Die falsche Welt des Gute-Laune-Faschismus
<p>Zum Posterboy des Gute-Laune-Faschismus wurde Ulrich Siegmund gekürt, der AfD-Ministerpräsident in spe aus Sachsen-Anhalt. Die AfD fuhr hier mit 43,8% ihr bislang bestes Ergebnis ein. Je strukturschwächer, gottverlassener und migrationsärmer die Gegenden sind, desto stärker ist der Zuspruch zum nationalistischen Autoritarismus. So bereisen die ewig grinsenden Rattenfänger das Land und punkten unter Deutschen, die die Überwindung ihrer eigenen bürgerlichen Existenz herbeisehnen und hoffen dies auf dem Weg der Zerstörung der liberalen Demokratie zu erreichen.</p>
<p>Der Wohlfühl-Faschismus ist ein Phänomen, das vor zwanzigdreißig Jahren noch völlig unvorstellbar gewesen wäre. Und in zweidrei Jahrzehnten werden wir uns ebenfalls fragen, was in dieser Phase eigentlich passiert ist. Wer sie verstehen will, muss sich dazu nicht nur die Wahlkampf-Strategien der AfD anschauen, sondern auch kultur- und medienwissenschaftlich vorgehen. So ist es kein Zufall, das seit Anfang des Jahres 2026 massenhaft KI-generierte Songs bei Youtube erscheinen. Aufgrund ihrer hohen Klickzahlen landen diese wiederum durch die Algorithmen sehr schnell in der Vorschlagleiste.</p>
<p>Die extrem rechte Propaganda-Maschinerie bedient sich somit nahezu perfekt abgestimmt der Mittel, die der Plattform-Kapitalismus entwickelt hat. Und sie greift auf eine künstlich-sentimentale Popkultur zurück, die unterm Strich meistens schon sehr schlicht und beschränkt war. Ob volkstümelnd wie Heino, oder neu-deutsch-hart wie Rammstein, sülzig wie Julia Juls, Runa&Rebellin oder pop-rockig wie Weimar, Sleipnir und andere – Vorbilder für die extrem rechte Computermusik gibt es genug…</p>
<p>Sicher könnte man auch dagegen halten und sagen, dass die Generierung von Musik und Video-Material durch technische Sprechapparate von allen möglichen Leute mit kommerziellen Absichten, um Aufmerksamkeit zu erhalten oder einfach nur aus Langeweile generiert wird. Und das stimmt auch. Bedenkt man, wie durchproduziert und geglättet kommerziell erfolgreiche Musik heute ist, scheint der Schritt zur sogenannten KI klein zu sein. Dennoch gibt es eine spezielle Affinität von faschistischem Denken zur offensichtlich künstlichen Kultur, die den Anschein von menschlicher Kreativität verlässt und damit post-human ist. Laut Jason Stanley wird damit auf die Herstellung von „Unwirklichkeit“ abgezielt.</p>
<p>Um ein paar Beispiele von viralen KI-generierten Songs und „Künstler“ zu nennen, sind da beispielsweise:<br />
– „Spätestens HIER wacht jeder auf! Der Sound des Wandels“ („Aufbruch Deutschland“, 501.537 Aufrufe)<br />
– „Steh auf, wenn du Deutscher bist | Stolz auf Heimat und Kultur“ („Ottilie“, 339.081 Aufrufe)<br />
– „Was ist aus unserem Land geworden? | Ein Lied über den Verlust der Heimat“ („Fenja“, 338.697 Aufrufe)<br />
– „Dorfmarie – So war es, so soll es wieder sein“ („Dorfmarie“, 160.534 Aufrufe)<br />
– „DIE WACHT AM RHEIN (LIVE) | Rock-Version eines historischen Gedichts“ („Julia im Exil“; 113.198 Aufrufe)<br />
– „Kein schöner Land… WO DIE EICHEN STEH’N“ („Freya“; 18.974 Aufrufe)<br />
– „Thüringen Ein Land Eine Geschichte Ein Herz“ („Der Heimatklang“, 4334 Aufrufe)<br />
– „Heimweh nach Deutschland“ („Liv Eisen“, 2067 Aufrufe)</p>
<p>Die Titel verraten schon das Wesentliche. Wenn man die Textzeilen hört oder liest, wird deutlich, dass die immer gleichen Narrative, endlos wiederholt werden. Stets geht es um den Verlust einer imaginären „Heimat“ oder glorreichen „Nation“, um eine angebliche „Überfremdung“, anknüpfend an den Verschwörungsmythos eines „großen Austauschs“. Der Gute-Laune-Faschismus lebt in der ewigen Wiederholung von Mustern immer gleicher Opfer-Inszenierungen, dem Streicheln narzisstischer Kränkungen, sowie der Vorstellung einer zukünftigen Größe, die nur durch die Erniedrigung der ausgemachten Feinde erreicht werden kann. All dies sind Produkte einer staatlich-kapitalistischen Gesellschaftsform, die mit Patriarchat, Rassismus und Naturbeherrschung verknüpft ist. Zusammengefasst ist die Computer-produzierte Lyrik in ihrem billigen Abklatsch armselig – und faschistisch.<br />
Dabei darf man nicht vergessen, dass auch der historische Nationalismus keine naturwüchsige Volksbewegung war, sondern ein Elitenprojekt, das eine Nation und eine darin angeblich ursprünglich vorhandene Kultur verordnete, anerzog und drillte.</p>
<p>Hört man die künstlich erzeugten Lieder und ihre Texte an, greifen Form und Inhalt ineinander. Bekanntlich ist den Fans derartiger wohlfühlfaschistischer Erzeugnisse vollkommen egal, ob sie ein KI-generiertes Lied hören. Ganz im Gegenteil müssen Kulturprodukte, die sie ansprechen kitschig, einfach und manipulativ sein, um auf Interesse zu stoßen. Wenn ein paar hunderttausend oder wenige Millionen Leute neofaschistische KI-Songs feiern, könnte man sagen: geschenkt, dieser faschistische oder mit dem Faschismus sympathisierende Teil der Bevölkerung ist verloren und nicht zu überzeugen. Als Nebenprodukt einer bestimmten Herrschaftsordnung erstarkt er in ihrer Krise, kann aber nur mit dieser überwunden werden. Und das ist richtig. Dennoch ist es gerade der melodiöse Gute-Laune-Faschismus, dem die Anschlussfähigkeit an immer weitere Bevölkerungsteile gelingt. Doch woran liegt das?</p>
<p>Was damit klanglich und sprachlich angesprochen wird, ist das Gefühl einer umfassenden und tiefgreifenden Entfremdung. Im Kunstprodukt, dass seine eigene Künstlichkeit ironisiert und dadurch jede potenziell authentische Erfahrung verunmöglicht, kommt ein faschistisches Begehren zum Ausdruck. Dieser Computer-Kitsch ist das ästhetische Pendant zur Untergrabung jeglichen Wahrheitsgehalts von Aussagen durch deren absolute Relativierung mittels „alternativen Fakten“, die sich in der Lyrik niederschlagen.<br />
Wie bei den Grundregeln der Werbung gilt hier: Die Rezipient*innen müssen vom Gehörten und Gesehenen nicht überzeugt werden – es reicht, ihnen solange Lügen einzuhämmern, nein, einzusäuseln, bis sie kapitulieren und diese als mögliche Wahrheit akzeptieren.</p>
<p>So weitet sich die bürgerliche Toleranz auf fatale Weise aus und lässt vormals überzeugte Demokrat*innen zweifeln: „Die Faschisten glauben eben, das ihre schöne Heimat verloren gegangen ist. Nun ja, ich weiß nicht, aber wenn sie das so fühle? Aber sie sind stolze Kämpfer und lassen sich das nicht bieten. Nun ja, immerhin stehen sie für was! Sie holen ihr Land zurück und wollen eigentlich nur, das am Ende alle glücklich sind.“ Außer jene, die abgeschoben, inhaftiert oder ermordet wurden. Abgesehen von denen, deren Arbeitsbedingungen schlechter, deren Lebensbedingungen prekärer werden, während die öffentliche Infrastruktur weiter zerbröckelt und die Ökosysteme komplett zusammenbrechen.</p>
<p>Daher ist die Musik des Gute-Laune-Faschismus auch ein Vorschein der schönen neuen Autokratie, die damit errichtet werden soll. Es wird schon hör- und sichtbar, womit jene ruhiggestellt werden sollen, die dazu beitragen, ihre eigene Lebensgrundlage zu vernichten. Der Grund dafür liegt wiederum in der tiefgreifenden Entfremdung der Menschen – von ihren Produkten, von der Mitwelt, von ihren Mitmenschen und von sich selbst: Wer sich von seinen Tätigkeiten und Produkten entfremdet, mag zum Schluss kommen, das heimtückische „Globalisten“ die naturwüchsige Automobilproduktion nach China verlagern; Er mag von deutschen Wäldern schwärmen, aber den Rest davon durch den Klimawandel vertrocknen lassen; Er kann mit den Schultern zucken, wenn die nicht-weißen und/oder oppositionellen Nachbar*innen abgeholt werden und sich über seine Teilhabe an der Volksgemeinschaft freuen; und schließlich mag er sich den Rhythmen der nationalistischen Autokratie unterwerfen und gleichzeitig tief empfinden, das Demokratie eigentlich diktatorisch wäre…</p>
<p>Somit dockt der Wohlfühl-Faschismus an die Entfremdung an, die ein Produkt der industriell-modernen Herrschaftsordnung ist und verstärkt sie zugleich. Denn es wäre ja ohnehin alles egal, alles falsch, alles zerrüttet. Also kann man auch KI-generierten Glitzer-Schleim darüber gießen um von kräftiger Jugendlichkeit, wilder Männlichkeit, sanfter Weiblichkeit, ursprünglicher Natürlichkeit, rechtschaffener Arbeit, schicksalhafter Volksgemeinschaft, heroischem Kampf und glorreicher Nation zu träumen… Was soll man dazu sagen? Außer trotzig: Wer zuletzt lacht, werden wir noch sehen. Und: mehr als drei der faschistischen KI-Songs sollte man sich nicht anhören, wenn man halbwegs klar im Kopf bleiben möchte.</p>