Autistici / Inventati: Es ist immer noch viel zu still

<p>Anne Roth hat vor 19 Jahren ein Blog bei NoBlogs.org gestartet. Jetzt hat die unkommerzielle Plattform dicht gemacht, weil die USA das dahinter stehende Tech-Kollektiv als Terrorismus eingestuft haben. Die USA greifen damit direkt und ohne jedes Verfahren die Meinungs- und Internetfreiheit in anderen Ländern an.</p>
<figure class="wp-caption entry-thumbnail"><img width="2560" height="1442" src="https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/09/mick-haupt-6m8r7OO5UHg-uns... class="attachment-landscape-860 size-landscape-860 wp-post-image" alt="Fotografierte Lexikonseite mit &quot;Censorship&quot;" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/09/mick-haupt-6m8r7OO5UHg-uns... 2560w, https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/09/mick-haupt-6m8r7OO5UHg-uns... 860w, https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/09/mick-haupt-6m8r7OO5UHg-uns... 1198w, https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/09/mick-haupt-6m8r7OO5UHg-uns... 380w, https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/09/mick-haupt-6m8r7OO5UHg-uns... 1536w, https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2026/09/mick-haupt-6m8r7OO5UHg-uns... 2048w" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" /><figcaption class="wp-caption-text">Die Terror-Sanktionen der USA gegen das Tech-Kollektiv sind eine besondere Form internationaler Zensur. (Symbolbild) <span class='media-license-caption'> – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com: <a href="https://unsplash.com/de/fotos/nahaufnahme-eines-aufgeschlagenen-buches-m... >Mick Haupt</a></span></figcaption></figure><p>Im Spätsommer 2007 suchte ich nach einem Blog, um eine <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Andrej_Holm#Ermittlungsverfahren_und_%C3%9... ungewöhnliche Geschichte</a> aufzuschreiben. Mein Freund war früh am Morgen in der Wohnung unserer Familie in Berlin von SEK-Einheiten der Polizei festgenommen worden. In diesem Moment erfuhren wir, dass er verdächtigt wurde, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein. Seit einem Jahr stand er unter Anti-Terror-Überwachung und ich war, gewissermaßen als Kollateralschaden, auch davon betroffen.</p>
<p>Er ist kein Terrorist und war es nie. Er wurde schließlich nach einigen Wochen freigelassen. Das Ermittlungsverfahren wurde später eingestellt. Das ist eine <a href="https://netzpolitik.org/2024/systemeinstellungen-04-unter-terrorverdacht... Geschichte</a>.</p>
<h2>Blogs ohne Tracking</h2>
<p>Ich wollte im Netz darüber schreiben, was die Überwachung mit uns gemacht hat und wie sie sich auf unseren Alltag ausgewirkt hat. Ich hatte von einem noch recht neuen Phänomen namens „Blogs“, oder Weblogs, gehört, mit denen Texte veröffentlicht werden konnten, ohne gleich selbst eine komplette Website einrichten zu müssen. Genau das brauchte ich: die Möglichkeit zu veröffentlichen, ohne mich um Software-Updates, Sicherheit oder Domain-Registrierung kümmern zu müssen.</p>
<p>Ich war schon vor diesem Vorfall als Netzaktivistin aktiv und wollte ganz bestimmt nicht dazu beitragen, dass meine Leser*innen irgendeiner Form von Tracking ausgesetzt wären, sei es kommerziell oder staatlich. Es war schwierig genug, über unsere Situation zu informieren, ohne dabei andere der Gefahr auszusetzen, durch den Kontakt zu uns selbst ins Visier zu geraten. Ich war also sehr froh, als ich auf die Blog-Plattform stieß, die von <a href="https://www.inventati.org/">Autistici/Inventati</a> (A/I) betrieben wurde, dem italienischen Tech-Kollektiv, das versprach, all das nicht zuzulassen.</p>
<p>Während ich dies schreibe, ist noch lesbar, für wen sie <a href="https://web.archive.org/web/20260917150522/https://noblogs.org/">noblogs... betrieben. Dort heißt es:</p>
<blockquote><p>Noblogs.org ist ein Projekt des Kollektivs A/I, das seit über zehn Jahren Dienste zur Kommunikation und Konspiration für Aktivist*innen und generell für alle bereitstellt, die sich mit den Grundsätzen unseres Manifests identifizieren: für eine gerechtere, gleichere und freiere Gesellschaft zu kämpfen; uns der allgegenwärtigen Kontrolle einer Gesellschaft zu entziehen, die sich zu sehr dafür interessiert, wer du bist, und nicht dafür, was du denkst und was du liebst oder hasst; sich der Vorstellung zu entziehen, dass jeder Moment unseres Lebens in irgendeiner Weise Geld und wirtschaftlichen Transaktionen entspricht.</p></blockquote>
<p>Ich kannte A/I schon seit ein paar Jahren. Einige von ihnen hatte ich 2001 während der Proteste gegen den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/G8-Gipfel_in_Genua_2001">G8-Gipfel in Genua</a> im unabhängigen Medienzentrum kennengelernt. Dort berichteten Hunderte von Aktivist*innen über die Proteste, lange bevor es Social Media gab. Gemeinsam haben wir entsetzt zusehen müssen, als die Polizei <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/2001_raid_on_Armando_Diaz">eine Schule auf der anderen Straßenseite angriff</a> und viele Aktivist*innen brutal verprügelte, die dort nach den Demonstrationen übernachteten.</p>
<h2>Einstufung als Terror-Unterstützer</h2>
<p>Wenn ihr das hier lest, ist <a href="https://noblogs.org">noblogs.org</a> nicht mehr online.</p>
<p>Am 26. August veröffentlichte A/I eine Mitteilung, dass die US-Regierung die Organisation als Unterstützer von Terrorismus eingestuft hat. Laut einer <a href="https://web.archive.org/web/20260829014011/https:/www.state.gov/releases... des Außenministeriums</a> sei „Autistici/Inventati (A/I‑Kollektiv) eine in Italien ansässige extremistische Gruppe, die digitale Infrastruktur für gewalttätige Antifa-Zellen und andere militante Linksextreme auf der ganzen Welt aufbaut und betreibt.“</p>
<p>Das Kollektiv wies die Vorwürfe <a href="https://keepitfree.ai/announcements/statement-by-a/i-collective-about-us... zurück und schrieb</a>, dass es „sein Engagement für die Bereitstellung einer Plattform mit Werkzeugen zur digitalen Selbstverteidigung nachdrücklich bekräftigt, um dem Bedarf an freier Kommunikation für Aktivist*innen und andere Einzelpersonen, Gruppen und Vereinigungen gerecht zu werden.“</p>
<blockquote class="wp-embedded-content" data-secret="vfsnOlhVME"><p><a href="https://netzpolitik.org/2026/autistici-inventati-pauschaler-terrorvorwur... Terrorvorwurf</a></p></blockquote>
<p><iframe loading="lazy" class="wp-embedded-content" sandbox="allow-scripts" security="restricted" title="„Pauschaler Terrorvorwurf“ – netzpolitik.org" src="https://netzpolitik.org/2026/autistici-inventati-pauschaler-terrorvorwur... data-secret="vfsnOlhVME" width="500" height="282" frameborder="0" marginwidth="0" marginheight="0" scrolling="no"></iframe></p><div id="netzpolitik-cta-532765" class="netzpolitik-cta"><p align="center">–––</p>

<p><strong>Die Hütte brennt! Wir gehen rein.</strong> <br>Wir treten der Faschisierung entgegen. Wir kämpfen für eine freie, offene und solidarische Gesellschaft. Wir verteidigen die Grundrechte für alle. <a href="https://netzpolitik.org/spenden/?via=rss">Das geht nur mit deiner Unterstützung.</a></p>

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<h2>Domain weg</h2>
<p>Zwei Tage später verschwand ihre Domain „autistici.org“. Zunächst war unklar, was passiert war, da sich niemand sich die Mühe gemacht hatte, A/I zu informieren. Laut einer <a href="https://keepitfree.ai/announcements/press-release/">Pressemitteilung von A/I</a> wurde die Entscheidung, die Domain unzugänglich zu machen, von der <a href="https://pir.org/">Public Interest Registry</a> (PIR) getroffen, einer gemeinnützigen Organisation, die von der <a href="https://www.internetsociety.org/">Internet Society</a> (ISOC) gegründet wurde, um die .org-Domain zu verwalten und „dem öffentlichen Interesse im Internet zu dienen“.</p>
<p>Die italienische Sektion der ISOC protestierte heftig <a href="https://www.isoc.it/la-disattivazione-di-autisticiorg-minaccia-la-natura... einem offenen Brief</a>, der sich nicht nur an PIR und ISOC richtete, sondern auch an die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) und deren europäische Sektion, die European Regional At-Large Organization (EURALO).</p>
<p>In dem Brief erklärt ISOC Italien, dass keine Beweise dafür vorliegen, dass A/I terroristische Aktivitäten betrieben oder unterstützt habe.</p>
<p>Mit den <a href="https://www.inventati.org/campaign/press">Worten von A/I</a>:</p>
<blockquote><p>Die US-Regierung hat beschlossen, ein außergerichtliches Verfahren anzuwenden, das eine Berufung im Rahmen eines ordentlichen Verfahrens unmöglich macht und sowohl diejenigen, die Dienstleistungen für A/I erbringen, als auch diejenigen, die A/I‑Dienste innerhalb der USA nutzen, dem Risiko aussetzt, als Terrorist*innen eingestuft zu werden.</p></blockquote>
<p>ISOC Italien führte weiter aus, dass ihre Sorge der Rolle der PIR gelte:</p>
<blockquote><p>.org ist weder Eigentum der USA noch ein gewinnorientiertes Unternehmensvorhaben, sondern vielmehr eine globale, supranationale Ressource, die für die Meinungs- und Vereinigungsfreiheit im Internet von entscheidender Bedeutung ist. Seine Verwaltung muss diesem Ziel Rechnung tragen, wie es bei der Vergabe auf unbegrenzte Zeit an die Internet Society und deren hundertprozentige Tochtergesellschaft Public Internet Registry vereinbart wurde.</p></blockquote>
<blockquote><p>Die Verwalter von „.org“ sollten sich dafür einsetzen, dass keine Regierung die Kontrolle über die Online-Präsenz von gemeinnützigen Organisationen hat, die nicht zu ihrem Hoheitsgebiet gehören oder dort tätig sind, und ganz allgemein, dass keine einzelne Regierung entscheiden kann, wer weltweit einen „.org“-Domainnamen behalten darf oder verlieren muss.</p></blockquote>
<p>Und das sollte in der Tat ein Anliegen der gesamten Internet-Governance-Community sein. Wenn die Registrierung von .org-Domains faktisch den willkürlichen Entscheidungen der US-Regierung unterliegt, müssen wir uns überlegen, ob und wie dies geändert werden kann.</p>
<h2>Konto weg</h2>
<p>Wiederum einige Tage nach der Einstufung teilte die Bank von A/I, die italienische Banca Etica, dem Kollektiv mit, dass sie beabsichtige, ihr Konto zu schließen. Das PayPal-Konto war bereits am ersten Tag ohne Vorankündigung gesperrt worden.</p>
<p>Die Schließung von Bankkonten von Organisationen, denen Terror oder Terrorunterstützung vorgeworfen wird, ist nicht ungewöhnlich. Doch auch hier gab es keinerlei juristisches Verfahren, das die Bank zur Schließung des Kontos zwang oder aufforderte. Hintergrund ist, dass die Aufnahme einer Organisation in eine Terrorliste durch die US-Regierung weitere Sanktionen nach sich ziehen kann.</p>
<p>Die Bank entschied sich aus Angst vor der Möglichkeit solcher weiteren Sanktionen, das Konto von A/I zu sperren. Seit dem 4. September hat A/I keinen Zugriff mehr auf die eigenen Gelder, die durch Spenden ihrer Nutzer*innen zusammengekommen waren.</p>
<p>Alessandro Messina, ehemaliger Direktor der <a href="https://www.ondarossa.info/redazionali/2026/09/banca-etica-chiude-defini... href="https://www.ondarossa.info/redazionali/2026/09/banca-etica-chiude-defini... Etica, kommentierte</a>:</p>
<blockquote><p>Es ist plausibel, dass viele Banken sich dafür entscheiden würden, das Konto von A/I zu schließen. Von einer Organisation, die zur Förderung ethischer Finanzgeschäfte gegründet wurde, würde man jedoch etwas anderes erwarten, wenn sie mit einer Einstufung von so ausgeprägt politischer Natur konfrontiert ist.</p></blockquote>
<h2>A/I hört auf</h2>
<p>Weitere zwei Tage später <a href="https://keepitfree.ai/announcements/a/i-shuts-down-stay-human/">kündigte A/I an</a>, den Betrieb vollständig einzustellen:</p><div id="netzpolitik-cta-533110" class="netzpolitik-cta"><p align="center">–––</p>

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<p align="center">–––</p></div>
<blockquote><p>„Bleibt menschlich“ ist für uns keine leere Floskel.</p>
<p>Es bedeutet vor allem, dass wir eine Verantwortung haben, unsere Nutzer*innen zu schützen und die, die die menschlichen Netzwerke bilden, auf die wir uns verlassen, sowie die Communitys, die uns mit Botschaften der Unterstützung und Solidarität überschüttet haben.</p>
<p>Wir können uns nicht auf einen Kampf einlassen oder uns Manipulationen aussetzen, die das Leben dieser Menschen und ihrer Liebsten bedrohen und sie der Gnade von Autokrat*innen, Faschist*innen und Behörden ausliefern, die extralegale Maßnahmen ergreifen.</p></blockquote>
<h2>Angriff auf politische Gegner</h2>
<p>Ein Schock ging durch die Community der Nutzer*innen der Dienste von A/I. Diese Community ist riesig: A/I besteht seit 25 Jahren und gibt an, 20.000 Blogs, 20.000 E‑Mail-Konten, 5.000 Mailinglisten und 1.500 Websites zu hosten.</p>
<p>Während ich dies schreibe, Mitte September, ist <a href="https://web.archive.org/web/20260916213017/https://annalist.noblogs.org/... Blog</a> noch online – allerdings nur im Read-Only-Modus. Ich habe keinen Zugriff mehr auf die Administration. Bald wird es verschwunden sein, und mit ihm 19 Jahre meiner Texte zu digitaler Politik und digitalen Rechten.</p>
<p>Das Gleiche gilt für die vielen anderen Blogs und Websites aus zahlreichen Ländern zu einer <a href="https://unicornriot.ninja/2026/activist-blogging-platform-shuts-down-aft... von Themen</a>, darunter Klimawandel, Antimilitarismus, Rechte indigener Völker, Gesundheitsreformen oder Antifaschismus.</p>
<p>Wenn sie verschwinden, werden viele, viele Links von Websites im gesamten Internet ins Leere führen. Und ich bin wieder zum Kollateralschaden eines Terrorvorwurfs geworden. So wie auch viele andere.</p>
<h2>Es braucht einen Aufschrei</h2>
<p>Die britische Menschenrechts-Organisation <a href="https://www.article19.org/resources/usa-terrorism-designation-has-global... 19 warnt</a>: „Abgesehen davon, dass dies gegen die Standards der Meinungsfreiheit verstößt, hat schon diese Einstufung einen Chilling Effect“, also eine abschreckende Wirkung.</p>
<p>20.000 Blogs werden geschlossen, und es gab keinen Aufschrei. Weil sich die Menschen fragen, ob es klug ist, eine Organisation zu verteidigen, die von den USA als terroristisch eingestuft wurde.</p>
<p>Wenn autoritäre Regierungen nichtkommerzielle, unabhängige digitale Kommunikationsinfrastrukturen angreifen wie in diesem Fall, dürfen wir die Auswirkungen nicht unterschätzen. Diesmal war es Italien, aber das nächste Mal könnte es näher bei euch sein.</p>
<p>Es ist immer noch viel zu still.</p>
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Montag, September 28, 2026 - 13:10