Von dem Hund runterkommen

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Es reicht nicht mehr, symbolische Solidarität zu performen – wir müssen endlich die blinden Flecken in unseren eigenen progressiven Räumen benennen. Einer davon bewegt sich auf vier Beinen durch unsere Parks, Cafés, Plena und Hausprojekte und wird dennoch konsequent unsichtbar gemacht: der Hund als normalisiertes Privileg.

 

Es reicht nicht mehr, symbolische Solidarität zu performen – wir müssen endlich die blinden Flecken in unseren eigenen progressiven Räumen benennen. Einer davon bewegt sich auf vier Beinen durch unsere Parks, Cafés, Plena und Hausprojekte und wird dennoch konsequent unsichtbar gemacht: der Hund als normalisiertes Privileg.

Wir wenden uns daher an die Linke in Kassel sowie an alle progressiven Parteien, Bündnisse und selbstverwalteten Strukturen: Wenn wir es ernst meinen mit Inklusion, müssen wir auch die alltäglichen Ausschlüsse thematisieren, die wir selbst reproduzieren – gerade in den Räumen, die wir als „sicher“ definieren.

Für viele Muslim*innen ist der öffentliche wie auch der aktivistische Raum längst kein neutraler Ort mehr, wenn Hunde dort omnipräsent sind. Religiöse Praxis strukturiert nicht nur das Private, sondern auch Bewegungsfreiheit, Sicherheitsgefühl und Teilhabe. Wenn selbst linke Räume diese Realität ignorieren, reproduzieren sie genau die Ausschlüsse, die sie eigentlich bekämpfen wollen.

Die unhinterfragte Akzeptanz von Hunden – ob im Infoladen, im Plenum oder auf der Soliparty – ist kein Zufall, sondern Ausdruck hegemonialer Normalität. Sie zeigt, wessen Bedürfnisse als selbstverständlich gelten – und wessen Perspektiven nicht einmal als konfliktfähig anerkannt werden.

Deshalb fordern wir:

  • die konsequente Einrichtung hundefreier Zonen in öffentlichen Parks
  • ein Verbot von Hunden in Einzelhandel und Gastronomie
  • langfristig eine hundefreie Gestaltung zentraler Innenstädte als inklusiven Raum
  • sowie klare Vereinbarungen für hundefreie linke Räume, von Hausprojekten über Plena bis hin zu kulturellen Veranstaltungen

Diese Maßnahmen sind keine Einschränkung von Freiheit, sondern deren Voraussetzung. Denn Freiheit existiert nur dort, wo sie nicht auf Kosten anderer durchgesetzt wird.

Dass solche Forderungen reflexhaft als „überzogen“ diffamiert werden, offenbart vor allem eines: die tiefe Verankerung eines Alltagsrassismus, der sich selbst nicht als solcher erkennen will. Die permanente Konfrontation mit Hunden mag für viele eine Nebensächlichkeit sein – für andere ist sie ein stiller, aber wirkmächtiger Ausschlussmechanismus.

Wenn progressive Politik mehr sein will als ein ästhetisches Selbstbild, muss sie bereit sein, auch unbequeme Konsequenzen zu ziehen. Intersektionalität endet nicht dort, wo der eigene Lebensstil beginnt – und schon gar nicht an der Tür zum Plenum.

 Die Frage ist also nicht, ob wir auf Hunde verzichten können.

Die Frage ist, ob wir bereit sind, unsere eigenen Privilegien ernsthaft zu hinterfragen.

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