[Leipzig] Das war erst der erste Streich - Militanter Bericht von wilder Genz-Z-regelt Demonstration

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Wir hatten an diesem Samstag keine großen Erwartungen. Der wahnhafte Medienrummel, die verrammelten Scheiben in der Leipziger Innenstadt und die Mobilisierung des „GenZ regelt”-Bündnisses, die jeder Vorstellung von der Bewegung in Frankreich zuwiderläuft, haben bei uns eher Irritation als Stimmung aufkommen lassen. Die wenigen Genoss*innen, die sich von der Absurdität der deutschen Spielart einer Jugendbewegung nicht ablenken ließen und weiterhin Potenzial darin sahen, wurden von uns belächelt. Nichtsdestotrotz sind wir mit einigen erfahrenen Genoss*innen um 14:00 Uhr zum Augustusplatz gegangen, um wie alle anderen herauszufinden, ob die mediale Hetze gegen Ausschreitungen, Plünderungen und Revolte mittels des Streisand-Effekts mehr Leute mobilisiert als unsere aktivistischen Bemühungen (Danke, Springer Presse an dieser Stelle). Nach einem intensiven Nachmittag und Abend müssen wir feststellen, dass wir mit unserer Zynik Unrecht hatten und die Optimist*innen Recht haben – der Funke scheint vorerst übergesprungen zu sein. Neben den tollen Bildern aus Frankfurt, Hamburg und Berlin wird in der Berichterstattung über Leipzig ein Großteil der wilden Demo verschwiegen oder das Ausmaß verleugnet, weshalb wir dem Nachhilfe geben wollen. Selbst unsere eigenen Genoss*innen haben es kaum mitbekommen, sollten sich aber für die nächste Zeit bereitmachen. 

 

„Wann geht es denn endlich ab? – leicht sächselnde Jugendliche mit Pufferjacken

 

 

Als wir am Augustusplatz ankamen, war dort zwar eine mehrere tausend Leute große Menschenmenge, aber grundsätzlich nicht viel mehr los als bei den besser besuchten Schulstreiks gegen die Wehrpflicht in diesem Jahr. Auffällig war die leicht veränderte Zusammensetzung mit sichtbar mehr jungen Leuten, weniger Aktivist*innen und vielen größeren Gruppen am Rand, die weniger von den Friedlichkeitsverpflichtungen der Demo-Orga, sondern von den erwarteten Unruhen motiviert schienen. Im Laufe der Demo spürte man eine zunehmende Anspannung, es wurde durchweg Pyro gezündet (wann ist das auf einer angemeldeten Versammlung in Leipzig das letzte Mal passiert?), einzelne Flaschen flogen und die Meute hatte zunehmend mehr Spaß, sodass die organisierte Langeweile der Latschdemo aufgebrochen werden konnte. Im anarchistischen Mini-Block kam es neben Parolen gegen die offensichtlich gestresste Polizei am Ende zu Aufrufen zum Plündern, die von mehreren krawallbereiten Jugendlichen mitgebrüllt und weiterverbreitet wurden. Hier hatte es sich schon während der Demo der aktionsorientierte Teil hingezogen, auch wenn die Verteilung der Pyrotechnik und Störaktionen über die ganze Demo dafür gesorgt hat, dass es schwer war, das Ganze zu unterbinden.

 

 

„Ja, auf jeden Fall, ab in die Innenstadt – Minderjährige mit Palästina-Aufkleber.“

 

 

 

Am Augustusplatz angekommen, kam es direkt beim langsamen Abströmen der Teilnehmer*innen zu einer Festnahme wegen Diebstahls einer Deutschlandfahne, wie wir im Nachhinein erfahren haben. Als die Person von zwei Polizisten an die Wand gedrängt und kontrolliert wurde, solidarisierten sich sofort etwa 200 Jugendliche mit lauten Parolen und aggressiver Stimmung. Sie stellten sich um die absichernden Einheiten, woraufhin die Kontrolle abgebrochen wurde. Als die Menge sich an ihrem Erfolg berauschte und weiter aufgeputscht wurde, mussten die Polizisten vor der Menge fliehen, die ihnen mit Wurfgeschossen nachsetzte. 

 

Danach war das Chaos ausgebrochen. Allen war klar, dass das Ganze hier nicht vorbei ist, sondern gerade erst losgeht. Während die wenigen erfahrenen Genoss*innen, die Leute zu weniger unnötiger Panik anhalten und andere laut mit allen über den einzuschlagenden Weg diskutieren, machen sich die ersten Gruppen am Gleisbeet zu schaffen. Nachdem erst einmal wild umhergerannt und nur mit Mühe geschafft wurde, die Leute auf die Straße statt auf den Gehweg zu bringen (immer noch deutsche Jugendliche am Ende), kamen die ersten Rufe, in die Innenstadt zu ziehen und den Konservativen zu geben, wovor sie seit Wochen panisch warnen. Das wird dann auch schnell von präpubertären Stimmlagen wiederholt. 

 

Bis auf eine kleine Sponti, die durch Pfefferspray daran gehindert wird, zieht es die Masse eher Richtung großer Bullenwache an der Dimitroff. Als wir mit viel Energie fast angekommen waren, konnte Team Blau gerade noch ihre Kräfte mobilisieren, um uns etwas wegzubringen. Der Mob ließ sich aber nicht aufhalten, sondern zog Richtung Bayerischer Bahnhof, wo es erneut zu Pfeffereinsätzen, umgeworfenen Mülltonnen und einzelnen Steinwürfen kam. Da es trotz selbstbewusster Initiativen der jungen Genoss*innen aber kein klares Ziel gab, zerstreute es sich etwas. 

 

 

 

„Sollen wir zu den Bullen? Ok, aber dann alle zusammen!“ – junge Genossinnen mit roten Halstüchern

 

 

 

Wir dachten, es wäre jetzt vorbei. Schließlich kann man hier in Deutschland immer nur so weit denken, wie man es kennt, und da nichts von den üblichen Kreisen vorbereitet war, wird auch nichts gehen. Aber als wir auf der großen Karl-Liebknecht-Straße ankommen, staunen wir nicht schlecht: Bestimmt 500 Leute scheinen sich wiedergefunden zu haben. Vorne eine Fahne, in der Mitte motivierte, halbvermummte Personen, die alles auf jede Straße werfen, was sie finden können. Dahinter einzelne Personen, die Bushaltestellen und Werbeschilder entglasen. Es fehlt an mehr Koordinierung, zielgerichteteren Aktionen und schlicht Pyrotechnik, die offensichtlich auf der Demo erschöpft wurde – schließlich hat hier niemand damit gerechnet.

Überall herrscht aufgebrachte Stimmung und die geteilte Freude, einen Moment zu erleben, der in Leipzig selten ist oder auf jeden Fall seit Jahren nicht mehr existiert hat. 

 

In der Kurt-Eisner-Straße steht das erste Auto der Staatsgewalt. Die Polizei war zuvor auffällig unfähig, hinterherzukommen und Kräfte zu verschieben. Die marodierende Masse ist sich kurz unsicher, wie sie damit umgehen soll. Die Angst vor dem Polizeiknüppel und dem Kessel scheint groß zu sein, und das Vertrauen in die eigene Stärke klein. An Ende hätte es schließlich nur zwei bis drei entschlossene Angreifende gebraucht, um das eine Auto zu überzeugen, wieder zu fahren. Gegen die spürbare Angst wurde sich dann aber gemeinsam gestellt und ein Teil der Masse hat sich formiert, um die Polizei zu umfließen und weiter Richtung Connewitz zu gehen. Erst am Kantpark waren es zu viele Polizeifahrzeuge für den Mut und die Unerfahrenheit der jungen Leute, sodass sich alles auflöste. Die Polizisten mussten dann natürlich noch die umherlaufenden Minderjährigen erst verprügeln und dann 20 von ihnen festnehmen, wobei man ihre Wut über diesen Kontrollverlust, an den sie einfach nicht gewöhnt sind, sehen und hören konnte. Es hat auch noch bei einer Schule gebrannt (https://medienservice.sachsen.de/medien/news/1100883).

 

"Fuck, wäre ich mal hingegangen" autonomer Genosse beim Feierabendbier

 

 

Um den Kessel versammeln sich dann über Stunden Genoss*innen und Crash-Kids, die unterstützen, informieren und die Nacht immer wieder mit lauter Pyrotechnik erhellen. So hatten die Bullen nach ihrer Heli- und Drohnenbewegung nach zu urteilen keinen ruhigen Abend.

 

Viele von uns waren nicht dabei, weil sie die Sache verständlicherweise nicht ernst genug genommen haben. Selbst wenn sie dabei waren, waren sie schlicht nicht spontan handlungsfähig. Das ist auf jeden Fall ein Problem unserer Kreise, das wir so schnell nicht lösen werden. Es darf uns aber nicht davon abhalten, jetzt umzuschwenken und aus unserem Trott herauszukommen. 

 

 

Als Genoss*innen, für die das nicht die erste wilde Demonstration war, würden wir sagen: Der Funke ist übergesprungen.

 

Zumindest gestern war er das. Natürlich nur im Rahmen dessen, was in Deutschland realistisch ist. Aber wenn wir die Plünderungen in Frankfurt und die brennenden Barrikaden in Hamburg sehen, dann ist da Potenzial. Wenn sich diesen diffusen Aufrufen jetzt schon 7.000 bis 8.000 Menschen anschließen, dann hat das Potenzial, gerade weil der wilde Teil den Leuten eher Lust auf mehr bereiten wird.

 

Mehrere hundert, wenn nicht sogar ein bis zwei tausend, wollten ehrlich demonstrieren, wie in Frankreich. Selbst aus solch angepassten Protesten kann etwas entstehen. Wir haben die Chance, endlich an einer aufrührerischen Jugendbewegung mitzuwirken, und sollten diese nicht ungenutzt lassen. 

 

Es gibt bereits Aufrufe, die unterstützt werden könnten (https://de.indymedia.org/node/868169). Wir sollten zu den offenen Treffen gehen und alle dazu ermutigen, weiterzumachen, wie sie es in Frankreich tun und damit endlich aus dem ritualisierten alle paar Monate um-den-Ring-Spazieren auszubrechen. Wir müssen aufwachen und die Wut der jungen Leute ernst nehmen.

 

 

Oder wie die Jugendlichen auf der Demo (hoffentlich nicht nur)ironisch gefordert haben:   

    Leute lasst das glotzen sein, lasst uns in die Läden rein! 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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