Marburger Stadtteilgemeinden: Wo Konservative und Faschisten kuscheln?
Dieser Artikel soll einen Einblick in die Verstrickungenzwischen Marburger Stadtteilgesellschaften und dem lokalen konservativen bis extrem rechten Verbindungsmilieu geben. Dass diese Verstrickungen kein Einzelfall sind, wird sowohl an der Weidenhäuser Erlengrabengesellschaft, der Zahlbachgemeinde sowie der Ketzerbachgesellschaft deutlich.
Für den 18. Oktober 2025 lud die Weidenhäuser Erlengrabengesellschaft zu einem „Bayrischen Abend“ in ihr Vereinshaus „Hannes“ Am Erlengraben 18 in Marburg-Weidenhausen ein. An diesem Abend waren neben den anderen Stadtteilgemeinden der Stadt Marburg auch der Altherrenverband der extrem rechten Marburger Burschenschaft Rheinfranken und die Aktivitas der Marburger Turnerschaft Schaumburgia eingeladen (siehe Screenshots Einladung).
Bei genauerer Betrachtung des Vereinshauses „Hannes“ wird deutlich, dass es sich hierbei nicht um ein Versehen handelt, denn dort hängt prominent ein Gemälde des Hauses der Rheinfranken an der Wand (siehe Foto unten).
Die Rheinfranken sind nicht nur ein Haufen saufender Studenten, diese Burschenschaft muss als Kaderschmiede der extremen Rechten betrachtet werden. Dank antifaschistischer Recherchen ist dies auch über Marburg hinaus bekannt. Auf dem Rheinfrankenhaus tummeln sich Faschisten verschiedener Couleur. Dort sind Unvereinbarkeitsbeschlüsse von Parteien irrelevant, sodass AfD-Nachwuchs wie Mike Barthold gemeinsam mit Neonazis wie Lars Roth Mitglieder der Rheinfranken sind. Lars Roth nahm am 15.11.2025 am neonazistischen Gedenkmarsch in Staufenberg (siehe Foto unten), Mike Barthold am Gründungsparteitag der neuen AfD-Jugend am 30.11.2025 in Gießen teil.
Durch Veranstaltungen auf dem Haus der Rheinfranken muss dieses als faschistischer Schulungsort begriffen werden. In der Vergangenheit wurden unter anderem Horst Mahler und Björn Höcke eingeladen. Erst im Sommersemester 2025 war der neurechte Publizist David Engels als Redner unter dem Titel „Europas Vergangenheit - Europas Zukunft“ zu Gast bei den Rheinfranken. In seinem 2014 veröffentlichten Buch „Auf dem Weg ins Imperium“ tritt Engels für ein geeintes Europa unter diktatorischer Führung ein. Die Alten Herren der Marburger Burschenschaft Rheinfranken finanzieren dieses Treiben im Nazizentrum in der Lutherstraße 5.
Die Aktivitas der im Coburger Convent organisierten Turnerschaft Schaumburgia Marburg fiel dadurch auf, dass sie ihr Haus der für Oktober geplanten Studentenhistorikertagung zur Verfügung stellen wollten, um dort verschiedenen Möchtegern-Historikern eine Bühne zu bieten. Unter ihnen befand sich auch Bernhard Schröter, Alter Herr der Nazi-Burschenschaft Frankonia Erlangen (DB). Die Schaumburgia ist ein Männerbund der immer wieder mit dem historischen Faschismus kokettiert.
Die Weidenhäuser Erlengrabengesellschaft
Ihre Recherche zu einem extrem rechten Netzwerk, dem sogenannten Sockenpuppenzoo, welches versuchtihr revisionistisches Geschichtsverständnis auf Wikipedia zu platzieren, führte SWR Journalist:innen nach Weidenhausen. Dort waren sie auf der Suche nach einem selbsternannten Direktor des Netzwerkes, der mutmaßlich Mitglied einer pflichtschlagenden Verbindung ist. Sowohl Rheinfranken als auch Schaumburgia sind pflichtschlagende Verbindungen.
Im November 2024 war Klaus Jürgen Böckler, AfD-Kandidat für die Kommunalwahl 2026, beim „Weidenhäuser Nachmittag“ im Vereinslokal der Erlengrabengesellschaft zu Gast. Er hielt einen Vortrag mit dem Titel „Welche Gefahren bringt die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland mit sich?“. 2021 trat Klaus Jürgen Böckler noch für die CDU zur Kommunalwahl an.
Stadt, Land, Volk schrieb zu seiner Person:
„Mit Blick auf die Kommunalwahlen am 14.März möchten wir noch darauf aufmerksam machen, dass mit Klaus-Jürgen Böckler(Listenplatz 44 für die Stadtverordnetenversammlung) ein Alt-Nazi und langgjähriger Vorsitzender der Fördergemeinschaft für Soldatenverbände (FfS) für die Marburger CDU kandidiert.“
Im August 2001 organisierte die FfS unter dem Vorsitz von Böckler einen Vortrag mit dem Holocaustleugner Wolfgang Juchem. Durch antifaschistische Proteste konnte diese Veranstaltung verhindert werden. Zudem ist Klaus Jürgen Böckler zweiter Vorsitzender der Zahlbachgemeinde.
Die Ketzerbachgesellschaft
Auch die Ketzerbachgesellschaft, gelegen in der Marburger Ketzerbach 21 1/2, pflegt ein enges Verhältnis zum lokalen Verbindungsmilieu. Die Landsmannschaft Hasso-Borussia Marburg, organisiert im Coburger Convent, besucht regelmäßig die Stadtteilfeste der Ketzerbachgesellschaft und wird auf deren Internetseite auch als „Hausverbindung“ bezeichnet.
Die Landsmannschaft Hasso-Borussia fiel zuletzt mit einem möglichen Ehrenhändel, einer sogenannten „Pro-Patria-Suite“, mit dem Corps Hasso-Nassovia auf. Die Taz schrieb zu einem von der Landsmannschaft Hasso-Borussia in diesem Kontext verfassten Brief: „Der Brief schafft es, die ganze hässliche Arroganz einer rechten Elite offenzulegen. Die Korporierten kokettieren förmlich mit ihrem verkommenen Charakter, wenn sie Schwulenwitze reißen oder sich über Kranke („vorstadiale Demenz angeprügelt“) und Behinderte („da unsere Landsmannschaft mit Behinderungen jeglicher Art stets inklusiv umzugehen pflegt“) lustig machen.“
Auffällig ist auch, dass die Landsmannschaft Hasso-Borussia einen Post aus dem Jahr 2023 nach der Anzeige wegen eines möglichen Ehrenhandels löschte. Darin wurde eine weitere „Pro-Patria-Suite“ benannt, ein mögliches weiteres Ehrenhändel, wo die Spuren wohl verschwinden sollten. Dabei muss einem bewusst sein, dass sich die Gewalt des korporierten Milieus nicht wie bei Ehrenhändeln nur nach innen, sondern durchaus auch nach außen richtet (siehe Fotos unten).
Auch wenn Korporierte in den letzten Jahrzehnten an gesellschaftlichem Boden in Marburg verloren haben, bestehen weiterhin gute Kontakte in die Marburger Stadtgesellschaft. Während die Ketzerbachgesellschaft seit eh und je mit den CC-Landsern der Hasso-Borussia Marburg kumpelt, sind in der Zahlbachgemeinde AfDler fest verankert und bei der Erlengrabengesellschaftsind Nazi-Burschenschaften, rechtskonservative Korporationenund Kandidaten der AfD gerngesehene Gäste.
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