Der Feind liest mit - Über den Umgang der revolutionären Bewegung im Internet

<p>Der anschliessende Artikel ist ein Onlineartikel der Redaktion vom GEGEN:MAG, einem neuen Magazin über revolutionäre Kultur und Gegenmacht.</p>
<p>Über Anmerkungen zu diesem Artikel freuen wir uns! – Schreibt eine Mail an kontakt.gm@proton.me oder eine direkte Nachricht auf Instagram!<br class='autobr' />
Ihr findet uns auf Instagram unter «gegen_magazin» oder auf unserer Website gegenmagazin.wordpress.com (wahlweise) gegen-magazin.org</p>
<p>Wir befassen uns schon länger mit dem Phänomen der Onlinedebatte in revolutionären Bewegungen. <br class='autobr' />
Ziel dieses Textes ist die Vermittlung der Widersprüche der Debatte im Internet im allgemeinen und die Auswüchse dessen im konkreten.Unsere Redaktionsmitglieder:innen sind schon länger in der revolutionären Bewegung aktiv und bewegen sich auch in subkulturellen Kontexten eng im Sumpf der politischen Kultur. Es mag offensichtlich erscheinen, aber wir möchten hier nochmals klarstellen: Die politische Widerstandsbewegung ist nicht ideologisch homogen. Diese Feststellung ist nicht wertend, es ist ein Fakt. Dies hat Vor-und Nachteile, die wir hier nicht in der Tiefe beleuchten. Wir profitieren grundsätzlich alle von Debatten, welche sich aus theoretischen, aber auch aus praktischen Widersprüchen heraus kristallisieren. So bewegen wir uns, bilden uns und können politische Standpunkte entwickeln und kritisieren. Dies passiert ideologie-übergreifend und ist ein Kern unserer revolutionären Persönlichkeitsentwicklung. <br class='autobr' />
Lange Zeit passierte das im Austausch, auf Kongressen und Tagungen, in revolutionären Zeitschriften und Blätter, nach Sitzungen und bei der politischen Praxis. Das Internet gab uns die Möglichkeit, direkt in Debatten einzugreifen und schneller und unkomplizierter auf Sachverhalte, Ereignisse und Entwicklungen zu reagieren. Mit der Entstehung des Internets entstanden reihenweise Webseiten von Gruppen, Kollektive und Zusammenhänge so wie Portale wie Indymedia , in denen Debatten geführt werden konnte oder anonym Bekennerschreiben veröffentlicht werden konnten. Natürlich wurden diese Portale von z.B der Anti-Globalisierungsbewegung stark genutzt und konnte in den frühen 2000er zu gewissen Ereignissen gute Gegenöffentlichkeit bieten. Wir werten im Rückblick diese Entwicklung, also das Nutzen des Internets für Agitation und Bewegung der revolutionären Kräfte grundsätzlich positiv, denn es eröffnete ein neues Kampffeld, welches eine gewaltige Treibkraft hatte und immer noch hat. <br class='autobr' />
Doch an diesem Punkt, am Punkt der Nutzung durch die politische Widerstandsbewegung, wurden Fehler gemacht welche in einer Verbindung mit den heutigen Fehlern und in der Gleichzeitigkeit mit der Weiterentwicklung des Internets stehen. Wir werden erst diese Fehler dann die Folgefehler und ihre Widersprüche beleuchten und anschliessend unser Fazit daraus ziehen.</p>
<p>Der Kernfehler in dieser Zeit lag darin, dass sich nur wenige Gruppen und die gesamte Bewegung als ganzes zu wenig Gedanken darum machten, was das Internet als politischer Raum für Gefahren und Möglichkeiten birgt – kurz, das Internet als Territorium revolutionärer Praxis einzuordnen.<br class='autobr' />
Niemand wirft der Bewegung vor, dass sie die späteren Probleme des Internets nicht erkennen konnten zu diesem Zeitpunkt, denn noch war dieses Phänomen der digitalen Welten in seinen Kinderschuhen.<br class='autobr' />
Ausserdem befand sich die politische Widerstandsbewegung zu dieser Zeit in einer tiefen Krise, welche sie noch Jahre begleiten wird - Vermittelbarkeit durch das Internet war also eine willkommene Sache!<br class='autobr' />
Nichtsdestotrotz wäre die Erkenntnis, das dass Internet nur von taktischem und weniger dem strategischen Nutzen ist, weil die Herrschenden die Kontrolle über dieses Territorium mehr und mehr verstärken, wichtig gewesen und zur Debatte gestanden!<br class='autobr' />
Taktisch deshalb, weil es schon zu dieser Zeit möglich war/ist, Gegenmacht und Gegenöffentlichkeit herzustellen, doch nur in begrenztem Masse und mit Verlusten. Denn Webseiten können gelöscht, Server und Personen überwacht und Daten-Leaks von Staat und Reaktion genutzt werden, diese Momente der visuellen Gegenmacht im besten zu zerstören, im schlimmsten Fall folgt Knast und Mord als Konsequenz.</p>
<p>Mit dem Aufkommen des Internets hat sich bis tief ins liberale Lager hinein schnell die Frage nach Datenschutz und Massenüberwachung gestellt, auch revolutionäre Kräfte haben sich daran beteiligt. Die Digitalisierung hat sich schnell bewegt und die Repressionsorgane haben sich schnell an Massnahmen gemacht um weiterhin die Oberhand auf diesem neuen Gebiet zu behalten. Das heisst, das neue Territorium hat sich schnell in ein Tauziehen um Macht und Öffentlichkeit entwickelt, noch bevor sich das Internet zu dem gewandelt hat, was es heute ist. Es gab damals viele Debatten über Datenschutz, Befugnisse von Polizei/Geheimdienst und vieles mehr – doch diese wurden vor allem auf dem Boden der Gesetze und des bürgerlichen Rechts diskutiert und weniger innerhalb der Fragestellung der eigenen Handlungsmöglichkeiten.<br class='autobr' />
Schliesslich kam das Aufkommen der Sozialen Medien: Diese wurden zu Beginn von der Bewegung weltweit nur spärlich benutzt, schliesslich ging es da eher um Partys, Freunde etc.<br class='autobr' />
Aber vor allem Facebook wurde immer mehr benutzt, auch wenn anfänglich für Mobilisierungen und weniger für die Debatte innerhalb der politischen Linken.<br class='autobr' />
Doch Moment! – Wie gingen revolutionäre Kräfte mit dem Internet um zu dieser Zeit?<br class='autobr' />
Schon früher war es in der Bewegung klar, dass jede Person, welche nicht auf ihre Sicherheit schaut, schnell gefundenes Fressen für Nazis und Staat wird. Broschüren, was man an eine Demo mitnimmt und was nicht gibt es schon sehr lange. Auch im Internet war diese Bedrohung (zumindest für Leute, die sich mit Cyber-Sicherheit auseinander gesetzt haben) ersichtlich, und so wurden PGP-Schlüssel für Mails und viele andere Dinge normalisiert. Auch Betreiber:innen von Plattformen wie Indymedia haben aus Razzien und Fehlern gelernt und haben ihre Handlungsweisen angepasst. Es gab auch da immer wieder öffentliche Posts auf der Webseite der Gruppe X, welche starke Kritik an Gruppe Y übte. Dies ist nicht einmal ein Problem, denn es herrschte (zumindest in den meisten Fällen) ein Konsens darüber, dass strafrechtlich relevante Informationen oder organisationsrelevante Details nicht kundgetan werden sollten, denn es bestand mittlerweile ein gewisses Verständnis über die Unübersichtlichkeit des Internets und seine stillen Lakaien.</p>
<p>Als die Sozialen Medien aufkamen, erkannten zumindest in Deutschland, aber auch hier in der Schweiz das Potential von Veranstaltungslinks auf Facebook, um schnell gewisse Sachen auf die Beine zu stellen.<br class='autobr' />
Nichtsdestotrotz waren die klassischen Agitprop-Methoden wie Flyer, Mobiaktionen, Plakate etc. die ausschlaggebende Kraft. Ausnahme war auch hier Indymedia als Onlineplattform.<br class='autobr' />
Der Impuls, breitflächig Debatten im Internet zu führen kam strukturell erst wenige Jahre später.<br class='autobr' />
Da vorallem Jugendliche die sozialen Medien nutzen, waren es auch vorallem Jugendgruppen, welche verstanden, dass die eigene Agitprop nicht nur in der Realität gesehen werden musste, um die zu politisierenden Massen abzuholen, sondern eben diese jungen Menschen dort abzuholen wo sie sind: Nämlich im Netz!<br class='autobr' />
Dies war und bleibt richtig – bis heute!</p>
<p>Es ist falsch und rückschrittlich, dem Internet seine gewaltige Kraft als Mobilisierungsmöglichkeit abzusprechen. Wir bewegen in der heutigen Zeit kaum jemanden mit einem gehängten Transparent, ohne diese Aktion auch per Netz in irgendeiner Weise zu verwerten! Die Frage des Netzes als Vermittlung eigener Inhalte ist eine andere, zu der wir natürlich einen Artikel schreiben werden in einer kommenden Ausgabe des Magazins.</p>
<p>Doch zurück zum Punkt der Debattenkultur und dem Umgang der revolutionären Kräfte damit.<br class='autobr' />
Es wurde in Mitten der 2010er-Jahre immer beliebter, Indymedia auch als Plattform des theoretischen Austauschs zu nutzen und Kritik an Organisationen oder Zustände über diese Plattformen zu führen. Auch auf BARRIKADE (ähnliche Plattform wie Indymedia – speziell auf die Schweiz zugeschnitten) wurden neben Bekennerschreiben und Nazi-Outings immer wieder theoretische und praktische Debatten geführt.<br class='autobr' />
Auch das stellt kaum ein Problem dar, solange diese nicht relevant für Behörden sind. Und seien wir mal ehrlich: Eine Diskussion darüber, ob vegan sein reaktionär ist oder nicht, ist nun wirklich nicht ein Moment der revolutionären Gegenmacht.<br class='autobr' />
Schnell führte aber diese Dynamik dazu, dass auf Gruppenstatements oder politische Aktionen von Zusammenhängen und Organisationen Kritik und Meinungen folgten, welche pikante Details zu Personen oder zumindest ein einfacher Lösungsweg für Beamte in Blau inne hatten. Mit der Zeit wurde auf Plattformen wie Indymedia oder BARRIKADE bei Kritikbeiträgen immer weniger auf die politische Auseinandersetzung als auf die Polemik und moralische Erhabenheit Wert gelegt. Parallel zu dieser Entwicklung wurde nun Instagram zu einer neuen Stärke der politischen Widerstandsbewegung; Gruppen hatten einfachen Zugang zu grösseren Vermittelbarkeit, Organisationen wurden bekannter, Aktionen spektakulärer. Aber auch Einzelpersonen waren natürlich in den Untiefen des Algorithmus unterwegs, hatten leichteren Zugang sowohl zu den Inhalten als auch zu den Positionen von revolutionären Gruppen. Das Internet hatte eine immer schnellere Dynamik angenommen.</p>
<h3 class="spip">Kritik der Kritik</h3>
<p>Mit der Zeit normalisierte sich der Zustand, den wir heute als problematisch erachten: Jedes kleinste Detail, jeder Fauxpas, jede Streitigkeit (so unbedeutend sie auch erscheinen mag) wird breit und ernsthaft – ohne den Blick auf den Fakt, das jeder Unbekannte, ob Freund oder Feind, das mitlesen kann – ausdiskutiert, auf einer Stufe, auf der es wahnsinnig gefährlich wird.</p>
<p>Wir meinen: Es ist wichtig, Kritik auszuüben in jedem Fall! Fehler müssen erkannt werden, diskutiert werden. Praxis muss theoretisiert werden, aus dem Theoretisierten Praxis erfolgen.<br class='autobr' />
Aber es muss dringend eine ernsthafte Auseinandersetzung geführt werden, wie diese Kritik auszusehen hat und wo diese stattfindet!<br class='autobr' />
Das Internet bietet vielen Menschen die Möglichkeit, mit viel Meinung und wenig Ahnung Geschehnisse zu kommentieren, klandestine Informationen ungeachtet Preis zu geben und Diskurse zu verfälschen.<br class='autobr' />
Jeder Beitrag auf Indymedia, jedes Meme auf Instagram über unkluge Formulierungen oder Taten einer Gruppe und jeder Kommentar auf Barrikade zu taktischen Fehlentscheidungen einer Demoleitung aber auch Aufbruchsversuche, feministische Kritik an männlichem Gehabe ist frei einsehbar, was den Vorteil hat, dass sich jeder damit auseinandersetzen kann, jedoch den grossen Nachteil hat, dass sich entweder Leute der Kritik (und auch Selbstkritik!) einfach entziehen können, in ihrer Anonymität verstecken und auf der anderen Seite der Feind unsere Schwächen und taktischen Dreh-und-Angel-Punkte frei einsehen und ableiten kann.</p>
<p>Doch wie lautet unser Fazit? Die Widersprüche zwischen freiem Informationszugang, theoretische Barrierefreiheit (gerade bei neuer Politisierung) und dem Gefühl nach Schutz und Sicherheit sind fliessend und tückisch!<br class='autobr' />
Wir würden uns wünschen, dass jede Organisation, jeder Zusammenhang und jede Person sich bei der Veröffentlichung die Frage stellt, ob es nötig ist, dies ins Internet zu stellen oder ob es sich nicht lohnt, dazu eine Veranstaltung oder einen Diskussionsnachmittag zu organisieren, in welchem klare Regeln und eine gesunde Debattenkultur herrscht. Gerne kann dazu auch dieser Text verwendet werden.<br class='autobr' />
Klar ist: Kritik muss gesagt werden, Kritik darf nicht aus dem öffentlichen Raum verschwinden! Setzen wir doch genau da an und bauen uns diese Momente der politischen Praxis in Räumen, in denen wir das Sagen haben. Kommentieren wir nicht nur das Geschehene aus einem digitalen Elfenbeinturm, sondern begreifen wir in diesen Räumen Kritik auch tatsächlich als das, was sie ist: Ein Motor zur Veränderung von uns selbst und in Wechselwirkung eine Veränderung der herrschenden Verhältnisse!</p>
<h3 class="spip">Mühen wir uns an Tatsachen statt an Geschwätz ab!
<p>Gegenmacht statt Ohnmacht!</p>
</h3><figure class='spip_document_10796'> <div class="limage"> <img src='https://publish.barrikade.info/IMG/png/1-36.png' class="img-fluid " alt='PNG - 639.1 kB' /> </div> <figcaption> </figcaption>
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Donnerstag, Februar 5, 2026 - 21:03