WAS DEM LEBEN EINEN SINN GIBT, GIBT AUCH DEM TOD EINEN SINN
Am 31.10. ereignete sich im dritten Stock einer Wohnung in der Arkadias-Straße bei der Verarbeitung von Sprengstoff durch den Partisanen und meinen Gefährten Kyriakos Xymitiris eine Explosion mit der tragischen Folge seines Todes. Innerhalb weniger Minuten und während ich mich zufällig im Nebenzimmer befand, blieb die Zeit stehen, alles wurde schwarz und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Der Zustand unbegreiflich, die Entwicklung unvorstellbar. Begraben unter Trümmern versuchte ich herauszufinden, was passiert war. Hilfe suchend sahen sich meinen Augen nach meinem Partner um. Langsam wurde mir klar, dass der Handlungsfaden meines Gefährten zwar abrupt durchtrennt wurde, sein Leben und seine Entscheidungen für den Kampf jedoch ein historisches Beispiel für entschlossenen Widerstand, Konsequenz und Hingabe, ein Sprungbrett und eine Inspiration für den Kampf sein würden. Zwei Gestalten erschienen und boten mir ihre Hilfe an, während ich ihnen die Stelle zeigte, an der ich meinen Gefährten zum letzten Mal gesehen hatte, die Stelle, an der sich unsere schuldbewussten Blicke trafen, Blicke voller Wut auf die Welt, in der wir leben, voller Glauben und Sehnsucht nach Momenten wahrer Freiheit.
Innerhalb weniger Minuten befand ich mich im „Evangelismos“ Krankenhaus. Ich wurde sofort untersucht und operiert. Ich hatte ein Hämatom am Kopf und unzählige Wunden am Oberkörper. Für die nächsten drei Tage blieb ich intubiert und völlig bewusstlos. Zeit genug für den „Anti“terror-Abschaum, ins Krankenhaus zu eilen und eine Blutprobe zu verlangen.
Am Montag erlangte ich das Bewusstsein wieder und wurde auf die Intensivstation verlegt, wo ich die nächsten drei Tage verbringen musste. Die Bedingungen dort waren annehmbar, und das medizinische Personal war bemüht, meine Genesung zu unterstützen. Allerdings war das Zimmer von Polizeikräften umstellt, die während des fünfminütigen Besuchs meiner Familie das Zimmer der Intensivstation betraten.
Nach zwei Tagen wurde ich - ohne ersichtlichen Grund - auf eine Isolierstation verlegt, die von mehreren stationären und ebenso vielen mobilen Polizisten auf den Fluren und in den Stockwerken bewacht wurde. Die Tür zu meinem Zimmer stand ständig offen, sodass ich selbst bei medizinischen Untersuchungen keinerlei Privatsphäre hatte. Unter den „wachsamen“ Blicken jedes einzelnen Polizisten musste ich essen, untersucht werden und mich waschen lassen. Die Mehrheit des medizinischen- und Pflegepersonals verhielt sich auf Anweisung distanziert und zeigte selbst bei den einfachsten Dingen, wie der Forderung nach der Durchführung einer Untersuchung ohne die Anwesenheit eines männlichen Polizeibeamten, keinerlei Empathie.
Das Beharren der 22. Ermittlungsbeamtin des Bezirksgerichts Athen auf ein Verhör trotz meiner körperlichen und geistigen Schwäche war ebenfalls Ausdruck dieser rachsüchtigen Atmosphäre. Nachdem sie um eine Bescheinigung meiner ausreichenden „Funktionsfähigkeit“ gebeten hatte, die sie nach eigenem Ermessen verlas, gewährte sie mir schließlich einen lächerlichen Aufschub von 30 Stunden. Sie bestätigte damit die Tatsache, dass ihre Priorität meine vorherbestimmte Untersuchungshaft und die Strafverfolgung nach 187A (TN: Terroristische Vereinigung) war.
Am Freitag, den 15.11., nur einen Tag nach meiner zweiten Operation, wurde ich in das Frauengefängnis von Korydallos (TN: Knast in Athen) verlegt. Das Leben unter diesen Bedingungen war schwierig. Unter miserablen hygienischen Bedingungen und mit nicht verheilten Wunden am Körper und am Kopf spielte der Repressionsapparat mit meiner Gesundheit. Ohne die notwendige medizinische Versorgung, ohne Zugang zu den notwendigen Medikamenten. Ein Zustand, mit dem alle Gefangenen konfrontiert sind, da sie als Bürger zweiter Klasse wahrgenommen werden, die kein Recht auf medizinische Versorgung haben, mit oberflächlichen bis nicht vorhandenen medizinischen Untersuchungen durch Gefängnisärzte, mit dem Verbot notwendiger medizinischer Eingriffe, mit dem Absetzen von Medikamenten, die außerhalb der Mauern eingenommen wurden, mit monatelangen Wartezeiten für dringende Untersuchungen in ambulanten Krankenhäusern.
DIE GEOMETRIE DER ANTI-TERROR-POLIZEI
Noch immer bewusstlos, wenige Stunden nach der Explosion, folgt der Justizapparat den Anweisungen der Anti-Terror-Einheit, indem er eine abscheuliche Anklageschrift verfasst. Die Herstellung von (kleinen Mengen) Sprengstoff und Sprengkörpern, bei der nur der Gefährte Kyriakos und ich anwesend und ihr gewahr waren, wurde als Organisation bezeichnet. Die Wohnung, zu der wir nur für einige Tage Zugang hatten, wurde als Yafka (TN: Illegaler Bunker) bezeichnet. Die legalen Gegenstände, die in der Wohnung, in der ich mit dem Gefährten Kyriakos wohnte, gefunden wurden und die in den Nachrichten präsentiert wurden, wurden als verdächtig bezeichnet.
Aufgrund dieser Tatsachen verfolgt mich die Anti-Terror-Polizei unter dem Vorwurf des „Terrorismus“. An dieser Stelle werde ich mich jedoch nicht auf den juristischen Teil konzentrieren und auch nicht im Kontext von Schuld und Unschuld sprechen. Ich weigere mich, eine Anklage auf der Grundlage des Paragraphen 187A zu akzeptieren, insbesondere wenn sie den Tod meines Gefährten auf die geschmackloseste Weise instrumentalisiert. Und ich habe die Absicht, jedes repressive Szenario zu dekonstruieren. Und dennoch werde ich meine Entscheidung, in dieser Wohnung zu sein, bis zum Ende verteidigen, ich werde die Notwendigkeit des Kampfes mit Mitteln verteidigen, die nicht auf den Rahmen des bürgerlichen Rechts beschränkt sind, ich werde die Entscheidungen meines Gefährten, sein Andenken und unsere Beziehung verteidigen.
Indem sie konzentrische Kreise zieht, spinnt die Anti-Terror-Einheit ein repressives Netz. Sie stellt mich und meinen Gefährten Kyriakos in den Mittelpunkt und platziert um dieses wacklige Konstrukt Freund*innen, Gefährt*innen und Fremde. Im ersten Kreis platziert sie mit ihrer Verhaftung die anarchistische Gefährtin Dimitra (die sich freiwillig stellte) in einer hollywoodreifen Operation am Athener Flughafen, wo sie - im Gegensatz zum Femizid an Kyriaki Griva - von einem Polizeiwagen in der Rolle eines Taxis vom Flughafen abgeholt und zur GADA (TN: Zentrale Athener Polizeistation) gebracht wurde. (TN: Kyriaki Griva wurde 2024, nachdem sie aus Angst vor ihrem Exfreund auf einer Polizeiwache um Hilfe für den Heimweg gebeten hatte, von ebenjenem auf dem Heimweg ermordet. Die Polizisten behaupteten damals: ein Streifenwagen sei kein Taxi). Das einzige „Indiz“ war die Übergabe der Schlüssel für die Wohnung in der Arkadias-Straße an mich und Kyriakos, um unsere Bekannten aus dem Ausland zu beherbergen, ohne dass sie den tatsächlichen Zweck der Nutzung kannte. Es ist wichtig zu erwähnen, dass sie sich am Tag der Explosion im Ausland aufhielt, wo sie in den letzten Jahren lebte. Auch sie wird nach §187A verfolgt.
In den zweiten Kreis stellen sie den Gefährten Dimitris, der sich ebenfalls freiwillig bei der GADA meldete, weil er auf Bitte Dimitras das Schlüsselpaar der Wohnung in der Arkadias-Straße an den Eigentümer übergab. Obwohl er nur an der Übergabe der Schlüssel beteiligt war, ohne mehr zu wissen, und zum Zeitpunkt der Explosion auf der Arbeit war, sieht er sich ebenfalls den oben genannten Vorwürfen ausgesetzt. Zwanzig Tage später eröffnen die „Antiterroristen“ den nächsten Kreis mit der Verhaftung des anarchistischen Gefährten N. Romanos. In seinem Fall entfesselt der Repressionsapparat seine Rachegelüste anhand eines unvollständigen Fingerabdrucks auf einem transportablen Gegenstand - einer Tüte , die in der Wohnung in der Arkadias-Straße gefunden wurde. Zwei Tage später kam der letzte Kreis mit A.K. hinzu, der ebenfalls verhaftet wurde, mit dem lächerlichen „Indiz“ seines Fingerabdrucks auf derselben Tüte. Offenbar ist es der „Effizienz“ der ELAS-Labore (TN: Griechische Sicherheitsbehörden) gelungen, innerhalb von 20 Tagen zwei Personen, mit denen ich nichts zu tun habe, durch einen Fingerabdruck zu belasten, während die Tonnen Xylol des Tempi-Massakers in zwei Jahren nicht gefunden wurden. Die beiden zuletzt Verhafteten stehen unter demselben fadenscheinigen Vorwurf.
DAS GEKRITZEL DER MEDIEN
Die „Antiterrorismus“-Linie wurde nicht nur von den Ermittler*innen, sondern auch von den Medien vielseitig verfolgt. Vom ersten Moment an begannen sie mit einer der üblichen Hexenjagden, bei der sie die Personen ins Visier nehmen und verleumden. Die Medienspitzel verbrachten zahllose Stunden damit, das schlecht konstruierte Szenario der Anti-Terrorismus-Abteilung zu reproduzieren und auszuschmücken, indem sie sich dem bekannten Profiling von „Schuldigen“ widmeten. Mit juristischer Akrobatik verknüpften sie Fälle ohne Beweise, hinterließen Hinweise, kommentierten über Fernseh-Bullen und Fernseh-Psycholog*innen unsere Klassenherkunft, unseren Charakter und unsere Psyche. Dieselben Verräter, die beim Tempi-Massaker mit vielen Toten von notwendigen Opfern sprachen, die bei der ersten Gelegenheit rassistische Stürme entfesseln, die Vergewaltiger, Zuhälter und mordende Polizisten decken und sich zu allen Zeiten vor Reederern, Industriellen und Politikern bücken.
DER ENTWURF DES JURISTISCHEN MECHANISMUS
Die „Anti"-Terror-Polizei hat den Weg gewiesen, die Medien haben ihn geebnet und nun ist die Justiz dazu aufgerufen, ihn zu zementieren. Die Ermittlungsbeamtin versucht also, meine Absichten auf der Grundlage von Annahmen zu interpretieren. Mit juristischer Alchemie verfolgt sie mich nach dem Terrorgesetz 187A, was automatisch aus jeder „illegalen“ Handlung, die ich begangen habe, eine terroristische Handlung macht. Mit dieser Entscheidung erhöht die Ermittlerin nicht nur das Strafmaß, sondern erkennt die Explosion faktisch als organisierte vorsätzliche Tat an, was angesichts der Umstände - eine Explosion in einer Wohnung eines Wohnblocks - nicht der Realität entsprechen kann. Die anarchistischen Ideen und Werte - im Gegensatz zu denen des Staates und des Machtsystems - haben im Laufe der Jahre eine revolutionäre Ethik und einen Widerstand gegen die Logik von Kollateralschäden bewiesen. Die Angriffe von Anarchist*innen sind zielgerichtet und stellen die Sicherheit unbeteiligter Personen in den Vordergrund. Es konnte also niemals die Absicht von mir oder meinem Partner sein, eine Explosion in der Wohnung zu verursachen und so viele Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen, egal wie sehr der Staatsapparat versucht, uns mit dem Etikett der „öffentlichen Gefahr“ zu versehen. Abgesehen von der repressiven und politischen Instrumentalisierung der Explosion besaß die Regierung die Dreistigkeit, Krokodilstränen über die Beschädigung des Gebäudes zu vergießen, und die Reparatur der Schäden per Direktvergabe an TERNA zu übertragen, einem bekannten Unternehmen und Partner der Regierung, das auch in den Skandal mit den hohlen Dämmen in Volos verwickelt ist (TN: 2023 gab es in der Region um Volos großflächige Überschwämmungen - auch aufgrund undichter Dämme und schlechtem/nicht-vorhandenem Hochwasserschutz).
Mit all diesen Methoden macht die Ermittlungsbeamte also eine Botschaft klar: Jede anarchistische Handlung, die über das Gesetz hinausgeht, wird mit einem §187A verfolgt, jeder, der sich weigert, sich dem vom System auferlegten Recht und der Ordnung zu unterwerfen, wird exemplarisch vernichtet.
Fünf Personen, von denen vier nichts mit dem zu tun haben, was am 31.10. in der Arcadias-Wohnung passiert ist, sollen sich nun gegenüber Vermutungen und erfundene Szenarien verantworten. Das Ausleihen und Rückgabe eines Schlüsselbundes, um jemanden zu beherbergen und die unvollständigen Fingerabdrücke auf einer Tüte, stellen für die Ermittlungsbeamtin nicht nur ausreichende „Beweise“ für die Anklage dar, sondern sind geeignet, allen Beschuldigten den gleichen Grad der Beteiligung an der Anklage zuzuschreiben.
DIE GEOMETRISCHE REGEL JEDER VERFOLGUNG NACH §187A
Unser Fall stellt jedoch keine Ausnahme dar. Es gibt zahllose Fälle, in denen Militante auf der Grundlage der „Anti-Terrorismus“-Gesetzgebung verfolgt werden. Anklagen, die die Kämpfenden zwingen, sich mit einem Justizsystem auseinanderzusetzen, das bereit ist, auf politischer Ebene zu agieren, indem es die Anklagen mit Hilfe des Terrorgesetzes auf die Spitze treibt, dessen Unbestimmtheit es der Justiz ermöglicht, es nach eigenem Gutdünken auszulegen. Die „Antiterrorgesetze“, die darauf abzielen, die politischen Gegner*innen zu kontrollieren und einzuschüchtern, präventiv zu unterdrücken, innere Feind*innen und jede Manifestation von sozialer und politischer Gegengewalt auszuschalten, sind die Waffen der staatlichen Repressionspolitik. Das Anti-Terror-Gesetz stellt die bewaffneten Manifestationen des Kampfes und ihre Praktiken, die die Gesetze in Frage stellen, in den Mittelpunkt und führt ein besonderes Regime ein, sowohl in Bezug auf den juristischen Aspekt als auch in Bezug auf die Inhaftierung. Verschärfte Strafen, die Abschaffung gemischter Geschworenengerichte, besondere Zusammensetzungen von Richter*innen, spezielle Gerichtssääle und eine gesetzliche Ausnahmeregelung sind einige der Merkmale dieses Gesetzes. Dieser Angriff beschränkt sich jedoch nicht nur auf diejenigen, die sich bewusst für eine Ausweitung ihrer Aktivitäten mit bewaffneten Mitteln entscheiden, sondern zögert auch nicht, sich - oft mit der gleichen Intensität - gegen diejenigen zu richten, die ihnen nahe stehen um deren soziale und politische Isolierung zu erreichen. Doch die Frage ist die folgende: Wer wird wen als Terroristen bezeichnen? Wer wird wen verurteilen? Wie kann ein Rechtssystem, das dazu da ist, die Interessen der Herrschenden, die Gewalt, die sie täglich ausüben, die Ausbeutung und Unterdrückung, die sie auferlegen, zu schützen, in der Lage sein, über die Menschen zu urteilen, die kämpfen? Die Subjekte, die den systematischen Terrorismus praktizieren, sind keine anderen als die Bosse und ihre politischen Vertreter, keine anderen als diejenigen, denen der Gesetzgebungskomplex im Laufe der Zeit aus der Patsche geholfen hat, indem er diejenigen verfolgte, die ihre Herrschaft durch die Forderung einer Gesellschaft der Gleichheit und Solidarität herausforderten. Sie unterstellt den Militanten, internationale Organisationen zu gefährden, während es die internationalen Organisationen selbst sind, die ganze Gesellschaften in den Völkermord schicken. Sie unterstellt den Militanten die Gefährdung der öffentlichen Institutionen, obwohl diese Institutionen seit Jahrhunderten für das räuberische Ausbluten der gesellschaftlichen Basis verantwortlich sind, sie unterstellt den Militanten die Gefährdung der Bevölkerungen, obwohl es die Staaten selbst sind, die die Bevölkerungen in Elend, Krieg und Tod stürzen. Wie kann also eine Gesetzgebung, die diejenigen reinwäscht, deren Hände ständig mit Blut befleckt sind, diejenigen vor Gericht stellen, die mit ihren Aktionen bezwecken, dass die Angst die Seiten wechselt?
DIE PERIPHERIE DES VERFOLGUNGSAPPARATS
Es wird also deutlich, dass das Wesen unserer Verfolgung nicht juristisch, sondern politisch ist und nur im spezifischen Kontext gelesen werden kann. Einem Kontext, in dem der Westen, der in den letzten Jahren mit Zähnen und Klauen versucht hat, seine vom Kolonialismus blutigen Hände in Unschuld zu waschen, indem er Inklusivität und Rechtsstaatlichkeit verkauft, nun offen seine globale Strategie und seine ideologische Hegemonie durchsetzt. Selbst in einem Klima der Instabilität, in dem neue Initiativen, das „Überlaufen“ zur anderen Seite und die Demonstration einer - eher hohlen - Macht des globalen Herrschers Unsicherheit unter seinen ehemaligen europäischen Partnern verbreiten, versucht der westliche imperialistische Block - vergeblich - seine kulturelle „Überlegenheit“ und „Fortschrittlichkeit“ zu beweisen und Orte von geopolitischem Interesse zu dominieren. Die EU entledigt sich unwiderruflich ihrer humanitären Maske und kehrt auf das Schachbrett des globalen Verteilungskampfs zurück. Sie spielt eine katalytische Rolle bei globalen Entwicklungen, indem sie Israels Angriff auf Palästina finanziell und militärisch unterstützt, die Ukraine militärisch fördert und ihre Grenzen vor Millionen von Menschen schützt, die durch ihre eigene Politik in die Emigration getrieben wurden.
Griechenland ist offensichtlich keine Ausnahme. Durch die Umwandlung des Landes in eine riesige NATO-Militärbasis, ist der griechische Staat aktiv mit Israel verbündet (ein Bündnis, das auch auf wirtschaftlichen Interessen beruht). In einem Klima der Instabilität, nur wenige Jahre nach den Memoranden, konzentriert sich der Staatsapparat auf Militärausgaben, auf die Stärkung seines Repressionsapparates und seiner Grenzen und belastet damit die soziale Basis weiter. Die Regierung setzt mit Privatisierungen, mit Inflation und Verelendung, mit Angriffen auf die Gewerkschaften, auf Tarifverträge, auf das griechische Gesundheitswesen und auf das Bildungssystem die Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie der Sozialdemokratie fort, indem sie sich auf eine neoliberale radikale Rechte zubewegt, die - eher schlampig - assimilierten Rechtsradikalismus mit der Doktrin von Recht und Ordnung verbindet.
Sie versucht, sich den Notwendigkeiten des modernen, progressiven Neoliberalismus anzupassen, der - nach der Blase des Klassenaufstiegs, der Yuppisierung und der Golden Boys - nur die Illusion der Eingliederung von Identitäten bieten kann, dass alle guten Menschen ihren Platz im Kapitalismus finden können - wie eine gut geplante Benetton-Werbung. Chronisch ausgegrenzte Identitäten bekommen endlich eine „Stimme“, solange diese Stimme nicht das System in Frage stellt, das sie von vornherein ausgeschlossen hat. Und weil die Rechtsstaatlichkeit kurze Beine hat - und nur eine kleine Wählerschaft -, werden das Gesetz und seine Exekutivorgane aufgefordert, die „schmutzige“ Arbeit zu erledigen. Die Straf- und Strafvollzugsgesetze werden verschärft, repressive Spezialeinheiten geschaffen, die bestehenden Polizeikräfte verstärkt, die Wasser- und Landgrenzen aufgerüstet, die Patrouillen verstärkt. Für jedes „Problem“ ein neues Gesetz, für jedes Gesetz ein Bulle - vielleicht sogar ausgebildet für Fälle von häuslicher Gewalt. Der Staat wird nicht nur aufgerüstet, er ist bereit für den Kampf.
Ein Kampf gegen die „Kriminalität“, die, wie sie verkünden, die Gesellschaft als Ganzes bedroht. In jeder Ecke der Stadt findet ein „Verbrechen“ durch bewaffnete Banden von Jugendlichen, Erwachsenen, Einwanderern, Einheimischen, armen Teufeln, Gangstern, Ultras, organisierten und nicht organisierten Gruppen statt. Also schlägt der Staat, der sich als unser selbsternannter Regulator unserer Leben sieht, zwanghaft härtere Strafen und mehr Polizei vor. Eine Polizei, die am Ende immer irgendwie selber in all die „Verbrechen“ verwickelt ist, die sie unterbindet. In einer Zeit also, in der der Staatsapparat nichts anderes zu bieten hat als die repressive und strafende Faust, macht er die Doktrin von „Recht und Ordnung“ zu einer zentralen Regierungslinie.
Auf der Grundlage einer solchen Linie wird der innere Feind in jeder sozialen Gruppe gefunden, die die Atmosphäre der „Sicherheit“ stört. Einwanderer, Drogenabhängige, „Armselige“, kämpfende soziale Gruppen. Und natürlich darf die anarchistische Bewegung auf dieser Liste nicht fehlen. Eine Bewegung, die kontinuierlich und mit Stolz Kämpfer*innen aus ihren Reihen hervorbringt, die scharf und entschlossen gegen den Staat und die Macht vorgehen. Es sind diese Initiativen, die die Herrschaft herausfordern, die starken Bedingungen erschaffen, die hier und jetzt Lösungen vorschlagen, die das staatliche Gewaltmonopol dekonstruieren. Durch die Vielfalt der Mittel des Kampfes hat die anarchistische Bewegung ihren Platz im Lauf der Geschichte bewiesen. Ein Ort, wo die Logik des Aufschubs nicht passt, wo die Grenzen der bürgerlichen Legitimität angesichts all der Jahre staatlicher und kapitalistischer Gewalt unbedeutend erscheinen, wo der schwere Schleier der Verantwortung zuallererst auf uns fällt. Wo die Vision einer Welt der Gleichheit und Solidarität in der Gegenwart beginnt, wo Kompromisse keine Option sind, wo der Angriff auf die Brutalität des Systems eine „freiwillige Entscheidung aus tiefer Empathie“ ist und der Übergang zur revolutionären Gegen-Gewalt eine logische Konsequenz und ein notwendiges Mittel. Für diesen inneren Feind ist die Botschaft klar: Wer nicht assimiliert wird, wird eliminiert.
GEFÄHRTE, VERBINDENDES ELEMENT, ERBAUER
Non omnis Moriar
(Ich werde nicht ganz sterben, ein Teil von mir wird am Leben bleiben)
Der Genosse Kyriakos Xymitiris war ein entschlossener „innerer Feind“. Ein Mensch, der glasklar und revolutionär war. Ein Gefährte, der Theorie und Praxis verband, der sich in den Kampf stürzte und sein Leben in vollen Zügen lebte, indem er sich seiner historischen Verantwortung stellte. Da er sich seiner politischen Identität in ihrer ganzen Breite bewusst war, ging er keine Kompromisse mit der Logik des Zauderns und der Trägheit ein, er ruhte sich nicht aus, er kämpfte in schwierigen Zeiten, er träumte und bezog eine kämpferische Position. Auf einem Weg voller Abzweigungen hat der Gefährte Kyriakos immer den richtigen Weg gewählt. Manchmal begehbar, manchmal unwegsam, manchmal sichtbar und manchmal unsichtbar.
Auf seinem Weg des Kampfes und durch seine nicht verhandelbare Teilnahme an der gesamten Breite der anarchistischen Bewegung ist der Gefährte ein bewusster und vielschichtiger anarchistischer Kämpfer, dem es gelingt, alle Formen und Erscheinungsformen des Kampfes, die das besondere Mosaik des Anarchismus umfasst, zu vereinen. Indem er über sich selbst als Individuum hinauswuchs, passte er sein eigenes Leben an die Maßnahmen und Bedürfnisse des Widerstands an und wählte eine Lebensweise, die gleichbedeutend mit Kampf ist. Mit Sensibilität, Empathie, Selbstkritik, Militanz und Entschlossenheit diente er dem anarchistischen Kampf. Durch seine Teilnahme an offenen Prozessen, Besetzungen, Schutz von Demonstrationen, gewerkschaftlichen Kämpfen, feministischen und antifaschistischen Patrouillen, Aktionen und Kämpfen wollte er zur Schärfe der Anarchie beitragen. Indem er beharrlich nach Wegen suchte, der alltäglichen staatlich-kapitalistischen Gewalt zu begegnen, wollte er die bewaffneten Optionen des Kampfes erkunden, den Konflikt in den Kern der Herrschaft tragen und die Gewalt der Unterdrückenden entmystifizieren. Stets die revolutionäre Sache im Blick, stürzte er sich mit allen verfügbaren Mitteln in den Kampf.
Ermordet durch die Welt der Mächtigen, für deren Veränderung er so hart gekämpft hat, möge sein subversives Andenken eine Einladung zum Kampf sein. Möge sein Andenken die Köpfe und Hände der Kämpfenden wappnen. Lasst uns unserer Toten fernab von einem Kampf gegen Windmühlen und Defätismus gedenken, indem wir unsere Kämpfe fortsetzen und intensivieren, mit Zärtlichkeit und Ehre.
Der 31.10. soll als ein Tag des Kampfes, ein Tag der Verantwortung, ein Moment des Widerstands in Erinnerung bleiben. Denn der Kampf braucht keine Erleichterungen, er braucht keine Dogmen und Egoismen. Er passt nicht in den Rahmen von Gesetzen, Konventionen und Grenzen. Denn der Kampf braucht Entschlossenheit und Visionen. Er braucht Glaube und Engagement, er braucht wahre und gebende Beziehungen. Weil der Kampf Menschen braucht, die bescheiden und bereit sind. Menschen, die im Wesentlichen rebellisch und konsequent sind. Menschen wie Kyriakos, dieser wunderbare Mensch
, der den Himmel mit seinem Stern gefüllt hat
, zusammen mit so vielen Gefährten und Gefährtinnen
, die es mit ihrem Licht - selbst hinter Gittern
schaffen, unsere dunkelsten Nächte zu erhellen
Wir haben Recht, wir werden siegen
KYRIAKOS XYMITIRIS UNSTERBLICH
STAAT UND KAPITAL SIND DIE EINZIGEN TERRORISTEN
KRAFT UND SOLIDARITÄT FÜR ALLE VERFOLGTEN GEFÄHRT*INNEN
SOLIDARITÄT IST DIE WAFFE DER VÖLKER
Marianna M.
