Corona - von einem komischen Format zu einem merkwürdigen Buch...

Themen: 

Seit kurzem ist ein Buch auf dem Markt: "Corona und linke Kritik(un)fähigkeit – Kritisch-solidarische Perspektiven „von unten“ gegen die Alternativlosigkeit „von oben“.
Herausgeber:innen: Gerhard Hanloser, Peter Nowak, Anne Seeck
Hier zum Buch beim Verlag AG Spak, das im Buchladen Schwarze Risse am 23.November 21 vorgestellt wird.

Und hier ein unzufriedener Beitrag über die dazugehörige Veranstaltungsreihe aus 2020/2021...

In der Buchbeschreibung heißt es

"Ist die gesellschaftliche Linke staatstreu geworden und reiht sich ein ins "Gemeinsam gegen Corona"? Das war eine der Leitfragen, welche die HerausgeberInnnen seit Dezember 2020 in einer Veranstaltungsreihe mit Gästen digital diskutiert haben."

Wir haben einige dieser Beiträge online verfolgt und waren über viele dort vertretene Positionen nicht sonderlich entzückt... Die Protagonist:innen begaben sich in die Rolle, als linke Aktivist:innen und Theoretiker:innen alles einmal kritisch aufrollen zu wollen und dabei auch besonders auf die eigene Szene zu schauen. In der Linken breit geteilte Positionen wie Kritik am profitorientierten Gesundheitsystem oder geforderte Unterstützung für prekäre und besonders betroffene Menschen wurden hier als Haltungen dargestellt, die angeblich viel zu wenig beleuchtet würden. Dabei waren die ersten linken Proteste auf der Straße nach Ausbruch der Pandemie genau mit diesen Themen befasst: Klinikproteste, Moria Auflösen etc....

Aber geschenkt - viel ärgerlicher waren die Momente, wo sich die Organisator:innen der Veranstaltungsreihe mit Leuten oder Positionen befassten, die nahe am rechten Rand der Corona-Debatte stehen. Damit meinen wir z.B. den Auftritt Michael Kronawitters aus dem Berliner Praxiskollektiv in der Reichenberger Straße. Auf deren Homepage wird immer noch auf Texte des Antisemiten Sucharit Bhakdi und des Schwurbel-Arztes Wodarg als angeblich kritische Stimmen verwiesen - beide kandidierten für die Querdenker-Partei "Die Basis" für den Bundestag. Von Kronawitter findet sich auch ein Beitrag im Buch. In mehreren Veranstaltungen wurde viel Verständnis für besorgte Positionen gegenüber Impfungen formuliert, ohne das solidarische Moment von Impfungen in einer pandemischen Situation dagegen zu halten oder die zum Teil esoterisch begründete Wissenschaftsskepsis des "alternativmedizinischen" Milieus in Deutschland näher zu betrachten. Auf der einen Seite wurden Ängste und Verunsicherung gegenüber den Maßnahmen ausführlich thematisiert (22.03.2021: Corona-Regelbefolgung durch Angsterzeugung?) auf der anderen Seite machte sich Elisabeth Voss darüber lustig, dass sich Bekannte aus Besorgnis vor Ansteckung jetzt nur noch auf dem Balkon und nicht mehr in der Wohnung mit ihr treffen wollten...

Natürlich müssen Bedeutung und Effekte von z.B. Ausgangsbeschränkungen von links kritisch thematisiert werden. Aber in dieser Kritiker:innen-Rolle wurde sich allzu bequem und exklusiv eingerichtet, obwohl wir alle keinerlei Erfahrungen mit einer Pandemie und möglichen Umgängen damit haben. Man konnte fast froh sein, dass immerhin auch Vertreter:innen der Zero-Covid-Strategie eingeladen worden waren...

Es ist ja grundsätzlich ursympathisch, innerlinke Kontroversen aufzugreifen, sich umstrittenen Themen zuzuwenden und auch streitbare Positionen in der Linken zu thematisieren. Wir hatten jedoch den starken Eindruck, dass sich die Veranstaltungsreihe nach und nach verstärkt gegenüber rechten Positionen geöffnet hat.
Zur Veranstaltung vom 26.04.2021: "Coronarebellen" und Antifa" war ein Mensch eingeladen, der bei den "Schweigemärschen" in Berlin mitgemacht hatte.
Irritiert hat uns hier die starke Kritik an "der" Antifa. Diese wäre zu kritisch´gegenüber Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen gewesen... "Wir impfen euch alle" war z.B. für Hanloser viel zu allgemein und falsch, es wären ja nicht nur Nazis dort mitgelaufen - puh, was für eine Erkenntnis... Alle (leider zu wenigen) Linken, die antifaschistisch vor Ort gewesen waren, konnten natürlich unterscheiden zwischen organisierten Nazis und anderen Teilnehmer:innen. Die vertretenen Positionen rückten jedoch bei jedem Aufmwarsch weiter und weiter nach rechts, Richtung Verschwörungserzählungen, Coronaleugnung und Antisemitismus - und vor allem entwickelte sich keine Abgrenzung nach rechts. Bei Hanloser und anderen Organisator:innen fand sich doch arg viel Verständnis für die auf diesen Demos vertretenen Positionen und ein starker Fokus auf Kritik an der Antifa. Wir sind eher sehr froh, dass Antifaschist:innen frühzeitig auf der richtigen Seite standen und die rechten Protagonist:innen vor Ort identifizierten. Die Antifa Nordost (NEA), die bei der hier zitierten Veranstaltung teilnahm, klärte ausführlich über die Teilnehmenden auf und ordnete das aus unserer Sicht politisch durchaus passend ein. Wir wissen nicht, warum von ihnen kein Beitrag im Buch ist, vielleicht hättte deren Sichtweise nicht in die Grundausrichtung des Buches gepasst? Vielleicht ist es besser so...

Ein weiterer Punkt, der aus dem Format einer Online-Diskussion resultiert:

Es gab einen mitlaufenden offenen Chat, also ein partizipatives Mitdiskussions-Modell für alle Zuschauenden. Wie wir alle jedoch aus Offline-Veranstaltungen wissen: es gibt oft genug nervende und störende Teilnehmer:innen - und es gibt Teilnehmer:innen, die wo weit rechts sind, das sie aus unseren linken Veranstaltungen ausgeschlossen werden müssen. Online haben solche Typen noch viel mehr Möglichkeit, ihren Mist abzusondern, weil es anonym geschehen kann. Eine nicht ganz neue Erkenntnis - aber auch hier haben die Organisator:innen nach unserem Kenntnisstand bis zuletzt einen unmoderierten Chat laufen lassen, in dem zum Teil wirklich widerliche Inhalte gepostet wurden, (Bill-Gates-Lobby als Akteur, armes unverstandenes Russland, Impflügen etc.). Hier hätte schlicht jemand Verantwortung nur für den Chat übernehmen und auch Leute rausschmeißen müssen, wie im sonstigen Veranstaltungsleben. Antifas haben hierzu eigentlich genug Erfahrungen gemacht, auf die mensch hätte zurückgreifen können.
Da wundert es uns dann auch nicht mehr sonderlich, dass Anne Seeck in ihrem Buch-Beitrag ein gewisses Verständnis für die Positionen von Sarah Wagenknecht äußert.

Was uns doch ein wenig wundert ist die Tatsache, dass der linke Buchladen Schwarze Risse in Berlin Kreuzberg am Di, 23.11.21 eine Buchpräsentation und Diskussion über "Corona und linke Kritik(un)fähigkeit" machen will.
Wir haben das Buch nicht gelesen - die Veranstaltungen haben uns gereicht. Wir finden nur, mensch sollte wissen, was sich einige unter "linker Kritik(un)fähigkeit" so vorstellen.

Wer und welche vielleicht doch lieber zu anderen Büchern greifen wollen, denen empfehlen wir z.B. den Beitrag „Regressive Rebellen. Konturen eines Sozialtyps des neuen Autoritarismus“ von Oliver Nachtwey und Maurits Heumann aus dem Buch:
„Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters“
Hrsg. von Katrin Henkelmann, Christian Jäckel, Andreas Stahl, Niklas Wünsch und Benedikt Zopes
Verbrecher Verlag, Berlin 2020

P.S.:

Die Videos der Veranstaltungsreihe sind noch online nachzusehen, eingestellt z.B. bei vimeo von Elisbath Voss unter:
https://vimeo.com/user14565390 (auf videos klicken)

webadresse: 
Lizenz des Artikels und aller eingebetteten Medien: 
Creative Commons by-nc-sa: Weitergabe unter gleichen Bedingungen - nicht kommerziell

Ergänzungen

Ich kann nicht allem folgen, was an Kritik angemerkt wird oben. Dazu kenne ich einige Positionen nicht. Andere Positionen wie Zero-Covid besetze ich nicht positiv weil sie nach dem starken Staat riefen.

Aber ich würde gerne anmerken, wenn eine Antifa ruft: "Wir impfen Euch alle!" dann wird das von vielen Menschen auch als ziemlich daneben empfunden, die eigentlich die Arbeit der Antifa schätzen, wenn sie die Nazis demaskieren, öffentlich machen und angreifen.

Diese Pandemie hat polarisiert und nicht zum Besten. Das der Buchladen "Schwarze Risse" die Veranstaltung zum Erscheinen des Buches macht, ist gut. Es muß geredet werden über das, worüber wir uns einige sind: Gegen Nazis und Rechte und den Antisemitismus unter vielen/einigen Ver-"Querdenkern" Und worüber wir uns uneinig sind: Die Maßnahmen zu Pandemiebekämpfung setzen gerade autoritäre Maßstäbe. Vor einem Jahr hätte ich mir nicht träumen lassen das Linke meinen QR-Code scannen um den Eintritt zu überprüfen. Was ist mit den Leuten, die keine Papiere haben? Was ist mit den Menschen, die aus anderen politischen Gründen oder medizinischen Gründen, aus einer gesellschaftlichen Kritik an den medizinischen Umgang mit der Pandemie da rausfallen, aber Linke sind. Ein Teil der Linken ist einfach staatstragend und unkritisch.

Ich finde es gut, wenn Diskussionsforen geschaffen werden, die unterschiedliche Stimmen zulassen. Das kann nicht für Rechte und Nazis gelten, aber wir müssen unsere Widersprüche untereinander diskutieren und aushalten.

Freundliche Grüße

In dem Buch kommen aber auch Anhänger*innen des Zero-Covid-Ansatzes zu Wort, es kommen also sehr unterschideliche Standpunkte zu Wort, allerdings auf einer Grundlage. Antisemitische, irrationalistische und rechte Positionen allerdings kommen im Buch nicht zu Wort. Es wäre gut, wenn die Kritiker*innen sich an der Online-Buchvorstellung von "Corona und die linke Kritik(un)fähigkeit beteiligen würden. 

HIer die Einladung mit dem Einwahldaten  unten:

 

Buchvorstellung:„Corona und linke Kritik(un)fähigkeit“Dienstag,23.11.2021 um 20:00 UhrDas Buch „Corona und linke Kritik(un)fähigkeit“ geht der Frage nach, ob
die gesellschaftliche Linke staatstreu geworden ist und sich nur noch
einreiht ins „Gemeinsam gegen Corona“.
Der Band dokumentiert und präsentiert Beiträge, in denen es um
Grundrechtsabbau und die Situation im kaputtgesparten Gesundheitssystem
geht. Betroffene von Pandemie und Lockdown kommen neben TheoretikerInnen
zu Wort. Profiteure werden benannt und der Siegeszug der Digitalisierung
diskutiert. Beleuchtet werden das schwierige Verhältnis von Antifa und
Lockdown-KritikerInnen oder linke Strategien wie ZeroCovid. Die in dem
Buch präsentierten Texte verfolgen unterschiedliche Anliegen. Sie
divergieren in ihren Aussagen. Das ist von den HerausgeberInnen Anne
Seeck, Peter Nowak und Gerhard Hanloser auch so gewollt. Im
Lockdowngeschehen wollten einige Linke fremde Erfahrungen und
Verarbeitungen der Situation nicht zur Kenntnis nehmen. Dieses Buch soll
ein Beitrag darstellen, zuzuhören, wahrzunehmen, Kritik und andere
Positionen auszuhalten. Nicht als Lobpreisung eines prinzipienlosen
Pluralismus, sondern als Grundlage weitergehender Überprüfung, um einen
den Verhältnissen angemessenen Standpunkt beziehen zu können.

Die HerausgeberInnen stellen das Buch vor und wünschen sich eine
kontroverse Debatte.
Zoom-Meeting beitreten https://us02web.zoom.us/j/84078790338?pwd=QUlRNG4vY3UvbjJzeUdKNmxpUmhDdz09#success
Meeting-ID: 840 7879 0338

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