem Ausstieg vor allem um sich selbst geht und seine Strategie bei bürgerlichen Medien - gerade auch bei denen mit einem linken Anstrich - anschlussfähig bleibt.

Uns ist bewusst, dass unsere Kritik auf Widerspruch stoßen kann. Mittlerweile ist Timo Grönke Mitglied der Grünen in Marzahn-Hellersdorf. Zuvor wollte er sich im Mai 2026 in antifaschistischen Strukturen organisieren und präsentierte sich mit "Hammer und Sichel"-Shirt auf Instagram. Inzwischen hat Grönke zahlreiche persönliche Netzwerke außerhalb der Neonaziszene aufgebaut, in denen ihn Menschen als sympathisch und offenherzig erleben. Anhand dieser Erfahrungen heißt es dann, dass er sich öffentlich gegen Rechts positioniert und deshalb Anfeindungen durch die Neonaziszene erfährt. Dennoch ersetzt das Mitgefühl keine politische Aufarbeitung. Und eine Mitgliedschaft bei den Grünen ist kein Beweis für einen abgeschlossenen ideologischen Aufarbeitungsprozess. Erst recht nicht, wenn es sich um Personen wie Grönke handelt, die innerhalb eines Jahres vom Neonazi, zum "Kommunisten" zum Grünen-Mitglied gewechselt sind. Vielmehr wirft dieser häufige Wechsel der politischen Identität weitere Fragen auf und ist sicherlich keine tiefgründige Auseinandersetzung mit der eigenen politischen Vergangenheit oder Persönlichkeit.

Es geht uns nicht darum, Timo Grönke jegliche politische Veränderung abzusprechen. Es geht uns darum, welche Maßstäbe an einen solchen Veränderungsprozess angelegt werden, damit dieser umfassend und glaubhaft ist. Außerdem müssen wir fragen, warum gerade Grönke diese öffentliche Bühne bekommt. Ein Ausstieg kann ein Anfang sein. Aber er ist kein Persilschein und keine Eintrittskarte in neue politische Zusammenhänge. Aussteiger sollten in erster Linie eins: Reue zeigen, die eigene Schuld aufarbeiten und dabei Betroffenen zuhören. Timo Grönke ist stattdessen Influencer geworden. Was ihm in der rechten Szene nicht gelungen ist, gelingt ihm nun mit Hilfe von zahlreichen Plattformen, die ihm mit seinen halbgaren Geschichten freudig Reichweite geben. 

Wir sollten genauer hinschauen, wem hier eine Plattform geboten wird und vor allem, welche Perspektiven dabei unsichtbar bleiben.

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