Auswertungspapier Profeministischer Kongress 2025
Vom 26.09.-28.09.2025 fand der Profeministische Kongress in Berlin statt. An dem Wochenende haben 18 Veranstaltungen und 5 Workshops stattgefunden. Es gab Kinderbetreuung, eine Awarenessstrucktur, ein Kuchenbuffet, warmes Mittagessen, eine Cafébar, ein Büchertisch und Infotische von Verschiedensten Initiativen und Organisationen sowie viel Platz für Austausch und zum Zusammenkommen. Wir, die Vorbereitungsgruppe, versuchen uns hier an einer Auswertung.
Vom 26.09.-28.09.2025 fand der Profeministische Kongress in Berlin statt. An dem Wochenende haben 18 Veranstaltungen und 5 Workshops stattgefunden. Es gab Kinderbetreuung, eine Awarenessstrucktur, ein Kuchenbuffet, warmes Mittagessen, eine Cafébar, ein Büchertisch und Infotische von Verschiedensten Initiativen und Organisationen sowie viel Platz für Austausch und zum Zusammenkommen. Wir, die Vorbereitungsgruppe, versuchen uns hier an einer Auswertung.
„Gut, dass es den Kongress gab!“
Sehr positiv ist das schätzungsweise rund 300 Leute zum Kongress gekommen sind und die meisten Veranstaltungen damit mehr als voll waren. Viele Teilnehmende sind aus anderen Städten angereist und das ganze Wochenende geblieben. (Einige Berliner Gesichter haben wir hingegen vermisst). Das soziale Klima war während der Kongresstage überraschend gut und am zweiten Kongresstag waren sich viele schon bekannter. Das hat sich auch positiv auf den Umgang miteinander, insbesondere bei Veranstaltungen zum Themenfeld sexualisierter / sexueller Gewalt, ausgewirkt. Viele Teilnehmende sind ins Gespräch gekommen, haben Kontakte ausgetauscht und sich vernetzt. Von einigen Frauen und trans*Personen wurde uns berichtet, dass sie sich, trotz des größeren Männeranteils wohlgefühlt haben. Ganz allgemein hatten wir das Gefühl, dass die Teilnehmenden eigene Themen mitgebracht haben und ein großes Interesse an Austausch und Diskussion hatten. Außerdem ist die große Hilfsbereitschaft hervorzuheben - das hat uns sehr beeindruckt. Vielen Dank nochmal! Ohne euch Helfende, hätte das alles nicht funktioniert.
Wenn wir den Kongress als Auftakt begreifen, sind wir damit sehr zufrieden.
“Wir waren zu wenige in der Vorbereitungsgruppe.“
Der Großteil von uns war, an den Kongresstagen, an der Leistungsgrenze. Das heißt, wir haben (fast) alles hinbekommen, haben aber gleichzeitig selber nicht viel vom Kongress mitbekommen. Trotzdessen sind wir als Vorbereitungsgruppe froh, dass wir trotz der Aufgeregtheit, dem Stress und der vielen Arbeit gut miteinander als Gruppe funktioniert haben.
Da wir uns (zu fünft) in der Hauptverantwortung gesehen haben und auch teilweise, als Vortragende und Moderierende aufgetreten sind, nagt gleichzeitig das Gefühl einer Überrepräsentanz an uns.Auch hinsichtlich dessen, möchten wir mehr in ein Gespräch und einen Austausch für zukünftiges gehen. Es wäre gut gewesen, wenn die von uns angefragten Gruppen verbindlich Aufgaben übernommen hätten.
Auch in Bezug auf einen kommenden Kongress finden wir es schade, dass sich keine Stadt oder Zusammenhang gemeldet hat, die/der eine Planung eines Profeministischen Kongresses 2026 zugesagt hat. Wir glauben an die Eigenverantwortung und die Selbstorganisation und hatten gehofft, dass wir mit dem Kongress den „Stein ins Rollen bringen“ und andere sich für das Weiterrollen entscheiden. Das blieb leider aus.
„Ich habe diesen Kongress mitgemacht, weil ich gerne selber zu diesem Kongress gegangen wäre. Aber ich hatte nicht das Gefühl zum Kongress gegangen zu sein. Ich war zwar die ganze Zeit da, hatte aber gar nicht den Kopf und die Zeit inhaltlich was mitzunehmen - wir hatten einfach zu viele Aufgaben.“
“Mich hat gestresst im Notfall auch noch Awareness zu machen.“
Mal wieder haben wir gemerkt, dass es wirklich wichtig ist, sich so früh wie möglich um ein verbindliches Awareness-Team zu kümmern. Wir hatten das frühzeitig auf unserer Liste und waren im Gespräch mit einer organisierten Awareness-Struktur. Diese ist jedoch nach einem missglückten gemeinsamen Workshop ausgeschieden. Die Streitpunkte lassen sich vielleicht am treffendsten wie folgt zusammenfassen: Ihr Awarenessansatz hatte wenig mit unserem Kongress zu tun, es gab Machtgefälle innerhalb der Gruppe, das uns aufstieß und ein Verständnis von Organisierung und Verantwortlichkeit in dem wir keine Gemeinsamkeiten mit unserem horizontalen Verständnis sahen.Es lohnt sich also einen Plan bzw. Personen B und C in der Tasche zu haben. Auf dem Kongress gab es zwar durchgängig Awareness-Personen, aber nur weil dankenswerterweise(!) Leute spontan eingesprungen sind. Hier ist noch Luft nach oben, um eine stabile Awareness zu gewährleisten und um uns die Sorgen und Ängste vor personellen und qualitativen Lücken zu nehmen.
„Mir liegt noch immer übel auf, dass unsere Awarneness-Planung im ersten Anlauf gescheitert ist. Das hat bei mir Angst ausgelöst, bei der ich dachte, hoffentlich wird es trotzdem klappen.“
„Wir haben uns nicht genug Zeit genommen, weder in der Vorbereitung noch in der Nachbesprechung der Fokusgruppentreffen.“
Wir sind fünf weiße cis Männer, bekannterweise fehlen uns Perspektiven und Erfahrungen in Bezug auf geschlechtsbezogene und rassistische Diskriminierung. Um bereits in der Vorbereitung inhaltliche Lücken zu füllen und konstruktive Kritik an geplanten Kongressprogrammpunkten zu bekommen, hatten wir eine externe Fokusgruppe geladen. Die Fokusgruppe bestand aus nichtmännlichen queer- und trans*feministischen Freund*innen und Aktivist*innen und wurde zweimal im Vorfeld, von uns zum Essen geladen. Während der Treffen wurden unsere geplanten Programmpunkte, unsere Gedanken und Fragestellungen dazu, vorgestellt und anschließend gemeinsam besprochen. Im Ganzen hat das gut funktioniert, im Detail gibt es hier Verbesserungsbedarf.
Wir haben während der Kongressauswertung länger und noch nicht ganz abschließend darüber diskutiert wie wir mit Kritik aus der Fokusgruppe und von der Eröffnungsveranstaltung umgegangen sind.
Auf der Eröffnungsveranstaltung gab es von Teilnehmenden Kritik am Mangel von Themen im Kongressprogramm. Zum einen, dass es zu wenig Veranstaltungen zur Thematik nicht-Binärität und trans* gibt. Zum anderen, dass es zu wenig Programmpunkte zu Männlichkeit und Rassifizierung gibt. Beide Kritikpunkte waren auch bereits Thema bei den Fokusgruppentreffen.
Einigen von uns waren andere Themen wichtiger, einigen war die Kritik aus der Fokusgruppe nicht ganz klar, bei anderen hat persönliche (Un-)Sympathie eine Rolle gespielt, aber sicher können wir sagen und das ist leider nicht verwunderlich, dass uns hier unsere Positionierung auf die Füße gefallen ist. Es hat uns bei den Themen Trans* und migrantisierte Männlichkeit(en) an konkreten Fragestellungen gefehlt, um damit Veranstaltungen zu organisieren. Dazu kommt, dass die meisten Beitragenden und Workshopgebenden aus unserem erweiterten Umfeld kamen und hier (wieder mal) deutlich wird, dass wir zu wenig Kontakte haben oder Personen kennen, die politisch zu diesen Themenfeldern arbeiten. Mitnehmen werden wir die Frage, warum andere Themen wichtiger waren oder zugespitzt formuliert, warum das Themenfeld Trans* und migrantisierte Männlichkeit(en) nicht wichtig genug war. Zudem sollten persönliche (Un-)Sympathien eigentlich keine Rolle spielen in der (Nicht-) Umsetzung von (queer-) feministischen Forderungen und Kritiken. Die Bedeutung. die die Fokusgruppe für uns hat, muss nachgeschärft werden. Sie hat zwar„abgeliefert“, aber in unserer Umsetzung ihrer Anregungen und Kritiken bedarf es Verbesserung von unserer Seite.
„Ich glaube, dass wir ein bisschen aus unserer Insel agiert haben und wenig an andere Strukturen angedockt haben.“
„Das hat mir nicht gefallen: Die Presse!“
Wir hatten im Vorfeld unsere Wünsche an die Presse im Umgang mit dem Kongress auf der Kongresswebseite veröffentlicht. Zwei von uns waren das ganze Wochenende, aber auch schon davor, für die Presse ansprechbar und zuständig. Eine Journalistin hatte im Vorfeld angefragt den Kongress komplett begleiten zu können und nach Absprache ist das auch geschehen. Wir freuen uns sehr über den daraus entstandenen Artikel. Das ist, für uns, eine wichtige Perspektive auf den Kongress. Danke nochmal an Lilli Sauer (nachzulesen im Boykott Magazin #4)! An anderer Stelle hat die Kommunikation mit einer Journalistin nicht geklappt bzw. konnte nicht stattfinden. Das hat zu Konflikten, vor allem zwischen Kongressteilnehmenden und der Journalistin, auf dem Kongress geführt. Der Konflikt würde in die Presseberichterstattung getragen und von uns mit einer Gegendarstellung beantwortet. Wir werden hier nicht im Detail darauf eingehen. Nur noch so viel: Auch nach einem persönlichen Gespräch, Wochen nach dem Kongress, mit der zuständigen Chefredakteurin aber leider ohne die Journalistin, gab es keine Annäherung oder Klärung des Konflikts. Das finden wir schade. Heißt aber auch, dass wir momentan davon ausgehen, dass wir den Zugang für Journalist*innen bei zukünftigen Kongressen deutlich begrenzen werden.
Was wir für das nächste Mal mitnehmen
Einerseits bleibt das gute Gefühl, dass, wenn wir einem „Projekt“ Priorität einräumen, eine Kongress-Orga auch mit wenigen Menschen umsetzbar ist. Gleichzeitig wurde deutlich, dass es uns an vielen Stellen an Kapazitäten gefehlt hat. Wir hätten gerne mehr Zeit gehabt uns als Orga-Gruppe inhaltlich intensiver miteinander auseinanderzusetzen, aber auch mit all den anderen auf dem Kongress. Das bedeutet auch während des Kongresses einen Raum zu kreieren, in dem alle gemeinsam zusammentragen, was in den jeweiligen Veranstaltungen passiert ist und welche Diskussionen gelaufen sind. Wir glauben, dass dadurch auch eine Atmosphäre mitgestaltet wird, aus der tragfähige Vernetzungen herausgehen und vor allem die jeweiligen Inputs miteinander verknüpft werden können.
Dafür, aber auch unabhängig davon, braucht es längere Pausen zwischen den Veranstaltungen. Teilweise sind wir von einer Veranstaltung zur nächsten gehuscht, ohne Zeit für die notwendigen Flurgespräche zu haben. Überhaupt müssen wir die unterschiedlichen Zeitressourcen besser im Blick haben. Für diejenigen die aus anderen Städten kamen, war es bedauerlich einige der Veranstaltungen am Sonntag gar nicht besuchen zu können, da sie ihren Zug erreichen mussten.
Abschließend ließe sich nochmal festhalten, dass unsere Fähigkeit mit Kritik umzugehen ausbaufähig ist. Wir konnten rund um den Kongress und auf dem Kongress selbst, Kritik schwer annehmen, ohne sofort mit Erklärungen unsererseits aufzuwarten, warum und weshalb wir das so und so machen. Einer der Gründe liegt in unserer Überforderung mit der Orga - aber sicherlich nicht nur. Gerne möchten wir auch nochmal in den Austausch gehen, warum wir uns dafür entschieden haben, eine rein cis-männliche Orga-Gruppe zu sein. Auch wenn es gute Gründe dafür gibt (Eigenverantwortlichkeit, keine „Alibis“ usw.) spricht auch viel dagegen (Gefahr der Männerkumpanei, Abschottung, eingeengte Perspektiven usw.) und uns scheint, dass das uns auch zum Teil auf die Füße gefallen ist.
Das Politische wird persönlich
Dazu gehört auch die Ahnung, dass wir als Orga-Gruppe für uns unklar geblieben sind, wer und was wir füreinander sein wollen. Das heißt im Konkreten, ob wir eine reine Arbeitsgruppe gewesen sind (die durchaus nett und fürsorglich zueinander während der Zeit des Bestehens war) oder ob daraus soziale Beziehungen entstehen sollen bzw. wir das wollen. Das nicht thematisiert zu haben während der Zeit unseres Bestehens lässt den schalen Eindruck zurück der patriarchalen Unterteilung zwischen politischen und sozial/privaten Bereich verfallen zu sein (von der nicht nur cis-Männer ein Lied singen können) und als cis-Männer demgegenüber unaufmerksam zu sein (von dem ebenfalls nicht cis-Männer ein Lied singen können). Wir hätten stattdessen auch die Chance und Möglichkeit einer gemeinsamen sozialen Zukunft sehen und nutzen können - oder diese Möglichkeit zumindest verhandeln können. Das hat bei denjenigen von uns, die nicht eh schon mit den meisten anderen sozial in Kontakt stehen, ein emotionales Loch hinterlassen. Selbstverständlich spielt da hinein auch die Frage der „Nachsorge“ von Gruppenarbeit.
Wie ihr seht, gibt es einiges, was es zu reflektieren gibt und was uns (alle) helfen kann zukünftige Veranstaltungen und gegebenenfalls einen Profeministischen Kongress 2027 besser zu gestalten und an einem gemeinsamen Faden weiterzuspinnen. Wir möchten uns hiermit nochmal bei allen helfenden, unterstützenden, fokussierenden, vortragenden und besuchenden Menschen bedanken und sind sehr gespannt, was noch kommen wird.
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