Verwaltungsdigitalisierung: Vieles unklar bei der Deutschland-App
<p>Mit der Deutschland-App will Digitalminister Karsten Wildberger die öffentliche Verwaltung zügig digitalisieren. Umsetzen soll das Projekt die Telekom. Doch die Bundesregierung hat keinen Überblick darüber, was der Konzern genau macht, wie die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage zeigt.</p>
<figure class="wp-caption entry-thumbnail"><img width="2560" height="1442" src="https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/10/wildberger-deutschland-app... class="attachment-landscape-860 size-landscape-860 wp-post-image" alt="Karsten Wildberger am Rednerpult im Bundestag" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/10/wildberger-deutschland-app... 2560w, https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/10/wildberger-deutschland-app... 860w, https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/10/wildberger-deutschland-app... 1198w, https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/10/wildberger-deutschland-app... 380w, https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/10/wildberger-deutschland-app... 1536w, https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/10/wildberger-deutschland-app... 2048w" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" /><figcaption class="wp-caption-text">Karsten Wildberger sprach im Bundestag Anfang September über das Digitalbudget. <span class='media-license-caption'> – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / dts Nachrichtenagentur</span></figcaption></figure><p>Die öffentliche Verwaltung zu digitalisieren und den Staat zu modernisieren, hat sich Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) von Anfang an auf die Fahnen geschrieben. Sein Ziel sei ein Staat, „der mehr kann“, so der Minister in seiner <a href="https://www.bundestag.de/mediathek/video?videoid=7656482">Rede</a> zur Haushaltsdebatte. Dabei inszeniert er sich als Anpacker, der tiefsitzende Probleme der Digitalisierung überwindet, etwa fehlende IT-Standards oder föderale Hürden.</p>
<p>Wildbergers Mittel der Wahl ist <a href="https://netzpolitik.org/2026/statt-datenstrategie-digitalministerium-wil... KI</a>: Sie bildet auch die Basis seiner Verwaltungsplattform und der damit verbundenen Deutschland-App. Die Vision: Bürger*innen nutzen die App, können darüber Anträge stellen oder Termine beim Amt buchen. Die KI soll Verwaltungsleistungen sowie ‑informationen für Bürger*innen hier zentral zugänglich machen und zwar über Ländergrenzen hinweg. Ein solcher Zugang scheitert bislang daran, dass die Systeme der verschiedenen föderalen Ebenen häufig nicht miteinander kompatibel sind.</p>
<p>So überzeugt sich Wildberger bei der Haushaltsdebatte auch gibt, zum Projekt kann er bislang wenig Konkretes sagen. Das zeigt die noch unveröffentlichte <a href="https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/10/260930_KA_D-App_Antwort.pd... der Bundesregierung</a> auf eine <a href="https://dip.bundestag.de/vorgang/entwicklungsstand-der-deutschland-app/3... Anfrage</a> der Linken zum „Entwicklungsstand der Deutschland-App“.</p>
<h2>Unklarheit über beteiligte Firmen</h2>
<p>Welche Firmen sind an der Umsetzung beteiligt? Wie viel kostet das Projekt und mit welchen Kosten ist noch zu rechnen? Welche Funktionalitäten soll die Deutschland-App umfassen? Wie läuft die Abstimmung mit den Pilotkommunen? Diese Fragen kann die Bundesregierung nicht oder nur vage beantworten.</p>
<p>In großen Teilen zieht sie sich auf die Position zurück, dass die Generalunternehmerin des Projekts die Details verantwortet. Generalunternehmerin ist die Deutsche Telekom, genauer die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/T-Systems">T‑Systems</a> International GmbH. Sie soll einen „Prototyp der KI-basierten Verwaltungsplattform und der App entwickeln“.</p>
<p>Im Mai wurde bekannt, dass die <a href="https://netzpolitik.org/2026/fuer-250-millionen-euro-bund-schafft-neue-a... mit dem Software-Hersteller SAP</a> zusammenarbeiten will. Auch <a href="https://www.heise.de/news/Bundesregierung-vergibt-250-Millionen-Euro-Auf... Digits</a> wurde als Auftragnehmer bekannt. In ihrer Antwort jedoch weiß die Bundesregierung nichts zu SAP und Schwarz Digits und ihrer Beteiligung am Projekt und ihren Aufgabenbereichen zu sagen.</p><div id="netzpolitik-cta-532765" class="netzpolitik-cta"><p align="center">–––</p>
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<p>Die „Nachunternehmer und Lieferanten“ wähle die Telekom aus, schreibt die Bundesregierung. Die übernehme auch die Steuerung des Projekts und entscheide selbstständig, welche Entwicklungsaufgaben sie an wen vergibt.</p>
<h2>Unklarheit über Kosten</h2>
<p>Den Auftrag für das Projekt habe die Telekom nicht über eine Ausschreibung bekommen. Stattdessen habe der Bund „bestehende Rahmenverträge“ genutzt; diesen sei „jeweils ein wettbewerbliches Vergabeverfahren vorausgegangen; eine erneute Ausschreibung war für den Abruf nicht erforderlich“. Gerüchte darüber, die Vergabe sei über GovTech Deutschland erfolgt, räumt die Bundesregierung mit einem klaren „Nein“ aus.</p>
<p>Produktmanagement, Testing und Produktsteuerung sollen <a href="https://www.itzbund.de/DE/home/home_node.html">ITZBund</a>, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft <a href="https://kpmg.com/de/de.html">KPMG</a> AG und die Beratungsfirma <a href="https://www.capgemini.com/de-de/">Capgemini</a> Deutschland GmbH übernehmen – in der ersten Phase des Projekts. Mit diesen drei Unternehmen hat die Bundesregierung bereits Rahmenverträge. Das maximale Volumen für alle liegt bei 1,2 Millionen Euro. Ob die voll ausgeschöpft werden, hänge davon ab, „ob und in welchem Umfang im Projektverlauf des Piloten verschiedene Bausteine, optionale Leistungen oder Unterstützungsbedarfe beauftragt werden“, so die Bundesregierung.</p>
<p>Welche Kosten des Projekts bislang entstanden sind, scheint die Bundesregierung hingegen nicht auf dem Schirm zu haben, auch nicht, mit welchen Kosten sie noch rechnet.</p>
<h2>Zeitrahmen und Funktionalitäten unklar</h2>
<p>Über den zeitlichen Rahmen des Projekts kann die Bundesregierung ebenfalls keine Angaben machen. Auch darüber entscheide die Telekom als Generalunternehmerin. Mit ihr sei lediglich vereinbart, das Projekt in zwei Stufen umzusetzen: in „einem Proof of Concept und einem darauf aufbauenden Minimum Viable Product mit anschließendem Friendly User Test“.</p>
<p>Zur Frage danach, welche Funktionalitäten für die Deutschland-App Telekom und Co. entwickeln sollen, gibt die Bundesregierung keine Antwort. Sie gibt lediglich an: Die Telekom solle den Prototyp für Plattform und App konzipieren und einführen, mit ausgewählten „Verwaltungsleistungen aus den Bereichen Familie, Wohnen, Soziales und Unternehmensgründung“. Weitere Einzelheiten könne man nicht preisgeben, „da Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse Dritter sowie sicherheitsrelevante Belange betroffen“ seien.</p>
<p>Die Pilotkommunen Dortmund, Dresden, Erfurt, Hamburg, Nürnberg und Wiesbaden sollen den Prototyp testen. Wie die Bundesregierung bestätigt, finden während der Pilotphase mehrere Treffen der Kommunen, des BMDS und T‑Systems statt. Dokumentiert werden die jedoch nicht, zumindest kann die Bundesregierung keine „vollständige Aufstellung sämtlicher Treffen einschließlich Datum, Thema und Teilnehmenden“ liefern, obwohl doch mindestens „die Stunden der Unternehmensvertreter*innen über ihren Stundensatz für diese Treffen auch bezahlt werden“, gibt Sonja Lemke (Die Linke) gegenüber netzpolitik.org zu bedenken. Sie ist Sprecherin für Digitale Verwaltung und Open Government für die Linksfraktion im Bundestag.</p><div id="netzpolitik-cta-533110" class="netzpolitik-cta"><p align="center">–––</p>
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<p>Zweifelhaft sei auch, wie gut die Beteiligten aus Wirtschaft und Bundespolitik das Projekt umsetzen könnten, immerhin sei nicht klar, ob sie „Kompetenzen im Bereich kommunaler Verfahren“ haben, erklärt Lemke. Zu befürchten sei, dass dieser „entwickelte Prototyp nicht auf andere Kommunen oder Verfahren übertragbar sein“ wird.</p>
<h2>Neue Abhängigkeiten</h2>
<p>Auf der anderen Seite bestehe hier die Gefahr, sich von großen Firmen abhängig zu machen, mahnt Lemke. Die würden sich auf „die kommunalen Verfahren und Besonderheiten“ spezialisieren, um Kommunen als Kundinnen zu binden. Über den Lock-in-Effekt könnten Telekom und SAP Kommunen langfristig Konditionen und „Preise diktieren“.</p>
<p><a href="https://netzpolitik.org/2026/kritik-an-deutschland-app-menschenzentriert... an der Deutschland-App</a> kommt indes auch vom eigenen Koalitionspartner. Im August monierte die SPD in einem internen Papier unter anderem, dass die Deutschland-App einen Chatbot vorschalte und „nicht am Alltag der Menschen“ orientiert sei. Auch Lemke kritisiert, was bisher bei der Verwaltungsdigitalisierung versäumt wurde, könnten KI-Systeme nicht lösen. Sie würden „oberflächlich Ordnung schaffen und mit hübschem Interface Bürger*innen vorgaukeln, die Verwaltung sei jetzt durch und durch digitalisiert“, so Lemke.</p>
<p>Die Software für die Deutschland-App soll in einer „KI-Cloud“ laufen. Sie ist Teil des Großprojekts IT-Infrastruktur für die öffentliche Verwaltung. Für deren Umsetzung hat das BMDS gut 250 Millionen Euro veranschlagt.</p>
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