Strategische Kritik oder: Warum wir uns ins eigene Knie schießen
Aus einer autonomen, nicht parteigebundenen Perspektive – ohne Nähe zu Parlamentarismus, Sicherheitsstaat oder bürgerlicher Ordnung – möchte ich dennoch eine kritische Einordnung zur Aktion der Vulkangruppe zu Jahresbeginn im Berliner Süden geben.
Vorweg: Das benannte Anliegen und die politische Analyse in der Erklärung halte ich für nachvollziehbar und in sich schlüssig. Wut auf Verhältnisse, die ökologische, soziale und globale Gewalt reproduzieren, ist legitim. Sabotage als Mittel gegen Herrschaft ist historisch nichts Neues und muss diskutierbar bleiben.
Was mich jedoch immer wieder irritiert – und das ist keine neue Debatte –, ist die strategische Entscheidung, dass sich die konkrete Wirkung solcher Aktionen fast ausschließlich gegen die Zivilgesellschaft richtet. Also gegen Menschen, die weder Entscheidungsmacht noch institutionellen Einfluss haben, sondern selbst täglich mit den Zumutungen dieser Verhältnisse leben müssen.
Wenn Infrastruktur wie Verkehr, Kommunikation oder Rundfunk ausfällt, trifft das nicht „den Staat“ abstrakt, sondern konkret: Pflegekräfte, Migrant*innen, Prekärbeschäftigte, Alte, Kranke, Menschen ohne Rückzugsräume. Das sind keine Kollateralschäden am Rand, sondern reale soziale Folgen. Eine Praxis, die das systematisch ausblendet oder nachträglich relativiert („war so nicht beabsichtigt“), wirkt nicht radikal, sondern verantwortungslos.
Gerade kritische Infrastruktur – Telekommunikation, Rundfunk, Warnsysteme – ist nicht neutral, aber sie ist überlebensrelevant. Wenn sie ausfällt, wird mit Risiken gespielt, die sich nicht kontrollieren lassen. Spätestens da stellt sich die Frage nach Verhältnismäßigkeit und politischer Zielgenauigkeit. Angst, Unsicherheit und Eskalation entstehen nicht automatisch auf der Seite der Macht, sondern zuerst unter denen, die ohnehin wenig haben.
Hinzu kommt: Wenn durch solche Aktionen Einrichtungen wie Unterkünfte oder soziale Infrastruktur evakuiert werden müssen, produziert das reale Spaltung. Nicht theoretisch, sondern konkret im Alltag. Das stärkt weder solidarische Gegenmacht noch emanzipatorische Perspektiven – es liefert im Gegenteil Rechten und autoritären Kräften Munition für ihre Erzählungen von „Chaos“, „Unsicherheit“ und „innerem Feind“.
Das ist keine Aufforderung zur Anpassung oder zur Befriedung. Aber wenn radikale Praxis ernsthaft gesellschaftliche Verhältnisse verändern will, muss sie sich der Frage stellen, wen sie tatsächlich unter Druck setzt – und wen sie faktisch allein lässt oder sogar gefährdet.
Strategiekritik ist kein Verrat. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Widerstand nicht zum Selbstzweck wird, sondern Anschlussfähigkeit behält und nicht gegen die eigenen potenziellen Verbündeten arbeitet.
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