Nach dem Vulkanausbruch in Berlin - Gegen die Desorientierung

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Auch wenn der große Wirbel um den Sabotageakt und Stromausfall in Berlin schon wieder abgeflaut ist, wollen wir ein paar Gedanken in Form dieses Textes teilen. Wir sind keine Vulkangruppe, lediglich ein paar Menschen, die die Diskussion verfolgt haben. Wenn wir als linke, progressive oder anarchistische Kräfte verwirrt im Kreis springen, uns mit Debatten und Spekulationen über Fakten aufhalten, die wir nicht wissen können, stellen wir uns selbst ein Bein. Dann verlieren wir unsere Handlungsfähigkeit, während unsere Gegner die Welt nach ihren Vorstellungen gestalten. Gefangen in unlösbaren Fragen halten wir uns beschäftigt und vergessen uns auf das zu fokussieren, was wir beeinflussen können.

Gegen die Desorientierung

Auch wenn der große Wirbel um den Sabotageakt und Stromausfall in Berlin schon wieder abgeflaut ist, wollen wir ein paar Gedanken in Form dieses Textes teilen. Wir sind keine Vulkangruppe, lediglich ein paar Menschen, die die Diskussion verfolgt haben.

Für diejenigen, die es aus irgendwelchen Gründen nicht mitbekommen haben, hier eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse: am 3. Januar fiel in Folge von Sabotage in weiten Teilen des Berliner Südwestens der Strom aus. Auf indymedia sowie im Posteingang einiger Zeitungen erschien ein Bekennerschreiben einer "Vulkangruppe : Den Herrschenden den Saft abdrehen". Nachdem zunächst öffentlich darüber diskutiert und spekuliert wurde, ob hinter der Aktion tatsächlich eine Vulkan Gruppe steckt, oder es eine false flag Aktion Russlands war, tauchten in den Tagen danach unzählige Schreiber unterschiedlicher Gruppen auf indymedia auf. Alle behaupten von der echten, oder einer der vielen echten Vulkan Gruppen zu sein und nehmen unterschiedliche Haltungen zur Aktion ein, sodass niemand mehr durchblickt. Fast täglich kam ein neuer Text dazu, alle waren oder sind verwirrt und es wird immer unklarer, wer die Vulkan Gruppe ist, wer hinter der Sabotage steckte und was die Motivationen hinter den einzelnen Texten sind.

Aber die Frage ist doch. Warum wollen wir all das überhaupt so dringend wissen? 
Klar, im ersten Moment erscheint es wichtig, die Wahrheit über die Urheberschaft der Aktion zu wissen. Wir denken, es wäre einfacher, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und Hass gegen Linke zu verhindern, wenn wir beweisen können, dass hinter allem Russland oder der Staatsschutz stecken. Auf der anderen Seite wird die bürgerliche Mitte sowieso glauben was sie glauben wollen und Bild&Co. werden ihre Hetze gegen Links nicht zurückfahren, auch wenn wir noch so gut beweisen könnten, dass es eine false flag Aktion war.

Wir suchen die Gewissheit und die klaren Erklärungen in erster Linie für uns selbst. Sie haben eine psychologische Funktion, denn sie helfen dem eigenen Kopf und beruhigen den Geist. Aber das Problem ist: es gibt eine große Chance, dass wir erst in ferner Zukunft oder sogar nie erfahren werden, wer wirklich hinter der Aktion steckte. Wahrscheinlicher ist, dass es verschiedene Versionen der Wahrheit geben wird: das, was die Polizei jetzt sagt und was sie nach langen Ermittlungen sagen werden. Das, was Politiker*innen öffentlich als Spekulationen oder Erklärungen hinausposaunen. Das, was verschiedene Texte auf indymedia als Wahrheit behaupten.

Die Frage ist also nicht, was die eine, ultimative Wahrheit ist, sondern unter welchen Umständen wir etwas als Wahrheit akzeptieren. Welche Bedingung muss eine Aussage erfüllen, damit wir sie zu unserer Wahrheit machen? Glauben wir der Polizei, weil es die Polizei ist? Einem indymedia-Schreiben, weil uns der Tonfall passt? Oder einer anderen Theorie, weil sie in unser Weltbild passt?

Sowohl false flag Aktionen (jemand anderes macht etwas und tut so als wären es "die Linken" gewesen) als auch falsche Behauptungen über Provokateure ("die Linken" machen etwas und Politiker*innen oder Medien behaupten, es seien verdeckte Ermittler, agents provocateur oder ein ausländischer Geheimdienst gewesen) lassen sich in der Geschichte finden und sind eine gegewärtige Möglichkeit. Beides kann Nutzen haben, um subversive Kräfte zu delegitimieren. Im ersten Fall wird der Ruf der Linken zerstört, indem ihnen die Verantwortung für etwas zugeschoben wird, das die Öffentlichkeit negativ auffasst. Im zweiten Fall wird die Legitimität der Aktion und die Handlungsfähigkeit radikaler Gruppen heruntergespielt, indem suggeriert wird, nur professionalisierte und unehrliche Akteure wären in der Lage zu einem solchen Angriff.

Während wir heute und wahrscheinlich für immer nicht wissen können, was die Wahrheit ist, gibt es eine beruhigende Botschaft: Das ist gar nicht so wichtig. Vielleicht ist die Suche danach sogar völlig unnötig und Zeitverschwendung. Anstatt uns davon beschäftigen und verwirren zu lassen, können wir uns auf die Dinge fokussieren, die gelten, egal wer oder was hinter der Aktion steckt. Und das sind einige.

Egal, wer es wirklich war, die Rechten können und werden Vorfälle solcher Art nutzen, um ihren Propgandafeldzug gegen alles Linke voranzutreiben. Sie werden alles nutzen, um diesen Kampf voranzutreiben. Wir bekämpfen diese Propaganda-Maschinerie nicht durch interne Diskussionen, sondern nur, indem wir eine handlungsfähige und effektive Strategie entgegengesetzten, um den öffentlichen Diskurs zu beeinflussen und anschlussfähige antifaschistische Narrative zu verbreiten. Wenn etwas viel Aufmerksamkeit kriegt, müssen wir das nutzen und uns proaktiv in den Diskurs einmischen. Nicht auf indymedia, sondern da, wo es auch Leute außerhalb der Szene mitkriegen. Warum nicht dieses Ereignissen nutzen, um über fehlende Katastrophenvorsorge, besonders für die Schwächsten in der Gesellschaft zu sprechen und darüber, dass die "kritische Infrastruktur" verletzlich ist, weil sie kaputtgespart wurde, weil im deutschen Staat das Geld vor allem für Aufrüstung eingesetzt wird und um Reiche noch reicher zu machen?

Egal, wer es wirklich war, konservative und Rechte Politiker werden Vorfälle solcher Art nutzen, um den Überwachungsstaat auszubauen und zu rechtfertigen, dass die Repressionen gegen subversive Kräfte immer heftiger werden. Polizeigesetze werden am laufenden Band verschärft und Bürger*innenrechte zurückgeschraubt. Vorfälle wie die Sabotage in Berlin sind dafür ein willkommener Anlass, aber nicht die Ursache. Auch diese Dynamik müssen wir auf anderem Wege bekämpfen und nicht, indem wir verzweifelt versuchen, zu beweisen, dass "wir Linken doch gar nicht so böse sind".

Egal, wer es wirklich war, sollten wir so schnell wie möglich mutual aid Netzwerke aufbauen, wenn Infrastruktur versagt und Menschen in Not sind. Das gebietet nicht nur die Moral und unsere solidarischen Grundwerte, sondern ist auch strategisch das richtige. Durch effektive Hilfe vor Ort zeigen wir besser, dass wir auf Seite der Menschen und für eine solidarische Gesellschaft stehen, als durch irgendwelche Texte auf indymedia oder Distanzierungen von der Aktion auf X.

Du kannst sogar entscheiden, ob du die Aktion gut findest oder nicht, ohne zu wissen, wer es war. Denn für ein solches Urteil ist in erster Linie wichtig, was passiert und welche Konsequenzen das hat und nicht, wer dahintersteckt. Findest du es gut, wenn Infrastruktur angegriffen wird? Findest du es gut, wenn die Normalität unterbrochen wird? Findest du es gut, wenn zehntausende Menschen im Winter mehrere Tage ohen Strom sind? Ändert sich das, wenn es sich um Reiche handelt? Oder um alte und hilflose Menschen in einem Seniorenheim? All das sollten wir mit Hilfe unseres eigenen moralischen Kompasses in der Lage sein zu beantworten, egal wer es wirklich war. 

Uns erinnert das, was hier passiert, an die Art, wie in der Szene manchmal über Spitzel und Sicherheitskultur gesprochen wird.

In unzähligen Gesprächen fragen sich Menschen immer wieder: könnte es in unserer Szene Spitzel, Informanten oder verdeckte Ermittler*innen (VE) geben? Ist diese und jene Person vielleicht einer? Manchmal fliegen aus Glück oder Zufall tatsächlich verdeckte Ermittler*innen auf, wie dieses Jahr beim Rheinmetall Entwaffnen Camp. Aber wir können davon ausgehen, dass es viele gibt, die wir nie enttarnen werden und genauso viele Spekulationen, die sich nie als wahr oder falsch herausstellen werden. 

Gleichzeitig wissen wir eigentlich ziemlich genau, was VE tun würden, um unserer Szene zu schaden. Einerseits würden sie versuchen, an sensible Informationen zu gelangen, die sie nichts angehen. Andererseits, und das ist vermutlich noch viel wichtiger, versuchen sie Prozesse ineffektiv zu machen, Streit zu säen, Spaltung hervorzurufen oder Projekte voranzutreiben, die strategisch destruktiv sind. Die CIA hat im zweiten Weltkrieg das berühmt-berüchtigtes simple sabotage field manual herausgegeben voller Ideen und Anleitungen, um Organisationen simpel und effektiv von innen heraus zu zersetzen. Damals war die Idee, die Nationalsozialisten zu sabotieren, doch die Taktiken werden bis heute eingesetzt, um feindlichen Organisationen zu schaden. Vermutlich auch von Repressionsbehörden gegen soziale Bewegung. Und selbst wenn nicht, dann haben wir mit dem sabotage field manual trotzdem ein hilfreiches Handbuch, um Verhalten zu identifizieren, das der Effektivität unserer Strukturen schadet, egal wer es einsetzt. (vom ständigen Hinauszögern von Entscheidungsprozessen, über Korrespondenz vergessen, falsch ablegen und „verlieren“ bis hin zu Versuche, bis hin zum Erfragen von Informationen, die die Person nichts angeht).

Warum fokussieren wir uns also immer darauf, wer jemand ist, anstatt darauf, was jemand tut?

Statt uns ständig zu fragen, wer Spitzel ist - eine Frage, die wir nie eindeutig beantworten können - sollten wir uns fragen, wo Verhalten ist, das schädlich ist - eine Frage, die wir sehr eindeutig beantworten können - und dieses bekämpfen, egal von wem es ausgeht.

Und damit zurück zu den Ereignissen in Berlin, die spannend sind, weil Situationen wie diese uns zukünfitg immer öfter erwarten werden: komplexe und verwirrende Umstände, die nicht leicht als eindeutig gut oder eindeutig schlecht zu identifizieren sind, bei denen sich die unterschiedlichsten potenziellen Akteure mögliche Erklärungen vermischen und sich nichts eindeutig beweisen oder ausschließen lässt. Zumal KI uns gleichzeitig skeptischer und leichter täuschbar macht. Dafür muss sie noch nicht einmal eingesetzt werden. Das bloße Wissen, dass ihr Einsatz eine Möglichkeit ist, lässt uns an Texten oder Bildern zweifeln, den wir früher geglaubt hätten.

Auf eine solche Zukunft sind wir nur vorbereitet, wenn es uns gelingt, trotz allem die Orientierung zu bewahren. Wie schon vor tausenden Jahren in "Die Kunst des Krieges" geschrieben wurde: the whole secret lies in confusing the enemy. Desorientierung und Verwirrung sind nicht ohne Grund ein mächtiges Mittel in jedem Krieg. Wenn wir als linke, progressive oder anarchistische Kräfte verwirrt im Kreis springen, uns mit Debatten und Spekulationen über Fakten aufhalten, die wir nicht wissen können, stellen wir uns selbst ein Bein. Dann verlieren wir unsere Handlungsfähigkeit, während unsere Gegner die Welt nach ihren Vorstellungen gestalten. Gefangen in unlösbaren Fragen halten wir uns beschäftigt und vergessen uns auf das zu fokussieren, was wir beeinflussen können. Wenn wir wasserdichte Erklärungen brauchen, um uns orientieren zu können, heißt das im Umkehrschluss, dass wir sehr anfällig für Desorientierung sind. Wir müssen lernen, ohne eindeutiges Wissen zu leben und zu handeln.
Das gelingt, indem wir uns auf das fokussieren, was in jedem Fall feststeht und was wir beeinflussen können.

Lasst uns heute und in Zukunft genau analysieren, was passiert. Lasst uns akzeptieren, was wir nicht wissen können und uns da einmischen, wo wir gebraucht werden. Und zwar in der Praxis, indem wir mutual aid Strukturen aufbauen, um solidarisch reagieren zu können, wenn Menschen in Not sind. Und indem wir uns in Diskurse einmischen.

Wir schließen diesen Text mit einem Zitat der Zapatista: spaltet euch nicht in der Theorie, vereint euch in der Praxis.

 

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Ergänzungen

Putin braucht keine Agenten und keine Sabotageteams in Deutschland haben. Freiwillige Deutschlandhasser greifen die deutsche Infrastruktur an. Deutschland und die EU zerstören sich selbst von innen.