[DD] Kritik am Output der Initiative FEMINISTISCHER BLOCKieren

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Wenn mensch den Blog (femblockdd.blackblogs.org) der Initiative FEMINISTISCHER BLOCKieren aufmerksam durchliest, stechen abseits des 1 mal 1 feministischer Praxis in verschiedenen Texten vor allem einige kritikwürdige Punkte in dem Text "Was bedeutet feministischer BLOCKieren?" (https://femblockdd.blackblogs.org/2019/02/04/was-bedeutet-feministischer...) ins Auge. Um eben diesen Text und die verbundene Kritik aus anarchafeministischer Perspektive soll es an dieser Stelle gehen.

Der genannte Text ist in 5 Abschnitte aufgeteilt, diese Kritik wird sich ebenfalls an dieser Struktur und den dort genutzten Begriffen orientieren.

Sichtbarkeit und Raum einnehmen:

Der Wunsch FLINT* und deren Positionen auf Demos, bei Aktionen, Plena und darüber hinaus sichtbarer zu machen ist unbestritten wichtiger Bestandteil feministischer Praxis.
Kritikwürdig ist jedoch der formulierte Anspruch Raum einzunehmen und eine FLINT* Dominanz zu erzeugen. Zwischen dem aktiven Raum einnehmen und sich nicht verdrängen, ausgrenzen, unsichtbar machen zu lassen besteht ein wesentlicher Unterschied. Raum einzunehmen ist oftmals ein aggressiver Akt, der gleichbedeutend damit ist diesen Raum anderen zu nehmen, dass diese Dynamik oftmals vor allem marginalisierte Personen wie z.B. FLINT* trifft macht es nicht besser. Es gibt gute Gründe bestimmte Räume temporär nur bestimmten Personen zugänglich zu machen, doch sollte es Anspruch feministischer Praxis sein möglichst inklusiv zu wirken und Räume mitzugestalten, die allen dauerhaft zugänglich sind.
Diese Problematik verschärft sich noch, wenn offen eine FLINT*-Dominanz hergestellt werden soll. Dominanz zu schaffen bedeutet Vorherrschaft (Hegemonie) und Überlegenheit, noch dazu in männlich konnotierter, militärischer Form (altgr. hēgemṓn Führer, Anführer). Genau diese Vorherrschaft bestimmter Menschen (z.B. in ihrer patriarchalen Form) erzeugt unter anderem die Marginalisierung und Unterdrückung unter der FLINT* aber auch andere Menschen/Lebewesen zu leiden haben. Eine Dominanz oder Hegemonie von jeglichen Einzelpersonen oder Kollektiven ist demnach mit anarchafeministischer Praxis unvereinbar und reproduziert gewaltvoll Ausgrenzung, Unterdrückung und Herrschaft. Noch dazu hat dieser Anspruch eine hochproblematische psychologische Komponente, da Dominanz einen höheren sozialen Status des/der* Dominierenden einschliesst (Hierarchie), die gegenteilige Reaktion ist demnach Unterwürfigkeit und Unterordnung. Dominanz bestimmter Gruppen als, Zitat: "sehr spaßig und empowernd" zu empfinden ist menschenverachtend.
Diese soll sich z.B. durch FLINT* Redebeiträge (Diskursvorherrschaft), Transpis, Schilder, Sprüche (Außenwirkungsvorherrschaft) und auch noch personelle Dominanz durch Orga von ausschließlich FLINT* Personen und zahlreichen FLINT* Bezugsgruppen äussern. Dass oft das genaue Gegenteil der Fall ist und entsprechende Schutzmaßnahmen getroffen werden müssen, soll hier selbstverständlich nicht bestritten werden. Doch Selbstermächtigung sieht anders aus als Herrschaft zu reproduzieren. Es sollten stattdessen feministische, emanzipatorische Wege gefunden werden Herrschaft auf allen Ebenen und für alle zu dekonstruieren und abzubauen. 

Durch die zuvor genannten Massnahmen soll "Gemacker" zur Randerscheinung gemacht werden. Das klingt wunderbar empowernd, solidarisch und nach Schutzraum, birgt aber ein nicht zu unterschätzendes Dilemma. Es gibt unzählige problematische und zu addressierende Verhaltensweisen, die einem herrschaftsfreien Umfeld im Wege stehen. Ein Großteil davon ist oftmals aber nicht ausschließlich bei Männern* zu beobachten. Die Begrifflichkeiten des "Mackertums", "Gemackers" etc. wird der Komplexität des Problems dabei nicht gerecht. Sie sind sehr subjektiv geprägt und umfassen eine undefinierbare Menge an Verhaltensweisen. Wer entscheidet also wer "mackert" und wer nicht?
Im Zweifel die Personen/Kollektive die gerade im Sinne der vorangegangen Punkte vorherrschen?
So entsteht eine Gefahr des Machtmissbrauchs, der Gewalt und Ausgrenzung gegen untergeordnete Einzelne und Gruppen. Dies wird wie zum Beweis auch gleich mit gewaltvoller Kommunikation abgerundet. Zitat: "Wir haben keinen Bock auf beschissene Demosprüche aus mackrigem Halse."

Auch der letzte Absatz drückt dies noch einmal bezeichnend aus. Die Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch und tatsächlicher Praxis wird durch das Verhindern von dominantem Redeverhalten und gegenseitige Unterstützung in Plena (gut und wichtig) ad absurdum geführt. Dieser solidarische,unterstützende Umgang steht im Zweifel nur für die zur Verfügung die auf ideologischer Ebene dem eigenen Kollektiv zugerechnet werden. Der Rest wird ausgeschlossen und dominiert.

Entscheidungsfreiheit:

Danach folgt ein Absatz zur Entscheidungsfreiheit vor, während und nach Aktionen. Das ist ein sehr wichtiger Punkt der die Chance beinhaltet autonomes, feministisches Handeln zu fördern und (Selbst-)ermächtigend zu wirken. Leider gehen die diesbezüglichen Ausführungen etwas daran vorbei. Wichtiger Bestandteil direkter Aktionen (wie z.B. den geplanten Blockaden) ist deren dezentrale Verteilung und Vielfältigkeit. Durch zentrale (Einbeziehung aller Bezugsgruppen), kollektive Entscheidungsfindung, Diskussion und Konsenskontrolle vor Ort werden im schlimmsten Fall einzelne Personen oder Bezugsgruppen daran gehindert ihren Protest auf eigene Weise zu artikulieren, indem im Zweifel die Mehrheit statt der Minderheit entscheidet. In beiden Fällen wird tatsächlich autonomes, womöglich sogar militantes Handeln erschwert. Dieses kann nur in dezentraler, unkontrollierter und unkontrollierbarer Praxis wirkungsvoll umgesetzt werden, die tatsächliche Entscheidungsfreiheit von Einzelpersonen und deren Bezugsgruppen sollte sich ausschließlich an deren jeweiligen Fähigkeiten und Wünschen orientieren. Das schließt gemeinsames Handeln auf Basis von Affinität und ähnlichem Aktionslevel nicht aus.

Bedürfnisse und Unsicherheiten ernst nehmen:

Ein weiterer wichtiger Punkt und eine treffende Analyse was die Wirksamkeit von genderspezifischen Rollenbildern in der Planung, Vorbereitung/Durchführung und Bewertung von Aktionen betrifft. Es bleibt die Frage ob der männlich performanten Stärke, die zu Recht kritisiert wird, nicht auch eine spezifisch feministische, emanzipatorische Stärkevorstellung entgegengesetzt werden kann. Hier fehlt der Blick auf Ermächtigung, die Bedürfnisse wahrt und Unsicherheiten/Ängste mit dem Ziel ernstnimmt diese zu überwinden statt sie zu konservieren und somit wirksam zu sein und voranzukommen. Das braucht die Zeit und Reflexion aller Beteiligten*. Was fehlt um z.B. FLINT* Personen die Teilnahme an direkten Aktionen oder Militanz zu ermöglichen? Wie kommen wir gemeinsam aus unseren Ängsten und Unsicherheiten heraus, ohne uns von ihnen lähmen zu lassen?

Rahmenprogramm/Vernetzung

Hier werden bereits gute Ansätze aufgeführt, um besagte Problemstellungen anzugehen. Lediglich der Schlusssatz, Zitat: "Let’s be careful with each other so we can be dangerous together!", verdeutlicht leider erneut das exklusive Selbstverständnis der Initiative.
Explizit wird der eigene Anspruch formuliert, nach innen solidarisch und nach aussen gewaltvoll, bedrohlich und gefährlich zu wirken. Wieder wird ein Innen und Außen konstruiert, das selbstverständlich bei verschiedenen gesellschaftlichen Ausgrenzungsmechanismen kritisiert wird und beipielsweise auch Gegenstand anarchistischer Nationalstaatskritik ist. Dass Menschen (auch grundsätzlich solidarische) sich bedroht oder in Gefahr fühlen, kann nicht ernsthaft Bestandteil emanzipatorischer, herrschaftskritischer Praxis sein.

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Ergänzungen

was zu Hölle ist ein FLINT* ????

Frauen, Lesben, Inter, Nicht-Binäre, Trans* (FLINT*)