Die Sponti-Kultur

In den letzten Jahren erfreuen sich Spontis einer steigenden Beliebtheit in der linksradikalen Szene. Überall finden sie zu jedem erdenklichen Anlass statt. Eine Genossin wurde verurteilt? Sponti. Die Wehrpflicht soll wieder eingeführt werden? Sponti. Ein linker Feiertag? Sponti.

Trotz einer sinkenden Teilnehmerzahl steigt die Anzahl dieser Spontandemonstrationen. Dieser Text soll die Frage aufwerfen, warum das der Fall ist und welchen Zweck Spontis überhaupt erfüllen.

Eine Erklärungsmöglichkeit: Durch die Unmöglichkeit von Hausbesetzungen und den Mangel an Ideen für andere direkte Aktionen haben Spontis den Status eines politischen Allheilmittels erlangt. Denn nichts lässt einen radikaler und militanter erscheinen, als komplett in Schwarz, unangemeldet und im Laufschritt zehn Minuten durch ein Viertel zu hetzen – der Höhepunkt der Aktion ist dann das Zünden von fünf Bengalos.

Da stellt sich die Frage: Warum machen wir das? Welchen Sachschaden erzielen wir dadurch? Wie viele Leute sprechen wir an? Und wie selbstermächtigend und kämpferisch ist das wirklich?

Spontis als Aktionsform können zwar in einer Einkaufsstraße oder beim Vorbeiziehen an potenziellen Zielen hohen Sachschaden anrichten. Meist wird das jedoch nicht als Ziel angesehen. Kleingruppenaktionen eignen sich aufgrund gezielterer, massiverer und schnellerer Interventionen bedeutend besser für das Anrichten von hohem Schaden – falls Personen darin überhaupt einen politischen Sinn sehen.

Zur Frage der Selbstermächtigung: Fühlen wir uns wirklich stärker während oder nach einer Sponti? Demonstrieren wir wirklich so, wie wir wollen? Ist es wirklich kämpferisch wegzulaufen, sobald das erste Blaulicht zu sehen ist?

Um ein paar Antworten zu versuchen: Ja, es kann empowernd sein, mit 500 Menschen unangemeldet zu demonstrieren und sich vollkommen ruhig und entschlossen die Straße zu nehmen. Aber diese Zahlen kriegen wir selbst in den Zentren seit über fünf Jahren nicht mehr auf die Beine. Meist sind es 15 bis 30 angsterfüllte Anfang-20-Jährige, die für solche Aktionen nachts zusammenkommen. Selbstermächtigung sieht anders aus.

Dass Spontis in den meisten Fällen keine gute Außenwirkung haben, sollte allen klar sein. Allein das Auftreten als vermummter schwarzer Mob macht den meisten Menschen eher Angst, anstatt Lust darauf, sich antikapitalistisch zu engagieren. Wenn es dann noch dazu kommt, dass einige Student*innen meinen, die Autos von Anwohner*innen angreifen zu müssen, ist es mit der Sympathie vollständig vorbei. Es ist kaum verwunderlich, dass Menschen es nicht mögen, wenn man an ihrer Haustür vorbeiläuft und ihr Auto kaputtschlägt. Leider hält es sich in einigen (insurrektionalistischen) Kreisen als radical chic, solchen Blödsinn zu verzapfen. (Dass es völlig legitim ist, Autos im Falle einer echten Revolution als Barrikaden gegen das Vorrücken der Cops oder als Schutzschild gegen Kugeln zu nutzen, muss hier nicht weiter betont werden. So zu tun, als wäre dies der Fall bei 30 Vermummten, muss ebenfalls nicht weiter ausgeführt werden.)

Eine neue Legitimationsstrategie ist die „Politisierung von neuen Personen“ – also das Einladen von neuen Menschen zu Spontis oder die Durchführung nach dem offiziellen Ende einer Demo. Was gibt es für eine bessere Politisierung als eine Anklage wegen schweren Landfriedensbruchs? Wie die Aktivitäten einzelner Menschen und ganzer Gruppen nach G20 in Hamburg oder Tag X in Leipzig gezeigt haben, führt Repression nicht zu einer Politisierung, sondern im Gegenteil meistens zu Rückzug und Entpolitisierung. Menschen, die noch nicht mal das Demo-1x1 kennen (wie das Handy zu Hause zu lassen), in Aktionsformen einzubinden, die mehrjährige Haftstrafen nach sich ziehen könnten, ist also absolut fahrlässig und unvernünftig.

Die meisten Linksradikalen kennen diese Einwände und teilen sie auch. Da die Mehrheit aber nicht einmal weiß, ob sie eine Revolution machen will, geschweige denn, wie diese aussehen soll, wird sich mit dem Bewährten und Altbekannten zufriedengegeben. Um Personen aus verschiedenen Spektren anzusprechen, soll hier bewusst keine allgemeine Lösung formuliert, sondern dazu animiert werden, selbst nachzudenken und neue Aktionsformen auszuprobieren.

Aber zur Klarstellung: Der Text richtet sich nicht gegen Spontis an sich. Wenn Menschen nach Räumungen, Polizeigewalt oder politischen Maßnahmen richtig wütend sind, kann eine Sponti extrem befreiend sein. Sie kann Sinn ergeben, wenn Leute Bock haben, die Schweine mal unvorbereitet zu treffen und sie für ihr Verhalten zahlen zu lassen. Alle ein bis zwei Jahre kann eine Sponti auch ein Zeichen setzen und selbstermächtigend sein, wenn Hunderte Menschen Lust haben, ohne Verbote und Kontrollen zu demonstrieren. Spontis können sinnvoll sein. Sie dürfen nur nicht die einzige Aktionsform bleiben, denn sonst verkommen sie zu einer zahnlosen Beschäftigungstherapie.

 

Nachtrag: Eine kleine mögliche Antwort

Auch wenn der Text eher dafür plädiert, selbst nachzudenken und neue Aktionsformen auszuprobieren, soll hier doch eine mögliche Antwort aufgezeigt werden, um deutlich zu machen, dass Alternativen möglich sind.

Vorweg zur Frage nach Sinn und Zweck von Aktionen – also dem Ziel unseres politischen Handelns als Antwort auf den vorherrschenden (und teilweise berechtigten) autonomen Pessimismus: Ja, es ist möglich, Dinge zu verändern, wie das Verbot von Kinderarbeit, der Achtstundentag, die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe, der Atomausstieg oder die Aussetzung der Wehrpflicht gezeigt haben. Mit einer breiten Protestbasis, die ansprechbar und offen für unterschiedliche Meinungen ist sowie einen niedrigschwelligen Zugang zum Mitmachen bietet, können Diskurse beeinflusst und Veränderungen erreicht werden. Das funktioniert besonders dann, wenn auch militante Teile in der Bewegung existieren oder eine breite Radikalisierung der Bewegung erfolgt. So können mit einer Massenmilitanz Forderungen durchgesetzt statt erbettelt werden. Gerade deswegen war „Vermittelbarkeit“ das große Kriterium für die Autonomen in den 80er-Jahren.

Die weitreichendsten Veränderungen können in einer Revolution umgesetzt werden oder sind sowieso nur in einer solchen möglich, wie die Beispiele des Achtstundentages, der Betriebsräte und des Frauenwahlrechts in Deutschland zeigten. Gerade deswegen sind wir ja alle keine reformistischen SPD-Mitglieder, sondern revolutionäre Linke. Für eine Revolution ist es entscheidend, Menschen von deren Notwendigkeit zu überzeugen und sie dazu zu animieren, daran teilzunehmen. Dies geht nur durch Theorie, klar ausgearbeitete Standpunkte und Strukturen, in denen Mitmachen möglich ist. Wer also mehr als ein paar Reformen will, muss sich revolutionär organisieren. Jedenfalls zeigt das die Geschichte jeder Revolution.

Unsere Aufgabe ist es also, linksradikale Standpunkte unter die Menschen zu bringen (insbesondere in neuen Massenbewegungen), ihnen Strukturen anzubieten, an denen sie mitarbeiten können, und an ihren Kämpfen teilzunehmen. Statt wie Außerirdische nur als schwarzer Block in sozialen Kämpfen aufzutauchen, der nach der Demo noch zur Sponti aufruft, müssen wir uns an neuen (Demo-)Bündnissen beteiligen, Flyer mit unseren Kritiken und Forderungen verbreiten sowie generell als sichtbare und ansprechbare Gruppen auftreten. Die aktuelle Dominanz der K-Gruppen erklärt sich auch gerade daraus, dass sie dies verstanden haben und diese Leerstelle füllen.

So langweilig es klingt: Statt nur Spontis zu organisieren, sollten mehr Flyer verteilt, Demo-1x1-Hefte verbreitet, Veranstaltungsreihen organisiert, Lautis gefahren und Reden gehalten werden.

Auch wenn es den meisten Autonomen nicht gefällt: Das ist die Basis für Massenmilitanz. Wenn eine kritische Masse auf den Straßen ist, kann auch mal ein Farbbeutel oder Stein fliegen. Denn wenn der Wille dann da ist, dass es knallt oder Bullen in die Demos reinrocken, wissen die Leute, wo wir sind – nämlich direkt neben ihnen.

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