Kollaps. Chaos? Faschismus. Neuanfang!
Geschichtsphilosophische und gesellschaftstheoretische Gedanken zu einer untergehenden Zivilisation
„Hurra, die Welt geht unter“, so sangen es 2015 K.I.Z. mit Henning May. Eine andere Band mit drei Buchstaben – R.E.M . – wurde mit Song „It's the end of the world as we know it (and I'll feel fine)“ von 1987 bekannt. Im Jahr 1968 wurde das Musical „Hair“ uraufgeführt. Der erste Titel propagiert „This is the dawning of the Age of Aquarius“. In der popkulturell-esoterischen Bezugnahme auf das sogenannte „Wassermannzeitalter“ durch die Hippies kommt sowohl die tiefgreifende Entfremdung von der bestehenden Gesellschaftsform, als auch die Hoffnung auf eine grundlegende Erneuerung zum Ausdruck. Doch schon Ende des 19. Jahrhunderts, in der Phase des sogenannten Fin de Siècle, zeugen zahlreiche literarische Texte von einer pessimistischen Endzeitstimmung. Für diese wurde ein Jahrhundert zuvor der romantische Ausdruck „Weltschmerz“ geprägt, der an die – ebenfalls romantische und sehr deutsche –Vorstellung von „Sehnsucht“ anknüpft.
Das Zeitgefühl, eine umfangreiche Zivilisationskrise zu erleben, ist zunächst einmal das: Ein Gefühl. Es entwickelt sich unter bestimmten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und ihren unabsehbaren Veränderungen. Dabei scheint die Angst vor Schmerz, Leid, Verfall und Tod merkwürdig verknüpft mit der Erlösungshoffnung auf eine umfassende Erneuerung zu sein. Ein solches Krisenbewusstsein haben Menschen zu verschiedenen Zeiten entwickelt. Wenn heute zunehmend von „Kollaps“ gesprochen wird, deutet dies auf eine Bewusstwerdung über den unhaltbaren Zustand der Gesellschaft beziehungsweise ihrer prognostizierte katastrophale Entwicklung hin. In verschiedenen sozialen Milieus sind Zeitgefühl und Bewusstsein unterschiedlich ausgeprägt. Sie hängen beispielsweise damit zusammen, ob Leute von den angenommenen Rahmenbedingungen profitieren und aufsteigen oder von ihnen bedroht werden und verarmen. Diese Aspekte gilt es zu berücksichtigen, wenn man das empfundene Krisengefühl sinnvoll verstehen und einordnen will, um in sich verändernden und verunsichernden Umständen handlungsfähig zu werden.
Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied zu allen uns bekannten Zivilisationskrisen wie etwa dem Zerfall des Weströmischen Reiches im 4. und 5. Jahrhundert: Durch die menschengemachte Klimaveränderung spitzen sich die Verteilungskämpfe um fruchtbares Land und Wasser zu und werden die Lebensbedingungen für einen großen Teil der Menschheit zunehmend unwirtlicher. Parallel dazu verschärfen sich geopolitische Auseinandersetzungen, sodass Nationalstaaten zu neofeudalen Imperien mutieren. Seit den 1970er Jahren konzentriert sich die Eigentumsverteilung ungebrochen bei der Elite, während öffentliche Institutionen und Kommunen aufgrund der Privatisierung von Gewinnen erodieren. Infolgedessen erweisen sich Versprechungen von Absicherung und entspanntem Rentenalter, von Aufstieg und gesellschaftlichem Status, Konsum und Selbstverwirklichung, für immer mehr Menschen als Illusion. Dabei bilden jene Versprechungen die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenhalts: Sie sind die Voraussetzungen dafür, sich in nervtötende, hierarchische und schlecht bezahlte Lohnarbeitsverhältnisse zu begeben, sich konform und gesetzestreu zu verhalten, ökonomische, soziale und politische Ungleichheiten zu akzeptieren und bei der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen auf die jeweilige Regierung zu vertrauen.
Kollaps
Im Zuge der Desillusionierung der Klimabewegung nahm das Nachdenken über Kollaps an Fahrt auf: Obwohl sie weltweit Millionen von Menschen auf die Straße brachte, eine ganze Generation politisierte und sich zahlreiche Gruppen im Zuge der Auseinandersetzungen um die Begrenzung der Klimaerwärmung bildeten, zerstreute sich diese Bewegung wieder. Die Engagierten mussten feststellen, dass die Regierungen ihren Forderungen keine Beachtung schenkten und trotz wissenschaftlicher Erkenntnissen weiter auf Profitwachstum durch die Verbrennung fossiler Energieträger setzten. Zudem verschwand das Thema im Zuge der Covid-Pandemie, der Kriege in der Ukraine und Palästina, sowie dem Aufstieg des Neofaschismus weitgehend von der politischen Agenda. Die daraus resultierenden ökologischen Folgen sind bekannt: Anstieg des Meeresspiegels durch das Abschmelzen von Polkappen und Gletschern, zunehmende Waldbrände und Hurrikans, die Verwüstung trockener Gebieten, massenhaftes Artensterben, die Vernichtung von Leben im Meer etc.. In ihrer Verbindung multiplizieren sich die Faktoren der Erderwärmung und Ökosysteme geraten an sogenannte Kipppunkte. Dies ist der ökologische Kollaps.
Wie erwähnt ist der Klimakollaps mit der fortgesetzten Erosion öffentlicher Institutionen verbunden. In westeuropäischen Ländern werden Bildungs-, Gesundheits- und Verkehrssysteme unterfinanziert und müssen zunehmend improvisieren. Kollaps meint also den Zusammenbruch der durch den Staat bereit gestellten öffentlichen Infrastrukturen, von denen Menschen ebenso wie von den Erzeugnissen der industriellen Landwirtschaft und dem globalen Warenverkehr abhängig gemacht wurden.
Schließlich kann man auch vom Kollaps sozialer Bewegungen sprechen. Erfolge oder Scheitern mag man im Ganzen oder in Details unterschiedlich bewerten. Festzustellen ist jedoch, dass in den letzten drei Jahrzehnten eine enorme Professionalisierung sozialer Bewegungen stattgefunden hat. Dies lag insbesondere an den komplexer werdenden politischen Prozessen und den flexibleren Organisationsformen zusammen („Governance“), wodurch Nichtregierungsorganisationen ein wichtiger politischer Faktor wurden. Dieser Prozess wirkte wiederum auf soziale Bewegungen zurück. Von dem Wissen, der Anerkennung und dem Personal der NGOs profitierten soziale Bewegungen und fanden scheinbar immer mehr Gehör. Der Preis dafür war der zunehmende Verlust von Autonomie, Selbstorganisation und Spontaneität, sowie die Abnahme von tatsächlicher Radikalität, Initiative und Konfrontation. Die Gründe dafür sind komplex und nicht moralisch zu bewerten. Zumindest im Empfinden politisch aktiver Menschen kann damit aber auch vom Kollaps von sozialen Bewegungen gesprochen werden. Dieser zeigt sich nicht nur in der Klimabewegung, sondern auch in den ausbleibenden Protesten gegen den massiven neoliberalen Staatsumbau unter der derzeitigen Regierung der BRD.
Chaos
Auf einer anderen Ebene lässt sich Kollaps auch mit dem Begriff „Chaos“ verbinden. In aktuellen Publikationen wird dies in Erzählungen zur Bewältigung des Alltags oder Kindergeschichten verarbeitet. Eine Reihe von Romanen und das Thema „Liebe“ werden damit verknüpft. Chaos wird in Literatur zur Unternehmensorganisation besprochen und in mittlerweile zahlreichen Ratgebern für ADHS-Personen.
Dabei handelt es sich um ein regelrechtes Grundthema, das seit Jahrtausenden in der Mythologie und Philosophie verarbeitet wird. In der babylonisch-sumerischen Mythologie bekämpft Marduk bekämpft Tiamat und errichtet somit durch die Zähmung der Wildheit die Zivilisation. Die Hebräer bezeichnen mit „Tohuwabohu“ jene wüste Leere, die Voraussetzung für die göttliche Schöpfung ist. Auch das kosmische Gleichgewicht, welches im Yin und Yang der daoistischen Philosophie thematisiert wird kann so interpretiert werden, dass sich Chaos und Ordnung als Gegenpole aufeinander beziehen. Die Germanen erzählten sich von der erschreckenden Schlucht „Ginnungagap“, in der die Feuer- und die Eiswelt aufeinandertreffen und etwas Neues entsteht. Das Wort „Chaos“ selbst stammt aus dem Griechischen. Es bildet den Gegensatz zu „Kosmos“, der geordneten Welt.
Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass umfangreiche Umbrüche zwar mit der generellen Angst vor Veränderungen einhergehen, sich Menschen aber seit jeher langer Zeit Gedanken darüber machen, dass es ohne Chaos keine Ordnung geben kann. Insofern erscheint Chaos weniger als Problem, vor allem, wenn die vorgefundene Ordnung als dysfunktional, gewaltsam, ungerecht oder selbstzerstörerisch bewertet wird. Die eigentliche Frage ist, in welchem Rahmen Chaos die Dinge in Fluss bringen und verändern kann und darf.
Hierbei nehme ich drei Ausprägungen an: demokratisches, faschistisches und anarchistisches Chaos. Das erste ergibt sich aus dem Widerspruch, dass Demokratie zugleich eine spezifische Herrschaftsform und eine Tendenz zur Selbstorganisation der Gesellschaft darstellt. In ihr werden kontinuierlich verschiedene Interessen vermittelt, während ungleiche Rahmenbedingungen (durch Privateigentum, Kapitalvermehrung und Klassengesellschaft) unantastbar sind. Investitionen in die öffentliche Infrastruktur hängen davon ab, dass Staaten Unternehmen und Bürger*innen besteuern. Damit die Arbeitskräfte gesund sind, eine Ausbildung und eine Wohnung haben und ihren Arbeitsplatz erreichen können, braucht es Institutionen, die keinen Profit erwirtschaften. Dafür will die Kapitalistenklasse aber so wenig wie möglich aufkommen. Sinkt die Profitrate (weil Ressourcen versiegen, es seltener Innovationen gibt, Geld für Konsum fehlt usw.), erodiert das ganze System: Brücken, Krankenhäuser und Schulen brechen zusammen. Dies ist demokratisches Chaos.
Dies wird im Faschismus aufgegriffen und vorangetrieben. Faschisten bedienen sich gezielt des Chaos, um ihre Agenda umzusetzen: Sei es in der Außenpolitik (willkürliche Gebietsansprüche), in der Wirtschaftspolitik (z.B. Zollpolitik), in der Innenpolitik (z.B. rassistisch aufgeladener Terror gegen die eigene Bevölkerung durch Sicherheitsbehörden) oder in ihrer Kommunikation (Streuung von Fake News etc.). Die kurzfristigen Ziele sind die Einschüchterung und Verwirrung von Gegnern, die langfristigen die Untergrabung liberal-demokratischer Institutionen, um ein autokratisches Oligarchen-Regime zu errichten. Der weltweite Autoritarismus hat verschiedene Gründe und Aspekte. Doch bedienen sich Autokraten faschistischer Bewegungen (Nazi-Gruppen), Praktiken (z.B. massenhafte Inhaftierungen) und Rhetoriken (z.B. Entmenschlichung von diskriminierter Gruppen), um sich die politische Herrschaft zu übernehmen oder sie aufrechtzuerhalten. Je repressiver Herrschaftsordnungen auftreten, desto stärker sind sie auf die Androhung von Chaos angewiesen, um Zuspruch von einer verwirrten und verängstigen Bevölkerung zu erhalten.
Bekanntermaßen nehmen auch Anarchist*innen Bezug auf das Chaos und bedienen sich bei ihm. Ironischerweise streiten viele von ihnen vehement ab, dass Anarchie zu Chaos führen würde. Vielmehr sei eine Gesellschaftsform, in der sich Menschen freiwillig zusammenschließen, nach ihren Fähigkeiten tätig sind und sich nach ihren Möglichkeiten am Gemeinsamen beteiligen, eine wirkliche Ordnung. Dagegen unterdrücke die Herrschaftsordnung permanent soziale Konflikte, die sich aus der Ungleichheit von Klassenpositionen, Geschlecht oder zugeschriebener „Ethnie“ ergeben. Doch wie sonst sollte die Infragestellung einer Herrschaftsordnung anders gelingen, als das man einen positiven Bezug zum daraus resultierenden chaotischen Vakuums herstellt? Das Konzept der Selbstorganisation beinhaltet, flexible, freiwillige Ordnungen zu schaffen, die sich permanent im Prozess befinden und nach den Bedürfnissen und Anliegen der Beteiligten weiterentwickeln. Um die Verfestigung selbstorganisierter Formen zu neuen Herrschaftsordnungen zu verhindern, braucht es unbedingt Chaos.
Anders als die Apokalypse kann Chaos sehr alltäglich sein. Die Apokalypse beschreibt dagegen eine katastrophale Endschlacht, in der sich die Lager zuspitzen und in der es nur den Untergang oder das Überleben in einer vollständig transformierten Welt gibt. Obwohl apokalyptische Vorstellungen ebenfalls eine lange Tradition haben, sind sie in westeuropäischen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts im Grunde genommen langweilige bürgerliche Alpträume. Damit ist gemeint, dass das bürgerliche Bewusstsein permanent verdrängen muss, auf welcher ungeheuren Ausbeutung von Menschen und Zerstörung der Mitwelt, auf welcher neokolonialen Unterdrückung und politischen Unterwerfung, auf welcher Überwachung und Entfremdung, die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsform beruht. Mit der Zunahme der multiplen Krisenerscheinungen weitet sich der Widerspruch zum Selbstverständnis der hegemonialen Ordnung aus. Dies führt zu einer immer größeren kognitiven Dissonanz zwischen dem Selbstverständnis der bürgerlichen Gesellschaft und dem Selbstbewusstsein ihrer Subjekte einerseits und den realen Verwerfungen einer niedergehenden Zivilisation andererseits.
Apokalyptische Vorstellungen haben eine psychisch-emotionalen Entlastungsfunktion. Egal, ob es sich um Katastrophenfilme, religiöse Sekten oder depressiv-hedonistische Lebensstile handelt: Wenn Menschen die Folgen der eigenen Lebensweise nicht länger verdrängen können sehnen sie sich offenbar häufig nach einem spektakulären Untergang des Bestehenden. Dabei wird in apokalyptischen Vorstellungen deutlich, dass sich unser Empfinden von linearer Zeit selbst zerstört: So kann es nicht weitergehen, denn das vorher gesetzte Ziel ist explodiert. Eine Vergangenheit, zu der man zurückkehren könnte, gibt es ebenso wenig. Es bleibt entweder ein lauter Knall, mit dem alles untergeht. Oder ein grundsätzliches Umdenken dessen, wie wir zusammenleben. Letzteres verlangt jedoch einen viel radikaleren Bruch als die Apokalypse, eine Umkehr, einen Exodus aus der zerfallenden Ordnung, wobei man sich nur auf die Suche nach einem vagen Ziel machen kann. Der Aufbruch bringt notwendigerweise starke Verunsicherung mit sich: Er verlangt, sich vertrauensvoll auf das Chaos einzulassen – das sich sehr lebendig anfühlt, für diejenigen, die es wagen. Dies liegt darin begründet, das Chaos auch eine ethische Dimension hat: Dass unsere Leben offen sind, das ungeplant und zufällig Dinge passieren können (wie auch immer man sie bewertet), ist ein wesentlicher Aspekt davon, damit sich Menschen der Kontrolle entziehen und sich selbst bestimmen können.
Faschismus
Statt der notwendigen sozialen Revolution erleben wir im 21. Jahrhundert erneut, wie der Faschismus aufsteigt. Selbstverständlich hat er dabei nicht die gleiche Erscheinungsform wie der historische Faschismus, seine Vorläufer und Nachfolger. Es fehlen die mobilisierte Masse auf der Straße, ebenso wie die organisierte Arbeiter*innenbewegung, auf die er reagieren würde, sowie die klaren Führerfiguren und der unbedingte Vernichtungswille, heißt es. Es gibt verschiedene Ansätze, um Faschismus zu definieren. Meiner Ansicht nach braucht es dafür weder eine Massenbewegung, noch die Drohung mit einer sozialen Revolution, noch charismatische Führer oder die Absicht, einen Genozid zu begehen. Selbst wenn explizite Faschisten all das zu erzeugen und zu organisieren versuchen.
Die eigentlich interessante Frage ist allerdings, welche Funktion der Faschismus im Zusammenhang mit einem von den herrschenden Klassen angestrebten Systemumbau einnimmt und warum er von Fraktionen innerhalb dieser Klassen gefördert wird. In diesem Sinne wird der Faschismus relevant, wenn er ein Bündnis mit Rechtspopulismus, autoritärem Konservatismus und Rechtslibertarismus eingeht. Als ernstzunehmende Drohung ermöglicht er es Regierungen, die Interessen der herrschenden Klassen abzusichern und voranzutreiben. Dazu zählen der Abbau des Sozialstaates und die Schleifung von Gewerkschaftsmacht, die Unterdrückung von oppositionellen Parteien und sozialen Bewegungen, sowie der Abbau von Regulierungen in Bezug auf Umweltvorschriften und demokratische Rechten und Freiheiten. Insofern wird Faschismus nicht erst wirksam, wenn er die Regierung übernimmt und den Staat umbaut. Seine Ausdehnung wirkt auf mehreren Ebenen in der Gesellschaftsform, die ihn hervorbringt und ermöglicht.
Wenn es zum dreifachen Kollaps von Ökosystemen, öffentlichen Institutionen und sozialen Bewegungen kommt, gewinnt der Faschismus immer weiter an Konturen, Zulauf und Aggressivität. Insofern ist sein Aufstieg ein Ergebnis des stattfindenden ökologischen, institutionellen und bewegungsbezogene Kollapses. Damit muss keine moralische oder fatalistische Haltung verbunden werden, nach welcher „Die Linke“ in Bezug auf xy „versagt“ hätte. Das wesentliche Problem emanzipatorischer Kräfte besteht darin, den Kollaps der Zivilisation weiter zu verdrängen, obwohl man sich dessen eigentlich bewusst ist. In der Akzeptanz des mit dem Kollaps verbundenen Chaos liegen dagegen Chancen für gesellschaftliche Neuanfänge. Letztendlich geht es darum, Gewohntes loszulassen: Sicherheiten, sozialen Status, Umgebungen, Konsummodelle, Tätigkeiten, Abläufe und Sinnstrukturen. - Sie loszulassen, um sie neu zu entwerfen.
Dagegen sperrt sich die Reaktion im weiteren Sinne: Sie will an Profitlogik und Privateigentum, fossilen Energien und patriarchaler Geschlechterordnung, an sozialchauvinistischen und rassistischen Hierarchien etc. festhalten und diese zugunsten privilegierter sozialer Gruppen sogar weiter ausbauen. Im gemeinsamen Bündnis übernehmen Rechtspopulisten, Rechtslibertäre und Faschisten zum einen die Staatsmacht. (Autoritäre Konservative waren schon vorher an ihr beteiligt.) Zum anderen prägen durch Medienmacht gesellschaftliche Diskurse, erschaffen eine Anhängerschaft und weiten sie aus.
Den Faschisten kommt dabei erstens die Aufgabe zu, Gewalt auf der Straße auszuüben, um Gegner einzuschüchtern, sie mundtot zu machen oder umzubringen. Zweitens vergiften sie Diskurse durch übermäßige Aggressivität und menschenfeindliche Polemik, um zu polarisieren und Kontrahenten zu provozieren. Drittens erzeugen sie Konformismus und Entpolitisierung, indem sie direkt gegen rassifizierte und geschlechtliche Minderheiten, gegen politische Feinde, sowie gegen Liberale vorgehen. Viertens schaffen sie eine irrationale Unwirklichkeit, indem sie Mythen produzieren und Wahrheiten untergraben. Obwohl sie vorgeben, die als „schicksalshafte Volksgemeinschaft“ konzipierte Gesellschaft vor Dekadenz, „Bevölkerungsaustausch“ und ominösen Machenschaften zu retten, besiegeln sie mit ihrem Vorgehen ironischerweise den Niedergang der Zivilisation. Der ökologische, institutionelle und bewegungsbezogene Kollaps wird schonungslos vorangetrieben. Dies kann als eine auf die apokalyptische Endschlacht fixierte Todessehnsucht begriffen werden. Chaos und Irrsinn, Gewalt und Terror werden von strategisch eingesetzten Mitteln zur Errichtung von autokratischen Oligarchien zu Selbstzwecken, wenn diese sich auf längere Sicht als Herrschaftsordnung behaupten wollen. Der Faschismus zerstört die Gesellschaftsform, die ihn hervorgebracht hat – und damit letztlich auch sich selbst.
Neuanfänge
Da der Faschismus Ausdruck einer kollabierenden Gesellschaftsform ist, wird er zukünftig viel Leid verbreiten. Er ist jedoch bereits heute wirksam, sei es bei rassistischen Ausschreitungen in Kommentarspalten oder am nachbarschaftlichen Stammtisch. Er sitzt mit an Verhandlungstischen, trifft sich mit Unternehmern und züchtet seine Militanten in Grenzschutzagenturen, Spezialeinheiten und Söldnergruppen. Man kann von einem autoritären Konservatismus des rasenden Stillstandes sowie von Faschismus als präventiver Konterrevolution sprechen. Selbstverständlich gilt es, sich antifaschistisch zu positionieren. Nach den hier ausgeführten Überlegungen bedeutet dies vor allem, sich dem von der Herrschaftsordnung produzierten ökologischen, institutionellen und bewegungsbezogenen Kollaps entgegenzustemmen.
Dafür gibt es keine einfache Lösung. Vermutlich kann es dafür auch kein simples Programm geben, wenn darin mehr als nur Wunschvorstellungen formuliert werden sollen. In diesem Beitrag kann lediglich daran appelliert werden, darüber nachzudenken wie wir die gesellschaftlich-historische Situation interpretieren, wie wir mögliche Gesellschaftstransformation konzipieren und wie wir uns selbst darin positionieren und dazu verhalten.
Als Produkt der europäisch-modernen Gesellschaft stellt der Anarchismus eine Pluralität von Vorhaben dar, alte gesellschaftliche Strukturen und Beziehungen zu verlassen und neue einzurichten und einzugehen. Auf Mikro-, Meso- und Makroebene geht es dabei – zusammengefasst – um die Verwirklichung und Ausdehnung von Selbstbestimmung, Autonomie und Selbstorganisation. Der Begriff der Emanzipation verbindet diese drei Ebenen. Das Nachdenken über Neuanfänge und die „Reorganisation“ oder auch „Wiedergeburt“ der Gesellschaft, ist damit schon recht alt. Anstelle der bürgerlichen Ideologie, die sich in der recht langweiligen Vorstellung eines apokalyptischen Zusammenbruchs ausdrückt, geht das anarchistische Denken tendenziell von einer prophetischen „Jetztzeit“ aus. Wenn man so will ist der Anarchismus eine Weltaufgangsideologie, die davon ausgeht, dass wir jeden Morgen in unserem Alltag die Welt verändern und den Kollaps aufhalten können.
Faktisch ist dem nicht so: Wir leben inmitten von abstrakter Herrschaft, einem gigantischen Mahlwerk überblickbarer gesellschaftlicher Prozessen und übermächtigen reaktionären Gegnern. Vor allem darf man diese Haltung nicht als moralische Bürde für einzelne Menschen missverstehen. Es geht vielmehr um die Herangehensweise: Wie können Menschen ihr Bewusstsein für den Kollaps in emanzipatorisches Handeln und Leben übersetzen? Wie können sie aus der Herrschaftsordnung austreten und stattdessen neue Strukturen schaffen und Beziehungen eingehen? Wie können sie Widerstand leisten und sich auch trotz sich zuspitzender Krisen solidarisch zueinander verhalten? Und wie können sie Utopie als etwas entdecken, das kein per se unerreichbarer, unrealistischer Zustand ist, sondern ein machbarer, pragmatischer Prozess, von dem sich Menschen im positiven Sinne mitreißen und verführen lassen können?
Antworten darauf können in den Ansätzen entdeckt werden, die unter anderem aus der anarchistischen Strömung ausprobiert wurden. Ich unterscheide dabei den anarchistischen Mutualismus (Solidarität durch Genossenschaften), Individualismus (Selbstbestimmung durch Vereine), Kommunismus (Selbstorganisation autonomer Kommunen durch soziale Bewegungen), Insurrektionalismus (Revolte durch Kleingruppen), Syndikalismus (Vergesellschaftung der Produktion durch Basisgewerkschaften) und Kommunitarismus (Verbundenheit durch intentionale Gemeinschaften).
Anarchistischen Ansätzen wird häufig vorgeworfen, die umfangreichen Zusammenhänge abstrakter Herrschaftsverhältnisse zu verkennen, sich Illusionen über die eigene Handlungsfähigkeit hinzugeben und Freiräume zu schaffen, die als bloße Nischen den Status quo nicht ernsthaft infrage stellen könnten. Abgesehen davon, dass diese Vorwürfe ihrerseits ideologisch geprägt sind und auf bestimmten Annahmen beruhen, die wiederum hinterfragen werden können, weisen sie auf mögliche Leerstellen und Probleme anarchistischer Strategien hin. An dieser Stelle habe ich die Orientierung in Hinblick auf die Gegenwartsgesellschaft und mögliche konkrete Utopien thematisiert. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es angesichts des Zusammenbruchs der Zivilisation nicht übertrieben, sondern im Gegenteil ziemlich pragmatisch, sich auf eine grundlegend andere – libertär-sozialistische – Gesellschaftsform hin zu orientieren. Und diese nach den eigenen Möglichkeiten aufzubauen. Denn gesellschaftlichen Veränderungen, die im menschlichen Handlungsspielraum liegen, können nur durch handelnde Menschen erzielt werden.
Creative Commons by-sa: Weitergabe unter gleichen Bedingungen